Man sieht, wie an die Stelle des nationalökonomischen Reichthums und Elendes der reiche Mensch und das reiche menschliche Bedürfniß tritt. Der reiche Mensch ist zugleich der einer Totalität der menschlichen Lebensäusserung bedürftige Mensch. Der Mensch, in dem seine eigne Verwirklichung, als innere Nothwendigkeit, als Noth existirt. Nicht nur der Reichthum, auch die Armuth des Menschen erhält gleichmässig – unter Voraussetzung des Socialismus – eine menschliche und daher gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist das passive Band, welches dem Menschen den größten Reichthum, den andern Menschen, als Bedürfniß empfinden läßt. Die Herrschaft des gegenständlichen Wesens in mir, der sinnliche Ausbruch meiner Wesensthätigkeit ist die Leidenschaft, welche hier damit die Thätigkeit meines Wesens wird. —
5) Ein Wesen gilt sich erst als selbstständiges, sobald es auf eignen Füssen steht und es steht erst auf eignen Füssen, sobald es sein Dasein sich selbst verdankt. Ein Mensch, der von der Gnade eines andern lebt, betrachtet sich als ein Abhängiges Wesen. Ich lebe aber vollständig von der Gnade eines andern, wenn ich ihm nicht nur die Unterhaltung meines Lebens verdanke, sondern wenn er noch ausserdem mein Leben geschaffen hat; wenn er der Quell meines Lebens ist, und mein Leben hat nothwendig einen solchen Grund ausser sich, wenn es nicht meine eigne Schöpfung ist. Die Schöpfung ist daher eine sehr || schwer aus dem Volksbewußtsein zu verdrängende Vorstellung. Das Durchsichselbstsein der Natur und d[es] Menschen ist ihm unbegreiflich, weil es allen Handgreiflichkeiten des praktischen Lebens widerspricht.
Die Erdschöpfung hat einen gewaltigen Stoß erhalten durch die Geognosie, d.h. durch die Wissenschaft, welche die Erdbildung, das Werden der Erde als einen Proceß, als Selbsterzeugung darstellte. Die generatio aequivoca ist die einzige praktische Widerlegung der Schöpfungstheorie.
Nun ist es zwar leicht, dem einzelnen Individuum zu sagen, was Aristoteles schon sagt: Du bist gezeugt von deinem Vater und deiner Mutter, also hat in dir die Begattung zweier Menschen, also ein Gattungsakt d[es] Menschen den Menschen producirt. Du siehst also daß der Mensch auch physisch sein Dasein d[em] Menschen verdankt. Du mußt also nicht nur die eine Seite im Auge behalten, den unendlichen Progreß, wonach du weiter fragst: Wer hat meinen Vater, wer seinen Großvater etc gezeugt. Du mußt auch die Kreisbewegung, welche in jenem Progreß sinnlich anschaubar ist, festhalten, wonach der Mensch in der Zeugung sich selbst wiederholt, also der Mensch immer Subjekt bleibt.
Allein du wirst antworten: Diese Kreisbewegung dir zugestanden, so gestehe du mir den Progreß zu, der mich immer weiter treibt, bis ich frage, wer hat d[en] ersten Menschen und die Natur überhaupt gezeugt?
Ich kann dir nun antworten: Deine Frage ist selbst ein Produkt der Abstraction. Frage dich, wie du auf jene Frage kömmst; frage dich, ob Deine Frage nicht von einem Gesichtspunkt aus geschieht, den ich nicht beantworten kann, weil er ein verkehrter ist? Frage dich ob jener Progreß als solcher für ein vernünftiges Denken existirt? Wenn du nach der Schöpfung der Natur und d[es] Menschen fragst, so abstrahirst du also vom Menschen und der Natur. Du setzest sie als nichtseiend und willst doch, daß ich sie als seiend dir beweise. Ich sage dir nun: gieb deine Abstraktion auf, so giebst du auch Deine Frage auf oder willst du an deiner Abstraktion festhalten, so sei consequent, und wenn du d[en] Menschen und die Natur als nichtseiend denkend ||XI| denkst, so denke dich selbst als nichtseiend, der du doch auch Natur und Mensch bist. Denke nicht, frage mich nicht, denn sobald du denkst und fragst, hat deine Abstraktion von dem Sein der Natur und d[es] Menschen keinen Sinn. Oder bist du ein solcher Egoist, daß du alles als Nichts sezt und selbst sein willst?
Du kannst mir erwiedern: Ich will nicht das Nichts der Natur etc setzen; ich frage dich nach ihrem Entstehungsakt, wie ich den Anatom nach den Knochenbildungen frage, etc.
Indem aber für den socialistischen Menschen die ganze sogenannte Weltgeschichte nichts anders ist als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit, als das Werden der Natur für d[en] Menschen, so hat er also den anschaulichen, unwiderstehlichen Beweis von seiner Geburt durch sich selbst, von seinem Entstehungsprozeß. Indem die Wesenhaftigkeit d[es] Menschen und der Natur, indem der Mensch für den Menschen als Dasein der Natur, und die Natur für d[en] Menschen als Dasein d[es] Menschen praktisch, sinnlich anschaubar geworden ist, ist die Frage nach einem fremden Wesen, nach einem Wesen über der Natur und d[em] Menschen – eine Frage, welche das Geständniß von der Unwesentlichkeit der Natur und d[es] Menschen einschließt – praktisch unmöglich geworden. Der Atheismus, als Läugnung dieser Unwesentlichkeit, hat keinen Sinn mehr, denn der Atheismus ist eine Negation des Gottes und sezt durch diese Negation das Dasein des Menschen; aber der Socialismus als Socialismus bedarf einer solchen Vermittlung nicht mehr; er beginnt von dem theoretisch und praktisch sinnlichen Bewußtsein d[es] Menschen und der Natur als des Wesens. Er ist positives, nicht mehr durch die Aufhebung der Religion vermitteltes Selbstbewußtsein d[es] Menschen, wie das wirkliche Leben positive, nicht mehr durch die Aufhebung des Privateigenthums, den Communismus, vermittelte Wirklichkeit d[es] Menschen ist. Der Communismus ist die Position als Negation der Negation, darum das wirkliche, für die nächste geschichtliche Entwicklung nothwendige Moment der menschlichen Emancipation und Wiedergewinnung. Der Communismus ist die nothwendige Gestalt und das Energische Princip der nächsten Zukunft, aber der Communismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung, – die Gestalt der menschlichen Gesellschaft. —|
[Kritik der Hegelschen Dialektik
und Philosophie überhaupt]
| 6) An diesem Punkte ist vielleicht der Ort, sowohl zur Verständigung und Berechtigung über die hegelsche Dialektik überhaupt, als namentlich über ihre Ausführung in der Phänomenologie und Logik, endlich über das Verhältniß der neuern kritischen Bewegung einige Andeutungen zu geben. —
Die Beschäftigung mit dem Inhalt der alten Welt, die von dem Stoff befangne Entwicklung der modernen deutschen Kritik war so gewaltsam, daß ein völlig kritikloses Verhalten zur Methode des Kriticirens, und eine völlige Bewußtlosigkeit über die scheinbar formelle, aber wirklich wesentliche Frage statt fand, wie halten wir es nun mit der hegel’schen Dialektik? Die Bewußtlosigkeit über das Verhältniß der modernen Kritik zur hegel’schen Philosophie überhaupt und zur Dialektik namentlich war so groß, daß Kritiker wie Strauß und Bruno Bauer, der erstere vollständig, der zweite in seinen «Synoptikern» (wo er dem Strauß gegenüber das «Selbstbewußtsein» d[es] abstrakten Menschen an die Stelle der Substanz der «abstrakten Natur» stellt) und selbst noch im «entdeckten Christenthum» wenigstens der Potenz nach noch vollständig innerhalb der hegel’schen Logik befangen sind. So heißt es z.B. in dem entdeckten Christenthum: «Als ob nicht das Selbstbewußtsein, indem es die Welt, den Unterschied sezt, und in dem, was es hervorbringt, sich selbst hervorbringt, da es den Unterschied des Hervorgebrachten von ihm selbst wieder aufhebt, da es nur im Hervorbringen und in der Bewegung es selber ist – als ob es nicht in dieser Bewegung seinen Zweck hätte» etc oder: «Sie (die französischen Materialisten) haben noch nicht sehn können, daß die Bewegung des Universums erst als die Bewegung des Selbstbewußtseins wirklich für sich geworden und zur Einheit mit ihr selbst zusammengegangen ist», Ausdrücke, die auch nicht einmal in der Sprache einen Unterschied von der hegel’schen Auffassung zeigen, sondern sie vielmehr wörtlich wiederholen. |