17. Kapitel
Die Verteidigung des freien Mannes
Als der Abend hereinbrach, war im Quäkerhaus alles in gelinder Aufregung. Rachel Halliday ging ruhig hin und her und entnahm ihren Vorräten alle brauchbaren Artikel, die sich auf kleinstem Raum zusammenpacken ließen, für die Wanderer, die heute nacht aufbrechen wollten. Die Schatten des Nachmittags streckten sich nach Osten, und die rote, runde Sonne verharrte nachdenklich am Horizont, und ihre Strahlen fielen gelb und still in die kleine Schlafstube, wo Georg mit seinem Weib zusammensaß. Er hielt ihre Hand und hatte sein Kind auf den Knien. Beide sahen ernst und nachdenklich aus, Tränenspuren lagen auf ihren Wangen.
»Ja, Eliza«, sagte Georg, »ich weiß, du hast recht. Du bist ein guter Mensch, viel besser als ich, und ich will versuchen, dir zu folgen. Ich will jetzt handeln, wie es einem freien Mann ziemt. Ich will versuchen, wie ein Christ zu fühlen. Gott der Allmächtige weiß, daß ich mich bemüht habe, selbst als alles sich gegen mich verschwor. Und nun will ich die Vergangenheit vergessen und alle Bitterkeit ablegen. Nun will ich die Bibel lesen und ein guter Mensch werden.«
»Wenn wir erst nach Kanada kommen«, sagte Eliza, »kann ich dir helfen. Ich verstehe mich auf die Schneiderei, und ich kann waschen und plätten; mit vereinten Kräften werden wir weiterkommen.«
»Ja, Eliza, solange wir nur einander haben und das Kind. O Eliza! Wenn die Leute nur wüßten, was für einen Segen es für einen Mann bedeutet, Weib und Kind sein eigen zu nennen! Wie man sich da noch sorgen und grämen kann, verstehe ich nicht. Doch ich fühle mich so reich und stark, obgleich wir doch nichts haben als unsere leeren Hände. Mir ist, als dürfte ich Gott nun um nichts mehr bitten. Ja, wenn ich auch bis zu meinem fünfundzwanzigsten Jahr schwer gearbeitet habe und keinen Pfennig besitze, kein Dach über meinem Kopf, kein Fleckchen Erde mein eigen nenne, wenn sie mich nur in Frieden lassen, will ich dankbar und glücklich sein. Ich will arbeiten und das Geld für dich und das Kind zurücklegen. Was meinen Herrn angeht, so hat er fünfmal soviel an mir verdient; ihm bin ich nichts schuldig.«
»Aber noch sind wir nicht der Gefahr entronnen«, sagte Eliza, »noch sind wir nicht in Kanada.«
»Richtig«, erwiderte Georg, »aber mir ist, als atmete ich schon die Luft der Freiheit, und das beflügelt mich.«
In diesem Augenblick ließen sich im Vorderzimmer Stimmen in ernster Unterhaltung vernehmen, und sogleich wurde an die Tür geklopft. Eliza fuhr auf und öffnete.
Da stand Simeon Halliday und neben ihm ein Quäkerbruder, den er als Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war groß und dürr und rothaarig. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Schlauheit und Durchtriebenheit. Er hatte nichts von Simeons Hallidays ruhigem, gelassenem und unweltlichem Wesen; im Gegenteil, er schien immer auf dem Sprung und bei der Sache zu sein; er wirkte wie ein Mann, der weiß, was er will, und immer seinen Kopf oben behält, was absonderlich von seinem umständlichen, förmlichen Reden abstach.
»Unser Freund Phineas hat etwas Wichtiges entdeckt, was dich und deine Gesellschaft interessieren wird, Georg«, sagte Simeon; »du hörst es dir am besten selber an.«
»Das stimmt«, sagte Phineas, »und es zeigt, daß ein Mann gut daran tut, an gewissen Orten nur mit einem Ohr zu schlafen, wie ich schon immer sagte. Vorige Nacht kehrte ich in einer kleinen einsamen Schenke abseits vom Wege ein. Du wirst dich an den Ort erinnern, Simeon, wir haben dort im vorigen Jahr die Äpfel an die dicke Frau mit den großen Ohrringen verkauft. Ich war müde vom langen Fahren und streckte mich in der Ecke auf einem Haufen Säcke aus und zog mir eine Büffelhaut übers Ohr, um zu warten, bis mein Bett fertig war, und was geschieht mir? Ich schlafe fest ein.«
»Mit einem offenen Ohr, Phineas?« fragte Simeon ruhig.
»Nein, ich schlief, ein zwei Stunden ganz fest, denn ich war hundemüde; als ich wieder ein wenig zu mir kam, merkte ich, daß Leute im Zimmer waren, die um einen Tisch saßen und tranken und redeten; da dachte ich bei mir, ehe ich aufstehe, will ich sehen, was sie im Schilde führen, besonders als ich sie die Quäker erwähnen hörte. >Sie sind jedenfalls in der Quäkersiedlung<, sagte der eine. Dann spitzte ich beide Ohren und merkte, daß sie ausgerechnet von euch sprachen. Also lag ich und hörte, wie sie ihre Pläne entwickelten. Du, junger Mann, sagten sie, solltest nach Kentucky zurückgeschickt werden zu deinem Herrn, der mit dir ein Exempel statuieren will, damit allen Niggern das Weglaufen vergeht; dein Weib wollten zwei von ihnen nach New Orleans bringen und dort auf eigene Faust verkaufen; sie berechneten schon, daß sie wohl sechzehn–oder achtzehnhundert Dollar bekämen, und das Kind müßte an den Händler gehen, der es gekauft hat; der junge Jim und seine Mutter sollten zurück an ihren Herrn in Kentucky. Sie behaupteten, im nächsten Ort wohnten zwei Gendarmen, die würden mitmachen und die junge Frau vor den Richter schleppen; und einer von den Kerlen, der kleine, der sehr redegewandt war, will dann schwören, sie sei sein Eigentum damit sie ihm ausgeliefert wird und er sie in den Süden mitnehmen kann. Sie wissen Bescheid über unseren Weg heute nacht und werden uns mit sechs bis acht Mann überfallen. Was machen wir da?«
Nach dieser Mitteilung befand sich die ganze Gruppe in einer Haltung, die einen Maler gereizt hätte. Rachel Halliday, die ihre Hände aus dem Biskuitteig gezogen hatte, um die Neuigkeit mitan–zuhören, hielt sie mehlig und aufrecht gen Himmel gestreckt, tiefes Mitleid malte sich auf ihrem Gesicht. Simeon war in tiefes Sinnen versunken; Eliza hielt ihren Gatten umschlungen und blickte zu ihm auf. Georg aber hatte die Fäuste geballt, seine Augen loderten, und er sah aus, wie jeder aussehen mag, dessen Weib öffentlich versteigert und dessen Sohn an einen Händler ausgeliefert werden soll, alles unter dem Schutz des Gesetzes eines christlichen Volkes.
»Was fangen wir an, Georg?« fragte Eliza mit schwacher Stimme.
»Ich weiß, was ich tun werde«, erwiderte Georg, ging nach nebenan und prüfte seine Pistolen.
»Ja, ja«, sagte Phineas und nickte Simeon zu, »da siehst du die Wirkung.«
»Ich sehe es wohl«, antwortete Simeon und seufzte; »ich bete nur, daß uns das erspart bleibt.«
»Ich will niemand meinetwegen in Ungelegenheit bringen«, sagte Georg. »Wenn Ihr mir Euren Wagen leiht und uns den Weg zeigt, will ich wohl allein zur nächsten Station fahren. Jim ist bärenstark und so tapfer wie der Tod und Teufel.«
»Alles gut und schön, Freund«, bemerkte Phineas, »trotzdem brauchst du einen Kutscher. Du magst das Kämpfen schon allein besorgen, weißt du; aber vom Weg verstehe ich mehr.«
»Aber ich mag Euch nicht mit hineinziehen.«
»Hineinziehen«, wiederholte Phineas mit einem verschlagenen Gesichtsausdruck, »ich möchte nur wissen, wann du mich hineinziehen solltest!«
»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann«, sagte Simeon. »Du tust gut daran, Georg, wenn du dich auf ihn verläßt; außerdem«, setzte er freundlich hinzu, Georg die Hand auf die Schulter legend und auf die Pistolen deutend, »sei damit nicht zu voreilig; junges Blut ist hitzig.«
»Ich werde keinen Menschen angreifen«, sagte Georg. »Alles, was ich von diesem Lande verlange, ist, in Ruhe gelassen zu werden, dann werde ich es friedlich verlassen; aber« - er machte eine Pause; seine Stirn umwölkte sich, und es arbeitete in seinem Gesicht -»meine Schwester wurde verkauft auf jenem Markt in New Orleans. Ich wußte wozu. Und da soll ich ruhig zulassen, daß sie mein Weib verkaufen, wenn Gott mir doch starke Arme gab, um sie zu verteidigen? Nein, Gott steh mir bei! Ich werde bis zum letzten Atemzug kämpfen, ehe sie mir Weib und Kind nehmen. Könnt Ihr mich deshalb tadeln?«