Marleen rang sich ein mattes Lächeln ab.
«Sie wollen dich von oben begucken und von unten. Sie wollen deine, du weißt schon …«
«Deine Scheide«, sagte Marleen,
«… sie wollen das von hinten und von vorn, am besten noch zugleich, und dann gibt es ja auch noch das schöne Poloch. Und ich habe mich da drauf eingelassen, Jörg und Axel, für die war das so eine Art …«
Marleen fing an zu lachen unter ihren Tränen. Was ihr schmerzhaft fehlte, hatte Esme zu viel. Was für eine Koalition von Pechvögeln.
«Jedenfalls weiß ich nicht, wie ich wieder nach Hause fahren soll. Für meinen Vater bin ich das kleine Mädchen, die Jüngste, ich soll später mal ›gut‹ heiraten und so. Darüber habe ich gesprochen, ich meine, am Küchentisch der Schmidts wird über alles gesprochen. Und gestern Abend war Hendrik Müller bei uns, und das Thema kam drauf, und weißt du, was er gesagt hat?«
Marleen, keine Tränen mehr, schüttelte den Kopf.
«Der sagt: ›Ach Esmé, das macht doch überhaupt nichts, so ein bisschen männlicher Samen in dir drin‹, und die Jungs grinsen, und die Mädchen nicken wie bekloppt.«
Marleen:»Aber es macht was aus.«
Esme:»Es macht klar was aus. Es macht sogar in Kassel was aus. Ich meine, guck dir doch mal die Mädchen an, wie Brit oder so, die das nicht wollen oder irgendwie nicht hinkriegen, und alle reden hinter ihrem Rücken. Aber in Murcia erst, wenn ich das beichte, ich meine, wenn ich die Wahrheit sage, was die mit mir gemacht haben …«
«Gemacht haben?«
Jetzt fing Esme an zu weinen,»Was ich gemacht habe! Ich bin eine Hure … dann stecken die mich in ein Kloster … und ihr …«
Marleen strich Esme, deren Kopf nun auf dem Küchentisch lag, über den Nacken,
«Dann seht ihr mich nie wieder!«
Nicht, dass Marleen nicht wusste, wovon Esme sprach. Sie dachte an den Bleisatz, wo man alles seitenverkehrt sah, ein Flüstern, selbst der komplette Schriftblock,»der fixierte Satz «noch ein Geheimnis, und dann, wenn man mit dem Quast drüberfuhr, das Papier bedruckte, schlug einem der Text entgegen, die Wirkung gesteigert, solange die Druckfarbe feucht war. Was das spanische Mädchen, das da aufgelöst in ihrer mexikanisch roten Küche lag, als Weg in die Verdammnis schilderte, kam Marleen keineswegs abstoßend vor, vielleicht sogar beneidenswert.
Es brauchte zwei Tage und zwei Nächte, bis Esme aus dem Dunst ihrer Reue hervorkroch. Sie hatte über ihrem Bett die gerahmte Zeichnung bemerkt. Es war die Portraitstudie eines vergnügten Lausbuben, der einen Gegenstand halb verborgen in seiner rechten Hand hielt. Über seiner Schulter erschien ein weiterer Bube, mit einem festeren Gesicht und ausgeführtem Kragen.
«Nein«, sagte Marleen.»Es ist die gleiche Figur. In einem Gesicht finden sich alle Regungen.«
«Aber beide sind lustig.«
«Ja, auf unterschiedliche Art, das stimmt.«
«Wer hat es gemacht?«
«Gezeichnet? Das weiß ich nicht. Irgendjemand, vor hundert Jahren.«
«Was bedeutet es für dich?«
«Es bedeutet einen Unterschied, der keinen Begriff von Zeit braucht. Es soll, glaube ich … Es handelt vom Charakter. Der Charakter ist stärker.«
«Stärker als was?«
«Als alles andere.«
«Meinst du?«
«Nein, das meint Franz. Das hat Franziskus gesagt.«
Esme sah Marleen an, Marleen das Bild. Plötzlich verstand Esmeralda, und sie drückte das hölzerne deutsche Mädchen an ihren warmen spanischen Busen, bis es nachgab. Als es unausweichlich wurde, die Tröstung anzunehmen, begriff Marleen, was sie verloren hatte.
Die Pomona
Die Pomona 133 war unter Kindern beliebt gewesen, wahrscheinlich, weil der Fernsehraum über dem Garten schwebte, oder noch wahrscheinlicher, weil es für das Fernsehen keine Regeln gab. So kam es, dass sich Kinder auf einem weißen Flokati niederließen wie ein Rudel Robben auf einer Scholle, um die Sesamstraße zu sehen und das, was danach gesendet wurde, wobei es um die Programme zum Streit kam. Dadurch löste sich die Gruppe auf, die Siegreichen vor dem Fernseher vergrätzt, weil alleingelassen, die anderen im Garten, den Fischreiher bestaunend oder Rauchzeichen sendend vom Bauhaus aus. Petrus Schuller wollte beweisen, dass» Kinder ihren eigenen Weg durch den Mediendschungel finden, vielleicht besser als wir selbst«, was bei anderen Eltern keineswegs auf Zustimmung stieß.
Hannelore Schuller fand es unbedenklich, wenn Kinder Schnulzenparaden guckten und die schönsten Peinlichkeiten im Garten nachstellten. Bedenken kamen ihr erst, als Marleen vor ihrer Einschulung begann, sich für Western zu interessieren, komplizierte Fabeln um Recht und Gesetz, die mit Schießereien endeten, so dass bei offenem Fenster die Pomona 133 klang wie Bonanza. Von ihrem Atelier aus konnte sie die Sache nicht wirklich verfolgen, aber ein gutes Zeichen war es gewiss nicht, wenn Marleen darauf bestand, sie gucke nicht alles, sondern nur den Anfang und das Ende, und sich dann angewöhnte, den Ton abzudrehen.
Die Entdeckung der Pomona: Mit der Dauphine über die Rheinkniebrücke von der Düsseldorfer Altstadt nach Oberkassel, irgendwie im Hafen verirrt, auf die Neußer Innenstadt zugehalten, das Münster als Orientierung, südlich wieder raus, und wenig später die Einfahrt zur Plantage entdeckt. Die Pomona war schon weitgehend parzelliert, teils noch ungerodet, teils schon bebaut. Zurück nach Düsseldorf, erster Stock in Unterbilk, zwei Apfelblüten nicht mehr dran gedacht, oder wenn, dann mit vagen Sympathien. Zweiter Ausflug, Lore schon mit dieser Birnensilhouette des sechsten Monats, in der nächsten Woche den Mietvertrag für Pomona 105 unterschrieben, beide, Petrus Schuller, Hannelore Schuller, den 20. August 1963. Die Kollegen in der Agentur haben sehr wohl gelästert:»Zieht ihr in’nen Kleingarten, oder wat?«—, noch das Auto eingetauscht, die ausgeblichene Dauphine gegen einen roten Alfa Romeo, damit die Leute in den anderen Reihenhäusern nicht dächten, man gehöre dazu. Auf der Pomona war niemand» in der Werbung«, einerseits. Andrerseits leiht jeder, der Kinder hat, beim Nachbarn Butter und Milch.
Lore in der Nacht zum 23. November, die Wehen hatten schon begonnen, um sie herum das Raunen der fatalen Nachricht aus Amerika, war hineingeworfen in eine Zeitenwende, der Leichtigkeit beraubt, der schützenden Blase, die sie umgeben hatte. Petrus schwadronierte von der Abrechnung mit dem» katholischen Präsidenten«, den die Puritanergesellschaft nicht ertragen habe, als hätte er vergessen, dass Lore um seinetwillen konvertiert war. Etwas von der protestantischen Sorge um die Welt fiel in diesen Tagen auf sie zurück, in ihren Armen Johanna, das Baby mit den schwarzen Augen.
Als Lore ihn kennengelernt hatte, hatte Petrus Pomade im Haar gehabt, eine richtige Tolle, Mann und Junge in einem. Er war bei Brad Kilip & Partner mit vierundzwanzig der Jüngste gewesen, eingestellt als jemand, der die Übertragung der Kampagnenentwürfe auf wechselnde Illustriertenformate beaufsichtigen sollte, innerhalb eines Jahres die rechte Hand Oberholtzers geworden, des Assistenten von Kilip. Hannelore Fleck hatte er mit ihrer Mappe im Sekretaritat abgefangen und eine halbe Stunde später Oberholtzer vorgestellt,»Ober, sehen Sie mal, das ist die Fleck, die hat eine lockere Hand. «Am nächsten Tag wurde sie angestellt.
Nicht, dass sie mit zweiundzwanzigeinhalb, Abgängerin der Kölner Werkschulen, einen Ehemann gesucht hätte, aber das Leben als Fräulein Fleck unter dem Dach einer Beamtenfamilie in Kaiserswerth, kein Besuch nach zwanzig Uhr, bitte schön, war nicht das gewesen, was sie sich unter rheinischer Lebensart vorgestellt hatte. Petrus hatte immerhin zwei Zimmer in Unterbilk, ein bisschen dunkel, aber hoch und mit Stuck, Musiktruhe, Boschkühlschrank, Biedermeiersofa — dieses geerbt —, und Ende Mai ’58 war es schon so weit, ein paar Gläser Alt in der Altstadt, mit der Dauphine am Rheinufer auf und ab, lange Blicke vom Fahrersitz zum Beifahrersitz und zurück. Der Abend sollte unvergesslich bleiben, weil das Biedermeiersofa mittendrin zusammenbrach, während im Nebenzimmer, kritt-kritt, eine Single von Chuck Berry auf der Leerrille lief.