Ende September fragt Pierre, ob sie am Sonnabend mitkommen wolle in die Oper. Die Kinder seien dann bei einer befreundeten Familie auf dem Land. Marleen zögert. Sie sollte jetzt besser nicht sagen, dass L’incoronazione di Poppea für sie im Moment nicht so wichtig sei. Pierre sagt,»Du musst nicht, Marleen. «Sie sagt danke. Kaum sind die Jaccottets aus dem Haus, geht sie hoch in ihre Kammer. Die Kraft reicht noch so eben, um sich auszuziehen, dann schlüpft sie unter die Steppdecke und zieht die Filzdecke drüber. Die ist braun und trägt am unteren Ende ein rotes Feld, in dem ein quadratisches Kreuz ausgespart ist.
Rien
Es gibt einen langen Tisch für die Arbeit im Kollektiv und für betriebsinterne Präsentationen. Es gibt zwei Arbeitsplätze, in denen Schreib- und Zeichentisch kombiniert sind, die gehören Stüssi und Furrer. Auf einer Konsole steht jenes große, kastenförmige Gerät, an dem abwechselnd oder gemeinsam Monique und Alain arbeiten. Sie nennen den Kasten zärtlich» la Citronique«. Alain sagt, es sei Moniques saure Schwester. Die Arbeitsflächen der Assistenten sind groß genug, um mehrere Entwurfsbögen nebeneinander zu legen. An einem großen Leuchttisch sitzt ein dicker junger Mann mit einer dicken Brille und schneidet Folien wie ein Graveur. Das ist Wendelin. Der Platz, den man für Marleen freimacht, hat einer Simone gehört, die das Atelier von einem Tag auf den anderen verlassen hat. Liegengeblieben sind Vorstudien einer modernen Schrift, und zwar ein fetter Schnitt, das sieht Marleen, während Niklas Furrer das Material mit den Händen zusammenfegt und im Papierkorb versenkt.
«Das brauchen wir nicht mehr«, stellt er fest, mit der Unverrückbarkeit der Schweizer Diktion.
Zurück bleibt das Werkzeug: Stifte, Pinsel, Messer, Papier, Folien, Lineal, Zirkel. Tabula rasa.
Marleens Nische liegt jenseits des Flurs mit mattem Tageslicht von einem Fensterfries her, der auf den Hinterhof hinausgeht. Es gibt vier solcher Nischen ohne Türen. Drei davon sind belegt vom Archiv. Täglich wachsend, wird es irgendwann den Raum brauchen, der jetzt Marleens Arbeitsplatz ist. Ein fünftes Zimmerchen hat eine doppelte Tür, eine Lichtschleuse. Kaum zu begreifen, wie der dicke Wendelin sich in diese Zelle quetscht mit den Filmen aus der Citronique, Negative, die er entwickelt, im entlegensten Winkel des Ateliers. Am Ende des Flurs gibt es nur noch zwei Türen, Femmes und Hommes. Sie bemerkt die Schatten derer, die vorbeikommen, auf ihrem Zeichentisch. Es hat aber keinen Sinn aufzuschauen, weil niemand stehenbleibt. Da der Flur in der oberen Hälfte verglast ist und ihre Nische keine Tür hat, erreicht sie das Mischlicht aus der Werkstatt. Wie um sie zu testen, gibt Furrer ihr vier Großbuchstaben, Weiß auf Schwarz, die das Logo einer Boutique namens RIEN werden sollen. Furrer ist ein Mann von sanfter Ironie, seine Augenbrauen immer fragend. Er ist doppelt so alt wie Marleen.
«S’sind jungi Lüüd, wo … Das sind junge Leute, die alles selbst nähen. Sie haben es auch mit einem Männerparfum probiert, das ein wenig zu streng geraten ist. Hier, sehen Sie das Bild. Ein schmales Ladengeschäft, in der Nähe vom Boul’ Mich’, auf dem Weg zur Universität.«
«Ist das … Ist das für hier ein normaler Auftrag?«Besser kommt es erst einmal nicht raus. Es ist ja erst ihr fünfter Tag.
Furrer wundert sich, wie forsch sie ist:»Ob er nicht zu klein ist, meinen Sie?«
«Ja, ich dachte …«
«Er ist klein, das stimmt. Aber wenn wir einen Auftrag annehmen, meinen wir es immer ernst. Da ist jeder Kunde gleich. Ob Condé Nast oder Rien, der Entwurf muss überzeugen. Nur bin ich selbst noch nicht überzeugt. Die Versalien habe ich so entworfen, dass sie aussehen wie schmale Figuren, die soeben zum Leben erwachen. Das gefällt mir. Das ganze Ding aber flattert. Bitte kümmern Sie sich um die Stände. Oder lösen Sie es, wie Sie wollen. Sie sind frei.«
«Schwarz-weiß?«
«Ich finde schon. Die haben ja kein Geld. Dieses Logo soll übrigens universal verwendet werden, für Preisschilder, Rechnungen, Korrespondenz. Let’s keep it simple.«
Es dauert einige Stunden, dann hat sie’s, das E um 180 Grad gedreht, nach oben geschoben — Paternoster — und alle vier Buchstaben negativ in einen schwarzen Block gestellt. Furrer korrigiert daraufhin sein N, dass es eine Spur mehr auslädt, gibt es ihr zurück zur Montage. Am Ende des Arbeitstages hängt es in stechender Präzision auf Folie gedruckt am» Aushang«, ein Korkbrett in der Werkstatt, an dem man den Stand seiner Arbeit zeigen kann, wenn man möchte.
«Es ist ein Blitz«, sagt Stüssi.
«Es ist nichts«, sagt Furrer. Marleen wird bleich. Dann begreift sie das Wortspiel. Passeraub steht als guter Hirte lockig im Hintergrund und nickt. Am nächsten Morgen um neun erreicht sie die Nachricht, dass sie zu ihm» an den Platz «kommen soll.
Titus Passeraub sah man sein Genie nicht an. Zwar hatte er diesen ins Silbrige changierenden Haarschopf und ein ernstes, aufgeräumtes Gesicht. Aber er war nicht sehr groß und beugte sich, sitzend wie stehend, leicht nach vorn, was einen servilen Eindruck hinterließ. Das aber hatte nichts zu tun mit seinem Selbstbild. Er war der entschiedenen Ansicht, den lesbaren Schriften im 20. Jahrhundert den wesentlichen Schub gegeben zu haben. Mit dreißig Jahren hatte er die Kosmos fertiggestellt, eine in jeder Richtung ausgearbeitete Systemschrift, die man nur noch, Detail für Detail, in die Vorlagen des Fotosatzes einspeisen musste, und schon hatte man alles, von den feinsten kursiven Minuskeln bis zu den ultrafetten Versalien, englaufend, weitlaufend, ein Kosmos in der Tat für den Typografen im Einsatz. Seiner Sache sicher, hatte Passeraub bei dieser Gelegenheit Bezeichnungen wie» mager«,»halbfett «und» fett «abgeschafft und stattdessen die Schriftstärken durch Zahlen wie 55, 65, 75 angezeigt, denn wer sich in seinem Kosmos bewegte, war kein Handwerker mehr, ja vielleicht schon Ingenieur. Ob sie auf Katzenpfoten daherkam oder mit Pauken und Trompeten, die Kosmos war für jeden Schriftgrad in jeder Stärke bis ins Detail dieselbe Schöpfung im Kern, modern, aber nicht borniert; klar, aber nicht kalt; serifenlos, aber beseelt. Und das war nur der Anfang gewesen, Passeraubs Einstand bei Terreau & Racine, deren Boom mit dem Fotosatz er überhaupt erst ermöglicht hatte. Marleen war im Jahr zuvor auf die Kosmos gestoßen, zunächst glaubend, dass es sich um eine ganz neue Schrift handelte. Dabei war diese älter als sie selbst.
Marleen, wie sie in Titus Passeraubs Atelierraum erschien, war mittlerweile zweiundzwanzig Jahre alt. Sie saß da in ihren Stuhl gegossen und hörte ihm zu. Der Straßenlärm kam hoch vom Boulevard. Es war Herbst. Sie wunderte sich über Passeraubs Zuwendung: Warum sollte er ausgerechnet ihr, der Neuen, seinen jüngsten Schriftentwurf vorstellen, der längst fertig war und dessen Markteinführung soeben begonnen hatte? Marleen aber hörte von den inneren Stimmen auf die mächtigste, die ihr sagte, dass sie hier am richtigen Platz sei. Es war ihre Aufgabe, Passeraub dabei zu lauschen, wie er die Tempi Novi erläuterte; sein letzter Versuch — daran ließ er keinen Zweifel —, dem Drängen der Moderne nachzugeben und diese mit Umsicht rückzubinden an die Traditionen der Schrift, von denen Passeraub zu wissen glaubte, dass sie nicht technisch, sondern menschlich waren.
«Also, was denken Sie?«, fragte er.
Marleen hatte ein schmales Gesicht, eines, das die Luft teilt. Hörte man ihr zu, war man versucht sich umzudrehen, also ihrem Blick zu folgen. Was sie sagte, hatte nicht zwingend mit dem zu tun, wohin sie schaute.
Naheliegend war es, Passeraub beizupflichten und die Tempi Novi als Lösung aller Probleme auszurufen, als Vollendung der modernen Schrift überhaupt. Nur, wie sollte sie das begründen;»Gefühl «oder» guter Geschmack «war hier bestimmt nicht gefragt. Außerdem war klar, dass Passeraub die Vorteile seiner Schrift besser kannte als ausgerechnet sie. Gab sie seine Selbstbeschreibung zurück wie ein Papagei, hielt er sie für schwach im Kopf. Erwähnte sie einen Vorteil, den sie selbst darin spürte — deren Unauffälligkeit —, fühlte er sich womöglich verkannt oder, schlimmer noch, belehrt. Die andere Möglichkeit bestand offensichtlich darin, ihm zu widersprechen, auf die Mängel der Schrift hinzuweisen. Die Kosmos war bereits minimalistisch gewesen, aber dennoch dynamisch, ein Resumée, die letzte in der Reihefolge der Generationen, alle Vorteile in sich versammelnd, die Futura und die Helvetica als die älteren Schwestern. Die Tempi Novi dagegen schien keine Verwandten zu haben; ihre Ähnlichkeiten waren die eines Klons. Ihren Namen konnte man ebenso als Verheißung begreifen wie als Drohung. Marleen dachte an ihren Plan, der ihr jahrelang vor Augen gestanden hatte: eine Schrift ohne Signatur zu schaffen, bereinigt von den Resten der in Stein gehauenen Sprache. Erst jetzt begann sie zu ahnen, dass es nicht dasselbe war, Traditionen auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner zu reduzieren oder sie zu schleifen wie lästiges Dekor. Sie war sich auch nicht ganz sicher, ob sie den Unterschied zwischen der Kosmos und der Tempi Novi richtig erkannte, und sie müsste Passeraub — und das wollte sie auch gleich tun — danach fragen, er war schließlich beider Erfinder, gar nicht zu reden von einer dritten und gewiss nicht unwichtigen Schrift, die irgendwie in der Mitte der beiden anderen stand, für einen Pariser Flughafen geschaffen worden war und später, weil sie für die allgemeine Markteinführung einen Namen brauchte, Passeraub genannt wurde. Sollte es aber stimmen, dass die Kosmos die eine Möglichkeit darstellte und die Tempi Novi die andere — zwei Enden des Spektrums, wenn man sich vornimmt, eine Schrift zu schaffen, die kein Eigenleben führt —, dann gäbe es nichts mehr zu tun. Das konnte überhaupt der Grund sein, dass sie hier saß, vorbestimmt durch geheime Mächte; dann wäre Passeraub als Moderner ein Gott der Gottlosigkeit, nicht im wirklichen Leben, sondern im Reich der Schrift, und sie wäre die Ketzerin, die nun gezwungen war anzuerkennen, dass den Kult der Gottlosigkeit zu begründen nicht mehr möglich wäre, weil es ihn längst schon gab. Sie müsste ihm hier und jetzt ohne großes Aufheben beitreten, um danach für immer zu schweigen.