Coca-Cola in Moskau?
Van Turnhout: Volkswagen in China.
Rolls-Royce in Ihrer Garage?
Schuller: Unwichtig.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Flokati
Kein Kind hat eine Vorstellung von seiner eigenen Zukunft, weshalb die Frage» Was willst du denn mal werden?«so lustige Antworten hervorbringt. Kinder sind gebettet in Wünsche, wobei sie nicht unterscheiden zwischen den erfüllbaren und den unerfüllbaren. Eher zwischen geheimen und mitteilbaren. Kein Wort hat Marleen verlieren wollen über ihre Sendung, die darin besteht, die Welt mit einer Schrift zu beglücken, einer Schrift, die nicht stolz aussehen würde oder schwer, nicht zackig und schon gar nicht wie Schreibschrift; einmal aber hat sie sich verraten, als Ingo in Gruiten war.
Ein Sommerabend, jener warme Hauch von Freundschaft, der bereits Kinder zu Liebenden macht: Ingolf — mit den Fransenshorts und seinem Wattebausch von Haar — vertraute ihr an, herabblickend in den stillgelegten Kalksteinbruch, dass er später einmal auf der Bühne stehen würde, als Sänger, und Marleen glaubte das sofort. Sie antwortete ihm, sie selbst wolle nichts weniger als angesehen werden, angestarrt. Viel lieber würde sie etwas erfinden, das überall in Gebrauch wäre, ohne dass irgendjemand darüber nachdächte.
«Wie der Kühlschrank«, riet Ingo.
«Nein.«
«Wie das Telefon.«
«Nein.«
«Wie eine Zigarette.«
«Ja, ein bisschen wie eine Zigarette.«
Sie würde, flüsterte sie, und sie glaube, dass ihr das gelingen werde, eine Druckschrift schaffen, die so normal sei, dass sich niemand jemals fragen würde, woher sie stamme. Ganz locker und einfach. Wie Schreibmaschinenschrift vielleicht, aber nicht so persönlich. Ingolf sprang auf das Motiv unsichtbarer Ehre nicht an. Stattdessen fragte er:
«Wäre das dann so, dass auch du die lesen kannst?«, und obwohl er gleich danach versuchte, es auszubügeln, war dennoch nichts mehr zu ändern daran, dass er, der nicht einmal ein Instrument spielte, zu ihr gesagt hatte, sie könne nicht lesen. Was nicht ganz falsch war. Er hatte es schließlich als ihr Banknachbar zuerst bemerkt. Dort noch, am Steinbruch, beschloss Marleen, die Sache bis zu ihrer Realisierung für sich zu behalten, möglicherweise für immer.
Früh war Marleen sich bewusst, dass ihre Eltern die ganze Republik bespielten. Mama kritzelte Figuren, die dann Prospekte und Bücher bevölkerten, und Papa machte zwar nichts selbst, nicht wirklich, aber er buchte Anzeigen in Illustrierten, und wenn er das nicht täte, sagte er, würden die eingehen wie Primeln. Vielleicht könnte man die Eltern da noch übertreffen.
«Nein, nicht wie eine Zigarette. Eher wie Geld«, hatte sie zu Ingolf gesagt, bevor sie in das Schweigen fiel, das andauerte bis zum Ende der Schulzeit, als die Mutter sie irgendwann nach einem Berufswunsch fragte. So war die Idee, die Schrift für alle und für jeden Zweck zu erfinden, zur fixen Idee geworden, etwas, was sie still mit sich herumtrug, ein Vorrat oder ein Mantra. Noch mit sechzehn hatte sie keine Ahnung davon, dass Schriften zu entwerfen ein Beruf war. Sie dachte, sie würde die Schrift im Geheimen erschaffen, in einer Holzhütte mitten im Wald, zum Beispiel, und wenn es dann so weit wäre, die große Sache zu den Menschen zu bringen, würde sie nicht weiter in Erscheinung treten, noch besser ungenannt bleiben für immer.
In Kassel war sie sogleich Müller-Brockmanns Lehre des typografischen Gitters verfallen, eine Flamme, die Weingart behutsam abregelte. Zwischen Ordnung und Starrsinn bestand definitiv ein Unterschied. Weingart führte sie sanft, aber bestimmt zu den beständigeren Dingen, der Arbeit am Bleisatz, der Darstellung des einzelnen Buchstabens, der Kalligrafie, ahnend, dass sich hinter Marleen Schullers Beharrlichkeit ein dramatisches Temperament verbarg, der Wunsch, den Vorhang wegzureißen, um etwas Ungeahntes zu schauen. Er wollte sie nicht durch eine große Enttäuschung verlieren. Sie sollte langsam begreifen, dass hinter dem Vorhang nichts anderes lag als eine Bühne — aber auch hier wurde gespielt! Wie leicht konnte man im Irrgarten der Schriften den Mut verlieren. Franz hielt das Ganze für einen Bluff, Esme hielt es für biederes Handwerk, Hagen Kluess für den Schlüssel zum Porsche, und Marleen war nicht selten wütend auf Weingart, weil er ihr keine Antwort gab, weil er ihr nicht sagte, warum die Dinge auf der Welt so lagen, wie sie lagen. Weingart war der Torwächter auf der Schwelle von Wunsch und Wirklichkeit.
Marleen war gewiss nicht seine erste begabte Studentin. Immer wieder hatte er beobachtet, wie sich gerade die Begabten an der Hochschule und ihren Ritualen aufrieben und oft, bevor sie in den Beruf eintraten, innerlich schon aufgegeben hatten. Deshalb beschloss er, als Stüssi Nachwuchs suchte, Marleen in eine Typowerkstatt zu schicken, die er, Weingart, für eine der besten in Europa hielt. Furrer, aus der Ferne, ohne sie zu kennen, baute ihr die Brücke zu den Jaccottets. Für Marleen war nun Paris alles und Kassel nichts. Hier hatte Passeraub die Tempi Novi auf den Weg gebracht, und sie würde sich davon nicht erdrücken lassen, von der Größe dieses Mannes, sondern ihm zuarbeiten, bis das Projekt vollendet wäre: das der Schrift, die alles konnte, aber letztlich unsichtbar blieb.
Marleen ging auf dem Weg zur Arbeit, im Dezember, kurz zur Apotheke mit dem blinkenden Kreuz, das weckte Vertrauen, da musste man sich keine Sorgen machen. Irgendwie hatte sie erwartet, die Probe zurückzubekommen, vielleicht mit einem farbigen Papierchen darin. Stattdessen bekam sie einen kleinen, braunen Umschlag, den sie auf der Straße aufriss, wo sie unter einem Himmel von Vorahnungen stehenblieb. Es kam ihr vor, als wäre die Nachricht — das Kreuz an der falschen Stelle des Formulars: nicht nicht schwanger, sondern schwanger — riesig auf die nächstliegende Mauer projiziert. Eine bleierne Hand griff nach ihr, packte sie an den Haaren, ein Gör, ein lästiges Mädchen, ein Dreck: Du bist nicht das, was du denkst, das du bist; du bekommst nicht, was du willst; du bekommst, was du nicht willst. Und selber schuld bist du sowieso.
«Ça va?«
Da hatte doch wirklich eine Pariserin im Kostüm angehalten, ihren Regenschirm leicht nach hinten gestellt und Marleen gefragt, ob sie helfen könne. Sich schließlich verwundert abgewandt, als sie keine Antwort bekam. Jemand aus der Klapsmühle, dachte Madame vielleicht, also Vorsicht!
Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Marleen das Gefühl, völlig allein zu sein. Sie wusste einfach nicht, wen sie um Rat fragen konnte. Sie schrieb an den Konvent in Hamburg, das schon, aber es kam keine Antwort, nicht innerhalb einer Woche, und Marleen wusste, dass sie nicht würde warten können. Um, wie sagt man, eine soziale Indikation zu bekommen oder den Balg loszuwerden. Sie ging nicht mehr so flott. Ann sah das, Pierre schaute väterlich drüber hinweg; sein Instrument war das Cembalo. Marleen war in Frankreich nicht krankenversichert. Mama hatte sie gewarnt, in Kassel immatrikuliert zu bleiben. Mein Gott, so ein blutiges Dingens, warum hast du mich verlassen.
An Weihnachten und zwischen den Jahren schloss das Atelier Passeraub, Furrer und Stüssi. Die Jaccottets boten ihr an zu bleiben, baten sie sogar darum, weil man doch gerade in diesen Tagen Kinderbetreuung brauchte (die Konzerte, die Gottesdienste, die Einladungen zum Jahreswechsel). Und in der Pomona war ohnehin nichts mehr wie früher. Trotzdem beschloss Marleen, nach Neuss zu fahren. Mit Cristina über alles sprechen. Vielleicht.
Es hat doch Nachteile, Sichtbeton weiß zu streichen. Es blättert. Die Pomona 133 sieht nicht mehr so aus wie vor zwanzig Jahren. Der Teich ist ausgetrocknet, die Gehwegplatten zeigen eigentümliche Neigungen. Eine Terrassenrolltür lässt sich nur noch unter Gefahr öffnen und schließen. Die Bewohner sind nicht mehr dieselben, drei Zimmer an englischsprechende Studenten der Verfahrenstechnik vermietet, wobei die beiden Schotten bereits in ihre Heimat gereist sind, als Marleen ankommt. Der häufigste Besucher ist Valli. So nennt Lore den Kaplan Valentin, der allerdings schon lange kein Priester mehr ist, sondern wieder Arzt, und zwar an den Städtischen Kliniken. Linus wirft ab und zu seine blonde Tolle aus dem Gesicht. Der dritte Student stammt aus Südafrika und fliegt für den Jahreswechsel nicht zurück. Er, der hochgeschossene Junge mit Zügen von Tintin, bewohnt das große Zimmer, das sich früher Marleen und Cristina geteilt haben. Mit ihm verbringt Cristina ihre Nächte. Diese Art des Daseins entspannt sie sehr.