«Das wird niemals so sein, weil Frauen unrein sind. Sie können solche Dienste nicht versehen. Die Ordnung der Kirche ist gottgewollt, und du kannst es nicht ändern.«
So führte Johanna das Schwert gegen ihre Schwester. Die Bewunderung der Waffe überstieg die Bedenken gegen deren Einsatz. Was sie dekretierte, war bei weitem merkwürdiger als Ingolf, heimgekehrt aus der Diaspora, ahnen konnte. Denn Johanna und Marleen teilten ein Geheimnis, das als» Erste-Regel-Set «zu ihnen gekommen war, bestehend aus der instruktiven Broschüre zur Menstruation, die ihre Mutter illustriert hatte, und diversen Beigaben der Firma Carl Hahn aus Düsseldorf. Die Idee war, Mädchen vor der ersten Blutung Binden und Tampons ausprobieren zu lassen. Johanna und Marleen hatten in diesem Fall als Testpersonen gedient, und Lore, die inzwischen selbst zu Tampons gewechselt hatte, konnte dem Talk der Mädchen so viel ablauschen, dass sie wusste, dass es — hi, hi — geklappt hatte, abgesehen von den eindeutigen Hinterlassenschaften im Badezimmer.
Am Sonntag erscheint Petrus. Er hievt Linus auf die Schultern, der seinem Papa in die Haare greift und» Hüh!«ruft. Ansonsten ist die Stimmung in Gruiten etwas gedrückt. Ingolf und Jörg-Uwe spielen Tischtennis, verbissen um Punkte kämpfend. Cristina will nicht spielen, nicht einmal Schiedsrichter sein, schaut aber stundenlang zu. Marleen hat sich von Großmutter Fleck die Bauhausbücher zeigen lassen und studiert sie mit Lupe in Zeitlupe. Johanna hat sich in ihr Zimmer verkrochen. Sie antwortet nicht, als Petrus klopft. Er öffnet also die Tür zunächst nur um einen Spalt und findet sie auf ihrem Bett, Kissen überm Kopf. Auf dem Boden liegen vier Ausgaben der Brigitte, Klärchens Abonnement. Aufgeschlagen sind Seiten mit Werbung von Carl Hahn in Sachen o.b., Petrus’ eigene Kampagne. Er überfliegt die Motive und ist wieder hingerissen von seiner eigenen Idee, die Mädchenfotos ganzseitig zu platzieren und auf der gegenüberliegenden Seite den Text einspaltig dranzuhängen, so dass er wirkt wie redaktionell erstellt. Petrus hört schon das Klötern der Goldmedaille vom Art Directors Club. Auch wenn ihn das alles jetzt schon nicht mehr interessiert.
Ein fünftes Heft hat Johanna auf dem Bett begraben. Petrus entdeckt es, als er sich zu ihr setzt. Aufgeschlagen ist die Krönung der Kampagne, die Werbung für das» Erste-Regel-Set«. Das Foto zeigt ein nacktes zwölfjähriges Mädchen, das in einem altertümlichen Spiegel seine knospenden Brüste betrachtet. Petrus legt das Heft auf den Boden zu den anderen und streichelt Johanna, oder eigentlich das Kissen, was ungehaltenes Schluchzen zur Folge hat. Petrus wechselt zum Schreibtisch und liest im Katholischen Katechismus der Bistümer Deutschlands.»Für mein Leben: Ich will meinen Schutzengel lieben, ihn alle Tage andächtig anrufen, seinen Ermahnungen treu folgen und daran denken, dass er mich überall sieht. «Sehr trickreich, denkt Petrus, dieses» Für mein Leben«. Die haben schon auch sehr gute Texter. Er liest laut:
«Ich will meinen Schutzengel lieben, ihn alle Tage andächtig anrufen … und daran denken, dass er mich überall sieht.«
«Sei.. ahnung.. eufolgen«, kommt von unter dem Kissen zurück.
Johannas Gesicht ist aufgequollen, die Augen sind rot unterlaufen, die Haare offen. Die Kindernarbe auf der Stirn tritt hervor. Sie schmollt, sie heult, sie tobt. Sie hat ihre Sprache verloren. Es reicht nur noch bis zum Fragezeichen. Sie will alles wissen über das Foto, über dieses Mädchen aus Kalifornien, umso lauter schluchzend, als Petrus es ihr erzählt. Er träufelt ihr die Geschichte ein wie bittre Tropfen, die einzigen, die helfen. Falls sie helfen. Kampagnenklatsch, letztendlich, mehr nicht. Da ist sie wieder schniefend unter dem Kissen, dann trommelt sie gegen das Kopfstück ihres Bettes, und später reißt sie sich das T-Shirt vom Leib, Beweinung Christi, Tränen wie gemalt. Sie ist wirklich noch ein Kind, sagt sich Petrus, aber sie fühlt wie eine Frau. Er nimmt es, lallend und halbnackt, in die Arme und streichelt das Mädchen, bis es wieder sprechen kann. Den Rest des Abends weicht Johanna nicht mehr von Papas Seite, empfänglich für jede Sorte von Schmeichelei.
Nachts, Petrus und Lore gemeinsam in einem Bett, das ist lange nicht mehr vorgekommen. Es ist Lores Mädchenzimmer von einst. Er flüstert:
«Als Nächstes hätte ich den Exorzisten rufen müssen.«
«Was war denn eigentlich los?«
«Da haben die Mauern gewackelt. Alles.«
«Wegen einer nackten Laura aus Beverly Hills?«
«Das war der Auslöser, glaub’ schon.«
«Eifersucht.«
«Mmh. Die Kampagne macht sie eifersüchtig. Als hätte sie ›o.b.‹ erfunden.«
«Eifersüchtig auf die Kampagne!«
«Auf das ganze Ding eben.«
«Das ganze Ding.«
Sie kichern.
Lore:»Auf den Papa.«
Petrus:»Den Papa oder den Papst. Keine Ahnung.«
Sie dreht sich zu ihm und lässt ihre Hand in seine seidene Pyjamahose gleiten. Die lockere Hand der Hannelore Fleck. Im nächtlichen Garten hört man die Gräser lispeln.
«Ihr werdet ein Fleisch sein«, flüstert Lore, und Petrus raunt:
«Aber subito.«
Wandlung
An einem Donnerstag im September nahm Marleen ihr Fahrrad, verließ die Pomona über das Nadelöhr und strampelte entlang der großen Straße in Richtung Pius. Alles war zum Stillstand gekommen. Die Buchen und Birken waren noch grün, aber nicht mehr frisch. Die Vögel hatten längst ihre Nester aufgegeben. Ruhig und stolz stand die Spätnachmittagssonne über Holland. Was geschehen sollte, war geschehen, und was geschehen würde, gehörte in eine andere Zeit, eine andere Saison. Marleen war spät dran, aber sie beeilte sich nicht, wofür es Gründe gab. Die Kette hätte abspringen können. Sie mochte nicht verschwitzt im kirchlichen Unterricht sitzen. Vielleicht hatte sie einfach keine Lust.
Als sie in den Hof einbog, standen Fahrräder da, zwanzig oder mehr, die besten mit den Vorderrädern an die Stahlträger angeschlossen, manche frei herumstehend, eines — dem der Ständer abhandengekommen war — einfach auf die Kieselsteinplatten gelegt. Sie erkannte auch Ingolfs blauen» Schlitten «mit dem umgedrehten Rennlenker. Der Gemeindesaal grenzte an den Fahrradhof, aber ohne Fenster. Marleen war abgestiegen. Sie sah sich um. Sie fragte sich, ob der Hof sie traurig machte. Obwohl die Katechesezeit vor mehr als einem Monat begonnen hatte, war es überhaupt das erste Mal, dass sie ihn sah, mit den Betonschränken für die Mülltonnen gegenüber, ein wenig gepflegtes Beet dahinter. Oder ob sie so traurig war, dass sie deshalb den Hof betrachten musste. Sonst hatte sie immer ihr Fahrrad abgestellt, mit der einfachen Hinterradblockade gesichert und war weitergelaufen in den Gemeindesaal, den sie sich jedesmal vorgestellt hatte, mit seinen Holzstühlen und seinem Geruch, bevor sie eingetreten war.
Marleen dachte eine Weile nach, obwohl sie nicht genau wusste, worüber. Sie hatte sich mit dem rechten Ellbogen auf den Fahrradsattel gestemmt, was zum Nachdenken besser passte als gerade zu stehen. Nur so viel war klar, sie würde über kürzer oder länger entscheiden müssen, ob sie hineingehen würde oder nicht. Nicht, dass die anderen Kinder schon wieder herauskämen, während sie hier noch stand. Dann müsste sie sagen, sie hätte sich in der Uhrzeit geirrt. Im Vergleich dazu war es leichter, jetzt hineinzugehen und sich beim Kaplan Valentin für die Verspätung zu entschuldigen. Missmutig beschloss Marleen schließlich, die Katechesezeit ein einziges Mal auszulassen, dieses Mal, und die verbleibende Zeit in der Neusser Innenstadt zu verbringen. Ist ja schließlich nicht verboten, dachte sie.
«Nicht verboten!«, rief sie laut, als der Gemeindesaal außer Hörweite war. Ein Mann mit Hut schaute die kleine Radfahrerin verwundert an und sein Dackel ebenfalls. Marleen dachte, was sie nie zuvor gedacht hatte, dass es besser wäre, woanders zu sein. In Köln vielleicht oder in Paris. Sie hatte in einer Bildstrecke geblättert, die ein griechisches Inseldorf zeigte, alle Häuser weiß unter tiefblauem Himmel. Den Bericht dazu hatte sie allerdings nicht gelesen, so dass sie nicht sicher war, ob das weiße Dorf für sie das Richtige wäre. Sie las überhaupt nicht sehr viel, nicht wie Johanna, nicht einmal ein Bruchteil davon. Immer hakte sie irgendwie fest; manche Worte verwechselte sie mit anderen. Am Vortag war sie zu einem Test bestellt worden. Möglicherweise habe sie eine Leseschwäche, hieß es. Sie fand nicht, dass man das erst testen musste, sie hätte es denen gleich gesagt. Aber es waren keine Lehrer, sondern Psychologen, und die hatten sogar ein Wort dafür. Sie war eine» Legali…«, eine» Leganstisch…«, sie hatte sich das nicht gemerkt. Noch stand es nicht fest. Nächste Woche würde man es wissen. Haha.