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Bisher hatte Mario monoton gesprochen und nur am Satzende die Stimme gesenkt. Bei allem Merkwürdigen, das diese Situation ohnehin schon besaß, fragte ich mich, warum die beiden einander nie ansahen. Als Mario die Torturen beschrieb, wurde seine Stimme lebhafter. Mitunter, etwa beim Tritt auf sein Hinterteil, lachte er sogar auf. Geronimo hingegen beugte sich dann wie ein schlechter Schüler tiefer über das Blatt. Ich habe Marios Erzählung, vor allem die folgenden Teile, weit weniger ungelenk in Erinnerung, als sie jetzt nachzulesen sind:

«Wir wurden zum LKW geführt und mußten aufsteigen. Dabei bekam ich abermals Schläge. Neben mir wurden weitere 4 Bürger plaziert. Uns gegenüber nahmen knüppelschwingend 2 Uniformierte Platz. Draußen brüllte ein Uniformierter: ›Euch Dreckschweinen werden wir’s zeigen!‹ Während der Fahrt durften wir nicht nach hinten hinaussehen und hatten die befohlene Haltung beizubehalten. Die Fahrt dauerte ca. 15 Minuten und war sehr kurvenreich. Warnend schlugen die 2 Bewacher mit ihren Knüppeln auf die Sitzbänke. Das Fahrzeug hielt. Wir mußten runter vom LKW. Dies sollte einzeln und nacheinander geschehen. Doch auf der anderen Seite ging es den Uniformierten nicht schnell genug, sie halfen nach. Wir befanden uns auf Kasernengelände. Es regnete. Wir 5 mußten uns in einer Reihe hintereinanderstellen, die Hände im Genick verschränkt, Beine auseinander. Wie lange wir so standen, weiß ich nicht. Dann mußten wir eine Treppe hinaufrennen in ein Gebäude, auch dabei die Hände im Nacken. Wir kamen in einen Raum. Jeder mußte sich mit der Stirn an die Wand lehnen, Beine weit weg von der Wand und breit gespreizt, Hände im Nacken. Zweite Leibesvisitation. Dabei nutzten die hinter uns stehenden Uniformierten lebhaft die Möglichkeit, der mit dem Körpergewicht belasteten Stirn Schmerzen zu bereiten. Taschenentleerung. Danach hatte jeder an einen Tisch zu treten und seine Personalangaben zu machen. Dann ging es in einen großen Raum (Klubsaal?) mit Parkettfußboden. Aufstellung: Beine breit, Gesicht zur Wand, Hände im Nacken. Der Saal füllte sich immer mehr. Ich konnte wieder auf die Uhr sehen. Es war 1.45 Uhr (7. 10. ›Tag der Republik‹). Wir wurden durch 2 Mann bewacht. Einer belehrte uns aus dem Hintergrund: ›Sie befinden sich in einem militärisch gesicherten Objekt. Bei Fluchtversuch wird geschossen!‹«

Bei den Zitaten entwickelte Mario nach und nach schauspielerische Qualitäten. Besonders schien ihn das» geschossen «zu reizen, das er mehrfach wiederholte. Von da an hatte ich den Eindruck, er wende sich zunehmend an mich.

«Regelmäßig wurden wir während der Stehzeit schikaniert und mißhandelt. Links von mir wurden einem Stehenden von hinten die Beine weggerissen, er fiel mit dem Gesicht auf das Parkett. Jede Bewegung wurde mit Schlägen eines Gummiknüppels beantwortet. Ein vierzehnjähriger junger Mann meldete sich, daß man bitte seine Eltern informieren möchte, und wies darauf hin, daß er nierenkrank sei, Medikamente einnehmen müsse. Daraufhin wurde er geschlagen und weggeführt. Wenn man nicht mehr konnte, mußte man sich mit den Knien auf die eigenen Handrücken knien, bis die Hände geschwollen waren. Einmal mußte ich hören: ›Das sind alles Rädelsführer, die gucken wir uns mal ’n bißchen genauer an!‹ Und: ›Das wär nicht der erste, dem ich den Schädel aufklatsche, und ooch nicht der letzte!‹ Wir wurden ›Nazischweine‹ genannt, und es fielen Worte wie ›Jetzt machen wir Chile mit euch!‹. Gegen ca. 5 Uhr, meine Uhr war durch die Schläge kaputtgegangen, wurden wir mehrmals umsortiert. Das große Fenster war geöffnet. Es zog. In den Armen und Beinen hatte ich kein Gefühl mehr. Einmal brach ich zusammen. Danach bekam ich einen Verband um den Kopf, mußte mich aber nach kurzer Zeit wieder in die Reihe stellen. Nach erneuter Umsortierung wurde meine Reihe in einen anderen Raum getrieben. Es gab einen Kübel Tee. Einer von uns mußte dann den verschmutzten Erdboden auf den Knien rutschend wischen. Danach bekamen wir eine Schmalzschnitte. Dann wurde umsortiert. Wir standen anschließend sehr lange auf dem Flur, nahe der Küche. Erneute Erfassung der Personalien. Dann Aussortierung einzelner Personen. Auch mein Name war dabei, mein richtiger Name. Sonst riefen sie mich nur Inder. ›Was denn, Inder hammer wohl ooch schon hier?‹ Ein auswärtiger Leutnant der Kriminalpolizei in Zivil nahm die Befragung vor. Dann ging es wieder runter in den Raum. Im Türeingang des Raumes standen wie zuvor 1–2 Bewacher. Sie achteten besonders auf die Einhaltung des Schlafverbotes. Wer irgendein Anzeichen dafür zeigte, auch nur im geringsten Ansatz, wurde hochgerissen und munter gemacht, das heißt, er bekam Sonderbehandlung auf dem Flur. ›Sind Sie müde? Na, dann aber auf!‹ Draußen ging es dann lautstark zur Sache. Von den Sonderbehandlungen kamen sie immer mit blutleeren Fingern zurück und waren minutenlang nicht in der Lage, einen Becher Tee zu halten. Ein gutgekleideter grauhaariger Herr saß bewegungslos auf seinem Stuhl und starrte apathisch geradeaus. Bei einem anderen war die eine Gesichtshälfte völlig zerschlagen, verquollen und blutunterlaufen. Ein älterer, einfach gekleideter Mann hatte total zerschundene Hände. Ich habe auch ein Protokoll unterschrieben, nach dem Verhör. Eine weibliche Uniformierte, sie war Hauptmann, gab mir meinen Ausweis zurück, händigte mir die Eröffnung eines Ordnungsverfahrens zur Unterschrift und Stellungnahme aus und erfragte die Vollständigkeit der persönlichen Dinge. Mit der Empfehlung, den Hauptbahnhof weiträumig zu umfahren, wurde ich gegen 18.30 Uhr entlassen.«

Ich bin, das will ich nicht verhehlen, gegen Ende etwas von der Vorlage abgewichen und meiner Erinnerung gefolgt. Aber auch mein Eingriff kann das Gespenstische dieser Szene nicht wiedergeben. Es steigerte sich von Satz zu Satz, beinah von Wort zu Wort. Mario schwitzte. Zum Schluß hatte er beinah jeden Satz mit einem Auflachen begonnen und beendet. Den kalt gewordenen Tee trank er in einem Zug aus.

Geronimo starrte erschöpft vor sich hin. Mario drängte zum Aufbruch. Ich weiß nicht, warum ich nicht bei Geronimo blieb und wenigstens Franziskas Rückkehr abwartete. Wir hatten keine zwei Sätze miteinander gesprochen. Ich ging voran die Treppe hinunter und hörte, wie Geronimo die Wohnungstür schloß.

Mario bat mich, ihn in die Innenstadt zu fahren. Gerade als ich dachte, er sei neben mir eingeschlafen, schlug er die Augen auf und fragte, ob ich immer noch Gedichte schriebe.

An der Kreuzung zwischen Fučík-Platz292 und Kupferstichkabinett erreichten wir den Demonstrationszug. Ich hielt und ließ Mario aussteigen. Unser Abschied war kurz. Der Zufall aber wollte es, daß ich auf ein Photo geriet und auf diese Art und Weise in Geronimos Buch. Nur weiß das niemand außer mir. Ich bin jener Fahrer auf dem oberen Photo von S. 45, der neben der offenen Tür seines Wartburg steht.

Ich hatte gerade Mario zugewinkt, der mir über die Köpfe der Leute hinweg etwas zurief. Mein Blick folgte seinem weißen Turban. Dann hörte ich hinter mir meinen Namen. Als ich mich umdrehte, kam er mit hochgezogenen Schultern, einem schiefen Lächeln und Rabenschritten auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen. Seine Füße schienen immer noch in den Arbeitsschuhen seines Vaters zu stecken. Ich schüttelte Hendrik die Hand.»Ich suche meine Mutter«, sagte ich. Wir sollten uns mal wiedersehen, sagte er. Ich fragte, ob er mit mir nach Hause fahren wolle. Er wohne nicht mehr in Klotzsche, sagte er. Kurz darauf verlor ich auch ihn aus den Augen.

Wie früher, wenn ich allein war, legte ich mich ins Bett meiner Mutter und schlief mit ihrem Nachthemd unterm Kopfkissen schnell ein.293

Ihr Enrico

Montag, 28. 5. 90

Lieber Jo!

Wärst Du hier Lokalpolitiker, würdest Du täglich anrufen, Briefe ankündigen oder diese» am besten mal selbst schnell vorbeibringen«, um einen letzten verzweifelten Versuch zu wagen, als Kandidat auf die Liste der fünfminütigen Audienzen beim Erbprinzen zu kommen. Dank der beiden Seiten über» Seine Hoheit «hat sich die letzte Ausgabe besser verkauft als unsere Skandalnummer.