Und wieder Buchstabenverlosung, Peh und Ceh und Ypsilon, Buchstabe im Feld schwebend, Buchstabe die Einfassung berührend, Buchstabe in Perspektive und so weiter. Jetzt, indem Marleen zusah, begriff sie: Der Buchstabe tendiert zum Lebendigen. Die Erstsemestler wiegen ihre eigenen Blätter mit Abscheu und Wehmut. Sie lieben ihre Buchstaben wie Teddys oder Puppen. Aber die Buchstaben erwidern ihre Liebe nicht.
Dann kam Weingart zurück, blass, aufgeschwemmt. Er sah ihr zu, wie sie unterrichtete. Als sie allein waren, sagte er:
«Also, es geht.«
«Ja, es geht.«
Man beginnt pünktlich im Atelier von Passeraub, nämlich um halb neun, und selten ist vor sechs Uhr abends Schluss. Marleen eilt zur Metro, sprintet durch den Tunnel, um den Anschluss zu erreichen, obwohl die Bahnen mit drei Minuten Abstand fahren. Wenn die Jaccottets Abendkonzerte geben, müssen sie vor halb sieben aufbrechen, um pünktlich zu sein, zwei-, drei- oder viermal die Woche. Die Kinder drehen schon auf, bevor die Eltern aus dem Haus sind. Es geht immer etwas zu Bruch in den ersten Minuten, in denen Marleen mit den Kindern allein ist. Anfangs hat sie es mit Strenge probiert, aber das macht es nur schlimmer. Das liegt vielleicht an der Sprache, denn David, der kleine, spricht nur Schweizerdeutsch. Katie geht in die französische Vorschule, aber wenn die Luft dick ist, wechselt sie in das Idiom des Bruders. Marleen gewöhnt sich: Man muss sich willenlos stellen. Wenn die Jaccottets nach Hause kommen, liegt Katie in ihrem Bett und ratzt wie ein Murmeltier. David liegt auf Marleen wie eine Raupe, schlafend, Marleen im Sessel, die Fernbedienung in der Hand, der Fernseher stumm, Tierfilme, Hollywood, MTV. Die Jaccottets übernehmen sofort, David wird in seinem Gitterbett versenkt, und Marleen, die den Fernseher ausgeschaltet hat, bekommt ein Glas Côtes du Rhône, bevor sie nach oben geht. Der dicke Sonyverstärker brummt und kratzt ein Cellosolo, das ist für Ann und Pierre die Nachtmusik. Da können sie sich selbst vergessen.
Und dann fällt das Einschlafen schwer. Marleen versucht es mit Listen: Die Franzosen haben den Film, den Eiffelturm, die DS und Monet. Die Deutschen haben Bach, Helmut Kohl, C. Bechstein und Christian Klar. Unsinn. Wir haben Bach, Hermann Zapf, C. Bechstein und den Volkswagen. Die Schweizer haben die Helvetica. Die Schweizer haben Max Frisch. Sie haben den Franken. Aber darauf kommt es nicht an. Nicht in Paris. Der Boulevard ist kaum zu hören von der Mädchenkammer aus, die eigentlich eine Dienstmädchenkammer ist.
Marleen muss schlafen, aber der Kopf läuft weiter. Die Franzosen haben die Garamond, Truffaut, Toulouse-Lautrec und Défense d’afficher. Die Schweizer haben Emil und … Godard. Emil zählt nicht wirklich. Aber Godard schon. Oder ist der doch Franzose? Wir haben … Marleen schläft.
Eine Woche lang ist die Kutsche unterwegs, die Fenster verdunkelt. Ihr gegenüber sitzt Weingart, der sie bewacht, schweigend. An der Poststation Neuss, als die Pferde gewechselt werden, hört Marleen die Stimme ihrer Mutter, die ihre Herausgabe fordert. Weingart ruft, er leugne nicht, dass Marleen Schuller hier drinnen sei, aber er bestehe darauf, dass sie auserwählt sei, höheren Aufgaben zu dienen. Wieder setzt sich die Kutsche in Bewegung. Schließlich, als die Tür von Uniformierten geöffnet wird, ist Marleen geblendet. Sie sieht nur Weiß. Aber sie kennt die Technik. Sie kann, was weiß ist, als schwarz sehen. Schwarz auf Grau ist das Kreuz der Nation, das sie empfängt. Das Tor, es entgeht ihr nicht, ist dem kleinen» m «nachgebaut, von Bodoni vielleicht, sehr delikat. Deshalb hat die Kutsche gehalten, weil sie da nicht durchpasst. Während durch den linken Torbogen Leute entgegenkommen, wählt sie den rechten, nachdem sie Weingart, dessen Gesicht im Negativ erscheint, die Hand gereicht hat. Sie ist nun angekommen in der Hauptstadt Helvetiens, in Paris.
Es ist gut, vor dem Piepen des Weckers aufzuwachen. Das macht einen weniger empfindlich für die Mühen des Tages. Marleen steht auf. Das Licht ist rosarot. Die anderen Dachgauben, die sich zu ihrer eigenen im rechten Winkel als Flucht darbieten, sind bleigrau und taubenblau: als wären die Mädchenkammern die Mädchen selbst, die Gauben ihre Hauben. Sie stehen in Reihe, bereit, gerufen zu werden, die Gesichter leer. Das frühe Licht umfängt sie und überstrahlt nun ihre schlichten Gewänder, die aus Drahtwolle gehäkelt sind. Es verspricht gute Geschäfte und einen prächtigen Tag. Der rötliche Schimmer lässt die leeren Gesichter der Mädchen schön erscheinen. Sie geben sich, wenige Minuten nur, der Hoffnung hin. Sie sind bereit, ihre Hände auszustrecken nach dem Apfel. Aber dann sind die Dächer wieder blau und grau. Der Dienst beginnt in fünfzehn Minuten. Man muss bis dahin gewaschen sein.
Marleen kommt ins Atelier, gepeitscht von Tatendrang. Schnell hat sie erkannt, dass es für den Satz kein technisches Hindernis mehr gibt. Gewöhnliches Layout wird an der Maschine sofort erledigt. Anderes wird außer Haus gegeben und kommt als Rolle oder großer Umschlag per Boten innerhalb von zwei Stunden zurück. Das Atelier ist groß und sauber. Es ist nicht wirklich hell, es ist nur gut beleuchtet. Man sieht den silbrigen Schopf von Titus Passeraub. Sein Körper erscheint als unwirklicher Schatten hinter einer gefrosteten Glaswand. Ihm gehört der letzte und der größte Raum, und wenn er vorgeht in die Werkstatt — so nennt er die Arbeitsplätze der anderen —, sieht man ihn zuerst auf dem Gang, die gefrostete Glaswand nun hinter sich, im Profil. Er neigt zum Watscheln. Man hält ihn zunächst für korpulenter, als er ist. Titus Passeraub ist nicht in seinem Körper, er ist in Gedanken. Seine Gedanken sind bei der Schrift.
«Es ist mir gegeben, Formen wie Architekturen zu betrachten, in jeder Weise sie wenden zu können. Das ist bei mir schon immer so gewesen. Um dann zu einem Ergebnis zu kommen, muss man mathematische Definitionen anwenden. Diese zu beherrschen, habe ich gelernt. Erst in der Kombination beider Mittel — oder Fähigkeiten — kann eine Schrift entstehen, die ihrer Zeit gewachsen ist, visuell und technisch, beides in einem. «Der junge, schmale Mann mit dem schütteren Haar und der riesigen Brille schreibt mit. Zunächst glaubt Marleen, der Meister spreche zu seinem Schüler. Dann stellt sich heraus, dass er der Mitarbeiter einer Fachzeitschrift ist. Er berichtet über die Tempi Novi, Passeraubs neue Schrift. Dass Marleen von der nie etwas gehört hat, ist kein Wunder, denn sie ist noch nicht auf dem Markt.
Der erste Eindruck, wie immer, trügt. Passeraub erklärt sich nicht stündlich und nicht täglich, er erklärt sich fast nie. Furrer und Stüssi, seine Teilhaber, herrschen über die Werkstatt. Fränzi Lüthi nimmt Anrufe an. Eine Mademoiselle Monique sitzt vor einem Klotz von einer Maschine mit einem gläsernen Auge und schreibt auf der Tastatur, die davor auf einem fahrbaren Tischchen liegt, mit zehn Fingern fliegend. Im Labyrinth des Ateliers, mit seinen semitransparenten Scheiben, arbeitet ein halbes Dutzend Assistenten. Davon ist die Hälfte mit Anwendungen beschäftigt, Signets werden entworfen, komplette Erscheinungsbilder für mittlere Betriebe, das Layout für einen Jahresbericht. Die anderen arbeiten wirklich an Schriften. André, ein großer Junge aus dem Basler Land, verbringt den Montag über Entwürfen zu einem» e«. Fast hätte sie zu ihm gesagt, dass dies ihr Buchstabe sei. Am Abend, die Aktentasche unter dem Arm, sieht Passeraub sich Andrés Arbeit mit zusammengekniffenen Augen an. Er legt seinen Finger auf das Papier und ruft:»Den Auslauf leicht verstärken!«Dann ist er weg.
Kein Radio im Atelier, keine Musik, kein Wort zu viel. Marleen ist glücklich. Noch macht sie Krümelarbeit, aber das ist allemal besser als zuzusehen. Kaum ist sie wieder auf der Straße, läuft ihr die Zeit davon. Sie bemerkt, dass die Pariserinnen sich schnell bewegen. Frauen flanieren nicht.