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Wendelin sah, wie sie gefror:»Das hätte ich dir gleich sagen können, dass man ein Schriftmuster am Computer nicht errechnen kann. «Er stand noch eine Weile neben ihr, aber sie rührte sich überhaupt nicht mehr. In der Tat hatte Marleen Wendelin vergessen. Sie war mit ihren Gedanken in Hamburg, und da hing sie fest.

Es war schon Nachmittag, und Marleen flüchtete aus dem Atelier, sobald sie konnte. Am Abend musste Pierre nur fragen, wie es ihr ging, und sie sackte dort, wo sie gerade stand, zusammen. Er schleifte sie halb, halb trug er sie zum Sofa. Sie weinte, erst ganz still und später lauter, während Pierre sie unbefangen zuerst im Haar und an der Schulter streichelte, dann drückte, aufrichtete; Ann sah es von der Küche aus. Das war Pierres Stunde. Etwas im katholischen Urgrund, möglicherweise, Beichte, Segnung, Trost.

Der Rest der Woche war eiserne Routine. Marleen zeichnete zwanzig Zentimeter große Buchstaben auf eine Schriftlinie und dachte an nichts anderes mehr. Sie machte sich Schablonen, Doppel, Varianten. Sie vergrößerte den Computerausdruck dreifach am Kopierer und dekorierte damit die ganze Wand ihrer Nische. Sie würde den Hamburgerfonts anstarren, bis er nichts anderes mehr wäre als das, was er sein sollte, ein Beispiel. Sie würde eine Buchstabenmönchin werden, Konvent Passeraub, Paris.

Am Freitagnachmittag zeigte sie Passeraub die Entwürfe. Er nahm einige Korrekturen in den Bleistiftzeichnungen vor.

«Ja, so ist es richtig. Aber braucht es das?«

Marleen zögerte. Das hatte er, glaubte sie, schon einmal gefragt. Aber was hatte sie geantwortet? Sie schaute unwillkürlich auf das Kaufhaus gegenüber. Aber es brannte nicht. Sie sagte:

«Nicht unbedingt.«

«Eben«, sagte Passeraub.»Vollenden Sie es auf jeden Fall.«

Marleen sah ihn ungläubig an.

«Wissen Sie, die jungen Leute, Neu York, das Marketing, die machen einen einfach verrückt.«

Team Hamburg

Vier Personen in einem Raum, italienisches Mobiliar, Parkett dunkel und glatt. Zwei Männer von hinten gesehen, zwei von vorn, alle sitzen. Zwischen denen, deren Gesichter zu sehen sind, steht ein milchiges, randloses Gegenlicht, das von einem Fenster herrühren muss. Der Teetisch in der Mitte des Quartetts hat zwei große Speichenräder auf der einen Seite und einen Griff auf der anderen, die Karikatur eines bäuerlichen Vehikels. Von den zweien, die man erkennen kann, ist einer bärtig, ergraut, mit einem Krakelee im Bereich von Nase und Stirn: Weisheit und Amusement. Der andere ist blond und schmal, mit einem energischen Mund, der im Vergleich mit seiner beginnenden Kahlheit umso ungewöhnlicher wirkt. Er trägt eine randlose Brille. Der Kahle ist sehr viel jünger als der mit dem Bart. Es liegt eine gewisse Spannung in dem schwarzweißen Foto dieser Viererrunde.

Auf der Doppelseite, es ist ein Interview, ist dieses Bild oben links platziert. Ein weiteres, kleines Foto ist auf der rechten Seite in den Text eingelassen. Es zeigt grau und verschwommen einen Mann beim Meditieren oder jedenfalls am Boden sitzend in einem einfachen Kostüm, um den Hals eine Kette mit dem Portrait eines Mannes, der ihm ähnelt, langhaarig und bärtig. Die Bildunterschrift verknüpft beide Fotos, die hochglänzend gedruckt sind, über die Doppelseite hinweg:»Schuller, van Turnhout: Wer sagt, dass es nicht möglich ist, Werbung … / … als immateriell zu betrachten«.

«Kennen Sie den?«, fragt Furrer, und legt das Magazin, aufgeschlagen, auf Marleens Arbeitstisch. Sie betrachtet das Bild links, dann das Bild rechts, liest die Bildunterschrift.

«Kennen wäre vielleicht zu viel gesagt. «Furrer grinst wie ein Lausbube und überlässt ihr das Magazin.

Herr Schuller, Sie verunsichern die Werbebranche. Sie halten sie für bequem und veraltet.

Schuller: Sie ruht sich auf ihren Pfründen aus, das ist richtig. Die Agenturen sind zu groß geworden, zu unbeweglich, geldgierig. Wir wollen zweierlei: Uns den Kunden öffnen und gleichzeitig Öffentlichkeit herstellen.»Tricks «interessieren uns nicht.

Herr van Turnhout, mit Team Hamburg sind Sie, mit zweiundreißig Jahren, zum ersten Mal Mitinhaber einer Agentur. Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Van Turnhout: Rosig. Wir haben geringe Kosten und viele Ideen. Außerdem sind wir zuversichtlich, was Hamburg betrifft.

Warum sind Sie, als shooting star der Branche in Düsseldorf, nach Hamburg gegangen?

Van Turnhout: Wir wollten raus aus dem Klüngel. In Düsseldorf ist Werbung zum Showgeschäft geworden. Frankfurt wäre schon realistischer gewesen. Aber Hamburg ist größer und hat die besseren Gestalterschulen. Es braucht immer junge Leute, wenn es vorangehen soll.

Deshalb ist Ihre Partnerschaft mit einem zwanzig Jahre älteren Werber erstaunlich.

Van Turnhout: Ja, Petrus … hat den richtigen Ansatz. Er ist eigentlich gar kein Werber, er ist ein Denker.

Obwohl Poona nicht gerade als Schule des Denkens bekannt ist.

Schuller: Weil wir griechisch gepolt sind, instrumentell, rhetorisch, fixiert auf den Staat. Es gibt nur wenige Versuche im 20. Jahrhundert, Gesellschaft neu zu begründen, und der Aschram von Poona war der interessanteste, ein west-östlicher Divan, schwebend.

Eine Erfahrung, die Sie, Herr van Turnhout, nicht teilen. Haben Sie etwas verpaßt? Steigen Sie demnächst aus?

Van Turnhout: Gewiß nicht. Ich wollte immer schon Werbetexter sein und sonst gar nichts.

Sie, Herr Schuller, haben offensichtlich nicht mit dem Bhagwan Shree Rajneesh gebrochen, obwohl Sie den Namen, der Ihnen gegeben worden war, nicht mehr führen. Ist Ihre Vorgeschichte für Ihre Kundschaft nicht ein wunder Punkt?

Schuller: Meine Vorgeschichte ist die, daß ich kurz vor Kriegsende in eine Eliteschule der Nationalsozialisten aufgenommen wurde. Dort zwang man uns, während Deutschland rundherum zusammenbrach, in einen Lügenkult. Niemand war so hilflos bei Kriegsende wie wir, die Jüngsten, aus einem pechschwarzen Nest gefallen, gebrochen.

Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie dreißig Jahre später Ihre Agentur, Ihre Familie, Ihr Land verlassen haben, um in Poona» Demokratie zu wagen«?

Schuller: Es gibt Dinge, die die Demokratie nicht lösen kann und auch nicht soll oder muß.

Nämlich welche?

Schuller: Alle eigentlich, die die Persönlichkeit betreffen. Sehen Sie, mir ist das widerfahren, der Nazikrempel, ich habe es mir nicht ausgesucht. Das kam über einen Onkel von mir, der zweiter oder dritter Mann im Gau war; mein Vater war ganz und gar dagegen, aber ein aufrechter Katholik konservativer Prägung hatte nicht viel zu sagen im letzten Kriegsjahr. Deshalb war die Erfahrung doppelt schmerzlich und hat zu einem Schweigen in der Familie geführt. Ich habe, wie viele, aber nicht alle in der Bundesrepublik, versucht, durch Aufstieg und gute Laune zu kompensieren. Erst im Aschram bin ich zu mir selbst gekommen.