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„Ich bin im Moment gerade damit beschäftigt, die Patienten mit dem Schwamm zu waschen und mit dem Nahrungspräparat zu besprühen“, erklärte der hudlarische Krankenpflegeschüler. „Würden Sie sich bitte einen der Behälter mit dem Nahrungspräparat umschnallen und mir auf meiner Runde folgen? Auf diese Weise können Sie gleich einige unserer Patienten kennenlernen.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort: „Mit diesem Patienten hier können Sie schon deshalb nicht sprechen, weil auf seiner Sprechmembran ein Schalldämpfer sitzt, damit die Laute, die er ausstößt, den übrigen Patienten und dem Personal nicht auf die Nerven gehen. Er hat nämlich erhebliche Beschwerden, und auf die Behandlung mit schmerzstillenden Medikamenten spricht er praktisch nicht an. Im übrigen ist er sowieso nicht in der Lage, sich verständlich auszudrücken.“

Es sprang sofort ins Auge, daß dies kein gesunder Hudlarer war. Seine sechs gewaltigen Tentakel, die den schweren Rumpf normalerweise das ganze Leben hindurch beim Schlafen wie beim Wachen in aufrechter Stellung tragen, hingen wie verfaulte Baumstämme reglos an den Seiten des Stützgestells herab. Die harten Hornhautballen — die Knöchel, auf denen der FROB läuft, während die Finger zum Schutz vor Bodenkontakt nach innen gedreht sind — waren verblaßt, ausgetrocknet und rissig. Die Finger selbst, die sich gewöhnlich mit traumwandlerischer Sicherheit und Präzision bewegten, wurden von unaufhörlichen spastischen Zuckungen heimgesucht.

Große Bereiche des Rückens und der Körperseiten waren von teilweise aufgenommenem Nahrungspräparat bedeckt, das man erst abwaschen mußte, bevor die neue Schicht aufgesprüht werden konnte. Während Cha Thrat den alten Hudlarer betrachtete, bildete sich an dessen Unterseite eine milchige Ausdünstung und tropfte in die Absaugpfanne, die sich unter dem Gestell befand.

„Was fehlt ihm denn?“ fragte Cha Thrat. „Wird er oder kann er überhaupt geheilt werden?“

„Hohes Alter“, antwortete ihr Klassenkamerad barsch. In beherrschterem und sachlicherem Ton fuhr er fort: „Wir Hudlarer sind eine Spezies mit großem Energiebedarf und stark gesteigertem Stoffwechsel. Mit zunehmendem Alter sind insbesondere die Nahrungsaufnahme- und Ausscheidungsmechanismen, die normalerweise beide willkürlich gesteuert werden, als erstes von einer fortschreitenden Degeneration betroffen. Würden Sie bitte diesen Bereich neu besprühen, sobald ich mit dem Abwaschen des eingetrockneten Nahrungspräparats fertig bin?“

„Selbstverständlich“, sagte Cha Thrat.

„Die Degeneration ruft wiederum eine starke Verminderung der Blutzirkulation in den Gliedmaßen hervor, was zu wachsenden Schäden an dem betreffenden Nervensystem und der Muskulatur führt“, fuhr der Hudlarer fort. „Das Endergebnis ist eine allgemeine Lähmung, das Absterben der Enden der Gliedmaßen und schließlich der Exitus.“

Der Hudlarer arbeitete sehr behende mit dem Schwamm und trat schließlich zurück, damit Cha Thrat frisches Nahrungspräparat aufsprühen konnte. Als er seine Ausführungen fortsetzte, hatte seine Stimme ein wenig von der kühlen Gelassenheit verloren.

„Das ernsthafteste Problem für einen hudlarischen Patienten der Geriatrie ist jedoch, daß das Gehirn, das nur einen relativ geringen Teil der vorhandenen Energie verbraucht, vom Degenerationsprozeß noch einige Zeit über den Stillstand des Doppelherzens hinaus organisch unbeeinträchtigt bleibt. Darin liegt auch die eigentliche Tragödie. Daß ein Hudlarer, dessen Körper um ihn herum unter Schmerzen verfällt, verstandesmäßig ruhig und ausgeglichen bleiben kann, gibt es nur selten. Jetzt verstehen Sie bestimmt, warum diese Station, die erst vor kurzem für Conways Projekt vergrößert worden ist, von allen im Hospital diejenige ist, auf der noch am ehesten psychisch gestörte Patienten behandelt werden.

Das galt jedenfalls bis zu jenem Zeitpunkt“, fügte er hinzu und schlug einen unbeschwerteren Ton an, während sie zum nächsten Patienten weitergingen, „an dem Sie angefangen haben, AUGL-Eins-Sechzehn zu analysieren.“

„Erinnern Sie mich jetzt bloß nicht daran“, seufzte Cha Thrat.

Auch auf der Sprechmembran des nächsten Patienten saß ein dicker, zylindrischer Schalldämpfer, aber entweder waren die Laute, die der Hudlarer ausstieß, für das Gerät zu kräftig oder es funktionierte nicht richtig. Vieles von dem, was der Hudlarer von sich gab, war offenbar das Produkt fortgeschrittenen Schwachsinns und starker Schmerzen und wurde von Cha Thrats Translator aufgefangen und übersetzt.

„Ich hätte ein paar Fragen“, sagte Cha Thrat plötzlich. „Aber die könnten Sie kränken oder womöglich die philosophischen Werte oder das Berufsethos der Hudlarer angreifen. Auf Sommaradva ist die Situation innerhalb der Ärzteschaft vielleicht anders gelagert. Ich möchte keinesfalls das Risiko eingehen, Sie zu beleidigen.“

„Fragen Sie nur“, entgegnete der Klassenkamerad. „Ihre Entschuldigung nehme ich, falls überhaupt erforderlich, schon mal im voraus an.“

„Vorhin habe ich gefragt, ob diese Patienten geheilt werden können“, begann Cha Thrat vorsichtig, „und bisher haben Sie mir darauf keine Antwort gegeben. Sind die Patienten unheilbar krank? Und wenn ja, warum rät man ihnen dann nicht, ihr Leben selbst zu beenden, bevor sie dieses Stadium erreichen?“

Mehrere Minuten lang wischte der Hudlarer weiter wortlos eingetrocknetes Nahrungspräparat mit dem Schwamm vom Rücken des zweiten Patienten und antwortete dann: „Sie beleidigen mich nicht, aber Sie überraschen mich, Schwester. Ich selbst kann die medizinische Praxis auf Sommaradva nicht kritisieren, weil die heilende Medizin und die Chirurgie auf meinem Heimatplaneten bis zu unserem Beitritt zur Föderation vor ein paar Generationen unbekannt war. Aber habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie unheilbar kranke Patienten auffordern wollen, sich selbst das Leben zu nehmen?“

„Nicht ganz“, erwiderte Cha Thrat. „Wenn ein Heiler für Sklaven, ein Chirurg für Krieger oder ein Zauberer für Herrscher nicht die persönliche Verantwortung für die Heilung eines Patienten übernehmen will, wird dieser Patient nicht behandelt. Ihm wird der gesamte Sachverhalt der Situation erläutert, und zwar knapp und präzise und ohne die gutgemeinten, aber unangebrachten Lügen und trügerischen Aufmunterungsversuche, die unter dem hiesigen Personal so verbreitet sind. Auf Sommaradva versucht man erst gar nicht, in irgendeine Richtung Einfluß auszuüben; die Entscheidung wird voll und ganz dem Patienten überlassen.“

Während Cha Thrats Ausführungen hatte der Hudlarer aufgehört zu arbeiten. „Schwester, Sie dürfen, trotz Ihrer Einstellung zu unseren medizinischen Notlügen, niemals mit einem Patienten in dieser Weise über seinen Fall sprechen“, warnte er sie. „Wenn Sie das tun, halsen Sie sich eine Menge Probleme auf.“

„Das habe ich auch gar nicht vor“, entgegnete Cha Thrat. „Jedenfalls vorläufig nicht. Es sei denn, man gibt mir an diesem Hospital die Chance, wie auf Sommaradva wieder als Chirurgin zu praktizieren.“

„Nicht einmal dann“, widersprach ihr der Hudlarer besorgt.

„Das verstehe ich nicht“, sagte Cha Thrat. „Wenn ich die volle Verantwortung für die Heilung eines Patienten übernehme, dann.“

„Dann sind Sie also zu Hause eine Chirurgin gewesen?“ unterbrach sie ihr Klassenkamerad, der offensichtlich Streit vermeiden wollte. „Ich hoffe ebenfalls, mit der Eignung als Chirurg nach Hause zurückkehren zu können.“

Cha Thrat wollte auch keinen Streit. „Wie viele Jahre wird das dauern?“

„Wenn ich Glück habe, zwei“, antwortete der Hudlarer. „Ich habe nicht vor, die volle chirurgische Qualifikation für fremde Spezies zu erwerben, sondern mache gleichzeitig elementare Krankenpflege und den FROB-Chirurgiekurs. Jedenfalls habe ich mich deshalb Conways Projekt angeschlossen und werde, sobald ich den Abschluß geschafft habe, zu Hause gebraucht.