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In der Schule gab es keine böse Bemerkung über die Eulenbrille, was vielleicht daran lag, dass Marleen jetzt so ganz anders wirkte, und das konnte durchaus zu tun haben mit diesem Ingolf, dem Neuen, den man auf gut Glück neben sie gesetzt hatte. Dem fremden Jungen war sein Haar zu einer gewaltigen Wattekugel gewachsen, mit einem kastanienbraunen Schimmer. Marleen war überzeugt, dass nur sie ihn sah, den Schimmer, begünstigt durch die neue Brille.

Aus der dritten Reihe gab es Beschwerden. Ein kleiner bebrillter Ömmes, Sohn eines Innenstadtnotars, behauptete, ihm sei die Sicht auf die Tafel durch Ingolfs» Zottelhaar «versperrt. Am nächsten Tag wiederholte er das, in gestelzten Worten. Ingolf bestand darauf, er habe nicht vergessen, zum Friseur zu gehen. Schließlich konnte man ein Duo aus der letzten Reihe bewegen, in die zweite zu ziehen, so dass Ingolf und Marleen sich im hintersten Winkel des Klassenraums wiederfanden.

«Was ist das für eine Hose?«, flüsterte er.

«Pluh-Tschiens.«

«Woher?«

«Ju-Ess-Wörld in Düsseldorf.«

«Teuer?«

«Weiß nicht.«

Die Woche drauf trug er auch Pluh-Tschiens. Marleen verlor darüber kein Wort. Sie mochte ihn und alles, was er besaß. Er trug einen Winteranorak mit Pelzkranz in der Kapuze. Seine Schuhe waren aus rotbraunem Leder. Sein Schulranzen hatte Verschlüsse, die im Dunkeln leuchteten. Sein Schreibwerkzeug ordnete er nicht einzeln in ein Etui, sondern warf alles in einen länglichen Lederbeutel. Sein Radiergummi war ein wässrigweißer Block, der nach Früchten roch. Darauf abgebildet war ein Dackel in Orange, Korngelb, Grasgrün, Lila und Himmelblau, auf der Rückseite die Spirale der Olympischen Spiele aus dem Jahr zuvor. Den Gummi lieh Marleen sich beim Rechnen jeden Tag, zehnmal in der Stunde, und schnüffelte dran. Dann lag er zwischen ihnen wie ein Talisman. Die tragischen Spiele, aber die Farben der Zukunft. Schließlich hatte Ingolf ein Einsehen.

«Kannste haben.«

«Nee.«

«Warum nicht?«

«Weiß nicht.«

«Stell dich nicht so an!«

Jetzt besaß sie etwas, das roch, und es hatte mit Ingolf zu tun. Wenn niemand in der Nähe war, durfte sie ihm sogar in die Haare fassen. In diesen Tagen wachte sie auf und fand sich schwebend. Zum Glück war aus dem Scharnier der Brille eine Schraube verschwunden, so dass der Papa sie noch einmal nach Düsseldorf kommen ließ:

«Kann ich mit Ingolf?«

«Wer ist denn Ingolf?«

Die Aufmerksamkeit im Kleinen war noch nie der Väter Stärke; ein Mann wie Petrus kümmerte sich lieber um große Kampagnen. Am nächsten Tag würde er ein Flugzeug nach Amerika besteigen.

Um eins saßen die beiden auf hohen roten Hockern und teilten sich eine Pizza, im Rücken die Altstadt und vor sich das große Fenster, vor dem die Straßenbahnen spektakulär um die Ecke bogen, eine nach der anderen. Sie zählten die Passanten mit Pluh-Tschiens und fanden, das wären aber ganz schön viele. Sie waren nicht allein in dem Gewimmel und Getöse.

Marleen bemühte sich, ihren Stolz zu verbergen, als sie den Jungen mit dem Wattehaar über die riesigen Zebrastreifen der Königsallee unter der aufgebockten Straße hinweg in den offenen und lauten Teil der Schadowstraße lenkte, wo sie dann vor einem Haus aus Marmor und Glas standen. An der Rezeption der Agentur wurde Marleen als» Funkemarieschen «begrüßt.

Ganz vorsichtig durften sie die großen Rollschubladen des Archivs durchsehen, in denen Entwürfe, Andrucke und Plakate aufgehoben waren. Falls sie etwas mehr als zweimal fanden, konnten sie ein Exemplar mitnehmen. Ingolf entschied sich für die Seite aus einer Illustrierten, die ein vornehmes Stadthaus zur blauen Stunde zeigte, in dem ein einzelnes gelbes Licht brannte. Vor dem Haus, fast Schatten, ging ein Junker im Frack vorbei. Marleen sicherte sich ein Plakat, auf dem hinter einer vereisten Scheibe drei todschicke Nonnen zu sehen waren, die den Eindruck erweckten, sie würden aus einer Raumfähre ins Weltall schauen.

Wieder in der Pomona, hängte sie sich das Plakat übers Bett, vier Reißzwecken und ein bisschen angeschrägt. Mit einer gewissen Spannung erwartete sie die Reaktion ihrer Mitbewohnerin. Johanna tat so, als bemerkte sie das Bildmotiv gar nicht, und las still, dann laut den Slogan:»sexy mini … super flower … po pop cola — was soll das denn heißen?«

«Keine Ahnung«, antwortete Marleen.»Hat Brad Kilip erfunden.«

Johanna stopfte ihren Katechismus in ein Wildledertäschchen und maß, bevor sie das Zimmer verließ, ihre Schwester mit dem Blick der Wissenden.

«Ich glaub’, du hast wirklich ein Schräubchen locker.«

Jugendstil

Nach Florida hatte Petrus verkündet, so solle man es wieder machen, Sonne mitten im Winter,»Das ist doch sehr erholsam. «Von einem Sommerziel, einst sein Ehrgeiz als Trendscout, war nicht mehr die Rede. Petrus reiste jetzt viel, nach London, New York, Tokio, nach Delhi, man müsse die Agentur verinternationalisieren, sonst gehe sie unter. Wenn er verreist war, sah Lore in der Pomona 133 herunter auf die beiden 2CVs, die im Hof standen, und überlegte, ob sie eine Gefangene sei, eine Gefangene an einer langen Kette.

Zu Johannas Erstkommunion war Petrus übernächtigt aus Asien zurückgekehrt, geistesabwesend, beglückt, unzugänglich, die Haare immer noch dunkel, herausgewachsen, aber für die Kirche warf er sich in einen nagelneuen Smoking aus Hongkong, das ließ er sich nicht nehmen. Johanna war sehr ehrgeizig, was den Weißen Sonntag betraf, den Tagesplan, die Gäste, und sie war stolz, ihre Eltern so festlich gekleidet zu sehen, die Mutter im grauen Kostüm, eine Bluse wie Wüstensand, uralte Klunker um den Hals.

Johanna, inspiriert durch die Lehre in Dreikönige, hatte sich bisweilen im Atelier festgesetzt und Lore religiöse Geschichten vorgetragen, die alle darauf hinausliefen, dass jemand den Glauben wiederfand, trotz widriger Umstände nicht verlor, oder zum ersten Mal die Gute Botschaft vom Opfertod Christi hörte. Ihre Fähigkeit, wörtlich abzuspeichern und dennoch sinngemäß zu betonen, war allerdings bemerkenswert. Sie setzte sich kerzengrade auf einen birkenhölzernen Hocker, warf ihren dunklen Pferdeschwanz nach hinten und sprach:

«Eine Frau wird in einen tiefen, schauerlichen Kerker geworfen. Sie hat keine Hoffnung, aus dem Verlies zu entkommen. Dort wird ihr Kind geboren. Von der Welt sieht es nicht mehr als kalte Mauern und Dämmerlicht. Seine Mutter aber erzählt ihm, dass es dort draußen eine Welt gibt, die schön ist, Sonne und Mond, Blumen und Vögel. Das Kind hört zu. Und obwohl es diese Herrlichkeiten nie gesehen hat, so glaubt es doch daran, denn die Mutter hat es ja gesagt, und die Mutter sagt die Wahrheit. So lernt das Kind kennen, was es erst später in der Freiheit schauen darf.«

«Und wird es das schauen?«, fragte Lore.

«Ja, wie jedes Kind Gottes, aber es kann davon noch nicht wissen.«

«Offensichtlich nicht, denn es ist ja mit der Mutter eingesperrt.«

«Aber die Mutter weiß von der Herrlichkeit.«

«Sie erinnert sich.«

«Es ist ein Gleichnis: Die Kirche ist die Mutter und Hüterin unseres Glaubens. Was sie uns zu sagen weiß, ist größer und schöner als alles, was wir uns vorstellen können.«

Das sind die Kammern der kindlichen Seele, runde, ovale, zapfenförmige Kammern, im Dämmerlicht reichlich geschmückt, mit samtenen Vorhängen und halb erblindeten Spiegeln versehen. Darin sind alle Geschichten ausgemalt, von der Schöpfung bis zur Apokalypse, die Dogmen in Gold auf knorrige Balken geschrieben, die Verheißungen funkelnd hinter Altären, die den buddhistischen ähneln, Stück für Stück selbstgemacht.