»Nun«, sagte Miß Ophelia geradeheraus, »auch Sie halten wahrscheinlich Dienstboten für lebendige Menschen, die der Ruhe bedürfen, wenn sie müde sind?«
»Aber natürlich. Ich habe immer darauf gesehen, daß sie alles bekommen, was keine Umstände macht — alles, was uns nicht in der Ordnung stört, verstehen Sie. Mammy kann ihren Schlaf bei Gelegenheit gut nachholen, das hält nicht schwer. Sie hat ja die reine Schlafsucht. Im Stehen, im Sitzen, beim Nähen, andauernd schläft die Person. Keine Angst, Mammy bekommt genug Schlaf. Aber Dienstboten zu behandeln, als seien sie kostbare Blumen oder Porzellanvasen, das ist einfach lächerlich«, sprach Marie, während sie sich nachlässig in die tiefen Kissen ihres üppigen und umfangreichen Diwans gleiten ließ und ein elegant geschnittenes Riechfläschchen heranzog.
»Verstehen Sie mich recht«, hauchte sie mit einer Stimme, die so zart war wie der vergehende Hauch des arabischen Jasmin. »Sie verstehen, Kusine Ophelia, daß ich häufig von mir selber spreche. Es ist nicht meine Gewohnheit, es liegt mir nicht. Tatsächlich fehlt mir die Kraft dazu. Aber es gibt Dinge, wo ich mit St. Clare nicht übereinstimme. St. Clare hat mich nie verstanden, nie meinen wahren Wert erkannt. Ich glaube, daran kranke ich im Grunde. St. Clare meint es gut, das muß ich ihm zu Ehren annehmen; aber Männer sind nun einmal eigennützig und rücksichtslos den Frauen gegenüber. Wenigstens ist das mein Eindruck.«
Miß Ophelia war auf der Hut, das war ein gutes neu–englisches Erbteil, und sie verabscheute es, in Familienstreitigkeiten eingeweiht zu werden. Ihr schwante nichts Gutes. Daher legte sie ihr Gesicht in grimmige Falten der Neutralität und zog einen ellenlangen Strumpf aus der Tasche, den sie als Abwehrmittel immer bei sich führte, denn Dr. Watts hatte sie gelehrt, daß Satan stets nach müßigen Händen auf der Lauer liegt; so begann sie energisch zu stricken; ihre Lippen waren fest geschlossen, als ob sie deutlich zu erkennen geben wollte: »Mich bringst du nicht zum Reden. Ich will mit deinen Geschichten nichts zu tun haben.« Tatsächlich, sie sah so teilnehmend aus wie ein steinerner Löwe. Aber darum kümmerte sich Marie nicht. Endlich hatte sie jemand, mit dem sie reden konnte, da hielt sie es für ihre Pflicht zu reden. Kaum hatte sie sich an ihrem Riechfläschchen erquickt, hub sie aufs neue an.
»Sehen Sie, ich brachte mein Vermögen und meine Dienerschaft mit in die Ehe, als ich St. Clare heiratete, und bin gesetzlich befugt, ganz nach Gutdünken damit zu verfahren. St. Clare hat natürlich auch sein Vermögen und seine Dienerschaft, und mir ist es völlig recht, wie er damit umgeht, er aber erlaubt sich Übergriffe. Er hat wilde, ausschweifende Vorstellungen besonders über die Behandlung der Dienstboten. Er handelt wahrhaftig so, als ob ihm seine Leute wichtiger seien als ich oder auch seine eigene Person, er läßt sie in jeder Weise gewähren und rührt nie einen Finger. In einer Sache ist St. Clare nun wirklich schrecklich — da erschreckt er mich -, wenn er auch gemeinhin so gutartig aussieht. Also er hat ein für allemal bestimmt, daß in diesem Hause keine Schläge ausgeteilt werden, es sei denn, von uns beiden, und darin ist er so unerbittlich, daß ich ihm nicht zu widersprechen wage. Sie können ermessen, wohin das führt, denn St. Clare würde keine Hand rühren, und wenn sie alle einzeln ihn mit Füßen träten und ich — Sie sehen selbst, wie grausam es wäre, mich dazu zu veranlassen. Die Leute aber sind hier nun nichts weiter als erwachsene Kinder.«
»Davon verstehe ich nichts, und ich danke Gott dafür«, entgeg–nete Miß Ophelia kurz.
»Aber Sie werden es lernen müssen, und auf eigene Kosten, wenn Sie hier bleiben. Sie haben ja keine Ahnung, was für ein aufreizendes, dummes, nachlässiges, unvernünftiges, kindisches und undankbares Volk das ist.«
Marie war immer wunderbar in Form, wenn sie auf dieses Thema kam. Jetzt öffnete sie die Augen und schien ihr Leiden ganz vergessen zu haben.
»Sie können es sich nicht vorstellen, welchen Ärger man im Haushalt hat, wie sie einen auf Schritt und Tritt schikanieren. Aber es hat keinen Zweck, sich bei St. Clare zu beschweren. Er redet da ganz verworrenes Zeug. Er sagt, wir haben sie erst dazu gebracht und müssen es nun tragen. Er sagt, sie verdanken uns ihre Fehler, und daß es grausam wäre, sie dann für diese Fehler zu bestrafen. Er sagt, wir würden es an ihrer Stelle genauso machen, als ob man von diesen Leuten auf uns schließen könnte, finden Sie nicht auch?«
»Glauben Sie nicht, daß Gott sie genauso aus Fleisch und Blut geschaffen hat?« fragte Miß Ophelia nur.
»Aber nein, kein Gedanke! Das wäre ja eine schöne Geschichte! Sie sind die niedere Rasse.«
»Glauben Sie nicht, daß auch diese Menschen eine unsterbliche Seele haben?« fragte Miß Ophelia in wachsender Empörung.
»Nun ja«, sagte Marie und gähnte, »das natürlich — das bezweifelt ja niemand. Aber sie mit mir auch nur in gleichem Atem zu nennen, das ist ganz unmöglich. Aber St. Clare hat tatsächlich geredet, als sei die Trennung von Mammy und ihrem Mann die gleiche wie zwischen uns beiden. Dabei kann man das nicht vergleichen. Mam–my kann nicht dieselben Gefühle haben wie ich. Das ist ein großer Unterschied — natürlich, ganz offenkundig -, aber das will St. Clare nicht einsehen, und er meint auch, daß Mammy ihre dreckigen kleinen Bälger ebenso liebhaben könnte wie ich meine Eva! Trotzdem hat St. Clare mir ganz nüchtern vorgestellt — wo ich so kränklich bin und so leiden muß -, ich müßte Mammy zurückschicken und statt dessen jemand anders nehmen. Das war selbst mir zuviel. Ich zeige ja meine Gefühle nicht häufig. Es ist nun einmal mein Grundsatz, in der Stille zu leiden; das gehört zu dem harten Los eines Weibes, und ich trage es. Aber diesmal gab es einen Sturm, so daß er das Thema nie wieder berührt hat. Aber an seinen Blicken und kleinen Bemerkungen ersehe ich, daß seine Einstellung noch dieselbe ist, und das geht mir so entsetzlich auf die Nerven.«
Miß Ophelia sah ganz so aus, als fürchte sie, eine Antwort geben zu müssen; sie klapperte in einer Weise mit ihren Stricknadeln, die Bände sprach, wenn Marie es nur verstanden hätte.
»Da sehen Sie also«, fuhr sie fort, »was Ihrer wartet. Ein Haushalt ohne alle Regeln, in dem die Dienstboten tun, was ihnen beliebt, und sich aneignen, was ihnen in die Augen sticht, soweit ich es nicht bei meiner schwachen Gesundheit verhindern kann. Ich habe meinen Lederriemen stets bei mir und benutze ihn auch zuweilen. Wenn St. Clare es nur machen wollte, wie die anderen.«
»Und das wäre?«
»Nun, man schickt sie ins Gefängnis oder an einen anderen Ort und läßt sie da auspeitschen, das ist die einzige Möglichkeit. Wäre ich nicht ein so armes und schwaches Geschöpf, so würde ich mit doppelt soviel Energie wie St. Clare dafür sorgen.«
»Und wie wird St. Clare mit ihnen fertig?« fragte Miß Ophelia. »Sie sagen, er schlägt sie nie?«
»Ach, wissen Sie, Männer haben doch mehr Autorität; sie haben es leichter. Außerdem wenn man ihm ins Auge blickt — das ist seltsam, diese Augen — und wenn er die Stimme hebt, dann kann er richtig blitzen. Dann bekomme ich selber Angst; und die Leute wissen, daß sie dann gehorchen müssen. Ich erreiche mit Schelten und Krachschlagen nicht halb soviel wie St. Clare mit einem einzigen Blick seiner Augen, wenn er einmal Ernst macht. Bei St. Clare gibt es keine Schwierigkeit. Daran liegt es auch, daß er kein Mitleid mit mir hat, aber Sie werden es erfahren, ohne Strenge kann man nicht durchgreifen — sie sind zu verdorben, zu aufgeblasen und zu faul.«