«Dat macht drei Grundstücksgrenzen, aber fünf Komposthaufen, der eure nit mitjereschnet«, fasste der Architekt zusammen, der sich die zukünftige Bebauung lebhaft vorstellte.
Petrus verstand.»Das an der Ringstraße wollten wir nicht, das ist das größte. Das in der Senke ist zu klein. Dieses ist ein Quadrat. Das gibt einem alle Freiheiten. «Er zupfte Unkraut von einem weißgrauen Quader, der die Südostecke markierte.
«Würde ich dichtmachen wie eine Burg«, sagte Ober.
«Einmal rum mit Atrium, dann is aber nix mie übrisch«, hielt der Architekt dagegen.»Wie hoch darf dat denn sin?«
Petrus:»Neun und ein paar Zerquetschte. Klassischer Dachfirst, wenn man einen will.«
Architekt:»Da könnt man drauf verzischten.«
Ober:»Es muss ja nicht die Villa Savoyen sein.«
Architekt:»Wieso nit?«
Von der 105 bis zur 133 waren es nur vier Minuten Fußweg, aber der hatte etwas von einer Rückkehr ins Paradies. Erst die Reihenhauszufahrt, Küche an Küche und Klo an Klo, dann die mittlere Bebauung, rotgraue Klinkerhäuser inmitten schlummernder Gärten. Schließlich, südlich der Ringstraße, die Reste der Apfelbaumplantage, jenseits der Blüte und die Früchte kaum zu erahnen, so wie bei Lore selbst. Petrus war nicht der Katholik, dessen Sender auf Radio Vatikan stand,»Du bringst mir zwölf Kinder zur Welt, und wenn du dran stirbst«, so nicht, aber er hatte sie dennoch bedrängt, die Antibabypille abzusetzen.»Es wäre so gut, noch einen Jungen zu haben«, und dann, als die Periode ausblieb, war er umgeschwenkt und hatte beteuert, um ein Mädchen wäre er genauso froh. Dreimal hatte Lore bei Kilip & Partner ausgesetzt und war zuletzt im Herbst ’67, nach Cristina, in die Agentur zurückgekehrt, Hose statt Rock, die Haare halblang, vier Wochen Konfusion wegen der neuen Spraytechnik, Illustrationen mussten jetzt glänzen wie die Motorhauben von Autos.
Am anderen Ende der Pomona traf Lore auf die Trias. Der Architekt hatte gerechnet, fünfzehn Prozent des Baumbestands könnte man belassen. Garten nach Süden öffnen, klar. Auf einen kleinen Notizblock mit dem Namenszug einer Altbierbrauerei hatte er einen zweistöckigen Bau mit Flachdach gezeichnet, der teils auf Pfeilern stand. Herzliches Willkommen für Frau Schuller, diese überrascht von Oberholtzers Anwesenheit. Zu viert standen sie an der südlichen Grundstücksgrenze und deuteten auf ein imaginäres Haus: Die Fassade guckt nach Westen. Der Servicetrakt nach vorn, aufgebockt entlang des Stichwegs, Zufahrt zu Hof beziehungsweise Garten drunterweg. Der Wohntrakt wird als Riegel dazu quergestellt, teils aufgestockt, kommt auf die Zahl der Kinder an. Nach oben muss auf jeden Fall, wegen des Oberlichts, das Atelier.
«Was für ein Atelier?«, fragte Lore.
«Dat von üsch, gnädije Frau«, sagte der Architekt.
Bald war der Baugrund sondiert, das Grundstück vermessen, wurden die Bäume gefällt und die Wurzeln ausgegraben, und vor dem Frost stand die Unterkellerung komplett. Johanna mit riesiger Platzwunde am Nikolaustag durch einen Sturz, obwohl das Spielen auf dem Baugrundstück verboten war.»Oder deshalb«, wandte Petrus ein.»Vielleicht sollte man den Kindern zeigen, wie das geht.«
Seine Gabe, das Unvermeidliche kommen zu sehen: Im März rückte die Stadt Neuss mit drei Schaufelbaggern an und begann Abbruchmaterial, das von Sattelschleppern gekippt wurde, zu einem Ringwall aufzuschütten. So bauten die Stadt und die Schullers um die Wette, die Schullers waren zuerst fertig, am 1. November 1970 war Umzug, bei den Wallarbeiten Winterpause, im Februar ging es weiter. Der Südrand der Pomona sah aus wie eine Mondlandschaft. Die Kinder standen morgens um acht am Fenster, Panoramasicht auf die Großbaustelle, weil das Südgrundstück noch unbebaut war. Lore wusste, dass sie jetzt nicht durchdrehen durfte, die Hölle der Mutterschaft. Das irgendwie zu schöne Atelier. Es war groß, licht, sauber, mit einem Marabuzeichentisch unter dem Oberlicht.»Ist meine Erfindung«, hatte Ober bei der Einweihung gescherzt. In der Tat, er hatte herausfunden, wie man die Rückkehr der angeheirateten Illustratorin in eine hektisch expandierende Firma verhinderte.»Aufträge gibt es immer, das musst du nicht befürchten«, hatte Petrus gesagt, aber dieses Modell fürchtete sie gerade, dass Petrus Aufträge brachte und Entwürfe mitnahm — und sie bekam nur noch zu sehen, was sie sich selbst ausdachte. Am Kupferkessel läuft ein Tropfen … eine Träne herunter. Das sieht man nur, wenn man auf sich gestellt ist.
Die Pomona 133 gehörte den Kindern. Lore fragte sich, ob es besser sei, deren Leben zu steuern oder sich mit ihnen treiben zu lassen. Sie skizzierte auf dem kleinen Block eine Revuenummer, die Phalanx der Girlies von links als Fragezeichen und von rechts als Ausrufungszeichen. Sogar Linus hatten die Mädchen angenommen wie Spielzeug, sie konnten es gar nicht abwarten, ihn zu baden, zu wickeln und in den Schlaf zu wiegen. Das ganze Kleingemüse aus der Reihensiedlung war dabei, das Ritual minutenweise in den Abend gedehnt; zum Glück hatten die fremden Blagen ihre Zeiten. Johanna war immer die Anführerin, ob es fünfzehn Kinder waren oder vier. Marleen aber entzog sich.
Vielleicht war das mit den Western auch nur vorgetäuscht. Lore setzte sich ins verlassene Fernsehzimmer, während eine dieser Serien lief, völlig unverständliches Zeug, erst recht ohne Ton. Lore setzte sich vor dem stummen Fernseher in einen Sessel. Marleen erschrak ein bisschen, als sie zurückkehrte, sie fremdelte vor der eigenen Mutter oder fühlte sich ertappt, aber überspielte das, offener Mund, die Augen niedergeschlagen. Sie fläzte sich auf den Flokati. Versöhnungsszene in der Familie, überzogen gespielt. Die Ranch im Abendlicht. Und plötzlich saß Marleen aufrecht, die Beine angezogen und die Arme drum herum geschlungen, den Kopf auf den Knien. Sie rührte sich nicht. Über den Bildschirm lief der Nachspann: Titel, Darsteller, Produktion, die Schrift wie von Hand gepinselt, gezackt, flackernd, weiß auf schwarz. Marleen war sechseinhalb. Als die Ansagerin erschien, ließ sie sich fallen, rollte über den Rücken auf die andere Seite, blickte ihrer Mutter in die Augen und wisperte selig:
«Es ist immer genau gleich. Ganz genau gleich.«
Ohne Binde
Petrus gab vor, nicht zu verstehen, oder er verstand tatsächlich nicht, als Oberholtzer den Türrahmen ausfüllte, wo er im Gegenlicht stehenblieb, den linken Arm über dem Kopf angewinkelt, als wolle er den Türsturz aus der Fassung heben. Auf Petrus’ Schreibtisch lag so etwas wie ein gynäkologischer Comic, ungeschickt gezeichnet und beschriftet. Oberholtzer kostete seine Verblüffung aus.
«Werbung für Monatsbinden? Da würde ich aber eher auf die poetische Schiene setzen«, wehrte Petrus ab.
«Is’ noch nicht so weit. Der Prokurist von der Hahn Kommanditgesellschaft träumt von einer Broschüre, mit der er die fachliche Ärzteschaft erreicht, mindestens, und damit alle Frauen und Mädchen im entsprechenden Alter, die sich dat dann aussuchen sollen.«
«Aussuchen?«
«Binde oder Tampon.«
Fast hätte Petrus gefragt, was das sei, ein Tampon.
Er schwieg für einen Moment. Durch sein gekipptes Fenster brachte eine Brise den Lärm der Wirtschaftsstadt herein, ein Schieben und Poltern, als wären die Gehirne Lochkartensysteme in Bewegung.
«Und die heißen ausgerechnet Hahn?«
«Warum nit?«
«Na besser als Storch.«
«Jung, die machen keine Pariser, die machen Tampons. Lass dir dat zu Haus mal erklären. Und da kannste auch die Jemälde bestellen.«
Am Nachmittag stand Petrus im Buchhaus vor dem Regal mit pädagogisch wertvollen Ratgebern und wunderte sich über die Vagheiten des aufklärenden Schrifttums. Nur der Sexualkunde-Atlas, versehen mit dem Vorwort einer progressiven Ministerin, gab Einsicht in den weiblichen Genitalapparat in einer Weise, dass sogar Petrus sich das ungefähr vorstellen konnte. Er kaufte zwei Exemplare. Eins ließ er im Büro, das andere würde er Lore zeigen, wenn die Kinder im Bett wären, oder wenigstens in ihren Zimmern. Man hatte sich gegen feste Zeiten entschieden, die Mädchen sollten lernen, den Tag und also auch die Nacht selbst zu planen.