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«Beschreib mir das Alphabet!«, sagt er.

«Wie das?«

«Ich bin Japaner und habe noch nie ein lateinisches Alphabet gesehen.«

«Das a ist eine Hohlform, aus deren hinterem Stamm …«

«… rückwärtigem …«

«… aus deren rückwärtigem Stamm ein Dach entsteht, das umgekehrt zur Schreibrichtung läuft.«

«Was ist denn die Schreibrichtung?«

«Von links nach rechts.«

«B.«

«Das b ist eine vertikal gestellte halbe Schleife. Wenn der Strich die Linie berührt …«

«Was für eine Linie?«

«Franz!«

«Wir haben in Japan keine Linie!«

«Die Linie trägt alle Buchstaben, so dass deren Unterseiten genau gleichauf liegen. Sie ist aber nur für den Gestalter da, im Buch ist sie nicht zu sehen.«

«Okay.«

«Der aufrechte Strich berührt die Linie. Die Ausbuchtung, der Bogen, reicht nur bis zu seiner halben Höhe und deutet in die Schreibrichtung. Das ist also nach rechts …«

«Der Japaner ist nicht blöd!«

Marleen gackert leise.»In der Handschrift sieht es etwas anders aus.«

«C.«

«Woher kann der Japaner denn unser Alphabet?«

«Hat ihm mal jemand aufgesagt. Der Japaner merkt sich alles. Also Vorsicht!«

«Das c wird auf halber Höhe begonnen. Man muss für die Breite eines Buchstabens Platz lassen, denn der Strich wird gegen die Leserichtung geführt.«

«Platz lassen?«

«Zum vorhergehenden Buchstaben!«

«Ach so.«

«… wird entgegen der Leserichtung nach links geführt, im Bogen nach unten, berührt die Linie und steigt dann wieder auf, aber wird nicht vollendet.«

«Das kann ich mir vorstellen«, sagt Franz.»Das a ist eine hohle Nuss mit Sonnenschirm. Das b ist eine Geisha, die auf dem Rücken ihr Öfchen trägt. Das c ist der geöffnete Mund eine kleinen Kindes.«

«Wie leicht das klingt«, sagt Marleen.»Und wie schwer es in Wirklichkeit ist.«

Schoß der Familie

Das Wochenende hatte sie mit den Kindern verbracht. Marleen war Teil des Haushalts der Jaccottets geworden, eingeweiht in die Vorlieben von Katie und David, in die Rituale von Pierre und Ann. Bald bediente sie auch die Waschmaschine, darin ihre eigene Wäsche und die der Familie. Sie kannte die Besitzstände im Badezimmer, Anns Duftfläschchensammlung, die Pierre für überflüssig hielt, und Davids Badewannenente, die Katie nicht anfassen durfte. Gelegentlich bediente sie sich bei den Tampons aus dem Schränkchen im großen Bad.

Kassel war ganz von ihr abgefallen, der Stundenplan, die Pfennigfuchserei, die Langeweile und die Einsamkeit. Paris war jeden Tag wie eine Reise, vom Dachversteck in die Brutkammer der Familie, von dort in die scheppernden Kolonnen der Pendler — das Atelier wie eine Lichtung im Wald. Immer machte sie zuerst eine Runde durch die Werkstatt und begrüßte Fränzi, oder wer schon da war und noch nicht in die Arbeit versunken. Sie wollte Alain in eine Programmiererfrage verwickeln, aber an diesem Tag war Monique um halb neun allein mit der Citronique, deren kleiner Bildschirm in seiner Tiefe» Befehle «zeigte, irgendwelche unbegreiflichen Kürzel. Monique starrte in dieses kleine Aquarium der Zeichen, als sie sich zu Marleen wandte, die neben ihr stand; zwar erkannte sie Marleen, schien aber für einen Moment vergessen zu haben, wer sie selbst war.

«Hm, hm, … du weißt ja, ich bin an der Tempi Novi dran. Es geht um einen noch fetteren Schnitt.«

«75. «

«Nein, fetter.«

«85. «

«Ja, so wird er wohl heißen.«

«Okay-i.«

«Meinst du, dass man den Schnitt auch errechnen kann? Rein mathematisch, meine ich.«

«Ganz im Prinzip schon. Eine elektronische Matrix kann eigentlich alles. Allerdings sage ich dir jetzt schon: Es wird Passeraub nicht gefallen.«

«Dass wir das programmieren.«

«Nein, das ist dem egal. Ich meine die Belichtung, die dabei herauskommt.«

«Das kann sein. Aber du sollst die auch nicht ihm geben, sondern mir.«

«Okay-i. Am besten ist, du nennst mir eine Buchstabenfolge, die dir etwas bringt. Meistens arbeiten wir mit ›Rafenduks‹.«

«R-a-f-o-?«

«Nein, R-a-f-e-n-d-u-k-s.«

«Es wäre gut, wenn ein großes H und ein kleines o dabei wären.«

«Kein Problem. Ich finde etwas. Aber ganz auf die Schnelle geht das nicht.«

Marleen beschloss, nicht auf Monique zu warten. Sie zeichnete» Hono «neu und klopfte kurz vor Mittag an Passeraubs Tür. Er beugte sich über ihre Buchstaben, als gäbe es etwas zu essen. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte daran geleckt. Er blickte nur kurz zu ihr auf, verschmitzt, nahm eine Schere und schnitt jeden Buchstaben aus. Es sah so aus, als führte er die Schere nicht ganz exakt, denn er nahm winzige Partikel mit, die als schwarze Sichelmonde, Halme und Haare auf seinen Schreibtisch fielen. Die ausgeschnittenen Buchstaben legte er in eine Schale, die er ihr gab:

«Das lassen Sie den Wendelin in Folie schneiden.«

Wendelin schnitt Folien mit einem Messer, das aussah wie ein Stift. Um die Vorlagen nachzuschneiden, beugte er sich sitzend vor, seinen Bauch am Arbeitstisch quetschend, und korrigierte fortwährend den Sitz der Brille im schwitzenden Gesicht. Das Original, wie es von Passeraub gekommen war, klebte er auf eine weiße Unterlage. Die Folie, in die er die Form schneiden würde, fixierte er darüber. Es kamen eine ganze Reihe von Kurvenlinealen zum Einsatz, die er jeweils für Zentimeterstrecken nutzte; manches erledigte er freihändig, keuchend. Die rote Folie überreichte er Marleen schließlich mit einer galanten Geste. Dann versank er wieder in seinem Stuhl und schwitzte über dem nächsten Auftrag.

Als Marleen am frühen Abend ging, war Monique nicht mehr da und Alain belagert von Furrer und Stüssi.

Auf der Straße spürte sie ein Schaudern. Im Au Vide Gousse begrüßte sie der Kellner wie einen Dauergast. Er brachte ihr, ohne dass sie ihn bestellt hätte, den kleinen Milchkaffee. Unter die Untertasse schob er einen Umschlag. Darauf stand» M«. Marleen riss ihn auf. Sie fand eine beschriebene Seite mit einer Adresse als letzte Zeile: Franziskanerkonvent, Wohnheim, Sedanstraße 23, Hamburg. Die Postleitzahl fehlte. Darüber stand:

«Marleen, ach Marleen. Was man nicht darf, steht an den Wänden. Aber was man darf, was einer wie ich darf, ich weiß es nicht mehr. Deshalb fliehe ich vor Dir, ich muss das tun. Vergib mir. Ja, es gibt etwas, das uns verbindet. Das war von vornherein so, ich weiß. Für einen Augenblick, mit Dir, war die Zukunft zum Greifen nah. Ob Gott es so will? Ich bin ohne Zeichen und ohne Rat. Franziskus«

Sie wollte zahlen, aber der Kellner nahm das Geld nicht an.

Marleen behielt den Kopf aufrecht. Wie ferngesteuert lief sie von der Bibliothek bis nach Hause. Zu Hause, das war jetzt die Wohnung von Pierre und Ann, Dämpfe aus der Küche, wohltemperiertes Klavier. Der Schoß der Familie. Die Kinder löffeln dein Herz aus. Sie war schlaflos bis weit in die Nacht und wachte noch vor der rosa Stunde auf.

Sie verwarf ihre Bedenken und wühlte in den Papieren unter dem Bett, wo sie Simones Entwürfe gelagert hatte, unter dem Koffer, um sie wieder plan zu bekommen. Sofort sah sie, dass ihre Vorgängerin gescheitert war. In der Verstärkung war die Schrift ihr plump geraten. Sie hatte kein Auge gehabt für den graziösen Anteil der Geometrie. Die Tempi Novi war eine Schrift, die atmete. Das war es, was nicht verlorengehen sollte.

Marleen legte sich wieder ins Bett, fror, schlief schließlich dennoch ein, verschlief, bekam von Pierre einen Kaffee in der Küche und machte sich, anders als an anderen Tagen, zu Fuß auf den Weg. Es war weit nach Montparnasse. Schlierenhimmel, vage gelbliche Lichter, von beweglichen Blenden verschlossen zu grau. Ein Herbstwind wie eine unsichtbare Wand, die gegen die Laufrichtung schiebt. Sie hatte sich angewöhnt, stolz zu gehen, Bauch und Brust raus, Schultern grade, lässig und flott ausschreitend. Über die Brücke, die Seine ein quecksilbernes Band, durch das dröhnende Saint Germain, mit Pauken und Trompeten nach Montparnasse. Aber sie nahm kaum etwas wahr von der Stadt. Vor ihren Augen standen sämtliche Zeichen der Tempi Novi, als wären es Teile eines gigantischen Mobiles, das sie durchschritt. Sie war angekommen im Labyrinth der reinen Form. Man musste wiederum das Lesen verlernen und nur die Buchstaben fixieren. Kratzte man den Sinn weg, erschien die reine Gestalt. Wendelin brachte vom Labor die belichtete Computerschrift, das Positiv. Er ließ das Blatt auf ihren Arbeitstisch wehen wie eine Feder. Marleen aber sah nicht, wie sie hätte sollen, die Schrift. Sondern sie las: Hamburgerfonts.