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Am Abend wurde Toms Brief in gehöriger Form geschrieben und sicher auf dem Postamt abgegeben.

Miß Ophelia setzte ihre Bemühungen um die Wirtschaft unbeirrt fort. Im Haushalt war man — von Dinah abwärts bis zum jüngsten Gemüse — allgemein der Ansicht, daß Miß Ophelia völlig >komisch< sei, eine Bezeichnung, mit der im Süden die Dienerschaft umschreibt, daß ihre Herrschaft ihnen nicht recht zusagt.

Dagegen erklärte der höhere Haushaltszirkel — Adolf, Jane und Roland — übereinstimmend, daß sie keine Dame sei; Damen rackerten sich nicht so ab. Damen hätten etwas >Feines<, und sie waren überrascht, daß sie eine Verwandte des Mr. St. Clare war. Selbst Marie behauptete, es sei ermüdend, Kusine Ophelia immer so in Tätigkeit zu sehen. Und in der Tat war Miß Ophelias Fleiß ohne Ende und gab alle Ursache zu diesen Klagen. Sie säumte und nähte vom Morgen bis zum Abend mit einer Energie, als würde sie beständig zur Eile angetrieben; war dann das Tageslicht verblaßt, kam blitzschnell das stets bereite Strickzeug zum Vorschein, und schon ging es wieder los, und sie war so tätig wie vorher. Es war wirklich sehr anstrengend mitanzusehen.

19. Kapitel

Topsy

Eines Morgens, als Miß Ophelia ihren häuslichen Pflichten nachging, vernahm man St. Clares Stimme, der unten an der Treppe nach ihr rief.

»Komm doch mal herunter, Kusine, ich habe dir etwas zu zeigen.«

»Was denn?« fragte Miß Ophelia und kam mit der Näharbeit in der Hand herunter.

»Ich habe etwas für dein Arbeitsgebiet gekauft — da sieh«, sagte St. Clare, und mit diesen Worten zog er ein kleines Negermädchen herbei, das ungefähr acht oder neun Jahre alt war.

Die Kleine war pechschwarz, und ihre glänzenden Augen, glitzernd wie Glasperlen, schweiften blitzschnell über alle Geräte im Zimmer. Ihr Mund stand vor Staunen über alle die Wunder im Zimmer ihres neuen Herrn halb offen und ließ zwei Reihen blendend weißer Zähne sehen. Das wollige Haar war in straffe, kleine Zöpfchen geflochten, die nach jeder Richtung abstanden. Der Ausdruck ihres Gesichtes zeigte eine sonderbare Mischung von Schlauheit und Gerissenheit, über den sich wie eine Art Schleier ein Ausdruck beflissener Frömmigkeit legte. Sie war nur in ein Stück schmutzige Sackleinwand gekleidet; unterwürfig stand sie mit gefalteten Händen da. Über ihrer ganzen Erscheinung lag etwas merkwürdig Koboldhaftes — etwas, wie es Miß Ophelia später erklärte, >völlig Heidnisches<, was die gute Dame mit Entsetzen erfüllte. Sich an St. Clare wendend, sprach sie:

»Augustin, wozu in aller Welt hast du das Ding hergebracht?«

»Einzig dazu, daß du es erziehst und ihm den rechten Weg weisest. Sie kam mir wie eine komische kleine Vogelscheuche vor. He, Topsy«, setzte er hinzu und pfiff, wie man einem Hunde pfeift, »sing einmal etwas vor, und zeige, wie du tanzen kannst.«

Die schwarzen Augen blitzten in drolliger Komik, und das kleine Ding fing an, mit klarer, schriller Stimme eine seltsame Negermelodie zu singen, wozu sie mit Händen und Füßen den Takt schlug, herumwirbelte, in die Hände klatschte und in einem wilden, phantastischen Takte die Knie aneinanderschlug und dabei jene gutturalen Kehllaute hervorstieß, die für die Negermusik charakteristisch sind; schließlich landete sie nach ein oder zwei Luftsprüngen und einem langgezogenen Schlußtriller, der so merkwürdig und unwirklich klang wie der Pfiff einer Eisenbahn, plötzlich auf dem Teppich und stand wieder mit gefalteten Händen und einem höchst scheinheiligen Gesichtsausdruck feierlicher Demut da, zu dem nur die listigen Seitenblicke nicht recht passen wollten, die sie aus den Augenwinkeln um sich warf.

Miß Ophelia war stumm vor Staunen.

St. Clare schien sich wie ein Lausbub an ihrem Staunen zu weiden, dann wandte er sich an das Kind und sprach:

»Topsy, dies ist die neue Herrin, ihr übergebe ich dich jetzt, gib acht, und benimm dich gut.«

»Ja, Herr«, sagte Topsy mit scheinheiligem Ernst, während ihre durchtriebenen Augen funkelten.

»Du mußt brav sein, Topsy, verstehst du«, sagte St. Clare.

»O ja, Herr«, antwortete Topsy und funkelte wieder mit demütig gefalteten Händen.

»Aber Augustin, was in aller Welt soll das bedeuten?« fragte Miß Ophelia. »In diesem Haus wimmelt es von diesen kleinen Plagegeistern, kein Mensch kann einen Fuß rühren, ohne auf sie zu treten. Morgens stehe ich auf und finde eins schlafend hinter der Tür, unter dem Tisch taucht ein schwarzer Kopf auf, auf der Türmatte liegt das nächste; sie turnen und balgen sich am Treppengeländer, sie purzeln in der Küche umher, wozu in aller Welt noch eins mehr dazu?«

»Damit du seine Erziehung übernimmst, sagte ich das nicht? Du redest doch immer von Erziehung. Da dachte ich, bringe ich dir eins zum Geschenk, daran magst du dich versuchen und sie in die richtige Bahn lenken.«

»Ich will sie gewiß nicht haben. Ich habe schon mehr mit ihnen zu schaffen, als mir lieb ist.«

»Das nenne ich echt christlich! Ihr gründet einen Verein und beauftragt ein paar arme Missionare, bis an ihr Lebensende bei solchen Heiden zu bleiben. Aber zeige mir einen von euch, der sich die Mühe macht, einen Neger ins Haus zu nehmen und selber die Bekehrung zu vollziehen. Nein. Wenn es dazu kommen soll, sind sie schmutzig und unangenehm, dann macht es zuviel Mühe und so weiter.«

»Augustin, du weißt, daß ich es nicht in dem Licht betrachtete«, sagte Miß Ophelia, offensichtlich weicher werdend. »Es mag wohl wirklich eine Missionsaufgabe sein«, setzte sie hinzu und blickte nachsichtiger auf das Kind.

St. Clare hatte die richtige Saite berührt. Miß Ophelias Gewissenhaftigkeit konnte man immer anrufen. »Aber«, setzte sie hinzu, »daß du dieses Kind extra kaufen mußtest, sehe ich nicht recht ein–in diesem Hause sind genug andere, denen ich Zeit und Kraft opfere.«

»Ach, komm doch, Kusine«, sagte St. Clare und zog sie beiseite. »Ich sollte dich um Verzeihung bitten für meine losen Reden. Du bist doch die Güte selbst. Die Sache ist die, dieses Balg gehörte ein paar Trunkenbolden, die eine billige Kneipe haben, an der ich jeden Tag vorüberkomme, und schließlich hatte ich es satt, immer ihr Geschrei zu hören, wenn die Alten sie schlugen und beschimpften. Sie sah außerdem so lustig und schlau aus, als ob sich aus ihr etwas machen ließe — darum habe ich sie gekauft und will sie dir schenken. Versuche es doch, und erziehe sie auf gute, alte neu–englische Art, und dann warte ab, was daraus entsteht. Du weißt doch, ich habe dazu keine Begabung, aber ich möchte gern, daß du es versuchst.«

»Nun, dann will ich tun, was in meinen Kräften steht«, sagte Miß Ophelia, und sie näherte sich ihrem Zögling, wie man sich ungefähr einer schwarzen Spinne nähert, der man nichts zu Leide tun will.

»Sie ist entsetzlich schmutzig und halbnackt«, bemerkte sie.

»Dann nimm sie hinunter, und laß sie säubern und frisch anziehen.«

Miß Ophelia brachte sie in die Küche.

»Verstehe nicht, daß Mr. St. Clare immer noch neue Nigger kauft«, sagte Dinah und sah recht unfreundlich auf den Neuankömmling. »Hier unten ist sie überflüssig, soviel steht fest.«

»Puh«, sagten Rosa und Jane naserümpfend, »uns soll sie auch fernbleiben. Warum in aller Welt der Herr immer noch neue Nigger anschafft, ist gar nicht einzusehen!«

»Haltet den Mund! Du bist genau so ein Nigger, Fräulein Rosa«, sagte Dinah, die sich von der letzten Bemerkung getroffen fühlte. »Du scheinst dich für eine Weiße zu halten. Du bist gar nichts, weder schwarz noch weiß. Ich bin lieber das eine oder das andere.«

Miß Ophelia mußte einsehen, daß sich in diesem Lager niemand bereit fand, das Säubern und Einkleiden des neuen Ankömmlings zu übernehmen; sie sah sich gezwungen, es selber zu tun, wobei ihr Jane nur sehr widerwillig und ungnädig zur Hand ging.