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»Das alte Lied«, sagte St. Clare und schlenderte herein. »Was für ein Schuldkonto legt dieses böse Volk sich an, wenn man nur ihre Faulheit bedenkt! Sie sehen, Kusine«, sagte er, während er sich der Länge nach auf ein Ruhelager Marie gegenüber ausstreckte, »bei den Leuten ist es unverzeihlich, zumal bei dem Beispiel, das Marie und ich ihnen geben — diese Faulheit.«

»Aber, St. Clare, das geht zu weit!« sagte Marie.

»Wieso? Ich dachte, ich hätte mich diesmal ausnehmend richtig ausgedrückt? Ich wollte deine Ansicht nur unterstreichen, Marie.«

»Du weißt genau, daß du das nicht wolltest, St. Clare.«

»Oh, dann hast du mich mißverstanden. Ich danke dir, mein Schatz, daß du mich zurechtgewiesen hast.«

»Du willst mich nur in Harnisch bringen«, sagte Marie.

»Ach, laß sein, Marie, es wird schon heiß, und ich hatte einen ziemlichen Streit mit Dolf, der hat mich ganz erschöpft; also sei gnädig, und laß deinen Gemahl ruhen im Licht deines Lächelns.«

»Was ist denn los mit Dolf?« fragte Marie. »Die Unverschämtheit dieses Burschen hat einen Grad erreicht, der mir allmählich unerträglich wird. Ich wollte, ich bekäme ihn unter meine Fuchtel; ich würde ihn schon kleinkriegen.«

»Was du sagst, mein Herz, kennzeichnet deinen bekannten Scharfsinn und Verstand«, sagte St. Clare. »Was nun Dolf angeht, so hat er sich so lange bemüht, meine Vorzüge und Tugenden nachzuahmen, bis er sich schließlich mit seinem Herrn verwechselt hat; da fühlte ich mich genötigt, ihn ein wenig über seinen Irrtum aufzuklären.«

»Inwiefern?« fragte Marie.

»Nun ja, ich mußte ihm nachdrücklich klarmachen, daß ich Wert darauf lege, einige Kleider zu meinem eigenen Gebrauch zu behalten, weiter beschränkte ich seine Gnaden auf eine bestimmte Menge Kölnisch Wasser und war schließlich so grausam, ihm nur ein Dutzend meiner Batisttaschentücher abzutreten. Dolf war sehr erbost darüber, und ich mußte ihm väterlich zureden, bis er es einsah.«

»Oh! St. Clare! Wann wirst du es lernen, deine Dienstboten richtig zu behandeln? Es schreit zum Himmel, wie du ihnen nachgibst!« sagte Marie.

»Na, was ist groß dabei, wenn der arme Kerl durchaus seinen Herrn nachahmt? Wenn ich ihn nicht besser erzogen habe, als daß er sein Heil in Kölnisch Wasser und Batisttaschentüchern zu finden glaubt, warum sollte ich ihm diese Dinge dann nicht geben?«

»Und warum hast du ihn nicht besser erzogen?« fragte Miß Ophelia unumwunden.

»Das wäre zu anstrengend gewesen — aus Faulheit, Kusine, aus Faulheit, damit verdirbt man mehr Seelen, als man schimpfen kann. Wenn die Faulheit nicht wäre, dann wäre ich selber der reine Engel. Ich neige nämlich allmählich der Ansicht zu, daß Faulheit das ist, was euer alter Dr. Botherem, oben in Vermont, mit der Wurzel allen Übels zu bezeichnen pflegte, gewiß ein entsetzlicher Gedanke.«

»Ich finde, ihr Sklavenhalter habt eine furchtbare Verantwortung übernommen. Ich möchte sie nicht haben, um keinen Preis der Welt. Ihr solltet eure Sklaven erziehen und wie vernünftige Menschen behandeln — wie Menschen mit einer unsterblichen Seele, mit denen zusammen wir vor die Schranken Gottes treten. Das ist meine Ansicht«, sagte Miß Ophelia und hatte damit ihrem Herzen Luft gemacht.

»Ach, ich bitte dich«, rief St. Clare, »was verstehst du von unseren Verhältnissen?« Und er setzte sich ans Klavier und spielte ein lebhaftes Stück. St. Clare hatte eine ausgesprochene musikalische Begabung. Er hatte einen glänzenden, festen Anschlag, und seine Finger glitten geschwind und vogelleicht über die Tasten, zart und doch bestimmt. Er spielte Stück um Stück, wie ein Mann, der sich bemüht, im Spiel seine Heiterkeit wiederzugewinnen. Dann schob er die Noten zur Seite, stand auf und sagte fröhlich: »Kusine, du hast uns ja tüchtig die Meinung gesagt, und deine Pflicht getan; du bist dadurch nur in meiner Achtung gestiegen. Ich will dir nicht verhehlen, daß du mir eine diamantene Wahrheit an den Kopf geworfen hast. Sie hat mich getroffen, deshalb habe ich ihren Wert nicht gleich erkannt.«

»Für meine Person kann ich den Nutzen eines solchen Gesprächs nicht recht einsehen«, sagte Marie. »Ich möchte nur wissen, wer mehr tut für seine Leute als wir. Dabei hat es gar keinen Zweck–nicht die Spur -, sie treiben es nur immer schlimmer. Was das Zureden anlangt, so habe ich ihnen gut zugeredet, bis ich heiser war, über ihre Pflichten und so weiter. Sie können bei mir zur Kirche gehen, wenn sie Lust haben. Zwar verstehen sie nicht ein Wort von der Predigt, so wenig, wie ein Schwein davon versteht — daher kann ich eigentlich den Sinn nicht einsehen. Aber sie gehen trotzdem und haben also jede Gelegenheit — aber wie ich schon sagte, sie sind eine niedere Rasse, und das werden sie bleiben; ihnen ist nicht zu helfen, soviel man auch versucht, da kann man gar nichts machen. Sehen Sie, Kusine Ophelia, ich habe es versucht und Sie noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, ich muß es wissen.«

Miß Ophelia fand, sie habe bereits genug gesagt und schwieg. St. Clare pfiff eine Melodie.

»St. Clare, ich wollte, du ließest das Pfeifen sein«, sagte Marie, »es steigert meine Kopfschmerzen.«

»Dann will ich es unterlassen«, antwortete St. Clare. »Kann ich sonst noch etwas unterlassen?«

»Ich wünschte, du hättest etwas Mitgefühl mit meinen Leiden; jedes Gefühl für mich geht dir ab.«

»Mein lieber Klageengel!«

»Du reizest mich mit diesen Reden.«

»Wie soll ich denn reden? Ich werde mich ganz deinem Willen beugen. Sag es nur, damit ich dich in jeder Hinsicht zufriedenstellen kann.«

Da drang vom Hof her ein heiteres Lachen durch die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, hob den Vorhang und stimmte in das Lachen ein.

»Was gibt's denn?« fragte Miß Ophelia und trat an die Brüstung.

Auf einer kleinen Moosbank im Hof saß Tom, in jedem Knopfloch ein Jasminsträußchen, und Eva hing ihm mit fröhlichem Lachen einen Rosenkranz um den Hals, und dann setzte sie sich wie ein kleiner Vogel auf seine Knie und lachte immer noch.

»Ach, Tom, wie lustig du aussiehst!«

Tom lächelte gutmütig und schien auf seine ruhige Art ebensoviel Spaß an der Sache zu haben wie seine kleine Herrin. Als er seinen Herrn erblickte, sah er mit halber Entschuldigung zu ihm hinauf.

»Wie kannst du das nur zulassen?« sagte Miß Ophelia.

»Warum denn nicht.«

»Ich weiß auch nicht, es stößt mich irgendwie ab.«

»Du fändest nichts dabei, wenn das Kind einen großen Hund liebkoste, selbst wenn er schwarz wäre. Aber weil er ein Mensch ist mit Verstand und Gefühl und einer unsterblichen Seele, da schaudert dir. Gesteh es nur, Kusine. Ich weiß genau, was ihr im Norden denkt, es ist keine Tugend, daß wir das Gefühl nicht haben, bei uns hat die Gewohnheit das bewirkt, was Sache des Christentums wäre, nämlich jedes persönliche Vorurteil wegzuwischen. Auf meinen Reisen in den Norden habe ich oft bemerkt, wieviel stärker dieses Vorurteil bei euch besteht. Ihr haßt die Schwarzen wie Schlangen oder Kröten. Aber ihr entrüstet euch, wenn ihnen ein Unrecht geschieht. Ihr wollt nicht, daß man sie mißhandelt, aber ihr selber wollt nichts mit ihnen zu tun haben. Am liebsten schicktet ihr sie nach Afrika, damit ihr sie nicht mehr zu sehen und zu riechen braucht, und zwei Missionare hinterher, die dann ihre Bekehrung besorgten. Stimmt es nicht?«

»Ja, Vetter«, antwortete Miß Ophelia nachdenklich, »da mag wohl etwas Wahres daran sein.«

»Was sollen diese Armen und Niedrigen anfangen ohne die Kinder,« sprach St. Clare, als er sich über das Geländer beugte und zusah, wie Eva davon trippelte und Tom hinter sich herzog. »Die Kinder sind die wahren Demokraten. Tom zum Beispiel ist für Eva ein Held; seine Geschichten sind Wunder in ihren Augen, seine Lieder und Gesänge besser als jede Oper, und die Kleinigkeiten und Spielereien in seiner Tasche sind für sie eine Goldgrube. Er ist einfach der herrlichste Tom, der je in einer schwarzen Haut steckte. Damit hat Gott eine Rose für die Armen und Niedrigen aus seinem Garten Eden fallen lassen, die gewiß nur wenig andere erhalten.«