Am Neusser Bahnhof wartet der blassblaue Citroën mit rostroten Adern an den Rockzipfeln, die Abgase treten stoßweise aus, ein nervöser Raucher. Tatsächlich raucht Lore Schuller, die am Steuer sitzt. Marleen öffnet die hintere Tür, wirft ihren Koffer hinein mit zu viel Schwung, schlägt sie zu und steigt dann vorne ein. Einen Moment zögert sie, ihrer Mutter einen Kuss zu geben, weil die Zigarette, die diese mit rechts hält, im Weg ist.
«Du riechst wie ein Aschenbecher.«
«Aber ich bin ein Vulkan.«
«Erkaltet?«
«Das glaubst du. Hochmut der Jugend.«
Marleen kurbelt das Fenster runter, während der Bahnhof in Lores Rückspiegel kleiner wird. Beißend feuchtkalt zieht es von draußen herein, so dass Marleen, auf ein Murmeln ihrer Mutter hin, das Fenster wieder schließt. Die schaltet den Wagen mit Feingefühl, so dass man sein leichtes Schaukeln spürt, während er die großen Straßen kreuzt, sich nach links neigend, geradezu verbeugend, als Lore im dritten Gang in die Pomona einbiegt. Noch nie hat Marleen die Lage und Gestalt der Pomona für etwas Besonderes gehalten, aber jetzt wundert sie sich doch über die Siedlung, die nur über eine Zufahrtsstraße zu erreichen ist, fehlt nur noch die Zugbrücke. Die Pomona ist im Rund gebaut wie eine Burg und hat sogar einen Turm bekommen, das Hochhaus am südwestlichen Ende, das Lore passiert, bevor sie in die Stichstraße steuert und vor der Pomona 133 hält, die aufgebockte Front wie eine Festung. Marleen geht in den Hof und lässt den Koffer fallen; sie besichtigt den Garten, eine halbwilde Schönheit. Durch die großen Fenster kann sie im Wohnzimmer den geschmückten Weihnachtsbaum sehen.
Cristina bringt Marleens Koffer ins Haus. Marleen findet ihn später im gemeinsamen Zimmer. Die Betten sind wie immer in gegensätzliche Richtungen aufgestellt. Ein großes, gerahmtes Plakat ist dazugekommen, das den flüchtigen Abdruck eines weiblichen Körpers in Marineblau zeigt, mit dem stolzen Imprint des Modernen Museums in Stockholm.
«Cristina, Messe in Quirin um achtzehn Uhr«, sagt Johanna, ohne Marleen anzusehen, in der Tür stehend.
«Okay«, sagt Cristina.»Ich bin fertig. «Um Johanna zu gefallen, holt sie das kleine goldene Kreuz aus seinem Kästchen. Sie will die Kette öffnen und wendet sich, als es nicht gelingt, stumm zu Marleen, die den winzigen Riegel mit dem Nagel des linken Daumens zurückzieht, die Enden der Kette über dem Nacken der Schwester zusammenführt und den Verschluss einschnappen lässt. Johanna sieht mit hochgezogenen Augenbrauen zu, als bereitete Marleen die Schändung einer Hostie vor. Als die Älteste weg ist, schließt Cristina die Tür.
«Und?«
Um zwanzig vor besteigen sie das Fahrzeug, das sich selbst und die fünf Insassen anhebt, bevor es losrollt. Johanna fährt, weil sie seit kurzem den Führerschein hat oder mehr noch, weil ein Einsatz in St. Quirinus eine würdige Anführerin braucht. Auf dem Beifahrersitz Lore, die jeder Bewegung Johannas folgt, für alle Fälle. Auf dem Rücksitz Marleen und Cristina mit Linus in der Mitte. Er hat sein dunkelblondes Haar kurz schneiden lassen, mit einer verschwenderischen Locke auf der Stirn. Er trägt einen weißen Leinenanzug, unpassend zur Jahreszeit, aber passend in der Konfektion. Marleen glaubt, dass sie den Anzug kennt. Der ist doch von Papa. Aber sie fragt lieber nicht. Pubertierende Jungs sind wie Sprengstoff mit Lunte.
Das Auto wird beim Hafen abgestellt, wo es selbst an Heiligabend aus den Lebensmittelsilos stechend riecht. Die Gruppe betritt das Münster, als schon die Glocken läuten. Johanna geht durch die vollbesetzte Kirche bis zur zweiten Reihe voran, wo unbegreiflicherweise das Drittel einer Bank reserviert ist, nicht namentlich, aber Johanna scheint damit gerechnet zu haben. Von den drei Messdienern sind zwei ständig kurz vorm Feixen, der dritte durchtränkt von Frömmigkeit.
«Schlimm, nä?«, flüstert Cristina Marleen ins Ohr.
«Die Jungens? Unmöglich.«
«Es gibt da irgendwie Pläne, es heißt, die nehmen bald auch Mädchen.«
«Glaub’ ich nicht.«
«Aber du glaubst ja auch sonst nichts.«
Marleen macht sich ihre eigenen Gedanken, während der Pfarrer seine Marienbildchen abspult. Erst bei der Hälfte der Predigt merkt sie, dass er nicht über die Mutter des Jesuskindleins nachdenkt, sondern über dessen Vater. Der Pfarrer behauptet, im Haus des Glaubens sei der Vater immer nur Stellvertreter; auch Petrus, als gewissermaßen erster Papst, sei» eher ein berufener denn je ein tatsächlicher Vater gewesen«. Die Weihnachtserzählung mache wenig Aufhebens vom Vater, weil sie ihn verwechsle mit der Figur Josephs im Stall, eine Nebenrolle wie Ochs und Esel. Petrus, denkt Marleen. Ochs und Esel.
Sie bleibt auf der Bank sitzen, während der Rest der Familie vorn niederkniet. Auch Linus hat die Erstkommunion längst hinter sich, die Firmung ebenfalls, aber zu den anderen Messen der Weihnachtsfeiertage, in die Johanna ihre Familie führen möchte, kommt er nicht mit. Vielleicht, weil es ihm nicht so ernst ist oder weil er die Gelegenheit nutzen will, mit Marleen allein zu sein. Die mittlere Schwester ist zwar erst im Sommer fortgezogen, aber sie macht ihn staunen, eine aufregende Fremde. Zu zweit begehen sie die Pomona. Sie stehen vor dem Reihenhaus, der ersten Station der Familie Schuller in der damals entstehenden Siedlung.
«Hier haben wir mal gewohnt«, sagt Marleen, obwohl sie es selbst kaum glauben kann, wie man in einer solchen jämmerlichen Scheibe von einem Haus hat wohnen können zu sechst.
«Ich nicht«, antwortet Linus.
«Oh, doch. Erinnerst du dich an ein rotes Auto, ein italienisches, das ganz wahnsinnig röhrte?«
«Nur von Fotos.«
«Das war Papas Spielzeug. Damit hat er dich aus dem Krankenhaus abgeholt. Und Mama auch.«
«Mami«, sagt Linus.
Marleen stutzt einen Moment.
«Ja, Mami auch.«
Es sind neue Familien nachgezogen; die Namen an den Schellen der Reihenhäuser sagen ihnen nichts.
Sie marschieren ein Stück die Ringbebauung entlang, begehen über die schmaleren Wege den Kern der Siedlung und kehren dann nach Hause zurück. Sie bemerken — und sie bemerken es gemeinsam und erst jetzt —, dass weiße Häuser auf der Pomona rar sind, und ein Haus auf Stelzen, wie ihres, gibt es nicht noch einmal.
«Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?«, fragt Linus.
«Der Architekt.«
«Ein Architekt? Und warum so ein … so ein irres Ding?«
Marleen könnte jetzt sagen, dass sie das auch nicht weiß. Aber sie will ihren kleinen Bruder nicht enttäuschen.
«Das war modern«, sagt sie.
«Modern. War Papa früher modern?«, fragt Linus.
«So modern wie ein weißer Anzug«, antwortet sie. Er grinst.
Als sie wieder im Haus sind, Marleen sitzt auf dem Klo, läutet das Telefon. Linus geht ran. Im Hausflur wirkt seine Stimme doppelt so laut. Marleen hört mit:
«Ja, ich bin’s, Linus. — Im Moment keiner. — Erst Quirin, dann hat Mami gekocht. — Eigentlich schon, ja. — Nein, zur Waldorfschule. — Halbe Stunde. — Klar, mach’ ich. — Tschö!«Beim Wiedersehen in der Küche mustert Marleen ihn eindringlich. Linus dreht sich die Locke, er schaut weg. Sie will ihn gerade zur Rede stellen, als die Haustür aufgeht, dann kommen die Stimmen näher, Mamas Zedernholzstimme und Cristinas säuselnde Mädchenlage und Johannas gedämpftes Blech, und als sie dann alle da sind und über das Weihnachtsgebäck herfallen und alle schnattern zugleich, redet auch Marleen drauflos, irgendwas, nur um ihre Tonlage drunterzumischen, die vierte Stimme. Es kommt Marleen so vor, als wäre die Pomona 133 dafür gebaut worden, Stimmen aufzufangen, sie größer zu machen und übereinanderzulegen, ein an- und abschwellender weiblicher Chor, und sie fragt sich, ob Linus, der wenig spricht und leise, ob er das hört. Ob er weiß, was er hört, die Glocken seiner Kindheit, ihren Ausklang.