Rückzu konnte ich in Borna ohne längeres Anstehen tanken. Zu Hause aber überfiel mich das Alleinsein wie ein Unglück. Ich fuhr zur Autobahn, von dort waren es nur noch 107 Kilometer bis Dresden.
Erinnern Sie sich an die Züge mit Prager Botschaftsflüchtlingen? Aus den Nachrichten wußte ich von den Tumulten, die es am Dresdner Hauptbahnhof gegeben hatte. Wer rauswollte, versuchte, diese Züge zu erreichen.
Meine Mutter hatte ich zuletzt am Mittwoch gesprochen und geglaubt, sie sei zu ängstlich oder zu vorsichtig, um am Klinik-Telephon darüber zu reden.
Am 7. Oktober aber drehte sich alles wieder um Berlin und Gorbatschow und darum, was am Montag in Leipzig passieren würde. Während der Fahrt hörte ich alte Musik, einen berühmten Neapolitaner, dessen Namen ich mir eigentlich merken wollte, selbst Bach hat ihn bearbeitet.287 Bei seinen Arien und Duetten hatte ich das Gefühl, das erste Mal seit Monaten wieder zur Ruhe zu kommen, als kehrten unter diesen Klängen die Welt und ich selbst in die vertrauten Bahnen zurück. Doch diese Stimmung war nicht von Dauer.
Nachdem ich an der Tür meiner Mutter geklingelt und gewartet hatte, schloß ich auf. Noch während ich den Vorhang, der den kleinen Vorraum des Eingangs von der Diele trennte, aufzog, nahm ich den Geruch meiner Kindheit wahr. Die Tasse in der Spüle war halb gefüllt mit Wasser, ihr Rand ohne die Spuren von Lippenstift. Auf dem Teller darunter schwammen Brotkrumen, am Messer war etwas Dunkles angetrocknet, Leberwurst oder Pflaumenmus. Der Topfputzer war voller Reiskörner und stank ein bißchen.
Ich ging zur Telephonzelle und rief in der Klinik an. Es meldete sich eine Schwester, die ich nicht kannte. Der Stimme nach mußte sie sehr jung sein. Frau Türmer sei zur Zeit nicht zu sprechen. Ich fragte, wie lang die OP dauern würde. Das könne sie nicht sagen. Ich bat sie, meiner Mutter auszurichten, daß ich sie in der Klinik besuchen werde. Zuerst dachte ich, die Schwester habe aufgelegt, dann erfuhr ich, meine Mutter habe dieses Wochenende keinen Dienst, sei also auch nicht in der Klinik.
Ich rief Geronimo an. Bei ihm war besetzt. Ich rief bei Thea an. Eines der Mädchen nahm den Hörer ab, rief, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte,»Bei uns ist niemand da!«und legte auf. Geronimo sprach immer noch. Ich ging zu dem kleinen Parkrondell mit dem Theodor-Körner-Gedenkstein und versuchte es ein drittes Mal, wieder vergeblich.
Als ich zurückkam, sah ich unser Wohnzimmer erleuchtet. Ich stürmte hinauf, klingelte, schloß auf, rief, lief ins Wohnzimmer, wo ich eine Weile stehenblieb, auf das Ticken der Wanduhr hörte und schließlich das Licht wieder ausschaltete. Ich ging von Zimmer zu Zimmer, machte die Runde ein zweites Mal, schaltete die Heizung ein und setzte mich schließlich in die Küche. Ich hatte keinen Hunger, wußte aber in dem Moment nichts Besseres, als mir etwas zu essen zu machen. Das Brot war alt, und das wenige, das ich im Kühlschrank fand, stellte ich, nachdem ich es eine Weile in Händen gehalten hatte, wieder zurück. Nur die Westschokolade aus dem Butterfach aß ich Stück für Stück zum Tee.
Sie werden sich fragen, warum ich Ihnen diese Belanglosigkeiten zumute. Natürlich sind die Details unwichtig, aber die alte Musik, die vertraute Umgebung und die Abwesenheit meiner Mutter machten mich wieder zum Kind. Ich fuhr zu Franziska und Geronimo.
Im Auto hörte ich Nachrichten, in denen Dresden nicht vorkam, jedenfalls nichts, was auf das, was gerade geschah, schließen ließ. Hinter dem Dr.-Kurt-Fischer-Platz288 sah ich aus mehreren hundert Metern Entfernung die Straßenbahnen, die sich vom Platz der Einheit289 zurückstauten.
Ich kehrte um und fuhr über die Dr.-Kurt-Fischer-Allee290 zur Bautzner Straße, also direkt vorbei an den Gebäuden der Staatssicherheit, die» Festbeleuchtung «hatten. Außer auf einem Mannschaftswagen, der vor mir abbog, sah ich keine Uniformierten.
Um Gesine nicht zu wecken, warf ich Steinchen ans Fenster, immer wieder, bis ich aus dem dunklen Treppenhaus Schritte hörte. Geronimo erschien hinter der Türscheibe, öffnete und umarmte mich. Damit aber war seine Freude auch schon verpufft.»Was gibt’s?«
Ich solle mich nicht wundern, flüsterte er im Treppenhaus, er habe Besuch.
Geronimo ging voran, die Küche war leer. Er öffnete die Speisekammer.»Es ist Enrico«, sagte er und hielt die Tür auf, als wollte er mir seinen Golem präsentieren. Für ein paar Augenblicke geschah nichts. Ich setzte mich — und stand sofort wieder auf. Weil er sich ducken mußte, um durch die Tür zu kommen, sah ich zuerst nur den weißen Turban, einen Kopfverband. Heraus kam Mario, der rote Mario Gädtke aus unserer Klasse, der zur Armee wie in ein Ferienlager aufgebrochen war. Seine linke Gesichtshälfte war angeschwollen. Wir gaben uns die Hand.»Das trifft sich«, sagte er,»sind wir alle wieder beisammen. «Mario setzte sich aufs Sofa und holte unter seinem Pullover einen A4-Block hervor. Wir hatten uns sieben Jahre nicht gesehen. Ich wartete auf eine Erklärung, auch dafür, warum er in der Speisekammer verschwand, wenn jemand Steinchen ans Fenster warf.
«Er ist gerade entlassen worden«, sagte Geronimo. Mario verzog genauso wie früher die Lippen.
«Von wo entlassen worden?«
Mario lächelte vor sich hin.
«Von der Bereitschaftspolizei«, antwortete Geronimo für ihn. Sie hatten ihn am Vorabend einkassiert und erst vor zwei Stunden nach Hause geschickt.
«Das hat er von dort mitgebracht«, sagte Geronimo und deutete auf den Verband. Mario hob den Kopf. Ich fragte nach Franziska.
«Die ist nicht in Gefahr«, sagte Mario und lächelte wieder.
«Sie arbeitet für die Konferenz ›200 Jahre Französische Revolution‹ im Hygiene-Museum«, erklärte Geronimo. In dieser Situation verlasse immer nur einer von ihnen das Haus, der andere bleibe bei Gesine. Er wollte fortfahren, Mario aber hatte zu lesen begonnen, und zwar so laut, daß Geronimo aufstand und die Küchentür schloß.
Marios Bericht ist in Geronimos Buch291 nachzulesen, natürlich etwas anders, als ich ihn damals zu hören bekam. Im Vorwort beschreibt Geronimo, wie er Mario so zerschlagen, mit einem Verband um den Kopf, kaum wiedererkannt hatte. Mario habe ein Glas Wasser nach dem anderen getrunken, bevor er überhaupt fähig gewesen sei, ein Wort zu sagen. In diesem Moment, schreibt Geronimo, also bevor er von Mario irgend etwas erfahren habe, sei ihm zum ersten Mal der Gedanke gekommen, daß all das dokumentiert werden müsse. Danach ist viel die Rede vom Vergessen und Bewahren, von Schuld und Recht und Sühne und Vergebung. Außerdem gewinnt man den Eindruck, Mario sei zu ihm gekommen, weil Geronimo eben derjenige war, an den man sich in Not wandte, der Fels in der Brandung.
Bei der Beschreibung des Abends verschweigt Geronimo meinen Besuch. Ich habe damals tatsächlich kaum etwas gesagt. Aber wie Sie sehen werden, hätte es trotzdem nahegelegen, mich — wenn auch in einer Nebenrolle — zu erwähnen.
Was Mario vorlas, hörte sich anfangs an wie ein Unfallprotokoll, wie ein bereits amtlich gewordenes Papier, ein Beschwerdeschreiben an wen auch immer. Nach Datum, Uhrzeit (20.15) und der Angabe, sich zum Hauptbahnhof begeben zu haben, betont er,»in alkoholfreiem Zustand «gewesen zu sein, und zählt die» mitgeführten Gegenstände «auf: Personalausweis, Portemonnaie, Zigaretten, Streichhölzer, Haustürschlüssel, Taschentuch. Diese Bestandsaufnahme hat sich bis in die gedruckte Fassung erhalten. Dort heißt es:»Mein Ziel war, mich persönlich davon zu überzeugen, was an den Berichten von Freunden, Nachbarn und Kollegen der Wahrheit entspricht und was nicht. In der Nähe des Hauptbahnhofs und entlang der Prager Straße waren viele Tausende Menschen versammelt. Die Prager Straße und besonders das Terrain um das Rundkino waren durch Sicherheitskräfte abgeriegelt. Es waren mehrere Sperrzonen zu erkennen. Unmittelbar vor dem Rundkino war eine Hundestaffel postiert. Rowdyhafte Ausschreitungen konnte ich keine wahrnehmen. Soweit ich es überblicken konnte, setzten sich die Sicherheitskräfte aus Einheiten der Bereitschaftspolizei, Transportpolizei sowie der NVA zusammen. Vor dem Rundkino, auf der Höhe des Geschäftes für Musikinstrumente, waren Sprechchöre zu hören: ›Vater, schlag nicht! Bruder, schlag nicht!‹, ›Wir bleiben hier!‹, ›Ohne Gewalt!‹.«