Sie mussten 92 Rolls-Royce vor Ihrer Nase geparkt bekommen, um dem Materiellen zu entsagen?
Van Turnhout: Gerade das leuchtet mir ein. Es ist die Gegenüberstellung von Marke und Image. Der Ashram ist keine Marke, Rolls-Royce aber schon. Intelligenter hätte man nicht ausdrücken können, daß erstens Geld da ist und zweitens nicht gebraucht wird. Wer sagt, daß es nicht sogar möglich wäre, Werbung als immateriell zu betrachten?
Schuller: Sie ist es.
Das Image von Poona war sicher sehr wirksam. Die Übersiedlung des Aschram in die USA scheint jedoch nicht vollends zu glücken. Wird der Bhagwan bald Kunde Ihrer Agentur?
Van Turnhout: Warum nicht?
Sind Sie, Herr Schuller, ein Poona-Dissident?
Schuller: Es war ein Lebensabschnitt, eine Lehrzeit, im Modus der Selbstfindung. Jede Reise hat einmal ein Ende. Tatsächlich bin ich zum katholischen Glauben — zum Glauben meines Vaters, der allerdings nicht mehr lebt — zurückgekehrt.
Was war in Ihrer Düsseldorfer Zeit Ihre wichtigste Kampagne?
Schuller: Die wichtigste, aber eben auch enorm erfolgreiche Kampagne war die für o.b. Sie müssen heute niemandem, auch keinem Mann erklären, was das ist. Die Schwierigkeit der Durchsetzung lag aber nicht bei den Männern, sondern bei den Frauen, den Müttern, die selbst an Binden gewöhnt waren und den Mädchen den Umgang mit Tampons nicht vermitteln konnten. Deshalb haben wir eine Beratungskampagne gestartet, mit sehr viel Text, aber wir haben auch bewegende Bilder gebracht, um Mütter und Töchter gleichzeitig zu erreichen. Das hat geklappt.
Mußte man dafür Katholik sein?
Schuller: Vielleicht schon. Es gibt einen gewissen Kult um das Blut, und diesen galt es zu überwinden.
Herr van Turnhout, da müssen Ihnen als Protestant mit niederländischem Hintergrund doch die Ohren schlackern.
Van Turnhout: Sie haben ein zu enges Konzept von Werbung. Man muß auch kein Kriegstreiber sein, um in einer Broschüre die Vorzüge des Leopard II darzustellen.
Was wäre denn ein weniger enges Konzept?
Van Turnhout: Werber müssen wissen, in welcher Gesellschaft sie leben. Diese Gesellschaft verändert sich, und wir als Werber sind mittendrin. Wir sollten uns als Agens begreifen, und nicht als reine Dienstleister, glückliche Parasiten oder Selbstdarsteller mit gigantischen Budgets.
Sie meinen, Sie können mit Hilfe von Werbung die Gesellschaft verändern?
Schuller: Man kann ihr Bilder mitgeben, in denen sie sich selbst erkennt.
Texte auch?
Van Turnhout: Witzig, daß Sie das fragen. Klar,»Nicht ganz der Elephant «ist vielleicht nur ein flotter Spruch und bestens geeignet, das Publikum von zehn bis siebzehn an ein Schuhhaus zu binden. Aber ein Slogan ist auch ein Gradmesser für Humor, und ich bin froh, daß die Hamburger Jugend ihn weitergetragen hat auf den Schulhof, so wie den neuen Typus von Schuhen, die Hybridschuhe, auch.
Sie haben sich, als Agentur, nach Hamburg benannt. Warum?
Schuller: Das schien uns das geeignete Mittel, um uns auf die Landkarte zu setzen, buchstäblich. Team Hamburg ist als Idee groß genug, steht aber nicht im Verdacht des Größenwahns.
Van Turnhout: Eine gewisse Rolle spielte auch die Freude darüber, daß einem das niemand verbieten kann. Ich erinnere daran, daß»Die Zeit «das Bremer Wappen in der Titelleiste führt, weil Hamburg sich für eine Leihgabe oder Lizenz des eigenen Wappens zu schade war.
Wollen Sie klein bleiben, oder soll es» Teams «rund um den Globus geben?
Schuller: Wir sind schon jetzt nicht mehr wirklich klein. Es kommt darauf an, welche Kräfte uns zuwachsen.
Van Turnhout: Anders als andere Agenturen haben wir es darauf angelegt, sehr schnell wachsen zu können oder auch wieder zu schrumpfen. Ein Hinweis darauf sind unsere Arbeitsplätze, die aus fahrbaren Containern bestehen. Kein Mitarbeiter hat einen festen Platz. Wir sind Arbeitsnomaden. Je weniger festgelegt ist, desto schneller sind wir auch im Geist. Dieser Raum, in dem wir uns besprechen, ist die Ausnahme. Aber auch hier gibt es, wie Sie sehen, keine Hierarchie.
Sie wollen also nicht nur dem Kunden dienen und in die Gesellschaft eingreifen. Sie wollen auch die Werbung selbst verändern.
Van Turnhout: Ja, aber nicht über den Art Directors Club.
Sondern?
Schuller: Über die Werbung, die wir machen. Wir sind in Deutschland noch lange nicht dort, wo die Amerikaner sind. Die bauen Marken auf und pflegen sie. Wir erfinden Markennamen und laufen dann mit diesen dem Zeitgeist hinterher.
Van Turnhout: Deutschland ist immer noch ein Land der Ingenieure, die das Schicksal der Unternehmen bestimmen bis weit hinein in die Aufsichtsräte. Man denkt, wenn das Produkt gut ist, wird es sich schon durchsetzen. Deshalb glauben viele Amerikaner, Heineken wäre ein deutsches Bier. Ein wirklich deutsches Bier kennen sie gar nicht.
Schuller: Sogar ein deutsches Nachrichtenmagazin soll erkannt haben, daß es ohne eine klare Darstellung nach außen seinen Marktanteil nicht halten kann.
Was war das erste, was Sie dem SPIEGEL geraten haben?
Schuller: Die Ära der Anonymität ihrer Autoren zu beenden. Dadurch ist der Mythos des SPIEGEL-Stils entstanden, eine Art Branchengeheimnis, der jetzt aber, in Zeiten höherer Individualisierung, dem Magazin mehr schadet als nützt. Jeder Autor ist eine Marke.
Werden demnächst Werber in der Redaktionkonferenz sitzen, um mitzureden, worüber berichtet wird?
Schuller: Sie sollten gar nicht erst glauben, daß Sie entscheiden könnten, worüber berichtet wird. Wenn Sie aber ein Kriterium hören wollen, dann würde ich Ihnen immer raten, jetzt über das zu berichten, was morgen Geschichte ist.
Zum Beispiel Sie.
Schuller: Hoffentlich.
Van Turnhout: Wer jetzt Anfang sechzig ist, sollte in Frührente gehen. Denn es steht eine große Aufgabe bevor, allen, und zwar die Öffnung Osteuropas.
Die Sie sich wie vorstellen?
Van Turnhout: Als Ende des sowjetischen Imperiums in kommunistischer Gestalt. Das jedenfalls vermuten die Auguren der Efeu-Liga-Universitäten.
Was bedeutet das für Sie als Werber?
Van Turnhout: Eine riesige Herausforderung. Denn wir werden es mit Millionen von Menschen zu tun haben, die mit Waren eine sehr begrenzte und mit Marken fast gar keine Erfahrung haben. Sie sind vollgestopft mit» Antikapitalismus «und» Antifaschismus«— falsche Zwillinge —, und es wird mindestens eine Generation dauern, diese Blase, dieses Vakuum aufzulösen. Sie werden sich auf die Waren stürzen, aber die Marken dafür hassen, daß sie welche sind.
Dann sollte man, der zukünftig neuen Klientel entgegenkommend, die Marken vielleicht eher schwächen als stärken?
Schuller: Marken sorgen für Orientierung, sie sind wie Wegzeichen. Sie erkennen eine Stadt selten an ihrem Bild, viel eher an dem Schild, das am Stadtrand aufgestellt ist. Ich stimme da mit Boris van Turnhout vollkommen überein: Marken werden Teil der politischen Landschaft sein. Wie bedeutsam sie wirklich sind, wird man erst erkennen, wenn der Kalte Krieg endet.
Sie arbeiten am Ende des Kalten Kriegs?
Schuller: Ja. In Düsseldorf haben wir ihn, ohne es recht zu wissen, durchaus geführt. Wir haben uns eingeigelt in unserer Idee des Westens, die auf — die teils auf — Verdrängung gebaut ist. Darum bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, weil ich erkannt habe, daß es Aufgabe der Werbung sein wird, den Kalten Krieg zu beenden. Die Branche würde ihn lieber fortführen, fürchte ich.