In dem schmalen Korridor, der Demonstranten und Uniformierte trennte, liefen drei junge Frauen hin und her, besser gesagt, frühreife Mädchen. Zwei von ihnen machten gleichzeitig eine Kaugummiblase, katschten weiter mit offenem Mund und lachten aufgesetzt, jeder sollte sehen, was für einen Spaß sie hier hatten. In ihren weißgefleckten Jeans wirkten sie plump und aufreizend zugleich. Wieso erlaubte man ihnen, sich hier derart aufzuführen? Außer mir schienen sie die einzigen zu sein, die bei den Sprechchören nicht mitmachten.
Dann waren die Mädchen in nahezu klassischem Kontrapost stehengeblieben, die Hände in die Hüften gestemmt oder den Arm um die Schulter der Freundin gelegt, und taten, als plauderten sie mit einem Bekannten im Kordon.
Die entscheidende Bewegung verpaßte ich. Sie werden es für Einbildung halten, doch ich nahm das Schweigen wahr, durch das sich die Tat ankündigte. Es war ein Innehalten, wie man es aus der Natur kennt, der Augenblick, in dem Tag und Nacht zusammenstoßen und alle Kreatur für ein paar Herzschläge verstummt. Wegen dieser Stille sah ich mich um — die Leute blickten auf, etwas drehte sich über unseren Köpfen — die Mütze fiel mit einem» Klack «des Schirms auf den Asphalt, kippte über und blieb verkehrt herum keine zwei Schritte vor mir liegen. Bevor ich das Namensschild entziffert hatte, schnappte sich eines der Mädchen die Mütze und warf sie über die Schulter wieder empor.
Ich sah ihr Gesicht wie ein winziges Porträt, aufgehängt am anderen Ende der Welt, aber ich sah es in vollkommener Schärfe. Ich sah alles gleichzeitig: die um sich selbst schlingernde Mütze, den Kopf eines schwarzhaarigen Jungen, die Bewegung des Mädchens und die erstarrten Zeugen. Am meisten verwirrte mich der mützenlose Kopf, das verklebte schwarze Haar und die weiße, von einem Striemen282 durchschnittene Stirn.
Auch das zweite Mädchen fischte sich mit einer Hand die Mütze eines langen Kerls und warf diese sofort in die Luft. Die andere Hand behielt sie lässig in der Hosentasche. Diesmal landete die Mütze hinter mir. Ich hob sie auf. Jürgen Salwitzky283 stand auf dem Zettel unter der Folie. Von hinten kam erster Jubel. Jürgen Salwitzky, auch er mit dem Abdruck auf der Stirn, sah seine Mütze wieder auffliegen. Denn bevor ich sie ihm hatte zurückgeben können, war sie mir entrissen worden wie eine Beute, die mir nicht zustand.
Der Jubel, mit dem jeder neue Mützenflug begrüßt wurde, konkurrierte mit Keine-Gewalt-Rufen. Ich verstand nicht, worauf die Uniformierten warteten. Was mußte denn noch geschehen?
Das dritte Mädchen drehte eine Schirmmütze auf ihrem Kopf hin und her.
Jürgen Salwitzky und die beiden anderen Barhäuptigen sahen jetzt aus wie die Gefangenen ihrer bemützten Nebenmänner.
Die Keine-Gewalt-Sprechchöre waren verstummt. Jetzt wollten die Demonstranten mehr Mützen sehen, und einige Mutige erhaschten ihre Trophäen. Sie hatten leichtes Spiel. Untergehakt konnten die Uniformierten bestenfalls ihren Kopf nach hinten werfen und wütend und ängstlich zugleich die ausgestreckte Hand des Räubers beäugen.
Bald aber hatte man sich auch daran gewöhnt. Deshalb war es eine Erlösung, als ein junger Kerl auf irgend etwas stieg und eine kurze Ansprache hielt. Wir sollten uns nicht provozieren lassen und jetzt nach Hause gehen, am nächsten Montag aber wiederkommen und jeder noch einen Freund, Kollegen oder Nachbarn mitbringen. Heute hätten wir einen Sieg errungen, einen Sieg, auf den wir stolz sein könnten. Der Beifall war dünn.
Er verharrte, als wollte er weitersprechen oder Fragen beantworten, da aber weder ihm noch sonst jemandem etwas einfiel, verschwand er wieder in der Menge.
Wie leicht hätte ich selbst diesen Part übernehmen können. Doch hätte ich ganz anders gesprochen! Meine anklagende und aufrührerische Rede lag seit Jahren in mir bereit! Ein bißchen Mut und Kletterkunst reichten aus, um in Stunden wie dieser Historisches zu vollbringen.
Ich zählte zu den ersten, die gingen, und sah, wie klein die Welt der Demonstranten war, wie wenige Schritte ausreichten, um in die vertrauten Kulissen, in das alte liebgewonnene Stück zurückzukehren.284
Kurz nach neun war ich zu Hause. Robert hatte Michaela erwartet, nicht mich. Jedenfalls war seine Tür wieder zugegangen, noch bevor ich ihn gesehen hatte. Michaela konnte dann kaum ihre Enttäuschung über meinen Bericht verbergen, der blaß und einsilbig ausgefallen war, als hätte ich geschwänzt. Insgeheim hat sie wohl bezweifelt, daß ich überhaupt in Leipzig gewesen bin.
Im Bett mußte ich daran denken, was man uns in der Schule gelehrt hatte, nämlich daß bei uns in der DDR die Werktätigen nicht zu demonstrieren oder zu streiken brauchten, denn wer im Sozialismus auf die Straße ginge, demonstriere schließlich gegen sich selbst. Diese Formulierung beschrieb präzis meine Lage. Als Schriftsteller tat ich genau das. Ich demonstrierte für die Abschaffung meines Stoffes, meines Themas. Ich muß Ihnen das nicht weiter erläutern. Was sollte ich, ein Schriftsteller, ohne Mauer?
Herzlich wie immer,
Ihr Enrico
Freitag, 25. 5. 90
Liebe Nicoletta!
Damals fiel es mir schwer, über die Stunden in Leipzig zu sprechen, aber das Vergangene interessierte auch niemanden mehr. Michaela, die uns kaum im Vorraum geduldet hatte, wenn sie auf dem Klo saß, ließ nun sogar die Tür angelehnt, um weiter Radio hören zu können. Das nächste Radio kauften wir, nachdem die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen worden war.285 Daß die Falle zuschnappen würde, hatte ich erwartet, allerdings nicht vor dem 7. Oktober. Michaela triumphierte, der Bankrott konnte nicht offensichtlicher, die Fronten nicht klarer werden. Am meisten verachtete sie jene, die sich erst jetzt zu Kritik und Empörung entschlossen.
Es war nicht leicht, gegen Michaelas Euphorie anzureden. Nie, sagte ich, hätte man es ohne den Windschatten des 7. Oktober so weit treiben können. Die Demonstranten hatten genau jene Tage erspürt, in denen sie mit Schonung rechnen konnten. Einen anderen Grund als das Jubiläum gab es für diese Zurückhaltung nicht. Nun aber, früher als erwartet, hatte das Hase-und-Jäger-Spiel begonnen. Schritt um Schritt, Zug um Zug nahte das Ende.
Ich bat Michaela, sich zurückzuhalten. Spätestens in zehn Tagen lebten wir unter Kriegsrecht. Oder glaubte sie vielleicht, die würden sich von unseren Sprüchen beeindrucken lassen und freiwillig abdanken? Wofür hatten sie denn ihre Staatssicherheit, Polizei, Kampfgruppen, Armee?
Meine Argumente erschienen mir so zwingend, daß am Ende nicht nur Michaela eingeschüchtert war, sondern auch ich selbst Angst hatte.
Und doch, liebe Nicoletta, ist das bestenfalls die Hälfte der Wahrheit. Nur wenn Sie mir glauben, daß ich vor allem Erleichterung, ja sogar eine gewisse Heiterkeit empfand, sind diese Briefe nicht umsonst gewesen.
Mir wäre nichts lieber, als an dieser Stelle meine Beichte abbrechen zu können. Aber es geht noch tiefer hinab.
Am Theater hatte ich kaum etwas zu tun und saß deshalb oft in den Nestroy-Proben. Michaela spielte wie gesagt den Eberhard Ultra. Im Grunde war es keine Rolle mehr. Sie spielte von Tag zu Tag mehr sich selbst.
Allein die Beschreibung der Proben würde die damalige Zeit hinlänglich charakterisieren. Auch ohne Zutaten wie Demonstration und Polizeieinsatz entstünde eine Art Chronik: von den Vorgesprächen im Mai und Juni, als Norbert Maria Richter im Stück noch eine Persiflage auf die Funktionäre und ihr Revolutionspalaver gesehen hatte, zu der Aufregung Anfang September, als auf der Bühne gezeigt werden sollte, daß Revolution möglich sei, über den Oktober, als die Inszenierung von Tag zu Tag platter wurde, weil die Straße der Bühne mehr als zwei Schritte voraus war, bis hin — aber ich will nicht vorgreifen.
Michaela war nicht davon abzubringen, am Sonnabend286 — wie jedes Jahr — zu Theas Geburtstag nach Berlin zu fahren. Ich fand es absurd, sich ausgerechnet an jenem Wochenende zu trennen, da die Würfel fallen sollten. Sie könne Thea nicht absagen, gerade jetzt müsse man in Kontakt bleiben. Außerdem sei ich auch eingeladen. Dabei wollte sie gar nicht, daß ich mitkam. Am Sonnabend brachten Robert und ich Michaela zum Zug. Sie lehnte sich aus dem Fenster und winkte, als wäre es ein Abschied für Wochen. Dann schaffte ich Robert zu Michaelas Mutter nach Torgau, wo er über Nacht bleiben sollte.