Выбрать главу

Bei Little Rock hatte Kjell eine Wachmachertablette geschluckt, die ihn weiterzog bis in den Morgen. Erst als es dämmerte, wagte er, eine Musikkassette einzulegen. Sie waren unterwegs im Grenzgebiet dreier Bundesstaaten und zweier großer Flüsse und derer Nebenarme, ein Sumpfgebiet, das von Straßen und Brücken zusammengehalten wurde, ein Spinnennetz. Hans, jetzt auf dem Beifahrersitz, die ersten Strahlen der Morgensonne in seinem Gesicht, kalter Schweiß, ein bitteres Lächeln,

«Du weißt, dass das Plastikmusik ist?«

Kjell grinste. Er mochte nun einmal Lieder, die über Orchestermusik gesungen waren.

Dass Hans ein Ohr hatte, war zuerst einem Stockholmer Komponisten aufgefallen, dessen Musik klang wie Möwenkreischen über Gotland unterlegt mit dem Wummern der Werkshallen von Trollhättan. Er mochte den Jungen, nahm ihn in seine Altstadtwohnung mit, füllte ihn mit Champagner ab, bevor er ihn vernaschte, und am Morgen wurde Hans verzärtelt und bewirtet wie ein junger Gott. Der Komponist verriet ihm, er suche — zwar nur ein kommerzieller Auftrag und ihm eigentlich lästig — die Titelmelodie für eine Fernsehserie, die von einem charmanten Gelegenheitsdieb handeln solle, und Hans sah in den Spiegel, in dem ihm ein ungewaschenes, spitzbübisches Gesicht erschien, und pfiff dem Komponisten eine Melodie, ein finnisches Kinderlied, das er von seiner Mutter kannte, dem er einige frivole Schlenker hinzufügte. Der Komponist hieß ihn schweigen, machte eine Notennotiz mit Filzstift auf dem Küchentisch und dankte ihm zwei Monate später mit einem Replay jener Nacht und einem Scheck über fünfzigtausend Kronen.

Für Hans, dessen musikalische Früherziehung im Empfang gelegentlicher Backpfeifen bestanden hatte, war all das eine Entdeckung, eine einzige, so wie manch andere Schnaps und Liebe gleichzeitig entdecken und dann nicht mehr voneinander unterscheiden, können oder wollen. Er verbrachte die nächsten Monate als Mädchen für alles in einem Studio bei Stockholm, in den Männerbars der Altstadt, in deren Hinterzimmern, mit Kjell bei Konzerten im Kulturhaus und in der Oper. Hans wusste nur so viel, dass er kein Musiker werden würde, denn er sang nicht besser als richtig, und für den Rest war es zu spät.

Kjell, nun schon mit glasigen Augen, war von der Autobahn nach Nashville eingebogen, war über den Fluss gerollt, er dachte für einen Moment, man könne das Blubbern dieses riesigen Motors als Vibration in den Scheiben der Geschäftshäuser sehen, auf die sie sich zubewegten. Sie richteten sich im Holiday Inn ein, das wie eine Burganlage am Westrand der Innenstadt klebte, schliefen bis in den frühen Abend und machten sich dann auf ins Ryman Auditorium, wo ein behuteter Countrysänger aufspielte, meistens up-tempo, mit einer Bassbegleitung als Herzmassage. Kjell hatte dessen Namen noch nie gehört, und er hätte auch nicht schwören mögen, dass ihm das gefiel, die kupferne Stimme, das Knödeln, die punktgenau auf Steigerung gebauten Harmonien. Aber Hans war in seinen Sitz gesackt, die Nerven angeschlossen an die Pedal-Steel-Gitarre, die ihre quecksilbrigen Ströme durch seinen Körper jagte. Kjell konnte nicht anders, als bei der Zeile» If my time on earth were through «Hans anzusehen, der seinen Blick auffing, ohne zu verstehen.

Damals, als sie gerade in Manhattan angekommen waren, hatten sie viel über Musik geredet, die erste Station eine Bruchbude in der 98. Straße West und dann ein Loft an der Ecke West Broadway und Broome Street, an dem sie, obwohl es inzwischen mehr als das Doppelte kostete, festhielten bis zu diesem Tag. Es war die Zeit der Ledermänner gewesen, und die Ledermänner liebten Klaus Nomi, entflammt, als er lebte, und abgöttisch, als er tot war. Kjell schrieb sich an der NYU ein, Hans wurde Mikrophonspezialist in einem unbedeutenden, aber ausgebuchten Studio in Brooklyn. Kjell hatte Hans und Hans hatte die Piers. Manchmal kam Kjell mit, als Freund oder Voyeur, das unglaubliche entfesselte Schauspiel von Männern im Halbdunkel mit Masken und Lederhosen mit seltsamen Aussparungen, nichts daran Zufall, sogar SS-Runen auf der Haut, ein Rausch von Symbolen und Signalen, die Schmerzgrenze nach oben offen; fremd war nicht fremd, sondern neu; wo einer schlappmachte, richtete sich der Nächste auf, ein Phalluskarussell. In den Nächten, in denen Hans allein nach Haus kam, verlor er kein Wort, die Augen feucht vor Schmerz oder vor Glück; mit Daiquiri in die Badewanne. Spät am Abend spielte er dann Stand by Your Man aus der Boombox, dreimal, viermal, laut.

«Was hast du Schwuchtel bloß mit den Jodlern der Rednecks?«

«Du verstehst wirklich nichts, Kjell, gar nichts.«

«Dann müsstest du auch Abba toll finden.«

«Tu ich auch. Lachsrogen aus der Tube, klasse!«

Hans hatte also Kontakte gemacht und war dann, mit zweiundzwanzig Jahren, nach Nashville gegangen, wo er als Koproduzent eines Hoffnungsträgers — der richtige Mann unter dem falschen Hut oder der falsche Mann unter dem richtigen Hut — sein kleines Vermögen einbüßte, von alten Männern mit weißen Mähnen Dinge im Studio lernte, von denen man in Brooklyn noch nie gehört hatte. Dennoch entging ihm nicht, dass er gemieden wurde, bespöttelt, Knäred light. Da alle Musiker mit dem Auto nach Nashville kamen, war ihm klar, dass er nur aufspringen musste, um Amerikaner zu werden, verlorenzugehen in Boulder, Omaha, Santa Fe, aber dann war es ein Produzent aus Texas, der ihn aufgabelte:»Nashville ist natürlich super profimäßig, aber der Spirit ist trotzdem nicht mehr ganz der alte. Die wirklich beste Stadt für Musik ist jetzt Austin, und übrigens, da schauen sie auch nicht herab auf Jungs wie uns. Wir schreiben da unsere eigenen Lieder. «Sogleich waren die Koffer gepackt. Es sollte sich bald zeigen, dass Hans ein enormes Gedächtnis besaß für Songs und Musiker, und die Verknüpfung von artist und repertoire war hier, wo täglich eingespielt wurde, ein Beruf. Hans Solvin, A & R, 414 S. First Street, Suite 615, stand auf seiner Karte. Für seine Begriffe war er weit gekommen. Kjell vermisste ihn sehr in New York, verbrachte seine Tage in der Bibliothek der Universität und ging nie mehr auf die Piers. Stattdessen zu Beerdigungen, eine im Monat mindestens, eine jede wie die Verstoßung des Verstorbenen: weil es in Manhattan keine Friedhofsplätze mehr gab.

Es war grau und windig auf der Tagesfahrt durch den Osten Tennessees, der nach Virginia weist wie eine ausgestreckte Hand. In der Nacht, sie fuhren über die Appalachen, war es abwechselnd klar und neblig. Das Auto fraß eine Menge Benzin. Hans sah die großen, leuchtenden Signale der Tankstellen und Motels wegkippen in einen schwarzen Himmel, eine nicht enden wollende Parade des Abschieds, die hinter den Lidern nachflackerte, er eingerollt in einen brüchigen Quilt, Lavendel und Rosen.

Zwischen Gewerbehallen, Schildern, Masten erschien im ersten Morgenlicht Manhattan. In diese Stadt waren sie gezogen, als noch alles möglich schien. Jetzt kehrten sie, und das war klar, ein letztes Mal gemeinsam dorthin zurück. Kjell hielt an, der Motor grollend in der Parkposition; Hans kroch nun wieder nach vorn. Sie staunten eine Weile, während das Glitzern der Skyline zunahm. Und Hans sagte:

«Ich wäre im Traum nicht drauf gekommen, dass ich das erleben darf.«

Im Broome-Street-Loft hatte sich viel getan, seit Hans damals weitergezogen war nach Nashville. Mit Holzeinbauten waren Kammern geschaffen worden. Für die Garderobe gab es jetzt fahrbare Ständer. In der Küche, die zum Hinterhof hin komplett verglast und der einzige Raum war, in dem man den gewaltigen Autoverkehr nicht hörte, stand ein riesiger Tisch, ein Shakermöbel. Jemand war auf die Idee gekommen, die Farne, die im Hof wucherten, zu beleuchten. Tom Bryan war eingezogen, und mit ihm der Singsang aus Louisiana. Kam er allein zurück ins Loft, rief er» Faggots of America!«, zur allgemeinen Begrüßung; hörte man nur das Klappern des zweifachen Schlosses und danach zaghafte Schritte, war er in Begleitung. Aber nichts hielt lange. Vielleicht irritierte es die jungen Frauen, wie ein Mitbewohner namens David — jovial, strahlend — Tom Bryan in die Arme nahm, einfach so, und ihn auf die Lippen küsste. David war uptown aufgewachsen, der südliche Central Park sein Kinderspielplatz. Nun kam Hans als Vierter hinzu, ein rund um die Uhr betreuter Patient. Tom Bryan brachte niemanden mehr mit und widmete sich stattdessen dem Haushalt, der einem Hospital immer ähnlicher wurde. Hans verfiel schnell. Erst suchte er nach englischen Worten; nach sechs Wochen sprach er nur noch Schwedisch. Da fand Kjell, es sei an der Zeit, ihn in die Heimat zurückzubringen.