Wieder hielt er inne. Irgendwie fröstelte michs: war das erster Schauer des Morgenwinds, der jetzt leise sausend über das Schiff lief? Aber das gequälte Gesicht - nun schon halb erhellt vom Widerschein der Frühe -spannte sich wieder zusammen:
»Wie lang ich so auf der Matte gelegen hatte, weiß ich nicht. Da rührte michs an. Ich fuhr auf. Es war der Boy, der zaghaft mit seiner devoten Geste vor mir stand und mir unruhig in den Blick sah.»Es will jemand herein… will sie sehen… «»Niemand darf herein. «»Ja… aber… «
Seine Augen waren erschreckt. Er wollte etwas sagen und wagte es doch nicht. Das treue Tier litt irgendwie eine Qual.»Wer ist es?«
Er sah mich zitternd an wie in Furcht vor einem Schlag. Und dann sagte er - er nannte keinen Namen… woher ist in solch einem niedern Wesen mit einmal so viel Wissen, wie kommt es, daß in manchen Sekunden ein unbeschreibliches Zartgefühl derlei ganz dumpfe Menschen beseelt?… dann sagte er… ganz, ganz ängstlich…»Er ist es. «
Ich fuhr auf, verstand sofort und war sofort ganz Gier, ganz Ungeduld nach diesem Unbekannten. Denn sehen Sie, wie sonderbar… inmitten all dieser Qual, in diesem Fieber von Verlangen, von Angst und Hast hatte ich ganz an»ihn«vergessen… vergessen, daß da noch ein Mann im Spiele war… der Mann, den diese Frau geliebt, dem sie leidenschaftlich das gegeben, was sie mir verweigert… Vor zwölf, vor vierund-zwanzig Stunden hätte ich diesen Mann noch gehaßt, ihn noch zerfleischen können… Jetzt… ich kann, ich kann Ihnen nicht schildern, wie es mich jagte, ihn zu sehen… ihn… zu lieben, weil sie ihn geliebt. Mit einem Ruck war ich bei der Tür. Ein junger, ganz junger blonder Offizier stand dort, sehr linkisch, sehr schmal, sehr blaß. Wie ein Kind sah er aus, so… so rührend jung… und unsäglich erschütterte michs gleich, wie er sich mühte, Mann zu sein, Haltung zu zeigen… seine Erregung zu verbergen… Ich sah sofort, daß seine Hände zitterten, als er zur Mütze fuhr… Am liebsten hätte ich ihn umarmt… weil er ganz so war, wie ich mirs wünschte, daß der Mann sein sollte, der diese Frau besessen… kein Verführer, kein Hochmütiger… nein, ein halbes Kind, ein reines, zärtliches Wesen, dem sie sich geschenkt. Ganz befangen stand der junge Mensch vor mir. Mein gieriger Blick, mein leidenschaftlicher Aufsprung machten ihn noch mehr verwirrt. Das kleine Schnurr-bärtchen über der Lippe zuckte verräterisch… dieser junge Offizier, dies Kind mußte sich bezwingen, um nicht herauszuschluchzen.
»Verzeihen Sie«, sagte er dann endlich.»Ich hätte gerne Frau… gerne noch… gesehen. «Unbewußt, ganz ohne es zu wollen, legte ich ihm, dem Fremden, meinen Arm um die Schulter, führte ihn, wie man einen Kranken führt. Er sah mich erstaunt an mit einem unendlich warmen und dankbaren Blick… irgendein Verstehen unserer Gemeinschaft war schon in dieser Sekunde zwischen uns beiden… Wir gingen zu der Toten… Sie lag da, weiß, in den weißen Linnen - ich spürte, daß meine Nähe ihn noch bedrückte… so trat ich zurück, um ihn allein zu lassen mit ihr. Er ging langsam näher mit… mit so zuckenden, ziehenden Schritten… an seinen Schultern sah ichs, wie es in ihm wühlte und ri߅ er ging so wie… wie einer, der gegen einen ungeheuren Sturm geht… Und plötzlich brach er vor dem Bett in die Knie… genau so, wie ich hingebrochen war. Ich sprang sofort vor, hob ihn empor und führte ihn zu einem Sessel. Er schämte sich nicht mehr, sondern schluchzte seine Qual heraus. Ich vermochte nichts zu sagen - nur mit der Hand strich ich ihm unbewußt über sein blondes, kindlich weiches Haar. Er griff nach meiner Hand… ganz lind und doch ängstlich… und mit einemmal fühlte ich seinen Blick an mir hängen…»Sagen Sie mir die Wahrheit, Doktor«, stammelte er,»hat sie selbst Hand an sich gelegt?«»Nein«, sagte ich.
»Und ist… ich meine… ist irgend… irgend jemand schuld an ihrem Tode?«
»Nein«, sagte ich wieder, obwohl mirs aufquoll in der Kehle, ihm entgegenzuschreien:»Ich! Ich! Ich!… Und du!… Wir beide! Und ihr Trotz, ihr unseliger Trotz!«Aber ich hielt mich zurück. Ich wiederholte noch einmaclass="underline" »Nein… niemand hat schuld daran… es war ein Verhängnis!«
»Ich kann es nicht glauben«, stöhnte er,»ich kann es nicht glauben. Sie war noch vorgestern auf dem Balle, sie lächelte, sie winkte mir zu. Wie ist das möglich, wie konnte das geschehen?«
Ich erzählte eine lange Lüge. Auch ihm verriet ich ihr Geheimnis nicht. Wie zwei Brüder sprachen wir zusammen alle diese Tage, gleichsam überstrahlt von dem Gefühl, das uns verband… und das wir einander nicht anvertrauten, aber wir spürten einer vom ändern, daß unser ganzes Leben an dieser Frau hing… Manchmal drängte sichs mir würgend an die Lippen, aber dann biß ich die Zähne zusammen - nie hat er erfahren, daß sie ein Kind von ihm trug… daß ich das Kind, sein Kind, hätte töten sollen, und daß sie es mit sich selbst in den Abgrund gerissen. Und doch sprachen wir nur von ihr in diesen Tagen, während derer ich mich bei ihm verbarg… denn - das hatte ich vergessen, Ihnen zu sagen - man suchte nach mir… Ihr Mann war gekommen, als der Sarg schon geschlossen war… er wollte den Befund nicht glauben… die Leute munkelten allerlei… und er suchte mich… Aber ich konnte es nicht ertragen, ihn zu sehen, ihn, von dem ich wußte, daß sie unter ihm gelitten… ich verbarg mich… vier Tage ging ich nicht aus dem Hause, gingen wir beide nicht aus der Wohnung… ihr Geliebter hatte mir unter einem falschen Namen einen Schiffsplatz genommen, damit ich flüchten könne… wie ein Dieb bin ich nachts auf das Deck geschlichen, daß niemand mich erkennt… Alles habe ich zurückgelassen, was ich besitze… mein Haus mit der ganzen Arbeit dieser sieben Jahre, mein Hab und Gut, alles steht offen für jeden, der es haben will… und die Herren von der Regierung haben mich wohl schon gestrichen, weil ich ohne Urlaub meinen Posten verlie߅ Aber ich konnte nicht leben mehr in diesem Haus, in dieser Stadt… in dieser Welt, wo alles mich an sie erinnert… wie ein Dieb bin ich geflohen in der Nacht… nur ihr zu entrinnen… nur zu vergessen… Aber… wie ich an Bord kam… nachts… mitternachts… mein Freund war mit mir… da… da… zogen sie gerade am Kran etwas herauf… rechteckig, schwarz… ihren Sarg… hören Sie: ihren Sarg… sie hat mich hierher verfolgt, wie ich sie verfolgte… und ich mußte dabeistehen, mich fremd stellen, denn er, ihr Mann, war mit… er begleitet ihn nach England… vielleicht will er dort eine Autopsie machen lassen… er hat sie an sich gerissen… jetzt gehört sie wieder ihm… nicht uns mehr, uns… uns beiden… Aber ich bin noch da… ich gehe mit bis zur letzten Stunde… er wird, er darf es nie erfahren… ich werde ihr Geheimnis zu verteidigen wissen gegen jeden Versuch… gegen diesen Schurken, vor dem sie in den Tod gegangen ist… Nichts, nichts wird er erfahren… ihr Geheimnis gehört mir, nur mir allein… Verstehen Sie jetzt… verstehen Sie jetzt… warum ich die Menschen nicht sehen kann… ihr Gelächter nicht hören… wenn sie flirten und sich paaren… denn da drunten… drunten im Lagerraum zwischen Teeballen und Paranüssen steht der Sarg verstaut… Ich kann nicht hin, der Raum ist versperrt… aber ich weiß es mit allen meinen Sinnen, weiß es in jeder Sekunde… auch wenn sie hier Walzer spielen und Tango… es ist ja dumm, das Meer da schwemmt über Millionen Tote, auf jedem Fußbreit Erde, den man tritt, fault eine Leiche… aber doch, ich kann es nicht ertragen, ich kann es nicht ertragen, wenn sie Maskenbälle geben und so geil lachen… diese Tote, ich spüre sie, und ich weiß, was sie von mir will… ich weiß es, ich habe noch eine Pflicht… ich bin noch nicht zu Ende… noch ist ihr Geheimnis nicht gerettet… sie gibt mich noch nicht frei… «
Vom Mittelschiff kamen schlurfende Schritte, klatschende Laute: Matrosen begannen das Deck zu scheuern. Er fuhr auf wie ertappt: sein zerspanntes Gesicht bekam einen ängstlichen Zug. Er stand auf und murmelte:»Ich gehe schon… ich gehe schon. «Es war eine Qual, ihn anzuschauen: seinen verwüsteten Blick, die gedunsenen Augen, rot von Trinken oder Tränen. Er wich meiner Anteilnahme aus: ich spürte aus seinem geduckten Wesen Scham, unendliche Schani, sich verraten zu haben an mich, an diese Nacht. Unwillkürlich sagte ich: