„Ihr Eindruck trifft zu, Cha Thrat“, bestätigte Prilicla. „Die emotionale Ausstrahlung der Patientin ist schon wieder stärker, obwohl sie noch ohne Bewußtsein ist.“
„Moment mal!“ meldete sich Murchison besorgt zu Wort. „Man hat uns doch gesagt, daß sie bei Bewußtsein sein muß, wenn sie für das Neugeborene richtig sorgen soll. Wir haben keine Ahnung, was.“
Sie brach mitten im Satz ab, weil Cha Thrat, die jetzt über das gesamte Wissen der gogleskanischen Ärztin verfügte, bereits alles Erforderliche verrichtete. Bewußt zu lügen lief zwar ihrer sommaradvanischen Erziehung zuwider, aber in der momentanen Situation wimmelte es geradezu von Problemen zwischen den Anwesenden, und die Umstände waren viel zu verwickelt, als daß sie Lust gehabt hätte, sich die für die Mitteilung der Wahrheit erforderliche Zeit zu nehmen.
Statt dessen wartete Cha Thrat, bis die Nabelschnur sauber durchtrennt und verknotet war und die Beine der Patientin in einer bequemeren Stellung lagen, und erklärte dann mit einer gewissen Dreistigkeit: „Zwischen der Lebensform der FOKTs und meiner eigenen gibt es eine Anzahl physiologischer Gemeinsamkeiten, und wir weiblichen Wesen verfügen bei solchen Geschichten von Natur aus über einen besonderen Instinkt.“
Die Terrestrierin schüttelte zweifelnd den Kopf und sagte: „Dann sind Ihre weiblichen Instinkte aber eine ganze Ecke stärker entwickelt und sehr viel zielsicherer als meine.“
„Freundin Murchison“, mischte sich jetzt Prilicla ein, dessen Stimme jetzt sehr laut war, da inzwischen alle Klangverfälscher bis auf zwei zu pfeifen aufgehört hatten. „Lassen Sie uns doch zu geeigneterer Zeit über weibliche Instinkte diskutieren. Freundin Naydrad, setzen Sie wieder das Verdeck auf den Transporter, erhöhen Sie die Innentemperatur um drei Grad, füllen Sie den Innenraum mit reinem Sauerstoff, und achten Sie bei der Patientin auf Anzeichen eines verspäteten Schocks. Nach der emotionalen Ausstrahlung zu urteilen, befindet sich Khone zwar im einem Zustand schwerer Erschöpfung, der ansonsten aber stabil ist. Im Moment besteht also keine Gefahr, und die Lähmung der Beine wird mit zunehmender Durchblutung zurückgehen. Wir und insbesondere die Patientin werden uns alle besser fühlen, wenn sie erst einmal von den Geräten auf dem Ambulanzschiff intensiv betreut wird. Bitte bringen Sie Khone schnell aufs Schiff.
Cha Thrat, Sie bleiben noch hier“, fügte er freundlich hinzu. „Mit Ihnen, meine sommaradvanische Freundin, würde ich mich gern einmal allein unterhalten.“
Der von Naydrad gelenkte Krankentransporter wurde von Danalta und Wainright von beiden Seiten flankiert und entfernte sich bereits. Doch Pathologin Murchison, deren Gesicht tiefrot war und einen Ausdruck trug, den Cha Thrat mittlerweile lesen und verstehen konnte, zögerte noch.
„Seien Sie nicht zu streng mit ihr, Prilicla“, bat Murchison. „Ich finde, sie hat sehr gute Arbeit geleistet, auch wenn sie manchmal dazu neigt zu vergessen, wer die eigentliche Verantwortung dafür trägt. Ich meine. na ja, sagen wir einfach, daß Cha Thrats unfreiwilliger Wechsel für den Wartungsdienst ein Gewinn und für das medizinische Team ein Verlust ist.“
Als sich Murchison abrupt abwandte, um dem Transporter hinterherzulaufen, blickte ihr Cha Thrat aus drei unterschiedlichen und verwirrenden Blickwinkeln und mit drei Arten von gemischten Gefühlen hinterher: Nach ihrem sommaradvanischen Geschmack war Murchison ein kleines, farbloses, abstoßendes DBDG-Weibchen. In ihren gogleskanischen Augen war sie bloß ein außerplanetarisches Ungeheuer, zwar freundlich, aber furchteinflößend. Doch vom terrestrischen Standpunkt aus gesehen handelte es sich um ein völlig anderes Wesen, eins, das Cha Thrat schon seit vielen Jahren als hochintelligente, von der beruflichen Position her nur Thornnastor unterstellte, freundliche, verständnisvolle, gerechte, schöne und sexuell begehrenswerte Frau kannte. Einige dieser Seiten ihrer Persönlichkeit hatte Murchison eben gezeigt, aber die plötzliche körperliche Anziehungskraft, die sie auf Cha Thrat ausübte, und die Bilder von schrecklichen, fremdartigen Umklammerungen und Intimitäten, die an Cha Thrats geistigem Auge vorbeizogen, machten der Sommaradvanerin so furchtbare Angst, daß der gogleskanische Teil ihres Gehirns am liebsten einen Ruf nach Zusammenschluß ausgestoßen hätte.
Murchison war eine Terrestrierin und sie selbst eine Sommaradvanerin. Sie mußte einfach aufhören, sich auf so alberne Weise zu einem Mitglied einer fremden Spezies hingezogen zu fühlen, das noch nicht einmal männlichen Geschlechts war, denn dieser Weg führte ganz sicher in den Wahnsinn. Sie dachte an das Gespräch, das sie mit dem Zauberer O'Mara über Schulungsbänder geführt hatte, und an ihre eigene Erfahrung, die sie mit Bändern von Kelgianern, Tralthanern, Melfanern und vielen anderen bereits gemacht hatte.
Aber die Erfahrung hatte sie gar nicht selbst gemacht, wie sie sich plötzlich vor Augen hielt. Sie war und blieb Cha Thrat. Die Gogleskanerin und der Terrestrier, die scheinbar von ihrem Gehirn Besitz ergriffen hatten, waren nur Gäste, von denen einer besonders lästig war, was die Gedanken über Murchison betraf, aber sie sollten keinesfalls ihre persönlichen Gefühle beeinflussen dürfen. Etwas anderes zu denken oder zu fühlen als eine Sommaradvanerin war albern.
Als die störende Gestalt Murchisons in der Ferne verschwunden war und sich Cha Thrat wieder eher wie sie selbst und nicht wie zwei andere Wesen fühlte, sagte sie zu Prilicla: „Und jetzt, nehme ich an, bekommt die überhebliche und äußerst ungehorsame Technikerin mit Hang zu medizinischem Größenwahn endlich den Kopf gewaschen, nicht wahr?“
Prilicla hatte sich auf dem Dach über Khones Tür niedergelassen, damit sich seine Augen auf gleicher Höhe mit Cha Thrats befanden. „Ihre Gefühlsbeherrschung ist ausgezeichnet, Cha Thrat“, erwiderte er freundlich. „Mein Kompliment. Aber Ihre Annahme ist falsch. Ihr offenbares Verständnis der terrestrischen Redewendung, die Sie gerade gebraucht haben, und Ihr Verhalten vorhin in einer sehr heiklen klinischen Situation veranlassen mich, darüber zu spekulieren, was möglicherweise mit Ihnen geschehen sein könnte.
Wissen Sie, ich denke einfach mal laut vor mich hin“, fuhr er fort. „Dazu brauche ich Sie gar nicht, ja, ich verbiete es Ihnen sogar ausdrücklich, mir zu sagen, ob meine Vermutungen zutreffen oder nicht. In diesem Fall ziehe ich es vor, offiziell von nichts zu wissen.“
Schon aus den ersten paar Worten des Empathen wurde klar, daß er ganz genau wußte, was mit Cha Thrat passiert war, auch wenn er seine Gewißheit nur als Vermutung bezeichnete. Er nahm an, daß Cha Thrat mit Khone eine geistige Vereinigung gehabt habe, der Verstand der Gogleskanerin vorher mit dem vom Conway verschmolzen gewesen sei und vor und während der Geburt von Khones Kind die Fachkenntnisse und Entschlußkraft des Diagnostikers die führende Rolle übernommen hätten. Aus diesem Grund fühlte sich der Cinrussker durch den Vorfall nicht gekränkt — schließlich stand ein Chefarzt weit unter einem Diagnostiker, selbst wenn sich dieser nur vorübergehend im Gehirn eines Untergebenen aufhielt. Auch die übrigen Teammitglieder wären nicht beleidigt, wenn sie die Wahrheit erfahren würden.
Aber nach seiner Auffassung müßten sie diese ja nicht erfahren, zumindest nicht, bis sich Cha Thrat wieder im Schutz der Wartungsschächte des Orbit Hospitals verloren hätte.
„Ihrer jüngsten emotionalen Ausstrahlung entnehme ich“, fuhr Prilicla fort, „daß Sie gegenüber Freundin Murchison in sexueller Hinsicht sehr starke, wenn auch verworrene Gefühle empfunden haben, die für Ihr sommaradvanisches Ich nicht angenehm waren. Aber denken Sie daran, in welch große Verlegenheit Murchison geriete, wenn sie ahnen würde, daß Sie, ein Lebewesen einer völlig anderen physiologischen Klassifikation, das durch die Umstände gezwungen ist, ganz eng mit ihr zusammenzuarbeiten, sie mit den Augen und den gleichen starken Gefühlen wie ihr Lebensgefährte betrachten.“