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Johanna mit ihrem strengen Scheitel, ihrem bohrenden Blick, ihren zu großen Füßen.

«Maria ist unsere Königin.«

«Sie ist die Mutter Gottes«, sagte ihre Mutter.

«Sie stand bei ihm und nahm an seiner Opferung teil. Das Schwert des Schmerzes durchdrang auch ihre Seele.«

«Natürlich.«

«Sie war nicht natürlich. Denn ihr Leib war ohne Sünde.«

«Niemandes Leib ist ohne Sünde, Johanna.«

«Aber Marias schon. Deshalb blieb ihr Leib vor der Verwesung bewahrt.«

Lore überlegte einen Moment, ob es klüger sei zu widersprechen oder Johanna gewähren zu lassen.

«Deshalb blieb ihr Leib vor der Verwesung bewahrt«, wiederholte Johanna, immer noch gerade auf dem Hocker sitzend, die rechte Hand an der linken Brust.

«Im Himmel thront Maria als Königin aller Engel und aller Heiligen. Sie herrscht mit Christus über die ganze Welt. Mit barmherziger Mutterliebe umfängt sie sämtliche Brüder und Schwestern ihres Sohnes.«

«Hatte Jesus Schwestern?«

«Die Schwestern Jesu sind wir.«

Lores eigene katechetische Bildung war holterdipolter vonstattengegangen, Kommunion und Firmung in einem; dass der katholisch groß gewordene Gatte sie führen und festigen würde, war vorausgesetzt worden. Außerdem war die Leidensgeschichte Jesu in beiden Religionen die gleiche. Die Marienlegende hatte sie nie internalisiert, schlecht gelernt, wie sie jetzt dachte.

«Mama, du bist doch auch getauft?«

«Ja. «Sie verschluckte das» natürlich«.

«Ich meine katholisch getauft?«

«Die Taufe ist universal. Ich bin gefirmt, wenn du das meinst.«

«Es sind beides Sakramente.«

«Das mag sein, mein Schatz.«

«Es ist gewiss so.«

Gern hätte Lore Petrus gefragt, was er davon hielt. Ob es richtig war, Johanna in Dreikönigen zur Messe gehen zu lassen. Ob man sie in ihrem Wissen bekräftigen oder ihren Eifer bremsen sollte. Oder beides. Und wie. Aber sie und Petrus hatten über Dinge des Glaubens nie gesprochen, nur über die Wahl der Konfession. Sie wusste gar nicht, was er wirklich glaubte, ob er glaubte; und so wenig, wie sie ihn danach fragen wollte, wollte sie gefragt werden. Man hatte sich eingerichtet im Zwischenreich, kurz vor dem Bekenntnis zum weltlichen Leben, das man führte, in der Absicht, alles richtig zu machen oder nichts auszulassen, was bis vor kurzem als dasselbe erschienen war. Jetzt aber nicht mehr. Es war offensichtlich, dass Johanna sie missionieren wollte. Es schien Lore, sie hätte besser am Protestantismus festgehalten, ein Terrain des Glaubens, das sie gegen Johanna und ihre Mariengläubigkeit verteidigen könnte. Etwa so:»Liebe Johanna, wir Reformierten sprechen selbst mit dem Lieben Gott, wenn es uns danach drängt, und wir hauchen, was uns quält, nicht in das Ohr eines Priesters. «In der Tat fragte sich Lore, ob Johannas Pfarrer eine tiefere Einsicht in die Familie Schuller hatte als diese in sich selbst.

Eine Weile fand sie Gefallen daran, große Sommerpläne auf eigene Faust zu schmieden, mit vier Kindern ins Flugzeug und ab nach Alicante. Oder alle mit dem Nachtzug nach Rimini. Marleen und Cristina, immer wieder:»Das ist doch sehr erholsam. «Noch aber zögerte Lore, ein Leben ohne Petrus zu beginnen, und sei es nur im Kleinen. Die Jugendstilvilla in Gruiten war weit genug weg für einen Schauplatzwechsel im Sommer 1974, doch nah genug an Neuss, so dass es keinen Grund für Petrus gab, sich nicht blicken lassen. Lore hatte beschlossen, auf Petrus zu warten um den Preis, dass sie die Stricke der Familie spürte, und keine Frage, die Mädchen ahnten Böses. Sie alle machten Halt, was den Gespenstern Gelegenheit gab, nach ihnen zu greifen, manche bald, manche später.

Es war nicht weit von Neuss nach Gruiten, aber Petrus war früher immer findig darin gewesen, so zu tun. An einem Freitagabend hatte er geglaubt, die Autobahnen seien mit Sicherheit dicht. Ein anderes Mal war ihm eingefallen, man müsse sich dringend um sein eigenes Haus kümmern. Stand Gruiten wieder auf dem Plan, erinnerte er an all die Zecken im letzten Jahr, obwohl es nicht mehr als zwei Zecken pro Kind gewesen und schon drei Sommer seitdem ins Land gegangen waren. So hatte sich selbst in Lore das Gefühl festgesetzt, ihre Eltern wohnten an einem entlegenen Ort, wie auf einer Hallig, die von Booten kaum bedient wurde. Sie ahnte aber, dass darin auch ein Kompliment lag, ein unablässiges Werben von Petrus’ Seite, sie in seine Welt zu ziehen, viel Laisser-faire mit Sprengseln von Weihwasser. Um der Gerechtigkeit willen, aber auch nicht öfter als zweimal im Jahr, war man die Grand-Grand-Tour gefahren — wie Petrus das nannte — zu seinen Eltern ins fachwerkgeschachtelte Bacharach, wo es selbst am Samstag sonntäglich zuging, und weiter nach Gruiten, wo man das Unkraut sprießen ließ, das Haus der Großeltern Fleck riesig, aber kein Fernseher, das fanden die Kinder sonderbar.

Marleen hatte es schon als Kleinkind entzückt, dass die Mutter in» Lolland «geboren worden war, und noch als Zweitklässlerin wollte das Gefühl sie nicht verlassen, dass Gruiten in Holland lag. Obwohl einiges dagegen sprach. Man musste den Rhein passieren, an Düsseldorf vorbei, und tauchte dann ab in ein Labyrinth von Senken und Engführungen, die einen vom Himmel entfernten, irdisch machten, man glaubte Eisenstaub im Haar zu haben, wenn man wieder zu Hause war. Später stellte sich heraus, dass der Neusser Sonnenuntergang in Holland stattfand. Gruiten aber — in der anderen Richtung — gehörte zu einer Landschaft, für die niemand so recht einen Namen fand, diese Mischung von plötzlichen Wäldern und schnaufenden Fabriken; klapprige viergeteilte Fenster entlang dunkel schimmernder Asphaltstraßen; die Störrigkeit von Dächern und Fassaden aus Schieferschindeln.

Petrus:»Das hat schon die Struktur des Ruhrgebiets.«

Lore:»Unsinn, es ist überhaupt nicht proletarisch, sondern rheinisch-mittelständisch.«

«Wir sitzen hier am nordwestlichen Ende des Bergischen Lands«, hatte Lores Vater bei jeder Gelegenheit wiederholt, bis er im Jahr zuvor gestorben war. Dennoch war es für die Pomos verwirrend, wie die Großmutter allein in der Einfahrt stand, um sie zu begrüßen. Wegen der Ente war jedem nur kleines Gepäck erlaubt. Das sah lustig aus, Lore und vier Kinder in dieser wackelnden Muschel, die Türen aufspringend wie bei einem Adventskalender.

Was Haus und Garten betrifft, ist die Anwesenheit eines Ehepaares günstig. Man nimmt Mann und Frau wie Statuen wahr, links und rechts, die einen Ausschnitt rahmen, der als Bild gelten darf. So hatten die Schullerkinder über Jahre in aller Ruhe das Gruitener Haus betrachtet. Es gab einen kleinen Speisesalon mit dunklem Parkett, die Fenster wie Eisblumen, teils mit farbigen Scheiben; eine Bibliothek hinter einer zweiflügeligen Schiebetür, leicht laufend wie ein Vorhang; eine mit Efeu bewachsene Kaminwand; einen Brunnen, den man sorgsam mit einem Eichenholzdeckel verschlossen hatte. All das war als unabänderlich betrachtet worden. Nun trat Klärchen Fleck selbst in dieses Bild, das prompt begann, sich zu bewegen. Sie hatte den schweren, schwarzen Kohleherd entfernen lassen und durch einen» modernen «Elektroherd ersetzt. Die Türen zur Bibliothek standen jetzt offen, durch Zierpflanzen in Porzellantöpfen blockiert. Im Garten waren zwei marode Kastanien gefällt worden. Nicht, dass es wirklich anders war. Es lagen auch in dem großen Bad mit dem hellen Steinboden Handtücher und Waschlappen bereit (zwei Waschlappen für jeden, einen für» oben «und einen für» unten«), rot für Johanna, grün für Marleen, blau für Cristina und weiß für Linus. Es schien, als wäre ein Licht auf Klärchen gerichtet worden, das sie näher rückte, größer erscheinen ließ. Sie war aus ihrer Geschichte gesprungen wie ein Küken aus dem Ei.