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Marleen und Cristina waren unterwegs im Garten, jetzt hier und plötzlich dort, aber dann segelte Cristina weiter und Marleen blieb sitzen bei den Liegestühlen, auf denen Klärchen und Lore still miteinander sprachen.

«Das ist ja auch gar nicht unser Stil«, sagte Klärchen, der Plural Gewohnheit. Marleen wartete ab, was ihre Mutter sagen würde, die zu wissen schien, was gemeint war.

«Was ist nicht euer Stil?«, fragte Marleen.

«Dieses Haus«, antwortete Klärchen. Marleen sah zum Haus, dessen rückwärtige Fassade im Schatten lag, kleinteilig und verspielt, wohlmeinend und düster zugleich: ein perfektes Haus, das es in ihrer Erinnerung schon immer gegeben hatte.

«Aber das ist doch euer Haus«, sagte Marleen.

«Nein, ist es nicht«, sagte Klärchen.

Und während Cristina weiter durch den Garten der Kindheit taumelte und Johanna, unansprechbar, auf ihrem Bett lag und Krabat las, tauchte Marleen ein in die eigene Zukunft. Es dauerte einige Tage, bis sie das Gröbste geordnet hatte.

Am schwersten zu begreifen war, dass die Deutschen einst böse gewesen waren, die Holländer aber gut. Die Holländer wollten Häuser mit großen Fenstern, die Deutschen bauten Panzer. Die Holländer hatten nichts gegen die Deutschen, sie holten ja den Großvater, um die Kunstgewerbeschule in Schoonhoven zu leiten. Und die Großmutter zeigte holländischen Mädchen, dass man Tischdecken auch ohne Blümchenmotive weben konnte. Dann kamen die Deutschen mit ihren Panzern. Die Großeltern dachten, nun wäre alles aus, aber die Deutschen ratterten weiter nach Frankreich. Hannelore und Gustav waren ganz klein gewesen, damals, Marijke noch nicht auf der Welt. Die Holländer hätten die deutsche Familie auch zum Teufel jagen können, wie Klärchen sagte, aber sie taten es nicht.

«Wir waren alle vereint in der Idee der Moderne«, sagte sie. Die Moderne, dachte Marleen, ist das Gegenteil von Krieg.

Das Haus, das sie schon lange kannte, war nach dem Krieg eine Schule geworden, Holland in Deutschland, und dafür hatte die Gemeinde Gruiten das Jugendstilhaus zur Verfügung gestellt. Marleen verstand nicht gleich, dass mit» Jugendstilhaus «dieses gemeint war, weil es zwar, wie sie sich dachte, sehr gemütlich war, aber doch eher etwas für alte Leute. Nur offensichtlich nicht für Klärchen, die dort mit dem Großvater eher zufällig wohnen blieb, als die Schule geschlossen wurde, nachdem er, Erwin Fleck, zum Leiter der Grundlehre an die Folkwangschule berufen worden war.

«Hat das was mit dem Garten zu tun?«

«Dem Garten?«

«Die Grundlehre?«

«Oh nein, Lenchen. Im Atelier findet das statt. Das bedeutet, die einfachen Sachen zu lernen, Zeichnen und Drucken.«

«Ist das denn so einfach?«

«Wenn man’s kann!«

«Und wo ist hier die Schule gewesen?«

«Ach, fast im ganzen Haus. Was meinst du, warum wir da oben acht Schlafzimmer haben, und sogar große.«

«Das waren alles Schulzimmer?«

«Werkstätten, meine Süße.«

«Und was war in meinem Zimmer? Ich meine, wo ich jetzt drin schlafe?«

Die Großmutter überlegte.»Das weiß ich nicht mehr so genau. Entweder das Fotoatelier oder die Werkstatt für Typografie.«

«Was ist denn das?«

«Das kann ich dir zeigen.«

Der Witwenstand Klara Flecks mochte zu ihrer plötzlichen Beliebtheit beigetragen haben. Aber vielleicht war es auch Solidarität mit Lore, der Ältesten, die ihre beiden Geschwister dazu brachte, an diesem Juliwochenende nach Gruiten zu kommen. Angereist war Gustav, Internist in Unna, mit seinem Sohn Jörg-Uwe, der als Einzelkind die schwierige Aufgabe hatte, dem Ehrgeiz seines Vaters und dem Phlegma seiner Mutter zu entsprechen. Marijke kam mit zwei Koffern aus Amsterdam, in denen, wie sie — etwas müde und doch verführerisch — sagte, sie alles habe, was man braucht. Im einen der Silberschmuck, den sie selbst herstellte und verkaufte, im anderen einige eher kurze Sommerkleider sowie dreißig Gramm Marihuana. Das erwähnte sie allerdings nicht in Gegenwart des Bruders.

Zur gleichen Zeit kam Ingolf aus Düsseldorf, der es sich nicht hatte nehmen lassen, allein zu reisen, eine halbe Stunde mit der Bahn in die Pampa. Er war kurz zuvor neun geworden. Seine ersten Jeans hatte er inzwischen auf der Mitte des Schenkels gekappt und dann mit der Schere Fransen geschnitten, so dass daraus hot pants mit halbtransparenten Beinkleidern wurden, was Marijke entzückte. Sie überschüttete den Jungen mit Komplimenten, eifersüchtig beäugt von Marleen und Jörg-Uwe, aus unterschiedlichen Gründen. Den Pseudoafro hatte Ingolf für den Sommer stutzen lassen, aber der Junge schien immer noch größer, als er war, und kräftiger auch, der breite Kopf und die roten Wangen.

Da es bei Gruiten keinen guten Schwimmplatz gab, fuhr man halb nach Düsseldorf zurück, um den Tag am Unterbacher See zu verbringen. Im Jahr zuvor hatte man aufgehört, ihn auszubaggern. Schnell waren die Schwimmer und die Ruderer angerückt. Johanna, die eine gute Schwimmerin war, kam von der anderen Seite des Badesees zurück und berichtete, dort würden Leute nackig baden und sogar nackig auf der Wiese liegen. Sobald ihr langweilig wurde, erzählte sie es noch einmal. Und dann hatte sie Glück, weil ein Mädchen aus Erkrath ihre Philippika mithörte und ihr am Eisstand etwas zuflüsterte, was Johanna das Herz erwärmte und was sie alsbald vor den Schwestern, dem Cousin und Ingolf als eigene Einsicht ausgab, dass nämlich» das alles Protestanten sind«, denn» Katholiken machen so etwas nicht«, denn» wir wissen, dass die Unkeuschheit ein großes Unglück ist, und um keusch zu bleiben, müssen wir schamhaft sein«. Jörg-Uwe, der einzige Protestant in der Gruppe, tat so, als ginge ihn das nichts an, während Ingolf, der mit Marleen ein Handtuch zum Liegen teilte, dieser ins Ohr nuschelte, dass das alles Quatsch sei und sie auf Sylt früher immer nackt baden gegangen waren, das nenne man Freikörperkultur, und es gebe sogar Schilder dafür.

Johanna hatte gedrängt, dass man rechtzeitig zurückfuhr, weil sie um sechs am Abend in Haan in der Messe sein wollte, worauf sie sich festgelegt hatte in dem Moment, als ihre Großmutter verriet, dass Gruiten hauptsächlich protestantisch und Haan hauptsächlich katholisch war. Auf diesen Kreuzzug begab man sich mit Lores Ente, Johanna im Beifahrersitz. Glaubensritter Ingolf hielt auf dem Rücksitz die Hand seiner Marleen. Lore folgte dann den Ritualen der Messe penibel, blieb aber während der Kommunion doch sitzen, so dass Johanna das bekam, was sie wollte, einen bewunderten Auftritt als fremdes Kind unter gläubigen Erwachsenen; und den Triumph, dass sowohl Ingolf als auch Marleen nicht mitmachen durften, selbst wenn sie gewollt hätten, weil die Erstkommunion noch vor ihnen lag.

Während Lore die Gangschaltung reindrückte und rauszog wie Orgelregister, nutzte Ingolf den Rückweg von Haan nach Gruiten, um sich auszumalen, wie er nach der Erstkommunion Messdiener werden würde, nicht so ein Schussel wie der, den sie soeben gesehen hatten. Nein, er, Ingolf, würde ein» Mini «sein in makellosem Ornat, dem Sinn der Handlung in jedem Moment verpflichtet, sein Haar leuchtend wie eine Fackel der Verheißung, eine perfekte Show heiligen Ernstes. Er sprach das so nicht aus, aber der Ton seiner Stimme reichte, um mitzuteilen, wovon er träumte. Auch wiederholte Ingolf, er gedenke, dieses Amt in St. Quirinus auszuüben, was immerhin das Neusser Münster war, wo er auch die Firmung durch den Weihbischoff später erfahren würde. Es könne aber auch im Kölner Dom sein. Marleen sah ihn von der Seite an, wie er mit dem Auto in Kurvenlage ging, ein Engel, und phantasierte laut, dass sie das auch gern tun würde; dass auch sie gern Mini wäre; dass sie glaube, wenn man inständig drum bitte, zuerst die Jungfrau Maria, dann den Herrn selbst und schließlich den Pfarrer, dass es möglich sein werde, und natürlich stellte sie sich vor, dass sie den Dienst gemeinsam mit Ingolf versehen würde, gleiche Pracht und gleicher Ernst, Bluejeans unter dem Rock. Sie waren fast bei Großmutter Flecks Haus, als Johanna sich im Beifahrersitz umdrehte, Marleen fixierte und verkündete: