Der erste Beschluß der ersten Sitzung der ersten frei gewählten Volksvertreter seit knapp sechzig Jahren bestand in der Einladung an den Erbprinzen (die Einstimmigkeit hatte Barrista mehr oder weniger zur Bedingung gemacht, denn» Seine Hoheit «wolle den Wunsch nicht gegen Widerstände oder Vorbehalte verwirklicht sehen). Selbst unsere PDSler rissen die Arme hoch. Alle miteinander waren sie dankbar, derart symbolträchtig beginnen zu können. Zuerst lobten sie uns — der Besuch trägt das Epitheton» organisiert vom ›Altenburger Wochenblatt‹«— und dann sich selbst, weil sie versuchten, eine unterbrochene, für Stadt und Land eminent wichtige Tradition, die in den Jahrzehnten der SED-Diktatur unterdrückt worden war, wiederzubeleben. In der Tanzschule üben sie bereits den Hofknicks.
Ein paar schwarze Schafe versuchen, sich hinter unserem Rücken an den Erbprinzen heranzupirschen. Jeder zweite davon will ihn anpumpen, was der Erbprinz nach Aussage des Barons nicht einmal als Unverschämtheit empfinden würde.
Der Baron hat zwei große aneinandergebaute Mietshäuser gekauft, deren zur Straße gelegene Nordseite regelrecht verrußt ist. Noch im Treppenhaus war mir seine Begeisterung ein Rätsel. Die hohen stuckverzierten Räume mit den alten Türen machten die Sache schon plausibler. Eine der beiden Holzveranden, die zu jeder Wohnung gehören, soll zum Wintergarten werden. Dann aber der Blick! Von der Südseite geht er geradewegs hinüber zum Schloß und — bei klarer Sicht — bis zum Kamm des Erzgebirges. Die Schloßfassade strahlte wie eine Bergkuppe im Abendlicht. In der Ferne ein dunkelblauer Streifen. Nicht genug damit. Unten sieht man eine Wiese voller Obstbäume, die an einer drei oder vier Meter in die Tiefe gehenden Felswand endet, an der die Hinterhöfe der im Tal gelegenen Grundstücke beginnen. Renoviert wird seine Lieblingsimmobilie rund um die Uhr, denn er zahlt in harter Währung.
Wenn ich auch glaube, mich nicht zu schonen, führe ich im Vergleich zu anderen ein beinah kontemplatives Leben. Andy will nicht nur einen zweiten Laden einrichten, er hat sich zudem in den Kopf gesetzt, ein Autohaus speziell für Geländewagen zu gründen, was es in dieser Art bisher nirgendwo gibt. Selbst wenn ich nach Mitternacht nach Hause fahre — in Cornelias Reisebüro brennt immer noch Licht. Buchen kann man bei ihr jetzt schon, bezahlen muß man erst im Juli. Die Leute stehen von morgens bis abends davor Schlange. Ihr Mann Massimo will eine Apotheke in der Poliklinik einrichten. Deshalb pendelt er zwei- oder dreimal pro Woche zwischen Fulda und Altenburg hin und her. Recklewitz-Münzner rekrutiert hier Partner, gibt Fortbildungen und kauft in eigenem und fremdem Auftrag ein Grundstück nach dem anderen. Gemeinsam mit seinem Freund Nelson baldowern sie Standorte für Tankstellen aus. Olimpia, Andys Braut, recherchiert für jüdische Organisationen im Katasteramt und spricht alle Sprachen der Welt. Und Proharsky, der Ukrainer, treibt für die ganze Familie, also auch für uns, die Schulden ein. Muß ich überhaupt erwähnen, daß die Fäden bei Fürst & Fürst Immobilien zusammenlaufen?
Dem Baron überreichte ich meine Kalkulation für das Anzeigenblatt in der Erwartung, er werde sie belächeln. Er warf einen kurzen Blick darauf, nannte sie perfekt, gab sie mir zurück, fragte mich, während er seine Collegemappe durchsuchte, was ich von der Vereinigung des Jemen halte294, wovon ich weder gehört hatte noch wußte, was diese Frage jetzt sollte, und zog seine eigene Kalkulation hervor, die, wie er meinte, zu einem ähnlichen Ergebnis gelange. Der einzige Posten, den ich vergessen hatte, waren Zinsen für Kredite und die Miete.
Der Baron lud mich ein, ihn zu Dr. Karmeka, dem neuen Bürgermeister, zu begleiten, das würde garantiert interessant, denn er wolle ihm ein Angebot unterbreiten, bei dem ich das Verhalten des Bürgermeisters beobachten solle, ein Angebot, das für die Zukunft der Stadt entscheidend sein könne.
Karmeka, der, eigentlich Zahnarzt, wegen seines maroden Rückens in die Politik gewechselt ist, hat in der Stadtverwaltung alle entlassen, die er entlassen konnte. Nur sein» Vorzimmer «hat überlebt. Neben zwei Sekretärinnen gibt es da einen Privatadlatus, Herrn Fliegner, ein bleicher schmaler Jüngling, der auf dem Schreibtisch Karmekas irgendwelche Papiere ordnete und nicht einmal aufsah, als wir eintraten.
Karmeka, das ist allgemein bekannt, empfängt jeden Besucher, indem er, kaum daß man Platz genommen hat, eine Zigarette aus der Schachtel zieht — er raucht alte» Juwel«—, um sie samt Feuerzeug hochzuhalten und zu fragen:»Stört Sie das?«
Statt zu antworten, überreichte der Baron ihm ein glänzendes braunes Lederetui.»Eine kleine Aufmerksamkeit. «Karmeka (man muß es auf der ersten Silbe betonen) erstarrte, legte sein Spielzeug beiseite, bediente sich und zog schnüffelnd die Zigarre unter seiner Nase entlang. Wenn wir erlaubten, meinte er und schob das Etui wieder zu Barrista hinüber, würde er diese Kostbarkeit heute abend in Ruhe und mit Verstand rauchen, im Dienst sei das schlecht möglich, denn obwohl unsere Anwesenheit höchst willkommen sei und im eigentlichen Sinne nicht als Arbeit gewertet werden dürfe … und schon sog er an seiner Zigarette und vergaß darüber, den Satz zu beenden.
Der Baron stimmte eine Klage über die Flut von Bittschriften an, die mit der Ankündigung des Besuches Seiner Hoheit eingesetzt habe. Notgedrungen müsse er viel Zeit darauf verwenden, das könne man ja nicht dem Erbprinzen überlassen. In dieser Art und Weise lamentierte er weiter. Die beiden senkrechten Falten, die jeweils in der Mitte von Karmekas Wangen begannen und an den Mundwinkeln vorbei bis zu seinem Unterkiefer führten, zuckten hin und wieder.
Es gehe nämlich so weit, rief der Baron, daß unsere geschätzten Freunde vom» Altenburger Wochenblatt «regelrecht erpreßt würden, die Adresse Seiner Hoheit zu veröffentlichen. Er erwähne diesen Ärger nur, damit das, worauf wir uns bei dem Besuch gefaßt machen müßten, recht plastisch ins Bild rücke.
Die Gesten Karmekas, mit denen er auf Barristas Gerede reagierte, wurden immer verhaltener und erlahmten zusehends. Zaghaft streckte er beide Arme aus, um den Ablaufplan des Besuches — ein Vorschlag, nur ein Vorschlag — in einer Mappe aus demselben edlen Leder wie das Zigarrenetui entgegenzunehmen. Und justament da, als seine Fingerkuppen das Leder schon berührten, überfiel ihn ein Husten, ein Hustenanfall, bei dem er die Arme anwinkelte und sich wie unter Schlägen krümmte, zur Seite drehte und schließlich, in gebückter Haltung, aufstand und sich abwandte.
Der Baron fuhr unerbittlich fort.»Seine Hoheit kommt nicht mit leeren Händen!«rief er, und da er das Gehuste Karmekas übertönen mußte, klang es weniger wie ein Versprechen als wie eine Zurechtweisung. Nach Luft ringend, den Kopf gesenkt, sah uns Karmeka, die Augen im feuerroten Gesicht weit aufgerissen, an. Er hatte nicht verstanden, was der Baron vom Handreliquiar gesagt hatte, eine Angelegenheit, die nicht nur mit der Kirche besprochen worden war, sondern deren festliches Procedere — der Einzug, der Empfang — sich bereits in der Phase eifrigster Vorbereitung befand.»Können Sie — bitte … ich habe nicht … ich meine — wiederholen?«stieß Karmeka hervor.
«Wir bringen Bonifatius zurück!«schrie der Baron, lächelte und hielt dem erschöpften Karmeka die Mappe wieder hin.
«Moment!«hörte ich über mir eine Stimme. Fliegner war mit einem Glas Wasser zwischen uns und Karmeka getreten. Fliegner schirmte ihn so geschickt ab, daß wir nicht sahen, wie er trank.»Zehn Minuten«, sagte Fliegner, zu Karmeka gewandt, und trat lautlos zurück.
«Bitte«, sagte ein sichtlich erholter Karmeka,»wo waren wir stehengeblieben?«