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So hätte sie fast das metallische Däng-dong nicht gehört. Sie eilte zur Sprechanlage, es war nicht Linus, es war der Kaplan Valentin, ob sie einen Moment Zeit hätte, und auf dem Weg zur Tür dachte sie: Diese verklemmten Kirchenheinis — Oh Gott, der kommt jetzt wegen Marleen — Ich werde nicht sagen, dass ich konvertiert bin — Petrus müsste sich dem stellen — Vielleicht hat Johanna den geschickt, Quatsch, die ist doch in Dreikönigen — Oder ich beichte, ob er will oder nicht,»wissen Sie, ich habe da so gewisse Phantasien, die mich verfolgen …«— Dann wird er schon wieder abziehen.

Der Kaplan reichte ihr jovial die Hand. Man kenne sich schon seit dem Beginn von Marleens Katechesezeit, aber Lore konnte ihn nicht zusammenbringen mit einem Mann in schwarzer Kutte, dem sie einmal flüchtig die Hand gereicht hatte. Sie sagte, sie sei Marleens Mutter, obwohl das nicht weiter fraglich war. Er strebte auf eine Weise ins offene Haus, dass man meinen mochte, die Tasse Kaffee am Esszimmertisch, vielleicht sogar Wohnzimmertisch mit Kaffeesahne und Zucker wäre ihm sicher, aber Lore leitete den fremden Mann in ihr Atelier, wo das Fenster noch offen stand. Der Geruch der kalten Zigarette kam aus dem Ricard-Aschenbecher, der auf dem Hocker abgestellt war. Sie bugsierte den Ascher auf den Boden, deckte ihn mit einem kleinen Zeichenblock ab und schob dem Kaplan den Hocker hin, der ihn mit klösterlicher Bescheidenheit annahm. Selbst setzte sie sich auf ihren drehbaren Arbeitsstuhl, der lustig aussah, wenn man dafür ein Auge hatte, mit seinen Armlehnen, die nach vorne hin anstiegen, als wollten sie Hallo winken. Auf dem Tisch lagen Serienentwürfe eines Männleins mit zu großem Kopf in schwarzer Tusche; Lore illustrierte jetzt Kinderbücher.

Der Kaplan hatte einen frischen Teint, braune Augen und mittelblonde Haare, die er hinten kurz trug und vorn lang genug, um sie sich gelegentlich aus der Stirn zu wischen. Lore glaubte, er sei jünger als sie selbst, zumal sein Gesicht, etwas gepolstert, kaum Zeichen des Alters zeigte. Er kenne mittlerweile viele Kinder aus der Pomona, bemerkte er, aber sei noch nie in der Siedlung gewesen, was gleich zu Marleen — der Abtrünnigen, wie Lore dachte — hätte führen können. Stattdessen machte er eine Pause. Und schon erzählte ihm Lore von dem Lärm, dessen Unablässigkeit ihr eben erst aufgefallen war, und von der Bauzeit, Johannas Sturz in die Grube und dem siegreichen Kampf um den Lärmschutzwall, dessen Vergeblichkeit sie nun einsah.

Er hatte sich vorgebeugt und die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, die er zu einer Schale geformt hielt. Erst jetzt bemerkte Lore, dass er keine Amtskleidung trug, sondern schwarze Cordhosen und eine karierte Jacke, weiß gefüttert, und Schuhe, die eher zum Country- und Westerngenre gehörten.

«Ach …«, sagte er etwas gedankenverloren. Sie sah ihn erwartungsvoll an.»Das würde ich nicht ins Metaphysische heben.«

«Ins Metaphysische?«

«Den Lärm, meine ich. Sehen Sie, es mag ja etwas laut sein, aber wenn es den Wall nicht gäbe, dann wäre es viel lauter. Insofern würde ich auch jetzt noch sagen, dass der Feldzug gelohnt hat.«

«Wissen Sie, was ich manchmal gedacht habe … Dass wir die Sache gewonnen haben, hat zu unserer Abkehr von der Politik geführt. Der lokalen, meine ich. Hätte die Stadt uns länger warten lassen, säßen wir heute vielleicht im Gemeinderat.«

«Das würde ihm guttun.«

Für einen Moment dachte Lore, er meine Petrus.

«Wem?«

«Dem Rat der Stadt. «Sie lachten, aber nicht laut.

Während er nun wieder gerade saß und die Arme ausfliegen ließ, betonend und deutend, lenkte er das Thema unversehens auf das, was er seine kleine politische Schulung nannte, die Begegnung mit Theologen in Südamerika, die sich gegen gewalttätige Regime stellten, Priester zu jener Zeit interniert, gefoltert, plötzlich unauffindbar in Argentinien.

Dabei sei es ja nie die Absicht der Kirche, die staatliche Obrigkeit zu ersetzen, zumal sie, die Kirche, ohnehin ein Paralleluniversum darstelle.

«Es geht nur darum, die alten Fehler gutzumachen. «Er strahlte von innen heraus, ohne zu lächeln.»In Mexiko hat die Kirche die Leute dumm gehalten, absichtlich, die Eingeborenen von jeder Bildung, von jeder Partizipation abgeschnitten, und das über mehr als ein Jahrhundert. Ich war in Peru, aber nicht für die Kirche.«

«Sondern?«

«Als Arzt.«

«Können Sie da nicht mehr helfen als … als …«

«Das dachte ich eben auch! Und ich habe meinen Teil getan, zwei Jahre lang. Aber es waren die Priester, die den Leuten die Brücke gebaut haben in ein anderes Leben. Nicht umsonst nennt man das ja die Theologie der Befreiung.«

«Dann sind Sie umgeschwenkt?«

«Milde ausgedrückt, ja. Es gab dort auch einige Ärzte-Priester, deren Weisheit und Voraussicht mir großen Eindruck gemacht haben. Dann bin ich erst einmal zurück nach Deutschland, um meine Kirche kennenzulernen. Mit der ich eigentlich nichts zu tun gehabt hatte, bis dahin.«

Der Kaplan Richard Valentin war bei Breslau als Sohn eines mittelständischen Tuchfabrikanten zur Welt gekommen. Zu seinen ersten Erinnerungen gehörten brennende Dörfer und Städte. Die Mutter, verwitwet, flüchtete mit dem Kleinkind nach Holstein und zog später, als man sich frei bewegen durfte, nach Fulda, wo sie ein Kurzwarengeschäft betrieb,»ihre Tapferkeit vergoldet durch Lastenausgleich«. Lore schätzte seine Geburt auf 1941 oder zwei Jahre früher. So viel jünger als sie wäre er nicht.

«Ich habe alles normal durchlaufen, Taufe, Kommunion, Firmung, aber ich wollte, ja was wollte ich. Ich wollte wohl in weißen Sachen auf dem Tennisplatz stehen, mit dem Mercedes-Cabrio vor der Tür.«

Lore zögerte einen Moment.

«Vor welcher Tür?«, fragte sie in dem Moment, als jemand schellte.

Sie lachten. Sie bat den Kaplan sitzen zu bleiben. Als sie wieder im Atelier erschien, brachte sie Cola und Bahlsenkekse und zwei Gläser, alles auf einem Tablett, das vor dem erstaunten Kaplan plötzlich Beine bekam und dann als Teetisch zwischen ihnen stand. Linus, der früh Schulschluss hatte, schaute herein, grüßte nicht und machte kehrt.

«Wer ist das?«

«Linus.«

«Wie bei den Peanuts

«Sie kennen die Peanuts

Es stellte sich heraus, dass der Kaplan nicht nur die Peanuts kannte. Er kannte auch Kalle Blomquist, das Sams, die kleine Hexe und Die Legende vom Schwarzen Mann, die Lore illustriert hatte.»Das spielt zwar in der Katechesezeit selbst keine Rolle, aber in den Kindergruppen nach der Erstkommunion durchaus.«

Womit er bei Marleen angekommen war.

Lore sah ihn ernst und schweigend an. Sie schaute in das Fach der richtigen Worte, und es war leer.

«Was glauben Sie«, fragte er,»hat Marleen dazu bewogen, die Katechesezeit zu unterbrechen?«

«Das hat sie Ihnen nicht gesagt?«

«Sie war ganz kurz in meinem Büro. Als würde sie eine Presseerklärung verlesen. Das klang so: ›Wenn ich zur Erstkommunion gehe, nützt mir das gar nichts, dann kann ich trotzdem nicht Mini werden.‹«

«Na ja, so etwas Ähnliches hat sie hier auch gesagt.«

«Und haben Sie nicht … Ich meine, das ist doch überraschend, finden Sie nicht? Ein Mädchen möchte offensichtlich Messdiener werden. Bis zu dem Zeitpunkt hat sie … hat es darüber aber nichts gesagt. Marleen zieht eine Verbindung von der Eucharistie zu dieser Frage, obwohl doch der Sinn der heiligen Kommunion niemals darin liegen kann, Ämter auf sich zu ziehen.«