»Wie merkwürdig, Vetter«, sagte Miß Ophelia, »man könnte beinahe denken, du wärst ein Professor, wenn man dich so reden hört.«
»Ein Professor?« rief St. Clare.
»Ja, ein Religionsprofessor.«
»Ach, woher. Nicht ein Professor wie ihr Stadtleute ihn habt. Was aber schlimmer ist, ich fürchte, ich bin nicht einmal ein Praktiker.«
»Warum redest du dann so?«
»Nichts ist leichter als reden«, sagte St. Clare. »Ich glaube, Shakespeare läßt jemand sagen: >Ich könnte eher zwanzig Leuten zeigen, was sie Gutes tun sollen, als einer von den zwanzig sein und das Gute tun.< Es geht nichts über Arbeitsteilung. Meine Stärke liegt im Reden, und deine, Kusine, liegt im Tun.«
Über seine äußere Lage hatte Tom zu dieser Zeit — wie man zu sagen pflegt — nicht zu klagen. Die kleine Eva hatte ihn ins Herz geschlossen — in der instinktiven Dankbarkeit und Lieblichkeit ihres kleinen Herzens — und ihren Vater gebeten, Tom doch zu ihrem ständigen Begleiter zu bestimmen, wenn sie immer auf Spaziergängen und Ausritten eines Dieners bedurfte; also hatte Tom die genaue Anweisung, alles liegenzulassen und Fräulein Eva zu folgen, sobald sie ihn brauchte — eine Anweisung, die ihm, wie unser Leser sich vorstellen kann, durchaus nicht unangenehm war. Man hielt ihm gute Kleider, denn in diesem Punkt war St. Clare sehr eigen. Sein Stalldienst war ein sehr leichtes Amt und bestand lediglich in einer täglichen Aufsicht und Unterweisung eines Stallburschen, denn Mrs. St. Clare hatte erklärt, daß sie einen Pferdegeruch an ihm nicht ertragen könnte, falls er in ihre Nähe käme. Sollte er ihr nicht lästig werden, dürfe er keine niedrigen Dienste verrichten, das hielt ihr zartes Nervensystem nicht aus. Nach ihrer Darstellung genügte eine Nase voll üblen Duftes, und alle ihre Leiden würden für immer ein jähes Ende nehmen. Daher sah Tom in seinem gutgebürsteten Rock von feinem Tuch, in dem runden Hut und glänzenden Stiefeln mit den tadellosen Manschetten und der Halskrause so ehrwürdig aus, wie ein Bischof in Karthago, was in anderen Jahrhunderten Männer seiner Farbe gewesen waren.
Außerdem befand er sich in einer schönen Umgebung, ein Vorzug, gegen den diese Rasse nie unempfindlich ist. Mit stiller Freude genoß er die Vögel, die Blumen, den Springbrunnen, die Wohlgerüche, das Licht und die Schönheit des Hofes, die seidenen Vorhänge und Bilder, die Leuchter und Standfiguren, die Vergoldung, wonach ihm die Wohnräume drinnen wie Aladins Palast vorkamen.
Eines Sonntags stand Marie St. Clare, prächtig gekleidet, auf der Veranda und befestigte ein kostbares Brillanten–Armband um ihr schlankes Handgelenk. Sie war jetzt im Begriff, im höchsten Staat — Brillanten, Seide und Spitzen — in eine bekannte Kirche zu gehen und sich dort der Frömmigkeit zu ergeben. Marie machte es sich stets zur Regel, am Sonntag recht fromm zu sein. Da stand sie, schlank und elegant und voller Anmut, ihr Spitzenschal umhüllte sie wie eine leichte Wolke. Sie sah bezaubernd aus und kam sich selbst höchst tugendhaft und elegant vor. Miß Ophelia stand neben ihr als vollkommener Gegensatz. Es lag nicht daran, daß ihr Seidenkleid und ihr Schal nicht ebenso kostbar und ihr Taschentuch nicht ebenso zierlich gewesen wäre, aber Steifheit und Gedrungenheit, die Gradheit einer Bohnenstange waren für sie so kennzeichnend wie Anmut für die andere, freilich nicht die himmlische Anmut, die ist ganz etwas anderes.
»Wo ist Eva?« frage Marie.
»Das Kind machte auf der Treppe halt, um Mammy noch etwas zu sagen.«
Und was sagt sie zu Mammy auf der Treppe? Spitze die Ohren, lieber Leser, du magst es hören, was Marie nicht erfährt.
»Liebe Mammy, ich weiß, dein Kopf tut furchtbar weh.«
»Der Herrgott segne dich, Fräulein Eva, mein Kopf tut jetzt immer weh. Mach dir keine Sorgen.«
»Es ist gut, daß du ausgehst; sieh her« - und das Kind umschlang sie mit beiden Ärmchen. — »Mammy, du sollst mein Riechfläschchen haben.«
»Was! Das goldene Stück da, mit den Diamanten! Um Himmels willen, Fräulein Eva, das geht auf keinen Fall.«
»Warum nicht? Du brauchst es und ich nicht. Mama benutzt es immer bei Kopfschmerzen, dir wird es gut tun. Nein, du sollst es haben, nur mir zuliebe, bitte.«
»Hör einer nur das Herzblatt!« sagte Mammy, als Eva ihr das Riechfläschchen in den Busen schob, sie küßte und der Mutter nacheilte.
»Wo bist du so lange geblieben?«
»Ich habe nur Mammy mein Riechfläschchen geschenkt für den Kirchgang.«
»Eva!« rief Marie und stampfte ungeduldig auf - »dein goldenes Riechfläschchen an Mammy! Weißt du nicht, daß sich das nicht schickt! Geh sofort, und hol es zurück!«
Eva sah niedergeschlagen und bekümmert aus, langsam kehrte sie sich um.
»Hör, Marie, laß das Kind in Ruh. Sie soll tun, was sie für richtig hält« sagte St. Clare.
»St. Clare, wie soll sie jemals weiterkommen in der Welt?«
»Das weiß der Herrgott; aber im Himmel wird sie weiterkommen als du oder ich.«
»Ach, Papa, nicht doch«, sagte Eva und zupfte ihn sanft am Ellbogen, »das bekümmert Mama.«
»Nun, Vetter, bist du zum Gottesdienst gerüstet?« fragte Miß Ophelia und wandte sich direkt an St. Clare.
»Nein, danke, ich gehe nicht mit.«
»Ich wollte, St. Clare würde auch einmal zur Kirche gehen«, sagte Marie. »Aber er hat nicht die leiseste religiöse Empfindung. Das gehört sich einfach nicht.«
»Das weiß ich«, sagte St. Clare, »ihr Damen geht vermutlich zur Kirche, um dort zu erfahren, wie man in der Welt vorankommt, und eure Frömmigkeit gibt unserem Haus den ehrbaren Anstrich. Wenn ich jemals in die Kirche ginge, würde ich mit Mammy gehen, da ist wenigstens Betrieb.«
»Was, zu den Methodisten? Wie entsetzlich!« sagte Marie.
»Alles lieber als die tödliche Langeweile in eurer wohlanständigen Kirche, Marie. Tatsächlich, das ist von einem Mann zuviel verlangt. Eva, gehst du gern dahin? Komm, bleib hier, dann spielen wir zusammen.« »Danke vielmals, Papa; aber ich gehe doch lieber in die Kirche.«
»Ist das nicht entsetzlich langweilig?« fragte St. Clare.
»Manches ist langweilig«, gab Eva zu, »und manchmal schlafe ich ein, versuche aber immer wieder wachzubleiben.«
»Warum gehst du dann hin?«
»Ach, weißt du, Papa«, sagte sie flüsternd, »die Tante hat gesagt, der liebe Gott wünscht es; und er schenkt uns doch alles, weißt du; und wenn er es gern möchte, dann ist es doch nicht viel verlangt. Dann ist es gar nicht so langweilig.«
»Du bist eine fügsame kleine Seele«, sagte St. Clare und küßte sie; »geh nur hin, sei ein liebes Kind, und bete für mich.«
»Gewiß, das tu ich immer«, antwortete das Kind und sprang seiner Mutter nach in den Wagen.
St. Clare stand auf den Stufen und warf ihr eine Kußhand nach, als der Wagen davonfuhr; große Tränen standen ihm in den Augen.
»O Evangeline, wie treffend ist dein Name! Hat Gott dich mir nicht als frohe Botschaft gesandt?«
Einen Augenblick bewegten ihn diese Gefühle, dann rauchte er eine Zigarre und las seine Zeitung. Seine kleine Evangeline hatte er vergessen. War er nicht wie andere Leute?
»Siehst du, Evangeline«, sagte die Mutter zu ihr, »es ist durchaus richtig, wenn man freundlich zu den Dienstboten ist, aber es gehört sich nicht, daß man sie genauso behandelt wie Verwandte oder wie Menschen unseresgleichen. Wenn Mammy zum Beispiel krank wäre, möchtest du sie doch auch nicht in dein Bett legen?«
»Aber ja, Mama«, sagte Eva »da könnte ich sie viel besser pflegen, und weißt du, mein Bett ist auch viel weicher als ihres.«
Marie geriet in Verzweiflung.
»Was kann ich nur tun, um mich dem Kinde begreiflich zu machen«, sagte sie.
»Gar nichts«, erwiderte Miß Ophelia bedeutsam.
Eva machte einen Augenblick ein betrübtes und betroffenes Ge–sichtchen; aber zum Glück wechseln bei Kindern die Eindrücke rasch; nach wenigen Minuten schon lachte sie wieder fröhlich über alles, was draußen an den ratternden Wagenfenstern vorüberglitt.