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Miß Ophelia hatte sich diese Unterhaltung mit einem Ausdruck angespannter und kluger Aufmerksamkeit angehört; ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, als sei sie entschlossen, ihre Stellung erst genau kennenzulernen, ehe sie sich einmischte.

»Gewiß hat Mammy auch ihre guten Seiten«, fuhr Marie fort. »Sie ist leise und respektvoll, aber in ihrem Herzen ist sie selbstsüchtig. So wird sie doch nie aufhören, sich über ihren Mann zu sorgen und zu grämen. Verstehen Sie, als ich heiratete und hierherzog, mußte sie mich natürlich begleiten, und ihren Mann konnte mein Vater nicht entbehren. Er war ein Schmied und wurde natürlich gebraucht, und ich sagte damals gleich, es sei das beste, er und Mammy würden sich für immer trennen, denn es würde sich kaum wieder fügen, daß sie noch einmal zusammenkämen. Jetzt wünschte ich, ich hätte damals darauf bestanden und Mammy an jemand anders verheiratet, aber damals war ich noch töricht und nachgiebig und wollte sie nicht drängen. Ich habe ihr freilich gleich gesagt, sie könnte nicht erwarten, ihren Mann noch öfter als ein-, zweimal im Leben wiederzusehen, denn die Luft in meiner Heimat bekommt mir nicht, und ich kann dort nicht wieder hin, daher riet ich ihr sehr, sich nach jemand anderm umzusehen, aber sie wollte nicht. In gewissen Dingen ist Mammy eben halsstarrig, das weiß keiner so wie ich.«

»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.

»Ja, zwei.«

»Wahrscheinlich leidet sie unter der Trennung?«

»Ich konnte sie natürlich nicht mitbringen. Kleine, schmutzige Bälge — die könnte ich nicht um mich haben. Außerdem belegten sie ihre Mutter zu sehr mit Beschlag. Aber ich habe den Eindruck, Mammy hegt seitdem einen geheimen Groll. Sie will niemand anders heiraten, und ich bin überzeugt, obgleich sie weiß, wie unentbehrlich sie mir bei meiner schwachen Gesundheit ist, wenn sie nur könnte, ginge sie heute noch zu ihrem Mann zurück. Ja, so selbstsüchtig sind sie, selbst die Besten von ihnen.«

»Schrecklich, wenn man es überlegt«, sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia blickte ihn gespannt an und sah, wie ihm die Röte des Ärgers und Verdrusses in die Wangen stieg, seine Lippen kräuselten sich sarkastisch.

»Dabei habe ich Mammy immer verwöhnt«, fuhr Marie fort. »Ich wollte nur, eure Dienstboten könnten einmal einen Blick in ihren Kleiderschrank werfen — Kleider aus Seide und Musselin, ja einen echten Batistunterrock hat sie darin hängen. Ich habe schon ganze Nachmittage damit zugebracht, ihre Hauben aufzuputzen und sie für ein Fest zu schmücken. Was Schelte ist, weiß sie gar nicht, und nur ein–oder zweimal in ihrem Leben hat sie die Peitsche gekriegt. Jeden Tag bekommt sie ihren Tee oder Kaffee mit weißem Zucker darin. Eigentlich ist es himmelschreiend. Aber St. Clare will nun einmal, daß seine Leute in Saus und Braus leben, sie tun hier alles, was sie wollen. Unsere Dienstboten sind alle verzogen, soviel steht fest. Wahrscheinlich liegt es an uns, daß sie so selbstsüchtig sind und sich wie verwöhnte Kinder aufführen; aber ich habe es St. Clare schon so oft gesagt, jetzt gebe ich es auf.«

»Ich auch«, sagte St. Clare und griff nach der Morgenzeitung.

Eva hatte ihrer Mutter mit dem ihr eigentümlichen Ausdruck tiefen und geheimnisvollen Ernstes zugehört. Jetzt stellte sie sich leise hinter den Stuhl ihrer Mutter und umschlang sie mit beiden Ärmchen.

»Nun, Eva, was willst du?« fragte Marie.

»Mama, könnte ich nicht einmal bei dir wachen — nur eine Nacht? Ich weiß, ich rege dich nicht auf, und ich werde auch nicht einschlafen, ich liege oft wach in der Nacht und denke nach.«

»Ach, Unsinn, Kind! Unsinn. Du bist doch ein seltsames Mädchen!«

»Aber darf ich nicht, Mama? Ich glaube«, sagte das Kind zaghaft, »Mammy geht es nicht gut. Sie hat mir gesagt, seit kurzem tut ihr der Kopf so weh.«

»Ach, das bildet sich Mammy nur ein! Mammy ist kein bißchen besser als die anderen — von ein bißchen Kopf–oder Fingerweh so viel Aufhebens zu machen! Das soll man nie unterstützen — nie! Darin habe ich meine Grundsätze«, wandte Marie sich an Miß Ophelia, »Sie werden es mir bestätigen. Wenn man die Dienstboten in ihren Wehwehchen bestärkt, dann bekommt man alle Hände voll zu tun. Ich selber beklage mich nie — niemand weiß, was ich leide. Ich halte es für meine Pflicht, in der Stille meine Schmerzen zu tragen, und danach handle ich.«

Miß Ophelias runde Augen drückten bei diesem Erguß eine solche unverhohlene Verblüffung aus, daß St. Clare in lautes Lachen ausbrach.

»St. Clare lacht immer, wenn ich nur eine kleine Anspielung auf meine schwache Gesundheit mache«, klagte Marie mit der Stimme eines leidenden Märtyrers. »Ich hoffe nur, daß er dies nicht eines Tages bereuen muß!« Und Marie preßte ihr Taschentuch an die Augen.

Natürlich trat jetzt ein betretenes Schweigen ein. Schließlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er hätte eine Verabredung. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia blieb mit Marie allein am Tisch zurück.

»Das sieht St. Clare wieder ähnlich«, sagte Marie und nahm entschlossen das Tuch von den Augen, als der Übeltäter, für den es berechnet war, sich entfernt hatte. »Er kann und will es nun einmal nicht einsehen und hat es niemals eingesehen, daß ich leide, seit Jahren leide. Wenn ich zu den klagenden Frauen gehörte oder viel Aufhebens von meinen Schmerzen machte, ließe es sich noch verstehen. Männer werden es natürlich müde, wenn die Frau ihnen die Ohren vollklagt. Aber ich habe stets alles für mich behalten und im stillen mein Kreuz getragen, so daß St. Clare sich einbildet, ich könnte alles ertragen.«

Miß Ophelia war unsicher, welche Antwort man von ihr erwartete.

Während sie noch überlegte, was sie sagen sollte, trocknete Marie langsam ihre Tränen und glättete — allgemein gesprochen — ihr Gefieder, nicht anders wie eine Taube, die nach einem Regenschauer Toilette macht, und hub nun mit Miß Ophelia ein hausfrauliches Gespräch über Schränke und Schubladen, über Wäscheschränke und Vorratskammern und andere Dinge an, über welche die letztere nun die Herrschaft antreten sollte, wobei sie ihr so viel Maßnahmen einschärfte und Winke und Ratschläge gab, daß eine weniger tüchtige und praktische Person einfach den Kopf verloren hätte.

»Damit also«, sagte Marie, »hätte ich Ihnen wohl alles gesagt. Wenn meine nächsten Anfälle mich heimsuchen, werden Sie dann imstande sein, auch ohne meinen Ratschlag auszukommen; - nur noch ein Wort über Eva, bei ihr muß man aufpassen.«

»Sie scheint ein sehr liebes Kind zu sein«, sagte Miß Ophelia. »Ich habe nie ein so fügsames Kind gesehen.«

»Eva ist merkwürdig«, sagte ihre Mutter, »sehr merkwürdig. In manchen Dingen ist sie einfach seltsam. Sie ist mir ja nicht die Spur ähnlich«, und Marie seufzte, als sei dies eine tragische Feststellung.

Miß Ophelia dachte im stillen: »Welch ein Glück!« Aber sie war klug genug, das nicht zu äußern.

»Eva hat immer einen Hang zu den Dienstboten gehabt; manchen Kindern macht das nichts. Ich habe immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, und es hat mir nie geschadet. Aber Eva steht mit jedem Geschöpf, das in ihre Nähe kommt, irgendwie auf gleichem Fuße. Es ist merkwürdig mit dem Kind. Ich habe ihr das nie austreiben können. Ich glaube, St. Clare bestätigt sie darin. Tatsächlich übt St. Clare mit jedem Wesen unter seinem Dach die größte Nachsicht, nur seine Frau ist ausgenommen.«

Wieder saß Miß Ophelia in starrem Schweigen.

»Bei Dienstboten empfiehlt sich nur eins«, fuhr Marie fort, »man muß sie nach unten drücken und unten halten. Das ist mir seit meiner Kindheit geläufig. Eva ist imstande und verdirbt mir das ganze Haus. Ich weiß nicht, was werden soll, wenn sie einmal selber einen Haushalt leitet. Ich bin auch für Freundlichkeit Dienstboten gegenüber — dafür war ich immer, aber sie müssen wissen, wo sie hingehören. Das kann ich Eva nicht beibringen. Sie begreift es einfach nicht. Sie haben ja gehört, wie sie sich erbot, nachts bei mir zu wachen, damit Mammy schlafen sollte! Das ist nur ein Beispiel, wie das Kind handeln würde, wenn man nicht aufpaßte.«