Er hatte es nicht eilig, als er den roten Alfa aus Düsseldorf heraussteuerte. Über der niederrheinischen Landschaft lag ein rosa Schimmer, eher der Verdacht einer Landschaft, einer Ausdehnung in die Ferne, die bis zur Nordsee reichen musste. Man sah eigentlich nichts, solange man sich bewegte. Also begann er, das Wolkenbild als Spiegel der Landschaft zu lesen, die sich verbarg, Schafherden, Nebelgeister. Der neue Auftrag verwirrte ihn.
Dass alles abhängt von Marias Blut. Ach, Unsinn, es soll das Blut Jesu sein. Ein Mensch von Fleisch und Blut, von einer Jungfrau geboren. Was dann einer Defloration per Geburt gleichkäme. Die Vermischung des Blutes des Hymens mit dem Blut der Plazenta. Das Blut als Zeichen der Fruchtbarkeit. Des Todes. Der Erneuerung. Der Verwandtschaft. Eine Verwandtschaft nur mütterlicherseits. Kein Wort über die Ächtung Marias. Der Wein als buchstäbliches Blut. Jedenfalls bei uns; bei den Protestanten vielleicht nicht. Die Angst der Frauen vor dem Blut, weil es die Scheide zur Wunde macht. Mit der Lanze reingestochen, um zu sehen, ob Jesus noch lebt. Zerstören diese Tampons nicht das Häutchen? Hatte Lore ihrs damals noch? Nimmt sie überhaupt Tampons? Manchmal? Nie? Nehmen Protestantinnen eher welche als Katholikinnen? — Ein rosa Schwamm im Westen, als er hinter der Pomona von der Stadtautobahn abbog.
Petrus hatte immer schon diese ausladenden Gesten gehabt, das übertriebene Stirnrunzeln, den Gockelgang, den Charme eines Jungen, der seine Anzüge zwei Nummern zu groß trägt. Ein gewisser Stolz befiel ihn in Lores Atelier, mit der kühnen gebogenen Stehlampe, die in einem kleinen Schirm über dem schräggestellten Zeichentisch endete, das Oberlicht jetzt schwarz. Im großen Fenster zeigte sich das Atrium als Nachtszene, in die ein matt leuchtendes Trapez geschnitten war. Das war das Licht vom Atelier selbst. Darin erschien gelegentlich eine riesige Figur mit zwei erhobenen Armen, wandernd, das war Petrus, ein Weißweinglas in der Rechten und eine Camel-ohne in der Linken. Lore, am Zeichentisch, beugte sich über das Blatt, nahm einen feinen Pinsel, tauchte ihn in schwarze Tusche, tupfte ihn auf dem Schmierblatt flüchtig ab, und schon sprang der Umriss des weiblichen Unterleibs vom Weiß des Blatts dem Betrachter entgegen. Petrus war hinter ihr stehengeblieben. Er sagte dazu nichts, weil er wusste, dass dies noch kein Entwurf war, nur ein Gedanke, aus dem Dunkel gefischt und festgehalten. Es gab Leute, die dachten in Bildern, und Lore war eine von ihnen.
Sie studierte den Leporello aus dem Hause Hahn.»Das ist ja ein ganz hübsches Storyboard.«
«Also, wenn ich das richtig versteh’«, sagte er,»dann richtet sich das an Frauen und erklärt ihnen die Umstände der Regel. Aber ist das nötig?«
«Nötig für was?«
«Für die Frauen, für die Mädchen. Ist das nicht Eulen nach Athen tragen?«
«Mehr als eine Eule kann ja nicht schaden.«
«Sind das nicht Sachen, die besser die Mütter ihren Töchtern erklären?«
«Petrus, das ist ja ein ganz neuer Zug an dir. Wenn es um Autos, Deos, Limonaden und Zigaretten geht, dann glaubst du, dass die Welt Mangel leidet, dann ist dir kein Tätärätä zu viel. Warum nicht für dieses o.b.?«
«Sag mal … Hast du mal so ein … so ein o.b.?«
«Meine Güte, du bist aber aufmerksam. Habe ich nie benutzt. Bisher haben Binden gereicht.«
«Gereicht?«
«Ich meine, ich habe nie drüber nachgedacht. Ich bin nicht einmal darauf gekommen, Tampons auszuprobieren.«
«Das ist ja ideal«, sagte Petrus.»Du bist die moderne Frau überhaupt. Du bist Mutter einer Tochter von acht Jahren. Du kennst nur das eine Produkt, das andere nicht. Du bist die Zielgruppe. Fangen wir an.«
Von den Firmengründern im Jahr 1954 waren nur Brad Kilip und Oberholtzer übrig geblieben, aber auch Erika Beh, die Sekretärin der ersten Stunde. Betriebswitz:»Wofür steht denn B.?«Dafür waren Heerscharen dazugekommen, Art-Directors, Texter, Analysten, Fotografen, Illustratoren; alle fünf Jahre wurden drei neue Berufe erfunden. Man hatte nicht unbescheiden in der Beletage eines halben Altbaus begonnen (die andere Hälfte war im Krieg zerstört worden), dann das vierte Stockwerk für die Grafik gemietet, später den Empfang und die Konferenzräume ins Erdgeschoss verlegt, so dass die Beletage ein Think Tank wurde. Petrus aber war zufrieden mit» seiner Luke«, wie Oberholtzer das nannte, zwischen Grafik, Lay-out und Retouche. Ambitionen auf ein Chefzimmer hatte Petrus schon deshalb nicht gehabt, weil er es nicht leiden konnte, wenn sich andere bei ihm niederließen, er wollte lieber selbst im Haus unterwegs sein, und das Wachstum der Agentur hielt ihn am Laufen. Zuletzt, aber das war auch schon wieder drei Jahre her, hatte Brad Kilip das Hinterhaus gekauft, einen Nachkriegskasten, den man der Länge nach auf das Gartengrundstück gestellt hatte, von Oberholtzer» Baracke «genannt. Die beherbergte den Nachwuchs, merkwürdige Menschen mit allerlei Ticks. Eine zwanzigjährige Illustratorin arbeitete nur auf dem Boden sitzend, ein dreiundzwanzigjähriger Art-Director hatte sich das Zimmer mit Silberfolie ausgeschlagen. Ganz hinten, hinter dem Archiv, betrieb ein Fotograf seine Dunkelkammer, die aber nicht nach Chemikalien roch, sondern nach Weihrauch — Petrus wusste, dass es kein Weihrauch war, aber es erinnerte ihn an seine Ministrantenzeit —; und vom Uher-Kassettenband kam die Stimme Jerry Garcias, deren rauer Suggestion der Fotograf, Gerd Roellicke, seine Sprechweise angenähert hatte.»Oh Mann, das ist ja absolut groovy. «In der Baracke nannten sie ihn Grateful Gerd. Ein großer Raum, eigentlich die Kantine der jungen Kreativen, war durch ein Tischfußballspiel blockiert, wobei das Poltern der routierenden Stangen bei immer offenen Türen im ganzen Neubau zu hören war.
Am nächsten Tag, auf dem Weg zur Agentur, fuhr Petrus einen Umweg über Unterbilk, vorbei an der alten Wohnung, um zu sehen, ob es die Traditionsdrogerie mit dem Holztresen noch gab. Dieser tanngrüne Namenszug, leicht schräggestellt, da war er. Ganz blass die Adresse der alten Inhaberin in der Glastür, aber hinter dem Tresen standen zwei junge Frauen, eine pausbäckige Blonde, der westfälisch-ländliche Typ, und eine Dunkle mit Discotolle und spöttischem Mund, zu grell auf Rot geschminkt. Die Vagina im Gesicht tragen, dachte Petrus. Er sagte:
«Was würden Sie einem Mädchen von vierzehn Jahren empfehlen, um die Menstruation ab…, um, empfehlen bei der Monatsblutung. «Die beiden jungen Frauen sahen sich an. Sie verschwanden im System der Regale und kamen mit der ganzen Auswahl, den Binden von Camelia und Mimosept, dem amerikanischen Tampax und o.b. von Hahn, diversen Baumwolleinlagen und schützenden Slips.
«Und?«
Die Blonde:»Das gibt’s alles.«
Die Dunkle:»Mehr ham’ wir nich’.«
Petrus:»Und was würden Sie einer Vierzehnjährigen empfehlen?«
Das Landmädchen machte auf Sphinx, die Discoqueen grinste schief:»Sie meinen, im Fall der ersten Periode?«
Petrus:»Ja, und für die Zukunft.«
Die Verkäuferinnen nestelten im Sortiment herum.
Die Blonde:»Am besten wäre eigentlich, sie würde selber kommen.«
Petrus:»Wer?«
«Das Mädchen.«
«Ach, sie ist so unglücklich. Und ihre Mutter ist verreist. Ich möchte ihr wirklich nicht das Falsche geben.«
Das straffte die beiden. Sie standen jetzt grade. Ihre Gesichter wurden milde. Sie begannen, Petrus das Sortiment zu erläutern, die modernen Binden zum Einkleben, zum Einlegen, die isolierenden Höschen (und wie chic sie doch wären, heutzutage), Tampax mit seiner Einführhülse,»das ist hygienischer«, sagte die Blonde,»aber muss gekonnt sein«, sagte die Dunkle.
«Und o.b.?«
«Davon müssen wir abraten«, deklarierte die Blonde.