»Ihr habt mich hinuntergestoßen«, sagte Tom mit schwacher Stimme.
»Ja, siehst du, sonst hättest du uns hinabgestoßen«, antwortete Phineas, als er sich bückte und den Verband anlegte. »So, so — laß mich nur den Verband festmachen. Wir meinen es gut mit dir, wir tragen dir nichts nach. Wir bringen dich jetzt in ein Haus. Da werden sie dich erstklassig pflegen, deine eigene Mutter könnte es nicht besser.«
Tom ächzte und schloß die Augen. Bei Leuten seiner Art war Kraft und Entschlossenheit eine rein körperliche Sache, die mit dem strömenden Blut vorbei war; der riesige Bursche sah in seiner Hilflosigkeit wirklich bemitleidenswert aus.
Inzwischen war der Wagen herangekommen. Man nahm die Sitze heraus, breitete die doppelt zusammengelegten Büffelfelle alle auf eine Seite und dann hoben vier Mann Toms schweren Körper mühsam hinein. Noch bevor er lag, verlor er die Besinnung. In überströmendem Mitleid setzte sich die alte Negerin auf den Boden und nahm seinen Kopf auf ihren Schoß. Eliza, Georg und Jim teilten sich, so gut es ging, in den übrigen Platz, und der Wagen fuhr weiter.
»Was haltet Ihr von seinem Zustand?« fragte Georg, der vorn neben Phineas saß.
»Ach, er hat nur eine ziemlich tiefe Fleisch wunde; der Fall hat ihm nicht gerade gut getan. Es hat tüchtig geblutet — das hat anscheinend alles mitgeschwemmt, den ganzen Mut — aber er wird es überstehen, und vielleicht war es ihm eine Lehre.«
»Das freut mich«, sagte Georg. »Es hätte mir doch sehr auf der Seele gelegen, wenn ich seinen Tod verursacht hätte, selbst in gerechter Sache.«
»Ja«, erwiderte Phineas. »Töten ist kein angenehmes Geschäft, wie man es auch drehen mag — Mensch oder Tier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen, und ich kann dir sagen, ich habe gesehen, wie ein sterbender Rehbock mich anblickte, daß ich mir schlecht vorkam, ihn geschossen zu haben, und bei den Menschen ist es noch schlimmer, denn wie deine Frau sagt, ihnen folgt das Letzte Gericht nach dem Tode. Daher weiß ich nicht, ob unsere Leute nicht recht haben, wenn sie so streng über diese Dinge denken. Wenn ich bedenke, was ich erlebte, bin ich doch ziemlich ihrer Ansicht.«
»Was wollt ihr mit diesem armen Kerl anfangen?« fragte Georg.
»Oh, den tragen wir zu Amariah; da wohnt Stephans alte Großmutter — Doreas mit Namen -, die versteht sich großartig auf die Krankenpflege. Nichts kommt ihr mehr gelegen, als wenn sie einen Kranken zu versorgen hat. Wir können damit rechnen, daß er vierzehn Tage liegen bleiben muß.«
Nach einstündiger Fahrt hielt man vor einem schmucken Farmhaus, wo die erschöpften Reisenden mit einem reichen Frühstück empfangen wurden. Tom Locker wurde behutsam in ein Bett gelegt, das viel weißer und sauberer war als alle bisherigen, in denen er gelegen hatte. Seine Wunde wurde sorgfältig behandelt und verbunden, so daß er wie ein krankes Kind ruhig liegen und zuweilen auf die weißen Fenstervorhänge und die ruhigen Gestalten blicken konnte, die in seinem Krankenzimmer leise hin und her gingen. Und hier wollen wir unseren Freunden vorderhand Lebewohl sagen.
18. Kapitel
Miß Ophelias Ansichten und Erfahrungen
Unser Freund Tom verglich oft auf seine einfache Weise sein glückliches Los in der Sklaverei mit dem Schicksal Josephs in Ägypten, und als die Zeit voranschritt und er sich tatsächlich mehr und mehr unter den Augen seines Herrn entwickelte, drängte sich auch ihm dieser Vergleich immer stärker auf.
St. Clare war nachlässig und achtlos in Geldsachen. Bisher hatte Adolf grundsätzlich das Einteilen und Einkaufen besorgt und sich darin mindestens so leichtsinnig und verschwenderisch wie sein Herr erwiesen; gemeinsam hatten beide mit großer Leichtigkeit die Verschwendung beschleunigt. Seit Jahren daran gewöhnt, seines Herrn Eigentum als eigene Verpflichtung zu betrachten, sah Tom mit einer Besorgnis, die er kaum verhehlen konnte, diese riesige Verschwendung an allen Ecken des großen Haushalts und machte zuweilen auf die leise indirekte Weise seiner Klasse Vorschläge, dem Unwesen zu steuern.
Zunächst stellte St. Clare ihn nur gelegentlich an, als ihm aber Toms gesunder Verstand und sein heller Geschäftssinn auffiel, zog er ihn allmählich ins Vertrauen, bis ihm schließlich alle Einkäufe für den Haushalt übertragen wurden.
»Nein, nein, Adolf«, sagte er, als Adolf sich eines Tages beschwerte, daß alle Befugnisse seinen Händen entglitten; »laß du Tom in Ruhe, du verstehst dich nur auf deine Wünsche, Tom versteht sich auf Kosten und Auslagen, und es muß sich einmal jemand darum kümmern, sonst wird das Geld eines Tages zu Ende sein.«
Tom wurde nun jeder Versuchung zur Untreue ausgesetzt, denn sein sorgloser Herr vertraute ihm grenzenlos und übergab ihm Rechnungen, die er selbst nicht ansah, und nahm das Wechselgeld, ohne es zu zählen in Empfang. Aber mit der unerschütterlichen Einfalt seines Herzens, verstärkt durch den christlichen Glauben, widerstand Tom jeder Verlockung. Im Gegenteil, ein schrankenloses Vertrauen war für seinen Charakter nur Schwur und Siegel zu einer noch peinlicheren Genauigkeit.
Bei Adolf war es genau umgekehrt gegangen. Gedankenlos, genußsüchtig und unbeaufsichtigt von einem Herrn, der es bequemer fand, ihn gewähren zu lassen, anstatt ihn zu beaufsichtigen, war er in bezug auf Mein und Dein einer völligen Verwirrung anheimgefallen, die zuweilen selbst St. Clare beunruhigte. Er sah wohl ein, daß seine Nachsicht für seine Leute gefährlich und nicht richtig war. Daher fühlte er sich von dauernden Gewissensbissen verfolgt, die jedoch nicht heftig genug waren, um sein Verhalten zu ändern; gerade diese Gewissensbisse veranlaßten ihn zu immer größerer Nachsicht. Die ernstesten Vergehen überging er leichthin, weil er sich sagen mußte, daß seine mangelnde Strenge seine Dienerschaft erst dazu gebracht hatte.
Tom betrachtete seinen leichtlebigen, heiteren und schönen jungen Herrn mit einer merkwürdigen Mischung von Unterwürfigkeit, Verehrung und väterlicher Besorgnis. Daß er niemals in der Bibel las, niemals zur Kirche ging, daß er sich über alles und jedes lustig machte, was seine Spottlust erregte, daß er die Sonntagabende in der Oper oder im Theater verbrachte, daß er öfter als nötig zu Galagelagen und Abendgesellschaften ging — das waren Dinge, die Tom so gut wie jeder andere bemerkte, und worauf er seine Überzeugung gründete, daß >der Herr kein Christ< war — eine Überzeugung, die er allerdings kaum einem anderen gegenüber ausgedrückt hätte, wenn sie ihm auch Anlaß war zu heißen Gebeten aus seinem einfachen Gemüt, die er in seiner kleinen Schlafkammer vor sich hinsprach. Das will nicht heißen, daß Tom nicht auch seine eigene Weise hatte, einmal seine Meinung zu sagen, wobei er jenen Takt bewies, der kennzeichnend ist für seine Klasse. Das geschah zum Beispiel am Tage nach jenem Sonntag, den wir beschrieben hatten, an dem St. Clare abends zu einem vergnügten Weingelage geladen und nachts zwischen ein und zwei Uhr in einem Zustand nach Hause gebracht worden war, als sein geistiges Bewußtsein bereits dem körperlichen Befinden weit unterlegen war. Tom und Adolf hatten ihm ins Bett geholfen, der letztere war dabei äußerst belustigt gewesen und hatte den Vorfall für einen guten Witz gehalten. Über Toms kindliches Entsetzen hatte er sich ausgeschüttet vor Lachen, jener war in der Tat einfältig genug gewesen, die restliche Nacht aufzubleiben und für seinen jungen Herrn zu beten.
»Na, Tom, auf was wartest du noch?« sagte St. Clare am nächsten Tage, als er in Morgenrock und Pantoffeln in seiner Bibliothek saß. St. Clare hatte Tom gerade mit etwas Geld und verschiedenen Besorgungen beauftragt. »Ist noch etwas nicht in Ordnung?« setzte er hinzu, als Tom noch immer wartend dastand.
»Ich befürchte es beinahe, Herr«, erwiderte Tom mit ernstem Gesicht. St. Clare ließ seine Zeitung sinken und setzte seine Kaffeetasse hin.