Wenn man die Zufuhr dieses unangemessen hohen Bedarfs von der Energieversorgung abtrennt“, erklärte der Diagnostiker langsam und nachdrücklich, „wird die Nährstoffzufuhr zu den Organen mit geringerem Bedarf automatisch bis zum Optimum erhöht.“
Jetzt hatte Cha Thrat über die chirurgischen Absichten des Terrestriers keine Zweifel mehr, doch nach wie vor versuchte sie sich einzureden, daß die Situation nicht ganz so furchtbar sei, wie es den Anschein hatte. „Wachsen die Gliedmaßen dieser Lebensform denn nach?“ erkundigte sie sich bei ihrem Nachbarn mit sanftem Nachdruck.
„Dumme Frage“, erwiderte der Hudlarer. „Natürlich nicht. Wenn das der Fall wäre, hätten die Degenerationserscheinungen der Muskulatur und der Blutzirkulation in den Extremitäten gar nicht erst das derzeitige Ausmaß erreicht. Und jetzt halten Sie endlich den Mund, Schwester, und hören Sie gefälligst zu!“
„Ich habe natürlich die Gliedmaßen des Terrestriers gemeint, nicht die des Patienten“, entgegnete Cha Thrat hartnäckig.
„Nein, die natürlich auch nicht“, erwiderte der Hudlarer ungeduldig, und als Cha Thrat versuchte, eine weitere Frage zu stellen, beachtete er die Sommaradvanerin einfach nicht mehr.
„Das Hauptproblem, das bei einem tiefen chirurgischen Eingriff an jeder unter großer Schwerkraft und hohem atmosphärischen Druck entwickelten Lebensform auftritt, ist natürlich die Verschiebung der inneren Organe und die mögliche Schädigung durch Druckverminderung“, sagte Conway gerade. „Aber bei der Art Operation, die wir heute durchführen werden, gibt es kein echtes Problem. Die Blutung wird mit Klammern unter Kontrolle gehalten, und das Verfahren ist so einfach, daß Sie es als fortgeschrittene Auszubildende alle unter Anleitung durchführen können.
Ich selbst“, fügte der Diagnostiker hinzu und entblößte auf einmal die Zähne, „werde den Patienten übrigens mit keinem Messer berühren. Die Verantwortung für die Operation tragen Sie alle gemeinsam.“
Die letzten Worte des Terrestriers wurden mit ruhiger und höflich zurückhaltender Begeisterung aufgenommen. Die Auszubildenden drängten näher an die Absperrung heran und keilten Cha Thrat zwischen Mauern aus eisenharten Hudlarerkörpern und — tentakeln ein. Es wurden so viele Gespräche gleichzeitig geführt, daß ihr Translator mehrmals überlastet war, doch nach dem, was sie verstehen konnte, schien es, als ob alle Studenten mit diesem höchst schändlichen Akt beruflicher Feigheit nicht nur einverstanden waren, sondern zudem noch so dumm, sich um die Verantwortung für die Operation zu reißen, anstatt davor zurückzuschrecken.
Nicht einmal in ihren wildesten und schrecklichsten Vorstellungen hatte Cha Thrat mit etwas Derartigem gerechnet, noch war ihr jemals in den Sinn gekommen, mit einer solch heimtückischen und entmutigenden Attacke auf ihre Moralvorstellung konfrontiert zu werden. Auf einmal wollte sie nur noch aus diesem Alptraum, in dem diese wahnsinnigen und sittenlosen Hudlarer die Hauptrolle spielten, fliehen. Doch unglücklicherweise waren sie alle viel zu beschäftigt, mit ihren flatternden Sprechmembranen aufeinander einzureden, als daß sie Cha Thrat hätten hören können.
„Ruhe, bitte!“ fuhr Diagnostiker Conway dazwischen, und sofort trat Stille ein. „Ich glaube zwar nicht an Wunder, ob sie nun erfreulich sind oder nicht, aber früher oder später werden die Hudlarer unter Ihnen auf ihrem Heimatplaneten Stunde für Stunde und Tag für Tag Mehrfachamputationen wie diese hier vornehmen, und ich finde, Sie sollten sich lieber zu früh als zu spät mit dieser Vorstellung anfreunden.“
Er schwieg, um einen Blick auf eine weiße Karte zu werfen, die er in der Hand hielt, und sagte dann: „FROB-Dreiundsiebzig, Sie fangen an.“
Cha Thrat verspürte einen fast überwältigenden Drang, aus vollem Hals zu schreien, sie wolle sofort hier raus und weit weg von diesem abscheulichen Geschehen sein. Doch Conway, ein Diagnostiker und einer der hohen Herrscher des Hospitals, hatte um Ruhe gebeten, und die ihr ein Leben lang anerzogene Disziplin konnte nicht einfach durchbrochen werden, auch wenn Cha Thrat weit von Sommaradva entfernt war. Sie drückte zwar behutsam gegen die Wände aus Hudlarerkörpern, die sie von drei Seiten einschlossen, aber ihre Versuche hindurchzukommen wurden ignoriert, falls man sie überhaupt bemerkte. Alle Blicke konzentrierten sich ausschließlich auf das Operationsgestell und den Patienten FROB-Elf-Zweiunddreißig, und obwohl sich Cha Thrat bemühte, woanders hinzusehen, schaute sie doch in dieselbe Richtung.
Von Anfang an war offensichtlich, daß die Probleme von FROB-Dreiundsiebzig eher psychologischer als chirurgischer Natur waren und durch die unmittelbare Nähe von einem der führenden Diagnostiker des Hospitals hervorgerufen wurden, der jede seiner Bewegungen genau beobachtete. Aber Conways kommentierende Bemerkungen zur Operation fielen sowohl taktvoll als auch ermutigend aus. Wann immer der Auszubildende unschlüssig schien, gelang es dem Terrestrier, indirekt die gebotenen Ratschläge und Anweisungen zu erteilen, ohne daß sich der Adressat dumm vorkam oder gar noch mehr verunsichert wurde.
Nach Cha Thrats Dafürhalten hatte dieser Diagnostiker etwas von einem Zauberer an sich, was allerdings keineswegs sein dem Berufsethos zuwiderlaufendes Verhalten entschuldigte.
„Das Messer Nummer drei wird für den ersten Schnitt und zum Entfernen der unter der Haut liegenden Muskelschichten benutzt“, erläuterte Conway. „Aber für die Arbeit an den Venen und Arterien ziehen einige die feinere Nummer fünf vor, da die glatteren Ränder des Schnitts das spätere Vernähen der Wunden viel einfacher gestalten und den Heilungsprozeß beschleunigen.
Die Nervenstränge werden besonders lang gelassen, in Edelmetallhülsen gesteckt und direkt unter der Oberfläche des Stumpfs befestigt. Auf diese Weise wird der Anschluß von Nervenimpulsverstärkern ermöglicht, die später die Prothesen steuern.“
„Was sind Prothesen?“ wollte Cha Thrat von ihrem Nachbarn wissen.
„Künstliche Gliedmaßen“, klärte sie der Hudlarer auf. „Hören und sehen Sie doch einfach zu. Fragen können Sie hinterher immer noch stellen.“
Zu sehen gab es eine ganze Menge, aber zu hören weniger, da FROB-Dreiundsiebzig jetzt viel schneller arbeitete und die diskreten Ratschläge des Diagnostikers nicht mehr zu benötigen schien. Cha Thrat hatte einen direkten Blick auf das Operationsfeld und konnte auch die sorgfältigen und präzisen Bewegungen der Instrumente in der Gliedmaße verfolgen, da das Bild des Innenscanners auf einen großen Bildschirm übertragen wurde, der schräg über dem Patienten an der Decke hing.
Dann war die Gliedmaße plötzlich nicht mehr da — sie war starr wie ein kranker Ast von einem Baum in einen Behälter auf dem Boden gefallen —, und Cha Thrat sah zum erstenmal einen Amputationsstumpf. Verzweifelt kämpfte sie gegen den Drang an, sich übergeben zu müssen oder in Ohnmacht zu fallen.
„Der große Hautlappen wird über den Stumpf geklappt und mit Klammern befestigt, die sich auflösen, sobald der Heilungsprozeß abgeschlossen ist“, erläuterte Conway. „Wegen des erhöhten Innendrucks dieser Lebensform und der extremen Festigkeit der Haut, die man kaum mit einer Nadel durchstechen kann, hat das normale Vernähen keinen Sinn, und deshalb ist es ratsam, lieber großzügigen Gebrauch von den Klammern zu machen.“
Auf Sommaradva hatte es immer wieder unappetitliche Gerüchte über ähnliche Fälle gegeben, bei denen es durch schwere Betriebs- oder Verkehrsunfälle zu gewaltsam herbeigeführten Amputationen gekommen war, die die Opfer überlebt hatten. Die Wunden wurden normalerweise von jungen Chirurgen für Krieger notdürftig versorgt, da sie aufgrund ihrer noch fehlenden Qualifikation keinerlei Verantwortung trugen, oder sogar — wenn gerade niemand anders zur Verfügung stand — von bereitwilligen Heilern für Sklaven. Doch selbst wenn sich die betreffenden Krieger die Verletzungen durch eine tapfere Tat zugezogen hatten, wurde die ganze Geschichte geheimgehalten und so schnell wie möglich vergessen.