Ich gehe auf sie zu. Sie weicht leicht zur Seite.»Nein, nein, ich habe kein Fieber… gewiß, ganz gewiß nicht… ich habe mich selbst gemessen, jeden Tag, seit… seit diese Ohnmächten kamen. Nie Fieber, immer tadellos 36, 4 auf den Strich. Auch mein Magen ist gesund. «
Ich zögere einen Augenblick. Die ganze Zeit schon prickelt in mir ein Argwohn: ich spüre, diese Frau will etwas von mir, man kommt nicht in eine Wildnis, um über Flaubert zu sprechen. Eine, zwei Minuten lasse ich sie warten.»Verzeihen Sie«, sage ich dann geradewegs,»darf ich einige Fragen ganz frei stellen?«»Gewiß, Doktor! Sie sind doch Arzt«, antwortete sie, aber schon wendet sie mir wieder den Rücken und spielt mit den Büchern.»Haben Sie Kinder gehabt?«»Ja, einen Sohn. «
»Und haben Sie… haben Sie vorher… ich meine damals… haben Sie da ähnliche Zustände gehabt?«»Ja. «
Ihre Stimme ist jetzt ganz anders. Ganz klar, ganz bestimmt, gar nicht mehr plapprig, gar nicht mehr nervös.»Und wäre es möglich, daß Sie… verzeihen Sie die Frage… daß Sie jetzt in einem ähnlichen Zustande sind?«»Ja. «
Wie ein Messer scharf und schneidend läßt sie das Wort fallen. In ihrem abgewandten Kopf zuckt nicht eine Linie.
»Vielleicht wäre es da am besten, gnädige Frau, ich nehme eine allgemeine Untersuchung vor… darf ich Sie vielleicht bitten, sich… sich in das andere Zimmer hinüber zu bemühen?«
Da wendet sie sich plötzlich um. Durch den Schleier fühle ich einen kalten, entschlossenenen Blick mir gerade entgegen.»Nein… das ist nicht nötig… ich habe volle Gewißheit über meinen Zustand. «
Die Stimme zögerte einen Augenblick. Wieder blin-kert im Dunkel das gefüllte Glas.»Also hören Sie… aber versuchen Sie zuerst einen Augenblick sich das zu überdenken. Da drängt sich zu einem, der in seiner Einsamkeit vergeht, eine Frau herein, die erste weiße Frau betritt seit Jahren das Zimmer… und plötzlich spüre ichs, es ist etwas Böses im Zimmer, eine Gefahr. Irgendwie überliefs mich: mir graute vor der stählernen Entschlossenheit dieses Weibes, die da mit plapprigen Reden hereingekommen war und dann mit einemmal ihre Forderung zückt, wie ein Messer. Denn was sie von mir wollte, wußte ich ja, wußte ich sofort - es war nicht das erstemal, daß Frauen so etwas von mir verlangten, aber sie kamen anders, kamen verschämt oder flehend, kamen mit Tränen und Beschwörungen. Hier aber war eine… ja, eine stählerne, eine männliche Entschlossenheit… von der ersten Sekunde spürte ichs, daß diese Frau stärker war als ich… daß sie mich in ihren Willen zwingen konnte, wie sie wollte… Aber… aber… es war auch etwas Böses in mir… der Mann, der sich wehrte, irgendeine Erbitterung, denn… ich sagte es ja schon… von der ersten Sekunde, ja, noch ehe ich sie gesehen, empfand ich diese Frau als Feind.
Ich schwieg zunächst. Schwieg hartnäckig und erbittert. Ich spürte, daß sie mich unter dem Schleier ansah - gerade und fordernd ansah, daß sie mich zwingen wollte zu sprechen. Aber ich gab nicht so leicht nach. Ich begann zu sprechen, aber… ausweichend… ja unbewußt ahmte ich ihre plapprige, gleichgültige Art nach. Ich tat, als ob ich sie nicht verstünde, denn - ich weiß nicht, ob Sie das nachfühlen können - ich wollte sie zwingen, deutlich zu werden, ich wollte nicht anbieten, sondern… gebeten sein… gerade von ihr, weil sie so herrisch kam… und weil ich wußte, daß ich bei Frauen nichts so unterliege als dieser hochmütigen kalten Art.
Ich redete also herum, dies sei ganz unbedenklich, solche Ohnmächten gehörten zum regulären Lauf der Dinge, im Gegenteil, sie verbürgten beinahe eine gute Entwicklung. Ich zitierte Fälle aus den klinischen Zeitungen… ich sprach, ich sprach, lässig und leicht, immer die Angelegenheit ganz wie eine Banalität betrachtend und… wartete immer, daß sie mich unterbrechen würde. Denn ich wußte, sie würde es nicht ertragen.
Da fuhr sie schon scharf dazwischen, mit einer Handbewegung gleichsam das ganze beruhigende Gerede wegstreifend.
»Das ist es nicht, Doktor, was mich unsicher macht. Damals, als ich meinen Buben bekam, war ich in bester Verfassung… aber jetzt bin ich nicht mehr allright… ich habe Herzzustände… «»Ach, Herzzustände«, wiederholte ich, scheinbar beunruhigt,»da will ich doch gleich nachsehen. «Und ich machte eine Bewegung, als ob ich aufstehen und das Hörrohr holen wollte.
Aber schon fuhr sie dazwischen. Die Stimme war jetzt ganz scharf und bestimmt - wie am Kommandoplatz.
»Ich habe Herzzustände, Doktor, und ich muß Sie bitten, zu glauben, was ich Ihnen sage. Ich möchte nicht viel Zeit mit Untersuchungen verlieren - Sie könnten mir, meine ich, etwas mehr Vertrauen entgegenbringen. Ich wenigstens habe mein Vertrauen zu Ihnen genug bezeugt. «
Jetzt war es schon Kampf, offene Herausforderung. Und ich nahm sie an.
»Zum Vertrauen gehört Offenheit, rückhaltlose Offenheit. Reden Sie klar, ich bin Arzt. Und vor allem, nehmen Sie den Schleier ab, setzen Sie sich her, lassen Sie die Bücher und die Umwege. Man kommt nicht zum Arzt im Schleier. «
Sie sah mich an, aufrecht und stolz. Einen Augenblick zögerte sie. Dann setzte sie sich nieder, zog den Schleier hoch. Ich sah ein Gesicht, ganz so wie ich es -gefürchtet hatte, ein undurchdringliches Gesicht, hart, beherrscht, von einer alterslosen Schönheit, ein Gesicht mit grauen englischen Augen, in denen alles Ruhe schien und hinter die man doch alles Leidenschaftliche träumen konnte. Dieser schmale, verpreßte Mund gab kein Geheimnis her, wenn er nicht wollte. Eine Minute lang sahen wir einander an - sie befehlend und fragend zugleich, mit einer so kalten, stählernen Grausamkeit, daß ich es nicht ertrug und unwillkürlich zur Seite blickte.
Sie klopfte leicht mit dem Knöchel auf den Tisch. Also auch in ihr war Nervosität. Dann sagte sie plötzlich rasch:»Wissen Sie, Doktor, was ich von Ihnen will, oder wissen Sie es nicht?«
»Ich glaube es zu wissen. Aber seien wir lieber ganz deutlich. Sie wollen Ihrem Zustand ein Ende bereiten… Sie wollen, daß ich Sie von Ihrer Ohnmacht, Ihren Übelkeiten befreie, indem ich… indem ich die Ursache beseitige. Ist es das?«»Ja. «
Wie ein Fallbeil zuckte das Wort.»Wissen Sie auch, daß solche Versuche gefährlich sind… für beide Teile…?«»Ja. «
»Daß es gesetzlich mir untersagt ist?«»Es gibt Möglichkeiten, wo es nicht untersagt, sondern sogar geboten ist. «
»Aber diese erfordern eine ärztliche Indikation. «»So werden Sie diese Indikation finden. Sie sind Arzt. «
Klar, starr, ohne zu zucken, blickten mich ihre Augen dabei an. Es war ein Befehl, und ich Schwächling bebte in Bewunderung vor der dämonischen Herrischkeit ihres Willens. Aber ich krümmte mich noch, ich wollte nicht zeigen, daß ich schon zertreten war. -»Nur nicht zu rasch! Umstände machen! Sie zur Bitte zwingen«, funkelte in mir irgendein Gelüst.»Das liegt nicht immer im Willen des Arztes. Aber ich bin bereit, mit einem Kollegen im Krankenhaus… «»Ich will Ihren Kollegen nicht… ich bin zu Ihnen gekommene
»Darf ich fragen, warum gerade zu mir?«Sie sah mich kalt an.
»Ich habe keine Bedenken, es Ihnen zu sagen. Weil Sie abseits wohnen, weil Sie mich nicht kennen - weil Sie ein guter Arzt sind, und weil Sie… «-jetzt zögerte sie zum ersten Male -»wohl nicht mehr lange in dieser Gegend bleiben werden, besonders wenn Sie… wenn Sie eine größere Summe nach Hause bringen können Mich überliefs kalt. Diese eherne, diese Merchant-, diese Kaufmannsklarheit der Berechnung betäubte mich. Bisher hatte sie ihre Lippen noch nicht zur Bitte aufgetan - aber alles längst auskalkuliert, mich erst umlauert und dann aufgespürt. Ich spürte, wie das Dämonische ihres Willens in mich eindrang, aber ich wehrte mich mit all meiner Erbitterung. Noch einmal zwang ich mich, sachlich - ja fast ironisch zu sein.»Und diese große Summe würden Sie… würden Sie mir zur Verfügung stellen?«»Für Ihre Hilfe und sofortige Abreise. «»Wissen Sie, daß ich dadurch meine Pension ver-liere?«