Vor ihnen war ein alter Pudel an der langen Leine zurückgeblieben. Er hob das Bein. Auf dem Bürgersteig, dessen Neigung erst in diesem Moment sichtbar wurde, breitete sich eine Pfütze aus, während der Pudel davonlief. Franz und Marleen blieben stehen. Die Pfütze ging zunächst in die Breite, Zacken und Zinnen, schloss sich nach unten und verlief dann in einem Rinnsal.
«Kennst du den Rorschachtest?«, fragte Franz.
Er war Stammgast in der Brasserie Au Vide Gousse, ein ältliches Lokal im Gewirr der Straßen jenseits der Bibliothek, düster und verraucht. Sie wurden an einen kleinen, quadratischen Tisch gesetzt. Sie sahen einander an, sie sahen aneinander vorbei; sie beäugten sich, zwischendurch brachen sie in nervöses Lachen aus. Marleen dachte, wie unklug sie sei, ihr Herz an jemanden zu hängen, der sich für die Einsamkeit entschieden hatte, die Grübelei, für den Zweifel als Prinzip. Sie war versucht, ihn zur Rede zu stellen, warum er sie plötzlich und ohne Nachricht verlassen hatte,
«Ich bin so einsam gewesen, so furchtbar allein, von dir und von mir selbst und von allen guten Geistern verlassen. Die Küche, weißt du, die grüne Küche, habe ich rot gestrichen, blutrot, und am liebsten wäre ich gestorben in dieser Küche, ich bin nicht einmal mehr zu Weingart gegangen, ich wollte nichts mehr, nichts, bis Esme in der Tür stand und …«
Sie studierte stattdessen den vergilbten Zeitungsausschnitt in einem mattschwarzen Rahmen an der Wand über dem Tisch oder die erhabenen weißen Buchstaben, PERNOD 51 PERNOD 45, die auf einem meerblau lasierten Aschenbecher rund liefen. Wenn sie zu Franz hinsah, traf sie seine Augen, die ihr auswichen. Er schien sich zu fragen, wer sie war. Und sie selbst wollte gern wissen, wer sie sei, und warum sie eine andere war in seiner Gegenwart, Gefühle bis in die Zehenspitzen, ein Kitzeln auf der Kopfhaut, das unbegreifliche Rasen der Zeit. Vielleicht hatte sie versäumt, es ihm zu sagen, und nun war die Stunde gekommen:
«Es ist doch so, mein lieber Franz, dass du geflüchtest bist vor meiner Liebe. Erst bist du zu mir ins Nest gekrochen, und dann bist du entwischt. Ich weiß nicht, was du tust und getan hast und mit wem du deine Tage und Nächte verbringst und all das. Nein, ich will dich nicht davon abbringen. Du sollst nicht in einem Doppelbett mit mir liegen in einer Doppelhaushälfte. Aber wir gehören zusammen — stimmt das, Franz — gehören wir nicht zusammen?«
«… ein Klecks, der mechanisch verdoppelt wird …«, hörte sie ihn sagen.
«Wir sollten uns Ringe kaufen oder uns die Adern aufschlitzen und unser Blut trinken …«
«… und das Bild, mehr oder weniger symmetrisch …«
«… oder uns heimlich trauen lassen, von einem Priester, um Mitternacht …«
«… wird dem Patienten vorgehalten mit der Frage ›Was ist das?‹«
«… und dann kannst du zurückschleichen in deine Bibliothek, weil ich dann nicht mehr fürchten muss, ohne dich zu sein …«
«Und wenn er dann sagt: ein Ei, eine Spinne, ein Huhn, ein Auge oder so, dann ist er verrückt.«
«Warum das?«, fragte Marleen, die keine Ahnung hatte, wovon er sprach.
In dieser Nacht lag sie wach in ihrer Kammer, in der Gaube Restlicht wie Kohlestaub. Wie würde sie es machen? So würde sie es machen:
Sie würde ihn den Jaccottets vorstellen, bevor diese das Haus verließen, die Kinder wären natürlich aufgeregt, aber Franz würde mit ihnen sanft sein und duldsam. Katie war immer leichter ins Bett zu bringen als David. Sie würde Franz bitten zu flüstern, bis sie sicher sein konnte, dass die Kinder schliefen. Händels Violinen striegelten die Bläser, während sie in der Küche Käse essen und Rotwein trinken würden, nicht viel. Das Concerto grosso aus dem Wohnzimmer ginge automatisch zu Ende mit einem fast unhörbaren vierfachen Klicken, weit weg das Schnaufen Davids. Ihre Blicke wären bis dahin zur Ruhe gekommen, schweigend sähen sie einander an. Das würde sie nutzen für den Übergang, ihre Hand in seinem Haar, ihr Mund auf seinem. Die Sofalandschaft, im L gebaut, wäre der Schauplatz, ein wohliger dritter Ort, nicht seins, nicht ihrs. Keine Kerzen, kein Laken, keine Verhütung. Er wäre der andere Franz, der leibliche, Franziskus Maria, nicht sprechend, in jungenhafter Weise überwältigt, jenseits seines Verstands. Sie würde beide Hände auf seinem Po haben, um ihn ganz zu besitzen, ein Teil ihrer selbst. Das nahm sie sich vor: beide Hände, wenn es so weit wäre.
Müde war sie am nächsten Tag, aber es war nicht die Müdigkeit der Gewohnheit, sondern die großer Erwartung. Die Gesichter der Kollegen schienen heller zu sein als sonst. Die Geistesgegenwart Stüssis wie vom Schöpfer in seine Stirn geknetet. Alain mit seinem langen Kopf, seine Wimpern schwarze Quasten. André wie von innen ausgestopft mit Pappmaché, der Marzipanmund offen stehend, Augen wie ein Labrador. Es war durchaus angenehm, ihm nah zu sein. Sie müsste sich nicht überwinden, wenn er zärtliche Regungen zeigen würde. Er wäre der Richtige in dem Sinne, als er wahrscheinlich nicht der Falsche wäre. Er wäre recht wie aufrecht. Er wäre von allen Typografen, die sie mochte, der, den sie am liebsten mochte. Ein guter Entwurf. Ein Lebensentwurf wie die Kosmos, gut sichtbar, leicht zu entziffern, haltbar, uninteressiert an Sperenzien und Sensationen. Solche Gedanken verfolgten Marleen in ihrer Nische, während sie die Versalien K, Q und B aufblies, die Tempi Novi ultrafett, das ungeliebte Kind. Am Mittag traf sie Franz.
Sie drückte ihn an ihren Busen. Sie küsste ihn auf den Mund. Er grinste ein bisschen schief. Das war neu an ihm, eine Andeutung vorsichtigen Bedauerns um die Mundwinkel, ein Hauch von Vergeblichkeit.
Von der Metro gingen sie die Rue du Bac hoch —»weil die so herrlich laut ist«, wie Franz sagte —, bogen am Quai Voltaire ein und nahmen die Rue des Saint Pères zurück zum Boulevard St. Germain. Sie deuteten auf Straßenschilder, Einbahnstraßenschilder, die Namenszüge der Bäckereien, der Juweliere, der Antiquare; die Rauten der Tabak- und Presseläden. Eine Plakette an einer Postfiliale: Défense d’afficher.
«Und nun«, sagte Franz, der stehenblieb,»tun wir so, als wenn es all das nicht gäbe.«
«Was nicht gäbe?«
«Die Beschriftung der Stadt.«
Sie beschrieben einander nun die Häuserfluchten, die Höhe und die Farbe der Fassaden, die Fensterreihen, das zufällige Ornament der offenen und der verschlossenen Fensterläden.
Marleen:»Siehst du das rosa Haus, vor dem der weiße Lieferwagen …«
Franz:»Kein Lieferwagen! Es gibt noch überhaupt keine Autos!«
«Ach«, staunte Marleen.»Keine Autos! Briefkästen?«
«Ja.«
«Mülleimer?«
«Nein.«
«Telefonzellen?«
«Nein.«
Nachdem sie gründlich versucht hatten, sich eine Stadt reiner Baukörper vorzustellen, waren die bewegten Objekte dran. Lieferwagen ohne Beschriftung, Taxis ohne Taxizeichen, Busse ohne Werbung.
«Ziemlich trist«, sagte Marleen.
«Nicht weit von Irrenhaus«, sagte Franz. Sie lachten.
Sie holten sich Thunfischbaguettes, die sie auf der Straße aßen.
«Jetzt umgekehrt«, schlug Franz vor.
«Umgekehrt wie?«
«Es gibt nur die Beschriftung. Alles andere ist unsichtbar.«
Marleen blieb stehen; eine Olive rollte ihr davon, der eine Taube nachjagte.
Es dauerte eine Weile, bis das Bild erschien, die Stadt gläsern, die Beschriftungen schwebend, frontal und in ihren Fluchten, still und in Bewegung.
«Und Menschen?«, fragte Marleen.
«Keine Menschen«, sagte Franz.
«Kein Geräusch, stimmt’s?«
«Absolute Ruhe.«
So standen sie da und sahen, was sonst niemand sah. Später blickten sie sich in die Augen; Franz ließ einen Finger über ihre Stirn laufen, die Nase herunter und über den Mund. Manche Passanten drehten den Kopf nach ihnen um.
Sie liegen auf dem Eisenbett im Mädchenzimmer, das Plumeau über ihre nackten Leiber gezogen, und gucken zur Decke auf, die gruselige Fissuren zeigt. An der Wand hängt eine Zeichnung, die zwei Studien eines männlichen Gesichts zeigt. Franz hat kein Wort darüber verloren.