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Man erkannte jetzt undeutlich auf dem Gipfel einer Anhöhe einen mit verhängten Zügeln dahersprengenden Reiter.

»Ich glaube, das ist er!« rief Phineas. Ohne Besinnen sprangen Georg und Jim aus dem Wagen. Schweigend standen sie da und erwarteten den Boten. Er kam immer näher. Jetzt verschwand er in einer Talsenke, aber sie vernahmen deutlich, wie der eilige Hufschlag immer näher kam, endlich tauchte er wieder auf und kam in Rufnähe.

»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas und rief mit erhobener Stimme, »Hallo, Hallo, Michael!«

»Phineas, bist du das?«

»Ja, was ist los? Kommen sie?«

»Direkt hinter mir, acht oder zehn Mann, betrunken, fluchend und schäumend wie die Wölfe.«

Während er noch sprach, trug der Wind den schwachen Hall galoppierender Reiter herüber.

»Einsteigen, rasch, Jungens!« rief Phineas. »Wenn es zum Kampf kommt, ist es besser, ich fahre euch noch ein Stück weiter.«

Beide waren auf sein Geheiß in den Wagen gesprungen, und Phi–neas schlug auf die Pferde, um sie in Trab zu bringen, während der Reiter dicht neben ihnen folgte.

Der Wagen ratterte, er flog fast über den gefrorenen Erdboden dahin, aber immer deutlicher wurde der Lärm der näherkommenden Reiter. Die Frauen hörten sie auch; sie lehnten sich angstvoll hinaus und sahen weit hinten auf dem Rand eines fernen Hügels einen Trupp Reiter sich in unbestimmten Umrissen gegen den rotstreifigen Himmel des grauenden Morgens abheben. Noch eine Anhöhe, da hatten die Reiter offensichtlich den Wagen erblickt, dessen weiße Plane schon von weitem auffiel, der Wind trug ihr lautes Triumphgebrüll herüber. Eliza wurde es dunkel vor den Augen, sie preßte ihr Kind fester an die Brust, und Georg und Jim packten ihre Pistolen mit verzweifelten Fäusten. Die Verfolger holten rasch auf, da bog der Wagen scharf hinter einer steil aufragenden Felsklippe ein, die sich als einzelner Ausläufer eines felsigen Geländes aus der Ebene erhob und ringsherum glatt abfiel. Diese Felsgruppe stand schwarz und schwer gegen den heller werdenden Himmel und schien Schutz und Obdach zu verheißen. Phineas kannte sich hier von seinen Jagdzeiten her gut aus, er hatte seine Pferde nur angetrieben, um diesen Standort zu erreichen.

»Jetzt gilt's!« sagte er, hielt die Pferde an und war mit einem Satz vom Wagen. »Raus mit euch und dann mir nach, die Felsen hinauf. Michael, du bindest dein Pferd an die Deichsel und fährst weiter zu Amariah und holst ihn und seine Leute, damit sie mit den Kerlen verhandeln.«

Im Nu waren sie alle heraus aus dem Wagen.

»Los«, sagte Phineas und ergriff Harry, »ihr beide seht nach den Frauen, und jetzt lauft, was ihr nur laufen könnt!«

Es bedurfte keiner Ermahnung. Schneller, als wir es schildern können, waren alle über den Zaun geklettert und strebten den Felsen zu, während Michael sich eilig vom Pferd warf, es mit dem Zaum am Wagen befestigte und, so schnell er konnte, mit dem Wagen davonfuhr.

»Kommt weiter«, sagte Phineas, als sie die Felsen erreichten und in dem erblassenden Licht der schwachen Sterne und der aufsteigenden Morgendämmerung die Spur eines schmalen Fußpfades erkannten, der zur Höhe führte. »Das ist ein altes Jagdversteck. Hinauf!«

Phineas schritt voran, mit dem Jungen auf dem Arm sprang er wie eine Ziege über die Steine. Jim kam als zweiter und trug seine zitternde, alte Mutter über der Schulter, Georg und Eliza bildeten den Abschluß. Die Reiter langten bei dem Zaun an und stiegen unter Geschrei und Fluchen ab, um ihren Opfern zu Fuß nachzueilen. Diese waren nach kurzem Klettern auf dem Gipfel der Felsklippe angelangt, nun führte der Pfad durch eine schmale Kluft, in der jeweils nur eine Person Platz hatte, bis sie plötzlich vor einem neuen Querspalt ankamen, der mehr als meterbreit zu einer neuen Felsgruppe führte, die abermals getrennt sich dreißig Fuß hoch erhob, mit steil abfallenden Wänden wie die Wälle einer Burg.

»Springt!« rief Phineas, »springt um euer Leben!« Und einer nach dem anderen sprang hinüber. Mehrere lose Felsstücke bildeten drüben eine Art Brustwehr und verbargen sie vor den Blicken der Verfolger.

»So, da wären wir«, sagte Phineas und spähte über die Steine nach den Verfolgern aus, die mit lautem Getöse unter den Felsen herankamen. »Nun mögen sie kommen. Wer herauf will, muß einzeln zwischen den beiden Felsen durch in bester Schußweite, seht ihr?«

»Jawohl«, sagte Georg, »und jetzt ist es unsere Sache, jetzt tragen wir das Risiko und übernehmen den Kampf.«

»Das Kämpfen will ich dir schon überlassen, Georg«, bemerkte Phineas und zerkaute beim Sprechen einige Mitchellablätter; »aber das Zusehen wirst du mir wohl noch erlauben. Aber seht, die Kerle bereden sich anscheinend und blicken herauf wie Hühner, die auf die Stange fliegen wollen. Ob man ihnen nicht lieber einen Wink gibt und ihnen höflich erklärt, daß sie erschossen werden, wenn sie es wagen?«

Die Gesellschaft unten war beim wachsenden Licht des Morgens jetzt allmählich besser zu erkennen. Sie bestand aus unseren alten Bekannten, Tom Locker und Marks, zwei Gendarmen und einer Rotte von Gesellen, die man im letzten Wirtshaus unter der Einwirkung des Branntweins leicht überredet hatte, sich an dieser Niggerjagd zu beteiligen.

»Na, Tom, dein Wild hätten wir gestellt«, sagte einer von ihnen.

»Ja, ich habe sie dort hinauflaufen sehen«, erwiderte Tom. »Und hier ist auch ein Fußpfad. Ich bin dafür, wir gehen sofort hinterher. So schnell können sie nicht herunterspringen, und es wird nicht lange dauern, da haben wir sie aufgestöbert.«

»Aber Tom, sie könnten uns hinter den Felsen auflauern und schießen. Das wäre doch sehr unangenehm.«

»Pah!« grinste Tom, »du bist immer bange um dein kostbares Leben, Marks! Keine Gefahr! Nigger sind viel zu feige, um zu schießen.«

»Ich sehe nicht ein, daß ich mir nicht mein Leben bewahren soll«, sagte Marks. »Ein anderes habe ich nicht, und Nigger können sich zuweilen wie die Teufel verteidigen.«

In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens und hub mit fester, klarer Stimme an zu reden: »Wer sind Sie, meine Herren, und was wollen Sie da unten?«

»Wir suchen eine entlaufene Niggerbande«, rief Tom Locker. »Einen gewissen Georg Harris und Eliza Harris mit ihrem Sohn, Jim Seiden und eine alte Frau. Wir haben die Beamten hier und einen Haftbefehl, wir werden sie also zu fassen kriegen, versteht ihr? Bist du nicht Georg Harris, der dem Mr. Harris in der Grafschaft Shelby in Kentucky gehört?«

»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky hat mich einst sein Eigentum genannt. Aber jetzt bin ich ein freier Mann und stehe auf Gottes freiem Boden. Mein Weib und mein Kind gehören zu mir. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir führen Waffen zur Verteidigung bei uns und werden davon Gebrauch machen. Sie können gern heraufkommen. Aber der erste, der uns vor die Flinte kommt, ist ein toter Mann, und ebenso der nächste, alle der Reihe nach.«

»Spart Euch die schönen Reden«, rief jetzt ein vierschrötiger kurzer Mann, der vortrat und sich die Nase schneuzte. »Junger Mann, das steht Euch nicht zu. Ihr seht, wir sind Gerichtsbeamte. Das Recht steht auf unserer Seite, auch die Gewalt und alles andere. Also gebt das Rennen auf. Am Ende zieht Ihr doch den kürzeren.«

»Ich weiß wohl, daß Ihr Recht und Gewalt auf Eurer Seite habt«, rief Georg mit Bitterkeit. »Ihr wollt mir meine Frau wegreißen und in New Orleans verkaufen und meinen Knaben wie ein Kalb an den Händler abliefern. Jims Mutter wollt Ihr der Bestie zurückgeben, die sie schon einmal auspeitschen und mißhandeln ließ, weil er ihren Sohn nicht greifen konnte. Jim und mich aber wollt Ihr zur Folter und Mißhandlung unseren alten Herren ausliefern, damit sie uns mit Füßen treten. Und Eure Gesetze sagen ja dazu — Schmach und Schande über Euch! Noch habt Ihr uns nicht. Eure Gesetze gehen uns nichts an, Euer Staat kümmert uns nicht; wir stehen hier als freie Menschen unter Gottes freiem Himmel, nicht anders als Ihr. Und bei dem lebendigen Gott, der uns alle erschaffen hat, wir werden bis zum Tode um unsere Freiheit kämpfen.«