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Ihre Eltern hatten keinen Grund gesehen, sie in die Katechismuslehre zu geben, bevor sie danach fragte, so dass sie schon im zehnten Lebensjahr war, als sie angemeldet wurde. Petrus, der einst das Katholikentum für ein Lebensschicksal gehalten hatte, sprach nun von der» K-Religion«; er war wenig geneigt, Johanna dem» ollen Popen «mitzugeben. Wie alle anderen Dinge des Lebens — das Zähneputzen, die Schönschrift, das Puppenhausdekor — nahm Johanna die katholische Lehre ernst und, soweit es möglich war, wörtlich, und damit sie nicht ein Wort in der Zwischenzeit vergaß, hatte sie sowohl den Katechismus als auch das Neue Testament in Florida dabei, wo sie, weil es keinen Nachttisch gab, ihr Königinnenbett mit den Büchern teilte, die Momo-Lektüre morgens und abends gerahmt von den Todsünden.

Das Fehlen dreier Neusser Gottesdienste allein an den Weihnachtstagen sowie der Neujahrsmesse im Kölner Dom stellte Johanna als Fall von Deprivation dar, auch wenn sie das Wort nicht kannte. Man hatte ihr das Kostbarste genommen und durch anderes ersetzt: Strand, Kino, Vergnügungspark. Da stand sie vor der Raketenschleuder und zog einen Flunsch, während Marleen und Cristina zum Mond fuhren und sich vor Lachen nicht mehr halten konnten, indem sie sich unaufhörlich zuriefen:»Nicht im Sommer, Darling, jetzt!«

Petrus merkte es erst in diesem Winter, aber Lore war schon früher aufgefallen, wie Johanna frömmelte. Sie fragte sich, ob Johanna dem Papa damit gefallen wollte, schließlich war es seine Konfession. Es zeigte sich jedoch, dass Petrus’ Versuch, auf das Kind Einfluss zu nehmen — routiniertes Interesse, unterlegt von Spott —, zu dem unerwünschten Ergebnis führte, dass Johanna ihrer Sache nur noch sicherer wurde. Sie fieberte ihrer Erstkommunion entgegen, ein Ereignis, das ihr Vater» Kinderkommunion «nannte, aber die Tochter belehrte ihn, mit der Erstkommunion sei man kein Kind mehr, sondern ein vollgültiges Mitglied der heiligen Römischen Kirche. Das sollte im April stattfinden, und es klang so, als wollte Johanna sich danach zurückziehen von allen weltlichen Dingen. Die Pomona 133 aber war voll davon: Citroëns und Super 8, Mikrowelle und Whirlpool, Donna Summer und Fred Feuerstein. Ihr Expansionsdrang unterschied die Schullers von anderen Familien. Das Neue war immer besser als das Alte, das Ferne besser als das Nahe. Quirlige Ferienbekanntschaften waren nörgelnden Verwandten vorzuziehen. Das Neusser Schützenfest blieb ein Kuriosum, gewiss nicht der Höhepunkt des Jahres wie für viele Bürger dieser Stadt. Die Pomona 133 war eine Hochburg des Fortschritts. Es gab dort keine Pokale und keinen in Holz geschnitzten Sinnspruch. Und wenn, dann hätte er gelautet: Don’t look back!

Niemand wurde gezwungen mitzuziehen, aber die Verlockungen waren beträchtlich. Marleens Einführung in den Luxus und die Moden erfolgte noch in der Grundschulzeit. Das ganze zweite Schuljahr hatte sie eine Brille tragen müssen, die auf der rechten Seite mit einem Milchglas blind gemacht worden war. Nur schwer hatte die Mama sie hinwegtrösten können über das, was andere Kinder ihr hinterherriefen. Im Herbst 1973, nach der Rückkehr aus Cornwall, war das Ende der Maßnahme gekommen. Eine letzte Fahrt mit Papa im rostigen Alfa zur Augenklinik in Düsseldorf, danach in die Altstadt: eine vornehm erleuchtete Halle ausschließlich brillentragende Optiker mit vornehmen langen Händen, die immer neue Gestelle auf ledergepolsterten Tischchen präsentierten. Dort ließ man sie die durchsichtigen und die silberdrahtgerahmten Brillen probieren, mit denen sie aussah wie die kleine Ausgabe einer Sekretärin. Erst vorsichtig, dann bestimmter lenkte sie der Optiker zu den rehbraunen Gestellen, von den zarten zu den kräftigeren, von den rehbraunen zu den perlmuttschimmernden und anthrazitfarbenen, bis sie die tropfenförmige Rodenstock im Gesicht hatte, eine Brille, die ihr etwas Eulenartiges gab und dabei lustig aussah, und um die Entdeckung zu feiern, hatte Petrus plötzlich die alte Kassenbrille parat, die sie noch einmal aufsetzte, ein Auge verdeckt durch das Milchglas, den Tränen nahe, und dann wieder die Rodenstock, da war die Sache klar; Abholung mit Ultraleichtgläsern, nämlich aus Plastik, übermorgen. An jenem Tag, nach der Schule, nahm sie die S-Bahn, vom Düsseldorfer Hauptbahnhof die Straßenbahn, ganz allein. In der Agentur wurde sie als Früchtchen aus der Pomona launig vorgeführt. Im Anschluss mit dem Taxi in die Altstadt. Anpassung der Brille am lederbezogenen Tischchen, ein halbes Dutzend Komplimente vom Optiker, 135 Deutsche Mark aus Papas schwerem Lederportemonnaie, danach ins Carschhaus, einmal hoch und wieder runter, über die Heinrich-Heine-Allee zu US-World, wo Petrus ihr eine knackige Levi’s verpasste und dazu ein weinrotes Sweatshirt von Fruit-of-the-Loom.

In der Schule saß Marleen an ihrem Pult und tat so, als bemerkte sie nicht, wie ihr neuer Banknachbar sie anstarrte. Ingolf hieß der. Am Ende der Stunde verschwand die Brille in einem violetten Kästchen mit dem rennenden Männchen in Gold, das eigentlich ein» R «war. Sie nahm sich, während die Schulkameraden an ihr vorbei in die Pause strömten, durchaus Zeit für diese Prozedur, inklusive Putzen der Gläser, das sollten die ruhig mal sehen.

Ingolf war ein stämmiger Bursche mit apfelroten Wangen und dunklen Locken, die ihm bis über die Ohren wuchsen. Die ersten acht Jahre seines Lebens hatte er in einer Stadt verbracht, die sich Marleen als Blumenstadt in ewiger Blüte vorstellte.

«Du kommst aus Astora, nä?«

«Nee, aus Hamburg, wieso?«

«Du hast zu Relindis gesagt, du kommst aus der Astora. Oder Dastora.«

«Aus der Diaspora.«

«Wo ist denn die Diastora?«

In Hamburg-Winterhude waren die Häuser hoch und grau gewesen, die Straßen dunkel, meistens war es Nacht. Immer regnete es. Auf den Straßen waren Banden unterwegs, Protestanten mit blondem Haar und dicken Fäusten. Man konnte kaum von der Schule bis nach Hause kommen, ohne verprügelt zu werden. Sie zwangen einen, in Hundescheiße zu treten und riefen dann» Iiih, kock ma, ’n Kathole, der stenkt!«Der Zahn, der Ingolf fehlte, hatte wohl auch damit zu tun. Das deutete er so an. Diaspora.

Schließlich war sein Vater, Flugzeugingenieur, nach Düsseldorf» gerufen «worden — das» Rufen «stellte Marleen sich vor als eine Durchsage per Lautsprecher —, und die Familie hatte sofort ein Haus in Neuss gekauft, eine Stadt, in der es zwar auch Protestanten gab, wie Ingolf wusste, aber» hier könn’ die ei’m nichts anhaben«. Den Katecheseunterricht in Hamburg zu beginnen hatte» sich nicht mehr gelohnt«, und seine Eltern fanden, er solle es nicht überstürzen. So würde er damit im folgenden Jahr in St. Pius beginnen. Die Kirche hatte er sich schon einmal angesehen. Sie gefiel ihm nicht wirklich, weil sie zu lutherisch aussah. Später, nach der Erstkommunion, als Mini in St. Quirinus zu dienen war sein eigentliches Ziel. Dort wolle er sich dann vom Weihbischof firmen lassen. Marleen wusste nicht genau, was er meinte, wagte aber nicht zu fragen. Wollte er so eine Art Priester werden?

Johanna und ihre Kombattantinnen wurden getreue Katecheseschülerinnen der Pfarre Heilige Dreikönige, deren Kirche so alt war wie der Pfarrer selbst, doppelt weltkriegserprobt, während die nächste Welle aus der Pomona nach St. Pius schwemmte, wo Marleen, Ingolf und die anderen in einem modernen Gebäude vom Kaplan Valentin empfangen würden als die, die sie waren, nämlich Kinder. Die Kinder flochten Kränze zu Erntedank. Sie bastelten Kometenlaternen für den herbstlichen Umzug. Sie würden die Geschichten aus der Bibel so nacherzählen, wie sie ihnen in Erinnerung geblieben waren. Wenn Kaplan Valentin vom Papst erzählte, würde dieser leuchtend erscheinen wie der Weihnachtsmann, weise wie Paulus und demütig wie ein Samariter. Die Kinder bewunderten den Kaplan, weil er den Papst so gut kannte, er hatte mit ihm selbst Abendbrot gegessen oder so.