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Ich war mir seiner genauen Stellung auf Chalderescol nicht sicher, aber so, wie er seine Arbeit beschrieben hat, habe ich ihn wenigstens für einen Krieger der oberen Klasse gehalten, wenn nicht sogar für einen Herrscher“, fuhr sie fort. „Zu der Zeit hatten wir uns schon unsere Namen gesagt, und deshalb entschied ich mich, ihm mitzuteilen, daß die vom Hospital durchgeführte Behandlung eher die Symptome als die Ursachen bekämpfe und sich zudem gegen die falsche Krankheit richte. Weiter habe ich ihm erklärt, daß mir sein Leiden nicht unbekannt sei, und obwohl ich nicht die Qualifikation zu seiner Behandlung besäße, gäbe es auf Sommaradva Zauberer, die dazu befähigt seien. Mehrmals habe ich ihn darauf hingewiesen, daß er hier im Hospital langsam zu einer Art Institution geworden sei und er vielleicht glücklicher wäre, wenn er nach Hause zurückkehren würde.“

Mittlerweile trieb der Patient sehr nahe vor ihnen.

Sein gewaltiges Maul war zwar geschlossen, aber nicht reglos, denn es vollführte eine gleichmäßige Kaubewegung, die darauf hindeutete, daß er mit den Zähnen knirschte. Untermalt wurde diese Kieferaktivität von einem hohen, gurgelnden Stöhnen, das gleichermaßen gräßlich und seltsam mitleiderregend klang.

„Fahren Sie fort, Cha Thrat“, bat O'Mara sie mit leiser Stimme. „Aber passen Sie bloß auf, was Sie sagen.“

„Viel gibt es eigentlich nicht mehr zu berichten“, kam Cha Thrat allmählich zum Ende. „Bei unserer letzten Begegnung habe ich ihm mitgeteilt, daß ich zwei Tage frei hätte. Er wollte sich aber unbedingt mit mir über die Zauberer auf Sommaradva unterhalten und fragte mich, ob sie nicht nur seine Schmerzen, sondern auch seine Angst heilen könnten. Er hat mich als mein Freund gebeten, ihn zu behandeln oder einen unserer sommaradvanischen Brüder zu rufen, der ihn heilen könnte. Ich habe ihm erklärt, daß ich zwar einiges Wissen über die Beschwörungen der Zauberer besäße, aber nicht genug, um eine Behandlung zu wagen. Außerdem erlaube mir das nicht meine Position hier im Hospital, und ich hätte auch nicht die Befugnis, einen Zauberer kommen zu lassen.“

„Und was hat er ihnen darauf geantwortet?“ fragte O'Mara.

„Nichts“, entgegnete Cha Thrat. „Und danach wollte er auch nicht mehr mit mir sprechen.“

Plötzlich blickten sie in das weit aufgerissene Maul des AUGL, der aber immerhin seinen Abstand beibehalten hatte, auch wenn dieser noch immer unangenehm nah war. „Sie sind nicht so wie die anderen, die nichts für mich getan und mir aber auch nie etwas versprochen haben, Cha Thrat“, beklagte er sich. „Mit Ihren Zauberern haben Sie bei mir die Hoffnung geweckt, eines Tages geheilt zu werden, und im selben Augenblick einen Rückzieher gemacht. Die Schmerzen, die Sie mir zugefügt haben, sind sehr viel schlimmer als die, wegen denen ich hier im Hospital bleiben muß. Und jetzt verschwinden Sie endlich, Cha Thrat! Zu Ihrer eigenen Sicherheit, gehen Sie mir aus den Augen!“

Das Maul klappte krachend zu. Der Chalder fegte um sie herum und steuerte auf das andere Ende der Station zu. Sie konnten zwar nichts Genaues sehen, aber den Stimmen nach zu urteilen, die aus dem Personalraum herüberdrangen, schien der AUGL vorzuhaben, dort Unheil anzurichten.

„Meine Patienten!“ schrie Oberschwester Hredlichli verzweifelt. „Meine neuen Regale und Arzneischränke.“

„Den Bildschirmen zufolge ist den Patienten nichts passiert“, fiel ihr Cresk-Sar ins Wort. „Das war allerdings nur Glück. Ich schicke jetzt den Transporttrupp rein, um Eins-Sechzehn aus dem Verkehr zu ziehen. Aber das wird ein bißchen kitzlig werden. Sie beide kommen jetzt schnell hierher zurück.“

„Nein, warten Sie“, widersprach O'Mara. „Wir versuchen noch einmal, mit ihm zu sprechen. Schließlich ist er kein gewalttätiger Patient, und ich glaube nicht, daß wir uns wirklich in Gefahr befinden.“ Auf Cha Thrats Frequenz fügte er hinzu: „Aber irgendwann irrt man sich immer zum erstenmal.“

Aus irgendeinem Grund tauchte plötzlich vor Cha Thrats geistigem Auge ein Bild aus ihrer Kindheit auf. Sie erinnerte sich an ihr Lieblingstier, den kleinen, bunten Fisch, der immer im Kreis herumschwamm und hoffnungslos und verzweifelt gegen die durchsichtigen Wände seiner Glaskugel stieß. Hinter diesen Wänden, wie hinter denen des Hospitals, herrschten äußere Bedingungen, unter denen er rasch erstickt und gestorben wäre. Aber daran hatte dieser kleine Fisch genausowenig wie jetzt dieses riesengroße Wesen auf der AUGL-Station gedacht.

„Als Eins-Sechzehn Ihnen seinen Namen verraten hat, hat er Ihnen und sich selbst die bindende Verpflichtung auferlegt, einander in jeder erdenklichen Weise zu helfen, so, wie Sie sich gegenüber einem Lebensgefährten oder einem Mitglied Ihrer Familie verhalten würden“, belehrte O'Mara sie im ruhigen, aber bestimmten Ton. „Nachdem Sie die Möglichkeit einer Heilung durch einen sommaradvanischen Zauberer erwähnt hatten, wobei die tatsächliche Wirksamkeit solch einer Behandlung jetzt überhaupt keine Rolle spielt, hat der Chalder von Ihnen erwartet, daß Sie weder Kosten noch Mühen oder Gefahren scheuen, um den Zauberer herbeizuschaffen.“

Durch das grüne Wasser breiteten sich jetzt die Geräusche berstenden Metalls und das Jammern der übrigen AUGLs aus, und Hredlichlis Stimme klang sehr aufgeregt.

O'Mara überhörte den Lärm und fuhr eindringlich fort: „Sie müssen ihm gegenüber ihr Wort halten, Cha Thrat, auch wenn Ihre Zauberer Eins-Sechzehn möglicherweise nicht mehr helfen können als wir. Mir ist klar, daß Sie nicht die Befugnis haben, einen Ihrer Zauberer hierherzubestellen. Aber wenn das Orbit Hospital und das Monitorkorps ihren Einfluß geltend machen und gemeinsam Ihrem Wunsch Nachdruck verleihen.“

„Es würde trotzdem niemand hierherkommen“, unterbrach ihn Cha Thrat. „Zauberer sind zwar für ihre Beeinflußbarkeit bekannt, aber dumm sind deswegen noch lange nicht. Vorsicht! Er kommt zurück!“

Diesmal näherte sich ihnen Eins-Sechzehn langsamer und bedächtiger, doch immer noch zu schnell, um sich schwimmend in Sicherheit bringen zu können. Auch der mit den Betäubungsgewehren ausgerüstete Transporttrupp konnte sie nicht mehr rechtzeitig erreichen, um ihnen beizustehen. Die Patienten auf der Station und die ängstlich zusehenden Wesen im Personalraum gaben keinen Laut von sich. Während der AUGL bedrohlich anrückte, glaubte Cha Thrat, in seinen Augen den wilden, wahnsinnigen Blick eines verwundeten Raubtiers zu erkennen. Langsam öffnete der Chalder das Maul.

„Sprechen Sie ihn mit seinem Namen an, verdammt noch mal!“ brüllte O'Mara aufgeregt.

„Mu. Mu. Muromeshomon, mein. mein Freund“, stammelte Cha Thrat. „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“

Das zornige Funkeln in den Augen des Chalders schien sich ein wenig zu legen, so daß sich in ihnen nunmehr das eigentliche Leiden des AUGL widerspiegelte. Das Maul öffnete und schloß sich langsam, aber nur zum Sprechen.

„Meine Freundin, Sie befinden sich in großer Gefahr“, warnte sie der AUGL. „Sie haben mich mit meinem Namen angesprochen und mir erzählt,

daß mich das Hospital mit seinen Ärzten und Geräten sowieso nicht heilen kann und mich längst aufgegeben hat. Und Sie selbst wollen mir auch nicht helfen, obwohl meine Heilung nach Ihren eigenen Worten möglich ist. Wenn unsere Rollen vertauscht wären, würde ich mich nicht so verhalten wie Sie, mich sogar strikt weigern, so vorzugehen. Sie sind keine ebenbürtige Freundin, Sie besitzen überhaupt kein Ehrgefühl. Ich bin von Ihnen schwer enttäuscht und verachte Sie. Verschwinden Sie sofort! Retten Sie Ihr Leben! Mir ist nicht mehr zu helfen.“

„Nein!“ widersprach Cha Thrat heftig. Das Maul des Chalders öffnete sich weiter, in die Augen trat erneut dieses wahnsinnige Funkeln, und Cha Thrat war klar, daß sie bei einem Angriff des AUGL dessen erstes Opfer sein würde. Verzweifelt fuhr sie fort: „Es stimmt, ich kann Ihnen nicht helfen. Ihre Krankheit ist weder durch die Kräuter eines Heilers noch durch das Messer eines Chirurgen zu heilen, weil es sich um das Leiden eines Herrschers handelt, das die Beschwörungen eines Zauberers erfordert. Vielleicht könnte Sie ein sommaradvanischer Zauberer heilen, aber da Sie selbst kein Sommaradvaner sind, ist das keineswegs sicher. Allerdings ist dieser Terrestrier hier ein Zauberer. Er hat in der Heilung von Herrschern, die den verschiedensten Lebensformen angehörten, bereits sehr viel Erfahrung gesammelt. Ich hätte ihn auch sofort auf Ihren Fall angesprochen, aber da ich mich noch in der Ausbildung befinde und mir unsicher war, wie ich vorgehen sollte, hatte ich vorgehabt, ihn aus irgendeinem vorgeschobenen Grund um ein Gespräch zu bitten, um ihm dann ausführlich von Ihnen zu berichten.“