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»Du lieber Gott, wenn so die Damen im Norden wirtschaften, dann sind es keine Damen«, sagte sie zu ihren Untergebenen, als sie außer Hörweite war. »Ich habe meine Sachen auch in Ordnung, wenn es Zeit zum Aufräumen wird; aber Damen mag ich nicht im Wege haben, die mir alles wegkramen, damit ich nichts mehr finden kann.«

In wenigen Tagen hatte Miß Ophelia jeden Teil des Hauses nach einem bestimmten Muster auf das Gründlichste umgekehrt; aber ihre Anstrengungen auf allen Gebieten, die der Zusammenarbeit mit den Leuten bedurften, waren vergeblich. Verzweifelt wandte sie sich eines Tages an St. Clare.

»Es ist einfach unmöglich, in deine Familie System zu bringen.«

»Ganz recht, das ist unmöglich«, sagte St. Clare.

»Solche liederliche Führung, solche Verschwendung und Verwirrung habe ich noch nie gesehen!«

»Das kann ich mir denken.« »Aber Augustin, du weißt nicht, in welchem Zustand ich alles fand.«

»Das wüßte ich nicht? Ich wüßte nicht, daß sie das Nudelholz unter ihrem Bett verwahrt und die Muskatreibe in ihrer Tasche mit dem Tabak, daß sie über fünfundsechzig verschiedene Zuckerdosen hat, eine in jeder Ecke des Hauses, daß sie einen Tag das Geschirr mit einer Tischserviette wäscht, und am nächsten mit einem Stück alten Unterrock? Aber das Entscheidende ist, sie bringt herrliche Mahlzeiten zustande und bereitet einen wunderbaren Kaffee; du mußt sie beurteilen, wie Feldherren und Staatsmänner beurteilt werden, nach ihrem Erfolg.«

»Aber die Verschwendung — die Ausgaben?«

»Na, ja! Verschließe, was du kannst, und nimm den Schlüssel an dich, gib alles einzeln heraus, aber frage nie, was übrigbleibt.«

»Das bekümmert mich, Augustin. Ich kann mir nicht helfen, deine Leute kommen mir nicht absolut ehrlich vor. Kann man sich auf sie verlassen?«

Augustin lachte unmäßig über das ernste und bange Gesicht, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.

»O Kusine, das ist unbezahlbar — ehrlich! — Als ob man das erwarten könnte! Ehrlich — natürlich sind sie das nicht. Wozu sollten sie auch? Wie in aller Welt kämen sie dazu?«

»Warum unterweisest du sie nicht?«

»Unterweisen! Larifari! Wie sollte ich sie unterweisen? So sehe ich aus! Was Marie angeht, so hat sie Gemüt genug, eine ganze Plantage zu töten, wenn ich sie gewähren ließe. Aber das Betrügen könnte sie ihnen nicht austreiben.«

»Und es gibt keine Ehrlichen?«

»Nun, hin und wieder wohl einen, den die Natur so unpraktisch einfach, aufrichtig und treu angelegt hat, daß ihn der schlimmste Einfluß nicht verderben kann. Aber siehst du, schon an der Mutterbrust spürt und sieht das farbige Kind, daß ihm nur die krummen Wege offen sind.«

»Und was wird aus ihren Seelen?«

»Soviel ich weiß, geht mich das nichts an«, sagte St. Clare; »ich befasse mich nur mit den Tatsachen des irdischen Lebens. Tatsächlich ist man wohl allgemein dahin übereingekommen, ihnen hier auf Erden zu unseren Gunsten die Hölle zu bereiten, was danach kommt, soll uns nicht kümmern.«

»Das ist ja wirklich entsetzlich!« sagte Miß Ophelia; »ihr solltet euch schämen!«

»Das weiß ich nicht recht. Wir befinden uns dabei in keiner schlechten Gesellschaft«, sagte St. Clare, »wie das Leuten auf der breiten Straße zu gehen pflegt. Betrachte dir hoch und niedrig in der ganzen Welt, überall ist es dieselbe Geschichte. Die niedere Klasse wird verbraucht, mit Leib und Geist und Seele zugunsten der oberen. So geschieht es in England, so geschieht es überall, und doch erbleicht die ganze Christenheit in tugendhafter Entrüstung, weil bei uns dasselbe nur ein klein wenig in anderer Form geschieht.«

»Aber in Vermont ist es nicht so.«

»Nun ja, in Neu–England und den freien Staaten seid ihr uns voraus, das gebe ich zu. Aber da läutet die Glocke, also lassen wir unsere Vorurteile vorderhand ruhen, Kusine, gehen wir zu Tisch.«

Wir laufen Gefahr, unseren bescheidenen Freund Tom über den Erlebnissen der feinen Leute ein wenig zu vernachlässigen. Aber wenn der Leser uns hinauf in die kleine Kammer über den Ställen folgen will, mag er vielleicht ein wenig mehr über seine Sorgen und Nöte erfahren. Es war ein sauberes Stübchen und enthielt ein Bett, einen Stuhl und einen kleinen rohgezimmerten Tisch, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen und an dem er gegenwärtig sitzt; seine Schiefertafel vor sich und ganz vertieft in eine Tätigkeit, die ihm anscheinend große Mühe macht. Tatsächlich hatte Toms Heimweh so zugenommen, daß er Eva um einen Briefbogen gebeten hatte und nun sein ganzes literarisches Wissen, das er sich unter Herrn Georgs Belehrung erworben hatte, aufbot und mit dem kühnen Gedanken spielte, einen Brief zu verfassen. Und jetzt war er dabei, auf der Schiefertafel einen ersten Entwurf anzufertigen. Tom war in großen Nöten, denn er hatte die Form mancher Buchstaben ganz und gar vergessen und die, an die er sich erinnerte, wußte er nicht mehr genau anzuwenden. Während er sich abmühte, ließ sich Eva wie ein Vogel auf der Rücklehne seines Stuhles nieder und lugte ihm über die Schulter.

»Oh, Onkel Tom, was machst du da für komische Sachen!«

»Ich versuche, an meine Alte und die kleinen Kinderchen zu schreiben, Miß Eva«, sagte Tom und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, »aber ich befürchte, ich kriege es nicht zustande.«

»Ich würde dir gerne helfen, Onkel Tom. Ich habe ja ein bißchen Schreiben gelernt. Im vorigen Jahr kannte ich alle Buchstaben, aber ich fürchte, ich habe viele vergessen.«

So beugte sich Evas goldenes Köpfchen neben ihm über die Tafel, und beide begannen eine ernste und besorgte Unterhaltung, alle beide tiefernst und unwissend. Mit vielem Grübeln und Nachdenken begannen ihre Worte eine Form anzunehmen, die sie in ihrer Begeisterung für ganz leserlich hielten.

»Ja, Onkel Tom, es sieht schon ganz schön aus«, rief Eva, ihr Werk mit Entzücken betrachtend. »Wie wird sich deine Frau freuen und erst die armen kleinen Kinder! Ach, es ist eine Schande, daß du sie verlassen mußtest. Ich will doch Papa fragen, ob er dich nicht eines Tages ziehen läßt.«

»Die gnädige Frau hat gesagt, sie wolle Geld schicken, sobald sie es zusammen hätte«, sagte Tom. »Sie wird es sicher tun. Und der junge Herr Georg hat gesagt, er wolle mich holen, und er gab mir diesen Dollar hier als ein Zeichen«, und Tom zog den kostbaren Dollar unter seinen Kleidern hervor.

»Oh, dann kommt er gewiß«, sagte Eva, »da freue ich mich!«

»Und ich wollte ihnen jetzt einen Brief schicken, damit sie wissen, wo ich bin, und der armen Chloe sagen, daß es mir gutgeht–weil es ihr so naheging, der armen Seele!«

»Hallo, Tom!« ertönte da St. Clares Stimme, der in diesem Augenblick zur Tür hereintrat.

Tom und Eva fuhren beide auf.

»Was geht denn hier vor?« fragte St. Clare herankommend und blickte auf die Tafel.

»Ach, das ist Toms Brief. Ich helfe ihm beim Schreiben«, erwiderte Eva. »Ist er nicht sehr schön?«

»Ich will euch beide nicht entmutigen«, sagte St. Clare, »aber ich würde meinen, Tom, es wäre besser, wenn du ihn mich schreiben ließest. Ich schreibe ihn dir, wenn ich von meinem Ausritt zurück bin.«

»Es ist sehr wichtig, daß er schreibt«, erklärte Eva, »weil seine Herrin Geld schicken will, um ihn loszukaufen, weißt du, Papa. Er hat mir erzählt, daß sie ihm das versprochen haben.«

St. Clare dachte im stillen, daß es sich hier wieder einmal um ein Versprechen handelte, wie es gutherzig Eigentümer ihren Sklaven geben, um ihren Schrecken vor dem Verkauf zu mildern, ohne dabei die Absicht zu hegen, die so erregte Erwartung auch zu erfüllen. Aber davon ließ er nichts verlauten, sondern befahl nur Tom, die Pferde für den Ritt zu satteln.