»Ja, Tom, was ist denn los? Du siehst wie ein Sarg so feierlich aus.«
»Mir geht es schlecht, Herr. Ich habe immer gedacht, der Herr sei gut zu jedermann.«
»Na, Tom, und das bin ich nicht? Schieß los, was möchtest du? Wahrscheinlich fehlt dir etwas, und dies ist die Einleitung.«
»Der Herr ist immer gut zu mir. In diesem Punkt kann ich nicht klagen. Aber zu jemand anders ist der Herr nicht gut.«
»Aber Tom, was ist denn in dich gefahren? Sprich frei heraus; was willst du?«
»Heute nacht zwischen eins und zwei, da fiel es mir auf. Seitdem habe ich darüber gegrübelt. Der Herr ist zu sich selbst nicht gut.«
Tom hatte seinem Herrn den Rücken zugekehrt, während er sprach, seine Hand lag auf dem Türgriff. St. Clare fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg, aber er lachte.
»Oh, ist das alles?« fragte er wohlgelaunt.
»Alles!« sagte Tom, drehte sich plötzlich um und fiel auf die Knie. »Oh, lieber, junger Herr! Ich befürchte, Sie werden alles verlieren–Leib und Seele — alles! Die Heilige Schrift sagt: >Er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter!<«
Toms Stimme erstickte und Tränen liefen über seine Backen.
»Du alter Narr!« sagte St. Clare, selber mit Tränen in den Augen. »Steh auf, Tom. Ich bin nicht wert, daß man um mich weint.«
Aber Tom wollte sich nicht erheben und blickte mit flehenden Augen auf.
»Na also, ich werde nicht wieder hingehen zu diesen blöden Gesellschaften, Tom«, sagte St. Clare. »Auf mein Ehrenwort, nie wieder. Es hat mich immer geekelt, auch vor mir selber — also Tom, wisch dir die Tränen ab, und geh deinen Geschäften nach. Komm, laß sein«, setzte er hinzu, »keine Segenssprüche. Ich verdiene das gar nicht«, sagte er und schob Tom sanft zur Tür. »Also, Tom, auf Ehrenwort, du wirst mich in diesem Zustand nicht wieder sehen«, wiederholte er, und Tom ging hinaus, nachdem er sich tiefbefriedigt die Augen getrocknet hatte.
»Und ich werde Wort halten«, sagte St. Clare, als er die Tür schloß.
Und St. Clare hielt es, denn seiner Natur war grobe Sinnlichkeit keine gefährliche Versuchung.
Aber wer will unterdessen die vielfachen Bedrängnisse unserer Freundin Miß Ophelia schildern, die inzwischen das Amt einer Hausfrau in den Südstaaten übernommen hatte?
Am ersten Morgen ihrer Regentschaft erhob sich Miß Ophelia um vier Uhr. Nachdem sie ihr eigenes Zimmer in Ordnung gebracht, was sie zur staunenden Verwunderung des Stubenmädchens seit ihrer Ankunft jeden Morgen eigenhändig getan hatte, traf sie alle Vorbereitungen, um eine Untersuchung der Wandschränke und Kammern in Angriff zu nehmen, zu denen sie die Schlüssel hatte. Vorratskammer und Wäscheschränke, Porzellankammer, Küche und Keller mußten sich alle eine schreckliche Musterung gefallen lassen.
Da kamen verborgene Dinge der Dunkelheit in einem Ausmaß ans Tageslicht, das alle Gewaltigen im Küchenbereich in Schrecken versetzte und unter dem ganzen Personal Staunen und Murren über diese >nördliche Dame< erregte.
Die alte Dinah, Oberköchin und Inhaberin aller Herrschaft und Gewalt im Küchenbereich, wurde vom heiligen Zorn ergriffen über diesen — wie sie es empfand — Eingriff in ihre Rechte.
Dinah war auf ihre Weise ein besonderer Charakter, und wir täten ihrem Andenken unrecht, wenn wir dem Leser nicht einen näheren Begriff von ihrem Wesen vermittelten. Sie war die geborene Köchin, ebenso wie Tante Chloe — wie ja die Kochkunst eine besondere Gabe der Neger ist -, aber Chloe besaß Schulung und Methode und arbeitete in einem geordneten Hauswesen, während Dinah ein Genie eigener Prägung war, und wie das Genie im allgemeinen bestand auch sie hartnäckig und über die Maßen exzentrisch auf ihrer eigenen Ansicht. Kein noch so großer Aufwand an Scharfsinn, Autorität und Erklärungen konnte sie jemals überzeugen, daß ein anderes Verfahren besser war als ihr eigenes und daß sich ihre Maßnahmen auch nur im geringsten abwandeln ließen. So viel hatte sich schon ihre alte Herrin, Maries Mutter, eingeräumt, und >Miß Marie<, wie Dinah ihre junge Herrin selbst noch nach der Heirat nannte, hatte es leichter gefunden, ihr nachzugeben, als sich durchzusetzen, und auf diese Weise herrschte Dinah unumschränkt. Dies gelang ihr um so leichter, als ihr die diplomatische Kunst vorzüglich zu Gebote stand, die äußerste Demut im Gebaren mit der Unbeirrbarkeit ihres Handelns zu vereinigen.
Jetzt war die Zeit ihrer dringendsten Vorbereitung zum Mittagessen herbeigekommen. Da Dinah großer Pausen der Ruhe und Überlegung bedurfte und sich in ihren Anordnungen stets der größten Bequemlichkeit befleißigte, saß sie in der Küche auf dem Fußboden und rauchte ihre kurze Stummelpfeife, die sie heiß liebte und stets wie eine Art Opferfeuer anbrannte, wenn es sie nach der nötigen Beflügelung für ihre Anordnung verlangte. Damit lockte sich Dinah die Musen herbei. Um sie her saßen zahlreiche Glieder des kommenden Geschlechts, an denen ein südlicher Haushalt stets einen unbegrenzten Reichtum hat, die mit Erbsenpalen, Kartoffelschälen, Geflügelrupfen und anderen Vorbereitungen beschäftigt waren–wobei Dinah zuweilen ihre Überlegungen unterbrach und mit dem Puddinglöffel neben sich den jungen Gehilfen Schläge und Backenstreiche austeilte.
Jetzt betrat Miß Ophelia auf ihrem Rundgang durch alle Teile des Hauses endlich auch die Küche. Dinah hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was vorging, und beschlossen, eine Stellung der Verteidigung zu beziehen, mit der festen Absicht, sich allen neuen Maßnahmen ohne sichtbaren Kampf zu widersetzen und sie stillschweigend zu übergehen.
Die Küche war ein großer, mit Ziegelsteinen gepflasterter Raum, mit einem großen, altmodischen Küchenherd, der eine ganz Seite einnahm; vergeblich hatte St. Clare Dinah zu überreden versucht, ihn mit einem modernen Kochherd zu vertauschen, aber das tat sie im Leben nicht.
Als Miß Ophelia die Küche betrat, blieb Dinah ruhig sitzen und rauchte in göttlicher Ruhe ihre Pfeife, nur aus einem Augenwinkel verfolgte sie die Schritte der anderen, sonst scheinbar völlig vertieft in die Vorgänge um sie her.
Miß Ophelia begann, die Fächer einer Kommode aufzuziehen.
»Wozu ist diese Schublade, Dinah?« fragte sie.
»Sie dient zu allem Möglichen, gnädiges Fräulein«, sagte Dinah. Das traf allem Anschein nach zu. Aus dem bunten Allerlei ihres Inhalts zog Miß Ophelia zuerst ein feines Damasttafeltuch voller Blutflecke hervor, offensichtlich benutzt zum Einwickeln von rohem Fleisch.
»Was ist dies, Dinah? Du wickelst doch nicht dein Fleisch in das beste Tafeltuch ein?«
»O Gott, gnädiges Fräulein, gewiß nicht. Mir fehlten die Handtücher, da nahm ich das. Ich hab es da zum Waschen reingelegt, darum liegt es dort.«
»Liederlich«, sprach Miß Ophelia zu sich selbst, zog die Schublade heraus und stülpte sie um. Da fand sie eine Muskatnußreibe und zwei bis drei Muskatnüsse, ein Gesangbuch, ein paar schmutzige bunte Taschentücher, ein Strickzeug mit Garn, Tabakblätter und eine Pfeife, einige Zwiebäcke und verschiedene durchlöcherte Tüten, aus denen getrocknete Küchenkräuter hervorrieselten.
»Wo hebst du deine Muskatnüsse auf, Dinah?« fragte Miß Ophelia und sah aus, als ob sie um Geduld betete.
»Beinah überall, gnädiges Fräulein; ein paar sind in der kaputten Teetasse da oben und ein paar drüben im Schrank.«
»Hier liegen ein paar in der Reibe«, sagte Miß Ophelia und hielt sie in die Höhe.
»Lieber Gott, ja. Heute morgen hab ich sie da hingetan — ich habe meine Sachen gern zur Hand«, erwiderte Dinah. »He, Jake, was reißt du das Maul auf? Hast du es mitgekriegt? Sei still!« und schon schlug sie mit ihrem Stock nach dem Übeltäter.
»Ich werde die ganz Küche durchsehen und alles in Ordnung bringen, ein für allemal, Dinah, und dann erwarte ich, daß du Ordnung hältst.«
»Um Gottes willen, Fräulein Ophelia, das schickt sich nicht für Damen. Das habe ich bei Damen nie erlebt! Meine alte Gnädige und auch Miß Marie haben das nie getan, und ich wüßte auch nicht, wozu es gut wäre.« Tief gekränkt schob Dinah ab, während Miß Ophelia Geschirr sortierte und auftürmte, den Inhalt verschiedener Zuckerdosen in ein Gefäß leerte, Servietten und Handtücher zur Wäsche heraussuchte und mit eigener Hand, mit einer Geschwindigkeit und einem Unternehmungsgeist alles selber abwusch und auswischte, daß Dinah vor Erstaunen erstarrte.