Rainer Stüssi erschien im Atelier immer im Anzug, kleinteilige Muster, Budapester Schuhe, Fliege, das einst blonde Haar nur noch als Kranz vorhanden und kurz getrimmt. Obwohl die Teilhaber keine offiziellen Funktionen, keine Titel hatten, war Stüssi der erste Ansprechpartner für die Kunden, im Französischen flüssig, im Englischen vokabelreich. Er merkte sich Namen, Produkte, Umsätze. Er hatte ein feines Sensorium für den Grad der Schwierigkeit. War eine Sache schwer überschaubar, verlangte er schwindelerregende Honorare, war sie eine Angelegenheit von zwei Tagen, preiste er sie demonstrativ auf den geringsten Stundensatz. Er telefonierte viel und zeichnete wenig.
Niklas Furrer hatte mit Stüssi studiert. Furrer war ein glühender Anhänger der grafischen Moderne gewesen, hatte jede Seite nach Raster gebaut, Text im Flattersatz, immer die Kosmos, Bilder exakt auf Spalte beschnitten (ein-, zwei-, dreispaltig, nie größer). So war das Optimum der Lesbarkeit zu erreichen, davon war er überzeugt, Lesbarkeit im Redaktionellen, im Behördlichen, in der Werbung, da gab es keinen Unterschied. Der Mensch wurde beschenkt durch Lesbarkeit, denn Lesbarkeit war demokratisch, für alle, für alle aufgeklärten Menschen, die, wenn sie nur radikal genug wären, kollektiv zur Kleinschreibung wechseln würden: kleinschreibung, flattersatz, raster, demokratie. Und so weiter, Furrer hielt noch immer solche Reden, wenn man ihn ließ, Kunstgewerbeschule 1962, diese Lektion würde ihn nie mehr verlassen. Der Abstand zu dem, was er im Atelier wirklich entwarf, war bereits groß und wurde größer, denn Niklas Furrer war ein Spieler, ein Zeichner, ein Mann der täglichen kleinen Freuden, Ausnahmen und Doppeldeutigkeiten, daher diese eulenhaften, warmen Augen. Man verstand seine Scherze kaum, er nuschelte etwas zwischen Hochdeutsch und Dialekt. Alles, was man an ihn herantrug, wurde sogleich Gestalt, in der Mittagspause auf Papierservietten gekritzelt. Er konnte Buchstaben zeichnen, die gähnen, und Buchstaben, die winken. Deshalb liebten ihn prosperierende kleine Firmen, deren Signets er aus dem Ärmel schüttelte, überhaupt nicht mehr Schweizer Schule.
Es häuften sich Anfragen von Boutiquen aus der Rue Mouffetard. Die jüngste hatte sich auf schmal geschnittene, schwarze Kleidung, glänzende Stiefeletten und nietenbesetzte Gürtel kapriziert, halb London, halb Tokio: Tête sollte sie heißen. Furrer ließ das Schreiben der Eigentümer, mit einer Fotokopie des ersten Warenkatalogs und einem Foto des Geschäfts — Fensterfronten links und rechts einer stählernen Tür —, auf Marleens Schreibtisch liegen. Sie dachte eine Weile über das Wort nach und fand heraus, es lief wie» Otto«, vorwärts wie rückwärts, bis sie ihren Lesefehler bemerkte. Es war die Doppelung einer Silbe, mit dem Schönheitsfehler des Dachs über dem ersten» e«. Das Dach war aber gut, verstanden als Giebel. Sie probierte. Bei Furrer hatte sie sich abgeschaut, wie man das machte, Varianten schnell nebeneinander setzen und nichts korrigieren. Ihr geriet das Dach zu groß, so dass es einen Stützbalken brauchte, das ergab zusammen das T, ein Häuschen. Sie ließ die beiden» e «s drunterschlüpfen wie Tauben. Das ergab zwar nicht das Wort» Tête«, aber ein kompaktes Symbol. Am nächsten Morgen führte sie es im Detail aus und brachte es zu Furrer.
«Ist sehr schön geworden«, sagte der und zeigte es Alain, der raten musste, was es darstellte —»Keine Ahnung!«—, durchgefallen. Marleen musste wieder ran und setzte das Wort TETE als schmales Band darunter. Furrer zeigte es Stüssi.
«Das ist schon gut, aber sie verkaufen weder Dächer noch Zelte. Es sieht zu häuslich aus, und auch ein bisschen witzig. Ich glaube, diese Punker nehmen sich schrecklich ernst. Da ist nichts mit lustig. Vor allem muss es wichtiger aussehen, als es ist. Konzernformat. Wie Fiat oder Sony. «Marleen fragte, ob sie den Entwurf an Furrer zurückgeben könne, und der:»Warum das?«Sie wusste nicht warum und blieb also dran.
Unbeschäftigt zu sein oder auch nur zu wirken kam in diesem Betrieb nicht in Frage. Der pausbäckige André mit seinen Versuchen über Western-, Halbwelt- und Jahrmarktsschriften; Wendelin, wie er belichtete Entwürfe mit einer riesigen Lupe prüfte (»Das nenne ich aber nicht randscharf!«); Fränzi, die, wenn sie nicht telefonierte, mit der Kugelkopfmaschine Rechnungen hämmerte. Marleen wäre in der Tat gern, jedenfalls einmal am Tag, im Atelier herumspaziert, um jedem über die Schulter zu schauen und zu fragen, ob es vorangehe (und vor allem was!). Dafür hätte sie Praktikantin oder Boss sein müssen, Praktikanten aber gab es in dieser Werkstatt nicht. Marleen war gezwungen, ihren verfrühten Eintritt in die calvinistische Geschäftigkeit als Vorteil zu betrachten; ein Jahr Arbeit, ein Jahr Gehalt, das war die Abmachung. Fränzi gab den Angestellten (nicht den Teilhabern) am letzten Freitag jeden Monats Cheques aus, die Stüssi, und wenn Stüssi auf Reisen war, Passeraub selbst, unterzeichnete. Dessen Signatur war fahriger, als man für möglich hielt.
Die Tempi Novi in Ultrafett zu übersetzen, war für Marleen ein kurzes Abenteuer gewesen, ein Stochern in der Grammatik des Buchstabens, das sie komplett in Anspruch nahm, so sehr, dass sie sich selbst vergaß. Leider war die Aufgabe jetzt erledigt, und Passeraub zeigte keine Neigung, sie weiterhin mit ungeliebtem Kniffligen zu beschäftigen. Einmal hatte sie eine Eingebung und dachte, sie müsste einfach eine halbe Stunde früher kommen, ihren Schreibtisch in Passeraubs Arbeitszimmer verfrachten und dann sich weigern, wieder abzuziehen. Johanna hätte das so gemacht.
So kam es, dass die corporate identity für Kleinstunternehmer in ihre Nische spülte, zwei Aufträge pro Woche und mehr. Buchstaben in Logos zu zwingen kam ihr vor wie Kindergarten für Hochbegabte. Erwünscht war eine bestimmte Mischung von Artigkeit und Rabaukentum, Analphabetismus und Bilderrausch. Man konnte sich darin nicht versenken wie in die echte Typografie, die Konstruktion von Alphabeten. Denn Logos und Signets brauchten Ideen, der Spleen war gefragt, die Montage nur noch Technik. Es war Niklas Furrer gewesen, der bemerkt hatte, dass Marleen, bei aller Strenge, ein Händchen für so etwas hatte.
Einen Nachmittag nahm sie sich frei, um das Ladengeschäft von Tête zu besichtigen. Die Gründer waren kaum älter als sie selbst. Einer hatte sich eine Silbernadel durch einen Nasenflügel gesteckt. Die Couturière trug einen ledernen Minirock, am unteren Ende gesäumt mit Ösen rundherum. Das Ladenlokal war fast fertig, die Oberflächen wurden geschliffen. Erst jetzt begriff Marleen — hatte sie den Auftrag nicht Satz für Satz gelesen? — , dass es nicht nur um Geschäftspapier und Einkaufstüten ging, sondern auch um das Schild über dem Eingang, das sich die Clique, euphorisch, als emaillierten Klotz vorstellte, der zur Straße querstehen würde. Aber was hieß schon Schild:
«Das muss stehen wie ein Messer!«
«Wie eine Kamera, die die ganze Straße erfasst.«
«Das Ding muss so sexy sein, dass die Leute phantasieren, sie würden bei Nacht wiederkommen und es abmontieren.«
Das waren die Vorstellungen der Belegschaft, die ausschließlich aus Chefs bestand, alle in schwarzer Kleidung, schmal geschnitten, mit Nieten und Ösen.
Marleen fragte:»Seid ihr so was wie Punks?«
Grinsen:»Wieso, kotzen wir auf die Straße?«(Der junge Mann flüsterte fast!)
«Nous sommes New Wave«, sagte die Lady, wobei die englischen Worte klangen, als kämen sie durch eine Düse.
Marleen übernahm die Kinder gegen sieben und hatte sie gegen halb acht im Bett, dann Janosch, dann ihr Atmen, halb weggeschluckt vom Rauschen der Straße da unten, und das Tick-tick war die untaugliche Leerrille einer Platte, die die Jaccottets vor dem Weggehen gehört hatten.
Sie setzte sich an den Küchentisch, nahm Notizblock und Kuli und zeichnete ihren Entwurf nach, das Dach über den beiden» e «s links und rechts. Weg damit. Variante: nur ein ê, das Dach riesig. Dach ist Kopf, Kopf ist Dach! Ihrer Mutter würde das gefallen. Weingart würde sagen, das ist gut gefühlt. Glaubte Marleen. Im nächsten Moment kam es ihr kindisch vor.