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Und plötzlich schmiß es mich hin zu dem Tisch… ich riß ein Bündel Briefblätter heraus und begann ihr zu schreiben… alles zu schreiben… einen hündisch winselnden Brief, in dem ich sie um Vergebung bat, in dem ich mich einen Wahnsinnigen, einen Verbrecher nannte… in dem ich sie beschwor, sich mir anzuvertrauen… Ich schwor, in der nächsten Stunde zu verschwinden, aus der Stadt, aus der Kolonie, wenn sie wollte: aus der Welt… nur verzeihen sollte sie mir und mir vertrauen, sich helfen zu lassen in der letzten, der allerletzten Stunde… Zwanzig Seiten fieberte ich so hinunter… es muß ein toller, ein unbeschreiblicher Brief wie aus einem Delirium gewesen sein, denn als ich aufstand vom Tisch, war ich in Schweiß gebadet… das Zimmer schwankte, ich mußte ein Glas Wasser trinken… Dann erst versuchte ich den Brief noch einmal zu überlesen, aber mir graute nach den ersten Worten… zitternd faltete ich ihn zusammen, faßte schon ein Kuvert… Da plötzlich fuhrs mich durch. Mit einem Male wußte ich das wahre, das entscheidende Wort. Und ich riß noch einmal die Feder zwischen die Finger und schrieb auf das letzte Blatt:»Ich warte hier im Strandhotel auf ein Wort der Verzeihung. Wenn ich bis sieben Uhr keine Antwort habe, erschieße ich mich. «Dann nahm ich den Brief, schellte einem Boy und hieß ihn das Schreiben sofort überbringen. Endlich war alles gesagt - alles!«

Etwas klirrte und kollerte neben uns. Mit einer heftigen Bewegung hatte er die Whiskyflasche umgestoßen; ich hörte, wie seine Hand ihr suchend am Boden nachtastete und sie dann mit einem plötzlichen Schwung faßte: in weitem Bogen warf er die geleerte Flasche über Bord. Einige Minuten schwieg die Stimme, dann fieberte er wieder fort, noch erregter und hastiger als zuvor.

»Ich bin kein gläubiger Christ mehr… für mich gibt es keinen Himmel und keine Hölle… und wenn es eine gibt, so fürchte ich sie nicht, denn sie kann nicht ärger sein als jene Stunden, die ich von vormittag bis abends erlebte… Denken Sie sich ein kleines Zimmer, heiß in der Sonne, immer glühender im Mittagsbrand… ein kleines Zimmer, nur Tisch und Stuhl und Bett… Und auf diesem Tisch nichts als eine Uhr und einen Revolver und vor dem Tisch einen Menschen… einen Menschen, der nichts tut als immer auf diesen Tisch, auf den Sekundenzeiger der Uhr starren… einen Menschen, der nicht ißt und nicht trinkt und nicht raucht und sich nicht regt… der immer nur… hören Sie: immer nur, drei Stunden lang… auf den weißen Kreis des Zifferblattes starrt und auf den Zeiger, der tickend den Kreis umläuft… So… so… habe ich diesen Tag verbracht, nur gewartet, gewartet, gewartet… aber gewartet wie… wie eben ein Amokläufer etwas tut, sinnlos, tierisch, mit dieser rasenden, geradlinigen Beharrlichkeit. Nun… ich werde Ihnen diese Stunden nicht schildern… das läßt sich nicht schildern… ich verstehe ja selbst nicht mehr, wie man das erleben kann ohne… ohne wahnsinnig zu werden… Also… um drei Uhr zwei-undzwanzig Minuten… ich weiß es genau, ich starrte ja auf die Uhr… klopfte es plötzlich an die Tür… Ich springe auf… springe, wie ein Tiger auf seine Beute springt, mit einem Ruck durch das ganze Zimmer zur Tür, reiße sie auf… ein ängstlicher kleiner Chinesenjunge steht draußen, einen zusammengefalteten Zettel in der Hand, und während ich gierig danach greife, huscht er schon weg und ist verschwunden. Ich reiße den Zettel auf, will ihn lesen… und kann ihn nicht lesen… Mir schwankt es rot vor den Augen… denken Sie die Qual, ich habe endlich, endlich das Wort von ihr… und nun zittert und tanzt es mir vor den Pupillen… Ich tauche den Kopf ins Wasser… nun wirds mir klarer… Nochmals nehme ich den Zettel und lese:

»Zu spät! Aber warten Sie zu Hause. Vielleicht rufe ich Sie noch. «

Keine Unterschrift auf dem zerknüllten Papier, das von irgendeinem alten Prospekt abgefetzt war… hastige, verworrene Bleistiftzüge einer sonst sicheren Schrift… ich weiß nicht, warum mich das Blatt so erschütterte… Irgend etwas von Grauen, von Geheimnis haftete ihm an, es war wie auf einer Flucht geschrieben, stehend an einer Fensternische oder in einem fahrenden Wagen… Etwas Unbeschreibliches von Angst, von Hast, von Entsetzen schlug kalt von diesem heimlichen Zettel mir in die Seele… und doch… und doch, ich war glücklich: sie hatte mir geschrieben, ich mußte noch nicht sterben, ich durfte ihr helfen… vielleicht… ich durfte… oh, ich verlor mich ganz in den wahnwitzigsten Konjekturen und Hoffnungen… Hundertemal, tausendemal habe ich den kleinen Zettel gelesen, ihn geküßt… ihn durchforscht nach irgendeinem vergessenen, übersehenen Wort… immer tiefer, immer verworrener wurde meine Träumerei, ein phantastischer Zustand von Schlaf mit offenen Augen… eine Art Lähmung, irgend etwas ganz Dumpfes und doch Bewegtes zwischen Schlaf und Wachsein, das vielleicht Viertelstunden dauerte, vielleicht Stunden… Plötzlich schreckte ich auf… Hatte es nicht geklopft?… Ich hielt den Atem an… eine Minute, zwei Minuten reglose Stille… Und dann wieder ganz leise, so wie eine Maus knabbert, ein leises aber heftiges Pochen… Ich sprang auf, noch ganz taumelig, riß die Tür auf- draußen stand der Boy, ihr Boy, derselbe, dem ich den Mund damals mit der Faust zerschlagen… sein braunes Gesicht war aschfahl, sein verwirrter Blick sagte Unglück… Sofort spürte ich Grauen…»Was… was ist geschehen?«konnte ich noch stammeln.»Come quickly«, sagte er… sonst nichts… sofort raste ich die Treppe herunter, er mir nach… Ein Sado, so ein kleiner Wagen, stand bereit, wir stiegen ein…»Was ist geschehen?«fragte ich ihn… Er sah mich zitternd an und schwieg mit verbissenen Lippen… Ich fragte nochmals - er schwieg und schwieg… Ich hätte ihm am liebsten wieder ins Gesicht geschlagen mit der Faust, aber… gerade seine hündische Treue zu ihr rührte mich… so fragte ich nicht mehr… Das Wägelchen trabte so hastig durch das Gewirr, daß die Menschen fluchend auseinanderstoben, lief aus dem Europäerviertel am Strand in die niedere Stadt und weiter, weiter ins schreiende Gewirr der Chinesenstadt… Endlich kamen wir in eine enge Gasse, ganz abseits lag sie… vor einem niedern Haus hielt er an… Es war schmutzig und wie in sich zusammengekrochen, vorne ein kleiner Laden mit einem Talglicht… irgendeine dieser Buden, in die sich die Opiumhäuser oder Bordelle verstecken, ein Diebsnest oder ein Hehlerkeller… Hastig klopfte der Boy an… Hinter dem Türspalt zischelte eine Stimme, fragte und fragte… Ich konnte es nicht mehr ertragen, sprang vom Sitz, stieß die angelehnte Tür auf… ein altes chinesisches Weib flüchtete mit einem kleinen Schrei zurück… hinter mir kam der Boy, führte mich durch den Gang… klinkte eine andere Tür auf… eine andere Türe in einen dunklen Raum, der übel roch von Branntwein und gestocktem Blut… Irgendetwas stöhnte darin… ich tappte hin… «

Wieder stockte die Stimme. Und was dann ausbrach, war mehr ein Schluchzen als ein Sprechen.»Ich… ich tappte hin… und dort… dort lag auf einer schmutzigen Matte… verkrümmt vor Schmerz… ein stöhnendes Stück Mensch… dort lag sie… Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen im Dunkel… Meine Augen waren noch nicht gewöhnt… so tastete ich nur hin… ihre Hand… hei߅ brennend hei߅ Fieber, hohes Fieber… und ich schauerte… ich wußte sofort alles… sie war hierher geflüchtet vor mir… hatte sich verstümmeln lassen von irgendeiner schmutzigen Chinesin, nur weil sie hier mehr Schweigsamkeit erhoffte… hatte sich morden lassen von irgendeiner teuflischen Hexe, lieber als mir zu vertrauen… nur weil ich Wahnsinniger… weil ich ihren Stolz nicht geschont, ihr nicht gleich geholfen hatte… weil sie den Tod weniger fürchtete als mich…