«Nee, nee«, rief die andere,»die Dinger sind total zuverlässig. Mit dem Finger ziemlich tief reinschieben und am Bändchen wieder rausziehen, das flutscht. «Dann fing sie an zu gackern. Die Blonde errötete und wandte sich ab. Petrus kaufte alles. Die Dunkle sah ihm zu, wie er vor der großen Glasscheibe das Auto röhrend startete, ihr greller Mund offen.
«Was war das denn für einer?«, fragte die Kollegin.
«Einer mit Geld«, antwortete sie.
Oberholtzer hatte zwei Konferenzräume» aalglatt «eingerichtet, mit Eamessesseln und Miró-Grafiken, und dem dritten etwas» Altdeutsches «mitgegeben, damit Kunden wie Ernst Peters, Prokurist bei Carl Hahn, nicht fremdelten. So saß Petrus Schuller mit Ernst Peters und Oberholtzer im Hirschzimmer, wie die jungen Leute aus der Baracke es nannten, obwohl kein Hirsch zu sehen war, sondern ein kleines Gemälde aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, das einen Gießer im Schein des Ofenfeuers feierte. Es gab einen Aktenschrank aus deutscher Eiche, einen eckigen Tisch statt eines runden und darüber einen gedrechselten Kranz mit sechs Limburger Gläsern, die geistesabwesend vor sich hin funzelten. Frau Beh hatte Kaffee in der Thermoskanne gebracht, Kaffeesahne, Würfelzucker, und sich zurückgezogen, so dass die Männer unter sich waren.
Ernst Peters war ein Haudegen, ein Fossil aus Nachkriegszeiten, mit einer grauen Gesichtshälfte; wenn er diese zum Licht wandte, bekam sie ein wenig Farbe, und die andere Hälfte wurde grau. Er hatte sich durchgebissen, das sah man, wenn er die Zähne bleckte, durch die sein Atem pfiff. Seine Knochen schlotterten im Stresemann. Peters war der Typ, bei dem man nicht wusste, ob er bei der SS gewesen war oder im Widerstand oder ein anderes Geheimnis hatte, das er nicht preisgeben würde, nicht unter zwei Promille. Aber Petrus hatte die richtige Idee und fragte Peters nach der Geschichte der Firma Hahn.
Hahn war ein Automann gewesen, in der letzten möglichen Nacht vor den Russen geflüchtet, und hatte dann im Westen Trage- und Haltegurte der aufgelösten Wehrmacht zu zivilen Gürteln verarbeitet, sein Wiedereinstieg in Herstellung und Vertrieb. Aus einem Care-Paket hatte er einen Warenprospekt gefischt und diesen nach ihm unbekannten Produkten abgesucht, wobei das auffälligste Tampax gewesen war, ein Baumwollproppen, den Frauen sich mittels eines» Applikators «einsetzen sollten, ein» Ungetüm«, wie Hahn herausfand, als er sich das Original aus Amerika schicken ließ. Halb der Not gehorchend, halb der Intuition, verabschiedete er zunächst» diese Hülse«, schließlich setzten Chirurgen saugende Tampons auch von Hand in blutende Wunden, das hatte er selbst im Lazarett gesehen. 1950 lizenziert, konnte man sich einen kleinen, aber steigenden Marktanteil sichern, und schließlich bekam die Firma im Tausch für eine schwedische Tamponlizenz die Rechte an erstklassigen Binden, Mimosept, so dass Hahn mitten in Europa der Einzige war, der beides herstellte, die Binde und den Tampon» ohne Binde«, den er wegen der Klage eines Konkurrenten, der Name mache die Binde schlecht,»o.b. «taufte. Das war die Idee eines Barons aus dem Bayerischen, der im Krieg Werbung für DKW gemacht hatte. Seit Jahren wohletabliert, scheiterte Hahn dennoch, wenn er versuchte, Anzeigen zu schalten. Die» Verletzung guter Sitten «wurde ihm vorgeworfen.
«Dat is doch Schnee von jestern«, meinte Oberholtzer.
«Das werden wir sehen«, sagte Peters, mit dem Ernst des Prokuristen Ernst.
Wie viele Sorten Kunden gibt es? sinnierte Petrus auf dem Weg nach Hause. Es gibt die, die mit dir Katz und Maus spielen. Du bist der Reklamefritze, du bist die Maus. Dann gibt es die, die zu einer Agentur kommen, als machten sie einen Ausflug zum Vergnügungspark. Sie wollen unterhalten werden, und dafür zahlen sie auch. Manche denken, wir wären so eine Art obere Behörde, oder Priesterschaft, die wollen ihr ganzes Dingens umkrempeln, mit unserer Hilfe. Und dann sind da eben immer noch Leute wie Ernst Peters, die längst Werbeleiter wären, wenn ihre Firmen richtig Werbung machen würden. Sie werden als Prokuristen alt, bevor es richtig losgeht. Aber was heißt alt, der Mann ist vielleicht zehn oder zwölf Jahre älter als du. Ob er verheiratet ist? Oder schwul? Ist er katholisch; gläubig vielleicht? Schwul und gläubig, oder verheiratet und agnostisch? Trinkt er Schnaps; hat er Angst vorm Fliegen; betatscht er seine Sekretärin? Er lässt nichts raus. Der ist ganz Binden und Tampons und so weiter. Ein Rumpelstilzchen der Hygiene. Niemand weiß, was den umtreibt. Aber was ist, wenn der Tampon wirklich ein Wunderding ist? So etwas wie der VW Käfer der Hygiene?
Lore war begeistert vom Warensortiment, das Petrus mitgebracht hatte. Ohne nachzudenken arrangierte sie es auf dem schrägen Schreibtisch wie ein Display.»›Mit Einführhülse‹. ›Hygienisches Monatshöschen‹. Klingt leicht gaga, wenn du mich fragst.«
«Wie findest du o.b.?«, fragte Petrus.
«Als Produktnamen?«
«Mhm.«
«Kennen viele. Klingt leicht. Locker. Was heißt das denn?«
«Was glaubst du?«
«Okkulter Brocken?«
«Nee.«
«Onkel Blöker.«
«Silbenverteilung stimmt.«
«Ohne Blöße.«
«Fast.«
«Ohne Binde?«
«Genau.«
«Genial. Und wer ist Dr. Carl Hahn? Ein Frauenarzt — Typ Walter Giller?«
«Ein Forstwirtschaftler. Später Automobilbau.«
«Im Ernst?«
«Ernst hoch zwei.«
Lore klappte den Rock hoch und zog den Slip herunter bis zu den Waden.»Welches zuerst?«
«Tampax.«
«Warum?«
«Da musst du dich … Da musst du deine Muschi nicht anfassen.«
«Und warum soll ich meine Muschi nicht anfassen?«
«Keine Ahnung«, sagte Petrus.»So stellen die Amerikaner sich das eben vor.«
Weltliche Dinge
Als die Ölkrise ausgerufen wurde, hatte Petrus eine Idee. Man könnte doch die stolzen Benzinfresser abschaffen und zwei 2CVs kaufen, eine Ente für ihn und eine für die Familie. So wurde man den brüllenden Volkswagen los und den Alfa mit dem rostenden Unterboden. Das sah gut aus, die beiden lockren Franzosen nebeneinander, mit ihren Klappfenstern und den Scheinwerfern, die herausstanden wie Fühler, wobei Lores Frage unbeantwortet blieb, wie eine sechsköpfige Familie mit einer wankenden Knattermühle würde in die Ferien fahren können.
Die Sommer bis 1968 hatten die Schullers noch in Zandvoort verbracht, als Mieter einer stillgelegten Mühle. Den Sommer drauf hatten sie Brad Kilips reetgedecktes Haus in Kampen bekommen. Weitere Entdeckungen: die Ile de Ré; die Dünen nördlich von Kopenhagen; der Comer See, mit eigenem Steg und Motorboot; zuletzt eine Kate mit Garten auf dem Rücken Cornwalls. Wie weit man auch gefahren war, schnell folgten Krethi und Plethi, wie Petrus den wachsenden Stamm der Konsumenten zu bezeichnen pflegte. Nicht, dass ihn das gestört hätte. Es durfte gern Trend werden, was man selbst bereits kannte. Die Skiferien hatten die Schullers aufgegeben, als Linus geboren wurde; eine Neujahrsmesse im Kölner Dom war stattdessen Ritual geworden.
Im November 1973 — sonntags Totenstille hinter dem Lärmschutzwall aufgrund eines Fahrverbots — schwärmte Petrus von einer amerikanischen Kampagne für Olivetti. Es war das erste Mal, dass Brad Kilip & Partner eine New Yorker Agentur ausstechen konnten, und dafür waren Petrus und Oberholtzer alle zwei Wochen» drüben«.
«Wieso«, sagte er zu Lore,»ein Flugzeug braucht kein Öl, das tankt Kerosin. «Am dritten Advent kam er wieder einmal zurück, die Pomona 133 erleuchtet wie Bethlehem, und ließ wissen, dass die amerikanische Kampagne eingetütet wäre, als Sahne auf dem Kuchen eine Einladung des stellvertretenden Vertriebsdirektors von Olivetti in dessen ungenutztes Haus bei Miami.
«Haben die nicht schrecklich heiße Sommer?«, fragte Lore.
«Nicht im Sommer, Darling. Jetzt!«
Der Tannenbaum bei Miami war dann künstlich eingeschneit, und eine Kette winziger Lichter blinkte in metallischen Farben. Er fand sich etwas verloren in der Ecke eines hölzernen Wohnzimmers einer kleinen Villa in einer Sackgasse, die am Strand endete, mit sieben weiteren, eng aneinandergerückten Villenminiaturen, die sich ähnelten. Linus stand so still vor dem blinkenden Baum, dass man hätte glauben können, er gehöre zum Arrangement. Marleen und Cristina verbrachten den ganzen Tag am Strand, Johanna hatte sich gleich am 24. einen Sonnenbrand geholt. So blieb sie in ihrem Zimmer und las ein drittes Mal Momo. Am langen Esstisch hatte sie sich den Platz gegenüber von Papa ausgesucht, wo sie kerzengrade saß und alle Anwesenden strafte, indem sie ihren Anspruch auf Rudelführerschaft plötzlich aufgab, ausgedrückt durch hartnäckiges Schweigen.