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Georg stand frei und offen auf der Felshöhe, als er diese Unabhängigkeitserklärung abgab; seine wettergebräunten Wangen flammten im Morgenrot; Verzweiflung und bittere Empörung loderten in seinen dunklen Augen; als ob er sich vom Menschen ab zu Gott wandte, hatte er seine Hand zum Himmel erhoben.

Haltung und Blick, Stimme und Auftreten des Sprechers brachten die Verfolger für einen Augenblick zum Schweigen. Kühnheit und Entschlossenheit nötigen selbst der rohesten Natur für kurze Minuten eine gewisse Achtung ab. Nur Marks blieb ganz ungerührt. Er spannte vorsichtig den Hahn seiner Pistole, und in der kurzen Stille, die Georgs Rede folgte, schoß er nach ihm. »Man kriegt für ihn denselben Preis in Kentucky, ob tot oder lebendig«, sagte er kalt und wischte seine Pistole am Rockärmel ab.

Georg sprang zurück — Eliza stieß einen Schrei aus — die Kugel war knapp an seinem Haar vorbeigegangen, hatte fast die Wange seiner Frau gestreift und war in einem Baum steckengeblieben.

»Es ist nichts, Eliza«, sagte Georg sogleich.

»Du wärst mit deinen Reden besser in Deckung geblieben«, meinte Phineas; »das sind gemeine Hunde.«

»Los, Jim«, sagte Georg, »mach deine Pistole fertig; wir wollen beide den Paß da im Auge behalten. Ich schieße auf den ersten Mann, der sich zeigt; du nimmst den zweiten und dann so weiter. Wir können nicht zwei Schuß für einen Mann vergeuden, verstehst du?«

»Und wenn du nicht triffst?«

»Ich werde treffen«, erwiderte Georg ruhig.

»Gut, der Junge ist aus dem richtigen Holz«, brummte Phineas durch die Zähne.

Unten stand die Bande, nachdem Marks den Schuß abgegeben, noch unentschlossen zusammen.

»Ich glaube, du mußt jemand getroffen haben«, bemerkte einer der Leute, »ich habe jemand schreien hören.«

»Ich gehe jetzt stracks hinauf«, sagte Tom. »Vor Negern habe ich niemals Angst gehabt, soll mir auch jetzt nicht passieren. Wer kommt mir nach?« Und schon sprang er die Felsen hinauf.

Georg hatte die Worte deutlich gehört. Er entsicherte seine Pistole, prüfte sie und hielt sie dann auf den Felspaß gerichtet, wo der erste Mann erscheinen mußte.

Der mutigste der Bande folgte Tom; nachdem so der Anfang gemacht war, drängten alle hinterher — die letzten stießen die ersten, so daß sie ins Gedränge kamen und sich eiliger hindurchquetschten, als es einzeln der Fall gewesen wäre. Sie kamen immer näher, bis Toms ungeschlachte Gestalt zum Vorschein kam, unmittelbar vor der Felsspalte.

Georg schoß — der Schuß traf den anderen in die Seite -, aber trotz der Verwundung wich er nicht zurück, sondern sprang wie ein wildgewordener Stier mit einem Wutgebrüll direkt über die Spalte unter die Flüchtlinge.

»Nein, mein Freund«, sprach Phineas, plötzlich hervortretend, und stieß ihn mit kräftigem Arm zurück. »Dich können wir hier nicht brauchen.«

Da stürzte er den Spalt hinunter, Bäume, Sträucher, Baumstämme, lose Steine, alles im Fallen mit sich reißend, bis er in dreißig Fuß Tiefe zerschlagen und ächzend liegenblieb. Der Sturz hätte ihn getötet, wären nicht seine Kleider an den Zweigen der Bäume hängengeblieben; aber der Aufprall war doch ziemlich stark, wenigstens alles andere als angenehm und sanft.

»Gott, steh uns bei, das sind die reinen Teufel!« zischte Marks und führte die Bande als erster und mit größerer Eile als beim Aufstieg wieder hinab. Die anderen stolperten hinter ihm her; besonders der dicke Gendarm schnob pustend den Berg hinunter.

»Hört, Leute«, sagte Marks, »Ihr geht um die Ecke und hebt Tom auf, während ich mein Pferd nehme und Hilfe hole — gehabt euch wohl«; und ungeachtet der Schimpf–und Spottreden der Bande schlug sich Marks durch die Büsche und galoppierte davon.

»Da sieht man den feigen Hund«, sagte einer der Leute; »uns bringt er alle her und dann drückt er sich.«

»Wir müssen den andern auflesen. Verflucht, mir soll es gleich sein, ob er tot oder lebendig ist.«

Die Leute gingen dem Stöhnen des Verwundeten nach, sie kletterten über Baumstämme und Klötze und arbeiteten sich durch dichtes Gestrüpp hindurch bis zu der Stelle, wo Tom abwechselnd stöhnend und fluchend am Boden lag.

»Du machst ja schönen Radau, Tom«, sagte einer. »Bist du ernstlich verwundet?«

»Weiß ich nicht. Bringt mich in die Höhe. Soll der Henker diesen verfluchten Quäker holen! Wäre er nicht gewesen, hätte ich die Nigger hier runtergestoßen und gewartet, wie ihnen das zusagte.«

Unter großen Anstrengungen und mit vielem Gestöhn hob man den Verletzten auf, zwei Leute packten ihn unter den Schultern, und so schleppte man ihn mühsam und fluchend zu den Pferden zurück.

»Wenn ihr mich nur zurück in die Schenke schaffen könntet. Gebt mir doch einen Lappen, damit ich dies verfluchte Bluten stillen kann.«

Georg spähte über die Felsen und sah, wie sie versuchten, Toms ungeschlachte Gestalt in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen taumelte er und stürzte zu Boden.

»Ach, hoffentlich ist er nicht tot!« sagte Eliza, die mit der ganzen Gesellschaft dem Vorgang gefolgt war.

»Warum nicht?«, fragte Phineas, »er hätte es wahrhaftig verdient.«

»Weil nach dem Tode das Gericht folgt«, antwortete Eliza.

»Ja«, sagte die alte Frau, die während des ganzen Vorfalles gestöhnt und auf ihre Methodistenweise gebetet hatte, »seine arme Seele wird Schreckliches erleiden.«

»Wahrhaftig, ich glaube, sie wollen ihn im Stich lassen«, rief Phineas.

Das war richtig: denn nach einigem Zaudern und Bereden stieg die Bande auf die Pferde und ritt davon. Als sie verschwunden war, besann sich Phineas wieder.

»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen«, sagte er. »Ich hatte Michael beauftragt, Hilfe zu holen und den Wagen wieder zurückzubringen. Aber ein Stück Weges werden wir wohl noch zurücklegen müssen, bis wir ihn treffen. Gott gebe, daß er bald kommt. Es ist noch früh am Tage, da wird noch nicht viel Verkehr unterwegs sein; wir sind nicht viel mehr als zwei Meilen von unserem nächsten Halteplatz entfernt. Wären die Wege in der Nacht nicht so schlecht gewesen, wären wir ihnen längst entkommen.«

Als unsere Flüchtlinge an dem Zaun wieder ankamen, sahen sie bereits in der Ferne auf der Straße ihren eigenen Wagen zurückkehren, einige Reiter begleiteten ihn.

»Da kommen ja schon Michael und Stephan und Amariah«, rief Phineas freudig aus. »Jetzt haben wir es geschafft, als ob wir schon dort wären.«

»Dann könnten wir uns doch um den armen Kerl kümmern«, sagte Eliza, »er stöhnt so schrecklich.«

»Das wäre nicht mehr als Christenpflicht«, sagte Georg, »wir wollen ihn aufheben und mitnehmen.«

»Und ihn bei den Quäkern verarzten! Ganz sinnig! Na, mir soll's gleich sein. Zuerst wollen wir ihn einmal ansehen«, und Phineas, der sich in seinem Wald–und Jägerleben einige primitive chirurgische Kenntnisse erworben hatte, kniete neben dem Verwundeten nieder und untersuchte ihn sorgfältig.

»Marks«, sagte Tom mit schwacher Stimme, »bist du das, Marks?«

»Nein, Freund, anscheinend nicht. Marks kümmert sich erst um dich, wenn er seine Haut in Sicherheit weiß. Er ist schon lange auf und davon.«

»Dann bin ich geliefert«, stöhnte Tom. »Der verfluchte feige Hund, mich hier allein sterben zu lassen. Meine arme alte Mutter hat es mir immer vorausgesagt.«

»Hört ihn an! Der arme Mensch, jetzt hat er eine Mammy«, sagte die alte Negerin. »Er tut mir doch leid.«

»Sachte, sachte; jetzt brumme und beiße nicht, mein Freund«, sagte Phineas, als Tom zusammenzuckte und seine Hand wegstieß. »Es ist aus mit dir, wenn ich das Blut nicht zum Stillstand bringe.« Und Phineas mühte sich, einen Notverband anzulegen, zu dem alle ihr Taschentuch beigesteuert hatten.