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Das wichtige Wort aus Gruiten aber hatte sie parat.

«Haben Sie ein Buch über das Moderne?«, fragte sie in der Stadtbücherei.

Der Mann bündelte einen Stapel Karteikarten mit einem Gummiband, legte ihn beiseite, nahm seine Brille ab und sah sie an. Marleen schaute durch ihre Eulenbrille zurück. Ihre Haut hatte das Glühen des Spätsommers. Mit einem leichten S-Schwung stand sie da, fliederfarbener Nicki, Levi’s, ein Buch in der linken Hand, das unschwer als Katechismus zu erkennen war.

«Setz dich«, sagte der Bibliothekar. Sie setzte sich auf die vordere Kante eines hölzernen Freischwingers. Den Katechismus legte sie hinter sich.

«Es gibt sicher nicht nur ein Buch über die Moderne.«

«Kann man die ausleihen?«

«Das meiste kann man ausleihen. Was willst du genau wissen?«

Marleen starrte ihn an.

«Interessiert dich moderne Architektur? Modernes Theater? Moderne Malerei?«

«Nicht das Theater«, sagte Marleen. Sie verschaffte sich etwas mehr Platz auf dem Stuhl. Dabei fiel der Katechismus hinten runter.

«Hast du denn Zeit?«, fragte der Mann.

Das hatte sie noch nie jemand gefragt. Kein Erwachsener, jedenfalls.

«Bis sechs«, sagte Marleen.

«Dann schließen wir sowieso. Das reicht für einen Überblick. Den Katechismus kannst du auf meinen Schreibtisch legen. Ich zeige dir erst mal das Schlagwortregister.«

Am Freitagmorgen kam sie auf die Sekunde neben Ingolf zu sitzen, was ihn aber nicht davon abbringen konnte zu zischeln:

«Wo bist du gewesen gestern?«

«In der Bücherei.«

«Der Bücherei?«

Sie nickte, während die Klassenlehrerin einen Guten Morgen wünschte und ein Brummeln, Quietschen und Stöhnen zur Antwort bekam. Der Junge sah Marleen mit riesigen Augen an, immer wieder. Zur Pause duckte sie sich weg. Den Rest des Vormittags tat er, als wenn nichts wäre. Als sie mit dem Fahrrad einbog in die Pomona, stand er da vor dem Haus des Architekten, der sich vor die Siedlung gesetzt hatte wie ein Pförtner. Um die Bremszüge seines Rads hatte Ingolf blau-weiße Schmuckverkleidung gewickelt. Er streichelte sich durchs Haar, das er wieder hatte wachsen lassen. Sie hielt an, weil sie wusste, vorbeizufahren hätte geheißen, seine Freundschaft zu verlieren, vielleicht für immer. Sie kannte die Schwierigkeit, jemandem in die Augen zu sehen, wenn man etwas nicht sagen will, dieses blöde Grinsen, hündisch, obwohl Hunde nicht wirklich grinsen. Dabei wusste sie noch nicht einmal, was es war, das sie nicht sagen wollte.

«Der Kaplan Valentin hat gefragt, was mit dir is.«

«Hat dich gefragt?«

«Hat mich gefragt.«

«Und …?«

«Ich habe gesagt, dass ich mich kümmere. Wir wollen unseres Bruders Hüter sein.«

«Ich weiß. Aber Mädchen zählen nicht.«

«Bruder oder Schwester, wir sind alle Kinder Gottes.«

«Du wirst Messdiener, und ich darf nicht.«

«Woher hast du das. Aus der Bücherei?«

Sie sah Ingolf an. Sie nahm die Brille ab, um sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Auge zu wischen. Das kam vom scharfen Wind der niederrheinischen Ebene. Da tränen die Augen manchmal.

«Indschie …«, nur sie durfte ihn so nennen.»Ich hab’s mir überlegt.«

Was sie selbst überraschte, denn sie hatte überhaupt nicht überlegt.

«Wir sollen das Blut Christi teilen«, hauchte Ingolf.

Lore, die mit der Ente vorbeifuhr, tat so, als würde sie das Paar nicht sehen.»Liebesdrama mit neun«, dachte sie.»Schöner Scheiß.«

«Ich hab mir’s überlegt«, sagte Marleen.

«Und wat?«Man hörte noch, dass er nicht aus dem Rheinland kam.

«Ich komm nicht mehr. Ich will keine heilige Kommunion.«

«Biste jeck?«

Das Bild, das sie jetzt abgab, hätte Marien alle Ehre gemacht. Die Tränen und dieses Lächeln, beides zugleich.

«Vielleicht bin ich jeck«, sagte sie.»Kann schon sein.«

Petrus, unterdessen, war nach der Stippvisite in Gruiten wieder in Amerika unterwegs und flog dann von Los Angeles nach Sydney, nochmals nach Hongkong und wieder nach Delhi, das alles, um seinen Aufgaben gerecht zu werden, einerseits Brad Kilip in der Welt bekannt zu machen und andererseits Oberholtzer von» Inspirationen «zu berichten, wozu alles gehörte, was in Düsseldorf fremd war, exotische Drucktechniken, Nachrichtenwege, Artefakte und Riten. In Los Angeles hatte er den Grateful Gerd dabei, in Sydney die junge Art-Directorin aus der Baracke;»Indien kannste machen«, hatte Oberholtzer beschieden, aber» dat wird erst mal kleine Münze bleiben, da kannste sischer sein«. Es konnte durchaus sein, dass es Petrus nicht nach Delhi und Goa trieb, um Brad Kilip bekannt zu machen, sondern weil er dort jene Leute wiedertraf, die er, ganz für sich, den» Jet-set des Abseitigen «nannte, durchgebrannte Manager aus New York, müde Filmleute aus der Cinecittà, schwülstige Popmagnaten aus London und jede Menge einzelreisender Frauen, die unbedingt nicht mehr Norwegerinnen oder Australierinnen sein wollten, Inderinnen aber auch nicht. Von ihnen gedachte Petrus etwas zu lernen, das Verharren im Genuss, die Liebe zum Augenblick, er würde die Worte dafür schon finden. Vor allem erwartete er mit einer gewissen Erregung das Wiedersehen mit dem Team vom stern in einer Stadt namens Poona, die er noch nicht kannte, die aber mehr Freaks zog als alle anderen zusammen,»ungeheure spirituelle Kräfte«, hatte der Redaktionsfotograf gesagt. Die Verbindung zu den Journalisten war es, die Petrus das Gefühl verschaffte, auf einer höheren Ebene der Erfahrungskunde angekommen zu sein, ohne den Makel des Reklamefritzen, aufgenommen von den Cogniscenti, eine Plattform, von der aus zweierlei möglich war, entweder die Werbung zu verlassen oder sie zu veredeln. Auf jeden Fall war Indien die Pforte zum Neuen, und dass er nicht wusste, was das Neue war, machte ihm keine Angst oder nur ein bisschen. Es tat ihm gut mit 41 Jahren, nachdem fast alles, was hatte gelingen können, gelungen war.

Lore, im August und September Empfängerin zweier handgeschriebener Briefe, las darin nicht das, was sie später darin lesen sollte. Sie wunderte sich zunächst über die Verwandlung ihres Reklamegigolos in einen Sinnsucher, eine Verwandlung, die umso rätselhafter war, als sie in ihrer unmittelbaren Nähe stattgefunden haben musste.

Es war plötzlich noch einmal warm geworden. Das Atelierfenster war so weit es möglich war geöffnet, das eine große Glas über das andere geschoben, und Lore sah auf das Atrium hinaus, mit seinem in die Jahre gekommenen Sandkasten und dem veralgten Teich, an dem sich der Reiher schon lange nicht mehr gezeigt hatte. Plötzlich wurde sie des Lärms gewahr, ein Rauschen an der Schwelle zum Dröhnen, ein unterirdischer Wasserfall oder ein Flugzeug über dem Haus. Es ließ nicht nach. Sie rauchte eine Zigarette, die einzige verbliebene am Tag, Camel Filter. Marlboro, hatte Brad Kilip herausgefunden, rauchten Leute, die sich Ziele steckten, und Camel jene, die sie schon erreicht hatten. Sie blies den Rauch durch die türhohe Öffnung ins Atrium. Es war kurz vor Mittag, Linus noch nicht aus der Schule zurück; noch nicht einmal sechs Jahre alt, hatte er darauf bestanden, allein zu gehen. Der Lärm blieb. Der Lärm, gegen den sie sich mit dem Erdwall hatten schützen wollen, war über die Jahre offenbar um ein Mehrfaches angewachsen, lauter als die Luft selbst, wie Lore dachte. Sie horchte eine Weile, ob er nachlassen würde, aber er lag über der Pomona wie eine Glocke.