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Ein richtiger kleiner Prinz war er. Marleen schenkte Ingolf ein Stehkragenhemd mit zwei vertikalen Bändern glitzernder Pailletten, das ihr Petrus mitgebracht hatte, von Cristina bekam er dänische Clogs, und Johanna hängte ihm ein hölzernes Kreuz um, an einem schwarzen Lederband, so dass Ingolf mit seinen weinroten Cordhosen und seiner Haarpracht in den modernen Räumen der 133 wirkte, als wäre er soeben aus Haight-Ashbury eingeschwebt. Er umschwärmte Marleen und betete heimlich mit Johanna, war in väterlicher Weise zärtlich zu Cristina, die ihn mit ihren florentinischen Augen still bewunderte, und trug Linus auf dem Rücken, der begeistert war von dem Wunder, plötzlich einen älteren Bruder zu haben. Was die Messen betraf, waren alle mal dran, Pius, Quirin und Dreikönige. Pius beehrten sie am Silvesterabend um sechs, wo die Messe vom Kaplan Valentin gelesen wurde. Lore nahm diesmal teil an der Kommunion, und als der Kaplan ihr den Becher reichte und ihr in die Augen sah, trank sie vom Blut Christi mit der ungeahnten Folge, dass sie den Kopf senkte und die Augen schloss und etwas im Licht einer Kerze vor sich sah: sich selbst und den Kaplan in vollständiger Vereinigung. Sie spürte, wie ihr der Kopf rot anlief, und es war ihr gerade recht.

Am ersten Geschäftstag des Jahres 1975 saß Lore, vom Betrieb im Foyer abgeschirmt durch eine graue Stellwand, beim Filialleiter der Deutschen Bank, mit einer kniffligen Frage. Wie konnte sie, als Ehefrau, es verhindern, dass ihr Mann einen Teil des gemeinsamen Vermögens einer Sekte vermachte; und war es möglich, sein monatlich aus Düsseldorf überwiesenes Gehalt vor Abbuchungen aus der Ferne, die schon in erheblichem Umfang stattgefunden hatten, zu schützen? Der Bankmann las, nur gelegentlich sich räuspernd, die Unterlagen und gab dann Entwarnung. Das Haus, weitgehend abbezahlt, sei auf beider Namen eingetragen und mit einer Unterschrift allein nicht zu veräußern. Noch ausstehende Kredite müssten selbstverständlich weiter bedient werden, sonst drohte Gefahr. Er schlug vor, den Dispositionskredit des gemeinsamen Kontos auf null herunterzufahren und das Gehalt am Tag seines Eingangs — er versprach, darauf in den nächsten Monaten persönlich ein Auge zu haben — auf ein anderes Girokonto zu überweisen, das sie jetzt unter eigenem Namen, gesichert gegen Zugriff» einer anderen Person«, eröffnen würde.

«Kann es da rechtlich Probleme geben?«

«Womit, gnädige Frau?«

«Mit dem Transfer des Gehalts.«

«Nein. Sie haben die Vollmacht über dieses Konto, und Sie nutzen sie. Das ist alles. Das Problem könnte nur mittelfristig sein, wenn — ich meine falls — das Gehalt von … wie heißen die jetzt noch mal … Kilip und Partner nicht mehr überwiesen würde.«

«Ich bin selbstständig«, sagte Lore.

«Gewiss«, antwortete die Deutsche Bank, sich ein flüchtiges Lächeln erlaubend.

Am gleichen Nachmittag gab Lore die beiden Enten beim Citroën-Händler ab, im Tausch für einen himmelblauen CS Break, ein Automobil von ungewöhnlicher Heiterkeit.

Tempi Novi

Paris ist keine Stadt, sondern eine Maschine. Der Motor brummt bei Tag und bei Nacht. Er betreibt den Stoffwechsel von Energien. Entzogen werden Artigkeit, Bescheidenheit und Mamastoffe, zugeführt werden Heldentropfen, Widerstandsbläschen, Egozucker. Wille und Wirklichkeit spiegeln sich wie der Bizeps rechts und der Bizeps links. Auf den großen Plätzen stehen Obeliske, die in den Himmel zeigen, und auf den weniger großen Pferde samt Reitern.

Alles geht mit doppelter Geschwindigkeit. Man geht ins Bett und denkt, man hätte nur die Hälfte erledigt. Währenddessen dröhnt die Stadt, Deckel drauf und man liegt im Topf gefangen. Man wird bebrütet und gegart. Man springt am Morgen beim Hupton durch eine sich von rechts und links gleichzeitig schließende Tür, während der Boden, auf dem man landet, sich in Bewegung setzt. Leider steht man auf dem Fuß des Nachbarn. Man sagt hier gnadenlos» Pardon«, zwanzigmal am Tag, wenn es sein muss.

Irgendwo in dem Koffer oder in einer der beiden Taschen ist auch der Langenscheidt, noch aus der Schulzeit, aber Marleen kommt nicht dazu, ihn auszupacken. Sie ist so schrecklich müde, von den Fahrten, dem Geplapper, dem Büro, von den kleinen Kindern der Jaccottets am Abend, die sie sogar anstrengen, wenn sie schlafen. Sie geht zwei Wochen lang hungrig ins Bett, bis sie das Angebot annimmt, sich in der Küche zu versorgen. Das tut sie, wenn von den Kindern nichts mehr zu hören ist. Sobald die Jaccottets wieder zu Hause sind, schleppt sie sich hoch in die Mädchenkammer unter dem Dach, wo ein altes, zu kurzes Metallbett mit einer zu weichen Matratze steht.»Défense «würde sie nachschlagen. Das könnte mit der Verteidigung zu tun haben, der Kriegszeit. Oder mit der Feuerwehr. Wenn sie nur nicht so müde wäre.

Solange sie unterwegs ist, am Morgen, taucht es immer wieder auf, überall. Sie weiß auch wo und erwartet es schon: An der Brandmauer um die Ecke steht es, fast unlesbar in bröckelnden, pechschwarzen Buchstaben. Am Bauzaun vor der Metro ist es mehrfach zu lesen, in Abständen von sechs Metern, gesprayt. Am Gerichtsgebäude ist es auf Messingschilder graviert, für jeden Gebäudeflügel einmal. Hoch über dem Eingang des Gymnasiums bemerkt sie es an einem späten Nachmittag, auf dem Rückweg, wegen der Schatten. Die Buchstaben stehen in riesigen steinernen Versalien über dem Portikus, als sei dies der Name der Schule: DEFENSE D’AFFICHER.

Kaum war Franz aus ihrem Leben entschwunden, stellte Marleen fest, dass sie in Kassel jeden kannte und dennoch einsam war. Alle hatten großen Spaß»an der Schule«, aber niemand schien ein Ziel zu verfolgen. Die einen wollten erst mal ihr kreatives Potenzial ausschöpfen, die anderen vielleicht» was in der Werbung «machen; einer wechselte zu den freien Malern und sprach danach nicht mehr mit den Illustratoren; die Filmleute tuschelten fortwährend über größenwahnsinnige Projekte, die in störrischen Fünfminutenfilmchen endeten. An denen hatten sie dann ein Jahr lang gearbeitet. Marleen aber verfolgte sehr wohl ein Ziel, nämlich die Schrift zu verstehen. Esme hatte gesagt, bevor sie nach zwei Wochen wieder auszog, dass es das gar nicht gebe,»die Schrift«, es gebe nur Schriften, und die könne man lernen wie das Rechnen, anfangs nicht leicht, aber letztlich kein Geheimnis.

Mit diesem Ziel vor Augen, hatte Marleen in Kassel ihre Aufgaben erledigt, ihre Leistungsscheine eingesammelt. Sie las einige Standardwerke zur Geschichte der Schrift und wurde dann bei Tomas Weingart HiWi, obwohl sie mehr Hilfe war als Wissenschaftlerin, die Instruktion im Blei- und Fotosatz übernehmend. Am Anfang des Sommersemesters wurde Weingart krank, und, weil er keinen Assistenten hatte, wurde sie gebeten, die Grundlehre zu beginnen. Wie jung die Neuen waren, unvoreingenommen, frisch, noch ganz Abitur und Lagerfeuer. Natürlich reizte das strenge Mädchen mit dem rheinischen Akzent ihren Widerstand, und einer, Beamtensohn aus Wiesbaden, fragte sie heiter und boshaft, was man in einer Typografieklasse denn lernen könne. Bei Weingart hatte sie sich abgeschaut, mit Verzögerung zu antworten. Während sie überlegte, überfiel sie ein Rauschen, ein wohliger Grusel. Sie antwortete dem jungen Studenten:

«Die Schrift bestimmt den Sinn all dessen, was wir tun. Wir lernen mit sechs oder sieben Jahren zu schreiben, danach sind wir keine Analphabeten mehr. Schrift ist überall, und je mehr wir lesen, desto weniger sehen wir sie. Wenn wir uns also hier der Schrift zuwenden, dann befragen wir unsere Alphabetisierung. Wir versuchen, uns in den Zustand des Analphabeten zurückzuversetzen. Wir betrachten den Buchstaben, aber nicht seinen Sinn und auch nicht seinen Laut, sondern seine Gestalt. Wir verwandeln etwas, was bis dahin passiv war, in etwas Aktives. Seht euch die Ordnung des Setzkastens an, die nicht alphabetisch ist. Und warum ist sie das nicht?«

Das war eine mögliche Antwort auf die Frage; in den Augen der jungen Leute hatte sie bestanden. Dabei war der Moment des Grusels nicht weniger wahrhaftig als die wohldosierte Antwort. Marleen ahnte, warum Weingart so vorsichtig gewesen war. Es gab da ein Reservoir der Empfindung, wie ein Atem, der einem in den Nacken blies, und wenn man sich umdrehte, war nichts zu sehen.