Auf der Autobahn fuhr ich nie schneller als hundert, hielt mich an alle übrigen Geschwindigkeitsbegrenzungen, hörte Musik und glaubte für Bruchteile von Sekunden, ich hätte letzte Nacht tatsächlich Vera getroffen.
In Torgau wartete Robert schon auf mich. In jeder Hand einen Beutel, lief er vor mir her zum Auto. In einem war Kuchen, in dem anderen ein mehrfach mit Zellophantüten und Einweckgummis gesicherter Topf, darin gefüllte Paprika. Robert sagte, das sei alles für mich. Wieso für mich, fragte ich.»Für uns alle«, sagte Robert,»aber vor allem für dich.«
Er fragte, was ich gemacht hätte. Wie auch später Michaela erzählte ich ihm, daß mein Freund Johann ein Telegramm geschickt und mich gebeten habe zu kommen. Deshalb sei ich nach Dresden gefahren. Er fragte nach meiner Mutter, und ich sagte, ich habe sie zu Hause nicht angetroffen. Wir fuhren zum Bahnhof.
Michaela stieg direkt vor mir aus. Daran, wie sie mich geflissentlich übersah, unentwegt ihre Haare hinters Ohr zurückstrich und mich erst dann begrüßte, wurde klar: Sie steckte in einer Rolle, einer neuen Berliner Rolle, die sie uns jetzt vorführen würde. Robert kam mit seinem auf dem Rücken hin und her hüpfenden Campingbeutel auf sie zugerannt und fragte sie noch vor der ersten Umarmung, ob ihr schlecht sei. Denn Michaelas Rolle bestand jetzt darin, sich überanstrengt zu geben, zugleich aber alle verbliebenen Kräfte dafür aufzubieten, sich diese Erschöpfung nicht anmerken zu lassen.
Das einzige, worüber ich im Auto redete — sie hat es mir immer wieder vorgehalten —, waren die gefüllten Paprika und der Kuchen. Michaela warf mir noch Monate später vor, ich hätte sie völlig allein gelassen und mich benommen wie der letzte Trottel. Dabei hat sie jede Nachfrage Roberts ignoriert und immer nur wieder gesagt, Thea lasse uns herzlich grüßen und wir sollten beim nächsten Mal unbedingt mitkommen.
Ich sah nichts Beunruhigendes darin, daß sie sich sofort nach ihrer Ankunft ins Bad verzog. Ich stellte den Topf auf den Herd, deckte den Tisch im Wohnzimmer, Robert füllte die saure Sahne in ein Schälchen und zündete die Kerzen an. Uns zuliebe legte er» Friday Night in San Francisco «auf. Mehrmals rief er nach Michaela. Nachdem ich den Plattenspieler leiser gestellt hatte, hörten wir sie schluchzen.
Schließlich erschien sie mit einer Schleppe aus Toilettenpapier, als brauchte sie eine ganze Rolle, um ihre Tränen zu trocknen und sich die Nase zu putzen. Sie öffnete das Balkonfenster — der Geruch von Essen bereite ihr Übelkeit —, ließ sich aufs Sofa fallen und zog Robert an sich. Über seinen Kopf hinweg sah sie in jene Ferne, in der sie wohl das uns Verschwiegene schaute.
Thea, Michaela und Karin (auch sie Schauspielerin) hatten sich, bevor die abendliche Geburtstagsrunde begann, für zwei Stunden in Theas Lieblingskneipe gesetzt, in der Stargarder Straße, nicht weit entfernt von der Gethsemanekirche. Bis sieben waren sie dort gewesen, Thea hatte von ihren Gastspielen im Westen erzählt, Erfolge, die man sich hier gar nicht vorstellen könne. Auch das Publikum sei viel spontaner und offener gewesen als hier. Weniger berauscht vom Bier als von diesen Geschichten, waren sie dann auf die Straße getreten und hatten sich einer Front behelmter und mit Schutzschilden und Schlagstöcken bewehrter Uniformierter gegenübergesehen. Sie waren umgekehrt, aber in der anderen Richtung war auch kein Durchkommen gewesen, die Schönhauser Allee war gerade an dieser Stelle abgeriegelt. Sie waren wieder zurückgekehrt und hatten die Behelmten um Durchlaß gebeten, sie wollten endlich nach Hause. Thea zeigte sogar ihren Ausweis und sagte, sie habe heute Geburtstag. Man antwortete ihnen nicht. Sie versuchten es erneut auf der anderen Seite. Dort trugen die Uniformierten keine Schilde und Helme.
An dieser Stelle ihrer Erzählung schneuzte sich Michaela. Das Toilettenpapier raschelte auf den Kokosmatten.
Sie dachten, fuhr Michaela fort, mit denen ohne Helme könne man reden. Jedesmal habe Thea ihren Geburtstag erwähnt und von den Kindern und Gästen gesprochen, die zu Hause auf sie warteten. Weil sie keine Antwort bekommen habe, sei Thea laut geworden. Sie habe nicht gewußt, daß es jetzt schon verboten sei, nach Hause zu gehen, das würde ja zu diesem Staat passen, da könne man sie doch gleich verhaften. Thea habe sich gerade zu Karin und ihr, Michaela, umgewandt, als drei Greifer in Zivil durch den Kordon auf sie zugestürzt seien und sie von hinten gepackt hätten. Einer von ihnen sei zwischen sie und Thea getreten, weshalb sie, Michaela, nicht sagen könne, was mit Thea in jenen Sekunden wirklich passiert sei. Thea habe geschrien, wahrscheinlich vor Schmerz. Beide sahen noch, wie Thea, als sie weggeführt wurde, ihren Ausweis in der Hand hielt. Dann sei sie hinter einem LKW verschwunden. Sie hätten Theas Handtasche aufgehoben, die Sachen, die herausgefallen waren, aufgesammelt und überlegt, was sie jetzt tun könnten. Sie hatten versucht, einander die drei Stasitypen zu beschreiben, und mußten sich eingestehen, sie bei einer Gegenüberstellung nicht identifizieren zu können. Fünf Minuten später hatten sie gesehen, wie Thea von zwei Bütteln auf einen LKW geworfen worden sei. Das könnten Karin und sie bezeugen.
Sie seien in die Kneipe geflüchtet und hätten Thomas, Theas Mann, angerufen. Karin habe einen Heulkrampf bekommen und sich auf die Eckbank des Stammtisches legen müssen. Von draußen sei Geschrei zu hören gewesen, und immer wieder seien Leute hereingestürzt, manche mit Platzwunden oder blutenden Nasen. Alle hätten Angst gehabt, daß die Uniformierten auch in die Kneipe kommen könnten. Sie, Michaela, habe es sich schon fast gewünscht, weil das Gewarte das schlimmste gewesen sei.
Als sie gegen halb eins in Theas Wohnung zurückgekehrt seien, habe noch die ganze Geburtstagsgesellschaft dagesessen. Thomas habe sie, Michaela und Karin, zuerst angebrüllt, als trügen sie die Schuld an Theas Verschwinden. Mehr als zehn Gäste hätten in der Wohnung übernachtet, auf dem Fußboden, in Sesseln, an Schlafen sei sowieso nicht zu denken gewesen. Thomas habe die ganze Nacht herumtelephoniert. Er sei auch zur Polizeischule Rummelsburg gefahren, aber man habe ihn nicht hineingelassen. Tagsüber hätten sie gewartet und wären nur raus, um die Kinder auf den Spielplatz zu bringen.
Michaela hatte sich beim Sprechen etwas beruhigt, doch nur, um jetzt um so vehementer mit ihrer Selbstanklage zu beginnen. Thea habe nämlich im Moment ihrer Festnahme nach ihnen gerufen. Sie, Michaela, habe Thea sogar festhalten wollen, sei aber dann von dem Kordon der Uniformierten zurückgestoßen worden. Michaela brach erneut in Tränen aus. Einer der Polizisten, oder was für Uniformen das auch immer gewesen seien, habe sie gefragt, ob sie ebenfalls Lust habe, dorthin zu kommen.»Dorthin«, habe er gesagt, und es sei klar gewesen, daß»dorthin «etwas Schreckliches bedeute. Und nun frage sie sich, warum sie davor zurückgeschreckt sei, warum sie Thea nicht gefolgt sei, wie es sich gehört hätte.»Nein!«rief Michaela, alle unsere Tröstungsversuche abwehrend, es wäre ihre Pflicht gewesen, Thea zu begleiten und sich nicht abschrecken zu lassen von diesem» dorthin«. Sie könne Thomas verstehen, natürlich mache er ihr zu Recht Vorwürfe.»Ich habe es zugelassen! Ich habe sie allein gelassen!«
Robert saß völlig ratlos neben ihr. Dann stand Michaela auf und verkündete, jetzt zur Telephonzelle zu gehen, um Thomas anzurufen. Außerdem sei ihr nach frischer Luft zumute.
Robert und ich aßen allein. Beim Abwaschen erzählte er mir von seinem Klassenlehrer, Herrn Milde, der gesagt habe, wir würden niemandem eine Träne nachweinen, der unserer Republik den Rücken kehre (das war damals so eine Zeitungsparole), woraufhin Falk, sein Freund, geantwortet habe, er bedauere, daß Doreen, seine Banknachbarin, die vor ein paar Tagen mit ihren Eltern ausgereist war, nicht mehr da sei. Erst habe Herr Milde nicht reagiert, ihn dann aber ermahnt, sich zu melden, wenn er etwas sagen wolle. Da habe sich Falk gemeldet, sei aber nicht aufgerufen worden. Herr Milde hatte gesagt, einem wie ihm werde es doch leichtfallen, eine hübschere Freundin als Doreen zu finden. Robert fragte mich, ob er sich auch hätte melden sollen.