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Vornehme Ohren dürfen sich die Beschreibung der ersten Toilette eines vernachlässigten und mißhandelten Kindes nicht anhören. Es steht fest, daß in dieser Welt zahllose Menschen in Umständen leben und sterben müssen, die nur zu schildern und anzuhören für die Nerven ihrer Mitmenschen einen zu großen Schock bedeutet. Miß Ophelia war voll praktischer und energischer Entschlossenheit. Sie vollzog den Reinigungsprozeß mit heroischer Gründlichkeit — aber wir müssen gestehen, mit keinem sehr freundlichen Gesicht -, sie hielt aus, aber Gefühl vermochte sie nicht aufzubringen. Erst als sie auf des Kindes Rücken und Schultern große Striemen und Narben entdeckte, unauslöschliche Kennzeichen des Systems, unter dem es bisher aufgewachsen war, füllte sich ihr Herz mit Mitleid.

»Da, sehen Sie«, sagte Jane und deutete auf die Narben. »Zeigt das nicht, daß sie ein Teufelsbraten ist? Wir werden unseren Tanz mit ihr haben, schätze ich. Ich hasse diese Niggerbälger, widerlich. Ich staune, daß der Herr sie gekauft hat.«

Der Teufelsbraten hörte sich diese Bemerkung mit der unterwürfigen und kläglichen Miene an, die wir schon an ihm kennen, er streifte nur mit hurtigem, verstohlenem Blick seiner glitzernden Augen Janes Ohrenschmuck. Als sie schließlich ein sauberes und heiles Kleidchen trug und ihr Haar kurz geschnitten war, stellte Miß Ophelia mit Befriedigung fest, daß sie nun schon christlicher aussah, und überlegte die ersten Pläne zu ihrer Unterweisung.

Sie nahm Platz und stellte ein Verhör an.

»Wie alt bist du, Topsy?«

»Weiß nicht, Frau«, sagte der Kobold und zeigte grinsend alle Zähne.

»Weißt du nicht, wie alt du bist? Hat dir das niemand gesagt? Wer war deine Mutter?«

»Habe keine gehabt!« sagte das Kind und grinste wieder.

»Du hast keine gehabt, was soll das heißen? Wo bist du geboren?«

»Bin nicht geboren!« beteuerte Topsy mit neuem Grinsen, das so koboldartig wirkte, daß Miß Ophelia, hätte sie dazu geneigt, sich einbilden mußte, einen Gnom aus dem Teufelsland erwischt zu haben, aber Miß Ophelia neigte nicht dazu; sie war einfach, praktisch und sprach daher mit einiger Strenge:

»So mußt du mir nicht antworten, Kind. Sage mir, wo du geboren bist und wer deine Eltern waren.«

»Bin nicht geboren«, wiederholte das Kind ausdrücklich, »habe keinen Vater, keine Mutter, rein gar nichts. Ein Händler zog mich auf mit einer Masse anderen. Alte Tante Sue hat uns gehütet.«

Das Kind sprach offensichtlich die Wahrheit, und Jane erklärte mit gereiztem Lachen:

»O Gott, gnädiges Fräulein, solche gibt es in Unmassen. Die werden billig aufgekauft, wenn sie klein sind, und für den Verkauf aufgezogen.«

»Wie lange warst du bei deinem letzten Herrn?«

»Weiß nicht, Frau.«

»War es ein Jahr oder länger oder kürzer?«

»Weiß nicht, Frau.«

»O Gott, gnädiges Fräulein, das wissen so niedrige Nigger nicht. Sie verstehen nichts von der Zeit«, sagte Jane; »sie wissen nicht, was ein Jahr ist, sie kennen ihr eigenes Alter nicht.« »Hast du jemals etwas von Gott gehört, Topsy?«

Das Kind machte eine verlegenes Gesicht und grinste wie bisher.

»Weißt du, wer dich erschaffen hat?«

»Niemand, soviel ich weiß«, sagte das Kind lachend.

Die Vorstellung schien sie entschieden zu amüsieren; denn ihre Augen funkelten, und sie setzte hinzu: »Ich bin allein gewachsen, mich hat niemand geschafft.«

»Kannst du nähen?« fragte Miß Ophelia, die ihren Fragen jetzt eine mehr praktische Wendung zu geben trachtete.

»Nein, Frau.«

»Was kannst du denn? — Was hast du für deinen Herrn getan?«

»Wasser geholt, Geschirr gespült, Messer geputzt, Leute bedient.«

»Waren sie gut zu dir?«

»Ich glaube«, sagte das Kind und blickte Miß Ophelia schlau an.

Miß Ophelia erhob sich nach dieser wenig ermutigenden Unterhaltung; St. Clare neigte sich über ihre Stuhllehne.

»Hier findest du jungfräulichen Boden, Kusine; stecke deine eigenen Gedanken hinein — auszuziehen gibt's da keine.«

Miß Ophelias Begriffe von Erziehung waren wie alle ihre Begriffe sehr bestimmt und entschieden und von der Art, wie sie in Neu–England vor einem Jahrhundert bestanden und sich noch erhalten haben in den entlegenen und unberührten Teilen, wo es noch keine Eisenbahn gibt. Sie ließen sich in wenige Worte zusammenfassen; dem Kinde wurde beigebracht, daß es gehorchen muß, es wurde im Katechismus, im Nähen und Lesen unterrichtet, und es wurde geschlagen, wenn es log. Heute fällt natürlich eine Flut von Licht auf alle Erziehung, so daß diese altmodischen Begriffe längst überholt sind, dennoch läßt sich nicht leugnen, daß unsere Großmütter einige recht vernünftige Männer und Frauen danach großgezogen haben, was viele von uns noch bestätigen und bezeugen können. Jedenfalls wußte es Miß Ophelia nicht besser und widmete sich daher ihrem Heidenkind mit der allergrößten Sorgfalt.

Das Kind galt im ganzen Haus als Miß Ophelias Mädchen, und da man es in der Küche nur sehr ungnädig betrachtete, entschloß sich Miß Ophelia, sein Wirkungsfeld und seinen Unterricht hauptsächlich auf ihr Zimmer zu beschränken — mit aufopfernder Überwindung, die einige Leser vielleicht zu würdigen wissen, entschloß sie sich, anstatt in aller Ruhe selbst ihr Bett zu machen und ihr eignes Zimmer zu kehren und abzustauben — was sie bisher, aller angebotenen Hilfeleistung von Seiten des Stubenmädchens ungeachtet, eigenhändig getan hatte — nahm sie das Märtyrertum auf sich, Topsy in der Verrichtung dieser Dinge zu unterweisen — wehe diesem Tag! War jemals einer unserer Leser in der gleichen Lage, wird er ihr die Pein nachfühlen können.

Miß Ophelia fing damit an, daß sie Topsy am ersten Morgen mit in ihr Zimmer nahm und sie feierlich in die Geheimnisse des Bet–tenmachens einweihte.

Da sehen wir also Topsy, gewaschen und geschoren und aller ihrer kleinen Rattenschwänze beraubt, die ihres Herzens Freude waren, angetan mit einem sauberen Kleid und frisch gestärkter Schürze, wie sie ehrerbietig vor Miß Ophelia steht und sie mit einem Ausdruck von Feierlichkeit anstarrt, der einem Begräbnis angemessen wäre.

»Also, Topsy, ich werde dir jetzt zeigen, wie mein Bett gemacht wird. Ich bin sehr eigen mit meinem Bett. Du mußt das genau lernen.«

»Ja, Madam«, sagte Topsy mit tiefem Seufzer und einem Gesicht voll kläglichem Ernst.

»Also, Topsy, sieh her, dies ist der Saum des Lakens — dies die linke Seite -, wirst du das behalten?«

»Ja, Madam«, antwortete Topsy mit einem neuen Seufzer.

»Jetzt also mußt du das untere Laken unter das Polster ziehen–so — und hier unter der Matratze einstecken. Schön glatt — so -, siehst du das?« »Ja, Madam«, sagte Topsy mit tiefer Aufmerksamkeit.

»Aber das obere Laken«, fuhr Miß Ophelia fort, »muß so gelegt und am Fußende fest und glatt eingesteckt werden.«

»Ja, Madam«, sagte Topsy wieder; - aber wir müssen hinzufügen, was Miß Ophelia nicht gesehen hatte, daß es der jungen Schülerin, während ihr die gute Dame im Eifer ihrer Unterweisung den Rücken zugekehrt hatte, gelungen war, ein Paar Handschuhe und ein Seidenband zu erraffen und geschickt in ihren Ärmel zu schieben, um dann wie vorher wieder mit gefalteten Händen dazustehen.

»Nun, Topsy, jetzt versuch du es einmal«, sagte Miß Ophelia, zog die Tücher heraus und setzte sich hin.

Mit Ernst und Geschicklichkeit verrichtete Topsy ihre Arbeit zu Miß Ophelias völliger Zufriedenheit, sie glättete die Laken, strich jede Falte aus und zeigte bei dem ganzen Vorgang einen Ernst und eine Beflissenheit, die ihre Lehrerin höchst erbaute. Jedoch durch eine unglückliche Bewegung glitt ein flatterndes Ende des Seidenbandes aus ihrem Ärmel und erregte Miß Ophelias Aufmerksamkeit, gerade als sie fertig war. Miß Ophelia ergriff es augenblicklich.