»Was ist das? Du böses, schlechtes Kind — du hast mir das gestohlen!«
Das Band wurde aus Topsys Ärmel gezogen, was sie jedoch keineswegs aus der Fassung brachte; sie betrachtete es nur mit der Miene überraschter und arglosester Unschuld.
»O Gott, das ist doch Miß Feelys Band? Wie kam es denn in meinen Ärmel?«
»Topsy, lüge nicht! Du hast das Band gestohlen!«
»Frau, ich sage es dir, ich habe es nicht getan — ich habe es nie gesehen bis zu dieser Minute.«
»Topsy, du kriegst Prügel, wenn du lügst.«
»O Gott, Frau, und wenn du mich den ganzen Tag schlägst, ich war es nicht«, sagte Topsy und fing an zu heulen. »Ich habe es nie gesehen — es muß in meinen Ärmel geschlüpft sein. Miß Feely muß es auf dem Bett gelassen haben, und es verfing sich in meinen Kleidern und fing sich in meinem Ärmel.«
Miß Ophelia war so entrüstet über diese schamlose Lüge, daß sie das Kind ergriff und schüttelte.
»Das sag mir noch einmal.«
Durch das Schütteln waren die Handschuhe aus dem andern Ärmel zu Boden gefallen.
»Oha!« sagte Miß Ophelia, »willst du immer noch behaupten, du hast das Band nicht gestohlen?«
Topsy bekannte jetzt den Diebstahl der Handschuhe, aber in bezug auf das Band blieb sie bei ihrem Leugnen.
»Komm, Topsy«, sagte Miß Ophelia, »wenn du mir alles gestehst, gibt es diesmal keine Prügel.« Auf dieses Versprechen hin gestand Topsy alles, nicht ohne ihre Reue zu beteuern.
»Also, nun sag mir einmal genau: Ich weiß, du hast auch schon andere Sachen genommen, seitdem du im Hause bist, denn gestern habe ich dich überall herumlaufen lassen. Also nun gestehe mir, was du noch genommen hast, und du bekommst keine Prügel!«
»Ach, Frau! Ich nahm das rote Ding von Miß Eva, das sie um den Hals trägt.«
»Wirklich? Du böses Kind! Was denn noch?«
»Ich nahm Rosas Ohrringe — die roten.«
»Geh und bring sie her, alle beide, in dieser Minute!«
»O Gott, Frau! Ich kann nicht — sie sind verbrannt.«
»Warum hast du sie verbrannt?«
»Weil ich bös bin — jawohl. Ich bin mächtig böse. Das ist in mir.«
Im selben Augenblick kam Eva ahnungslos ins Zimmer mit dem fraglichen Halsband um den Hals.
»Ach Eva, wo hast du das Halsband her?«
»Her? Ich trage es schon den ganzen Morgen«, sagte Eva.
»Hast du es gestern auch gehabt?«
»Ja, und komischerweise auch die ganze Nacht, Tantchen. Ich vergaß, es abzunehmen, als ich zu Bett ging.«
Miß Ophelia sah ganz bestürzt aus, um so mehr, als in diesem Augenblick Rosa mit einem Korb frisch geplätteter Wäsche auf dem Kopf und den tanzenden Korallenringen in den Ohren ins Zimmer trat.
»Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich mit solch einem Kind anfangen soll«, rief sie in Verzweiflung. »Warum in aller Welt hast du gesagt, du hast Sachen gestohlen, Topsy?«
»Aber Frau hat doch gesagt, ich soll gestehen, und was anderes ist mir nicht eingefallen«, sagte Topsy.
»Aber ich wollte natürlich nicht, daß du mir Dinge gestehst, die du gar nicht genommen hast«, sagte Miß Ophelia, »das ist ebenso gelogen wie das andere.«
»Ach, Gott, wirklich?« rief Topsy mit Unschuldsmiene.
»In dem Teufelsbraten steckt nicht eine Spur von Wahrheit«, sagte Rosa und blickte voll Entrüstung auf Topsy. »Wenn ich Mr. St. Clare wäre, würde ich sie bis aufs Blut peitschen lassen. Bei mir sollte sie es schon kriegen.«
»Nein, nein, Rosa«, sagte Eva gebieterisch, wie das Kind zuweilen sein konnte, »so mußt du nicht reden, Rosa, das ertrag' ich nicht.«
»O Himmel, Miß Eva! Sie sind so gut, Sie wissen gar nicht, wie man mit Niggern umspringen muß, man kann sie nur zuschanden schlagen, sage ich Ihnen.«
»Rosa, sei still!« befahl Eva, »kein solches Wort mehr.« Und das Auge des Kindes flammte auf, und ihre Wangen färbten sich tiefer.
Rosa lenkte sofort ein.
»Miß Eva hat das Blut der St. Clares in ihren Adern, das ist klar. Sie redet ja genau so wie ihr Papa«, sagte sie und verließ das Zimmer.
Eva stand und betrachtete Topsy.
Da standen die beiden Kinder, Vertreter der beiden Extreme der menschlichen Gesellschaft. Das blonde, hochgezüchtete Kind mit seinem goldenen Haar, seinen tiefen Augen, der geistigen, edlen Stirn und dem fürstlichen Anstand und sein schwarzes, schlaues, kriechendes und doch aufgewecktes Gegenüber. Sie waren beide die Vertreter ihrer Rasse. Das angelsächsische Kind, hervorgegangen aus jahrhundertealter Kultur, Herrschaft und Bildung, aus körperlicher und seelischer Auslese; das afrikanische Kind, als Produkt jahrhundertealter Unterdrückung, Unterwerfung, Unwissenheit, Plage und Laster.
Vielleicht dämmerten Gedanken dieser Art in Evas Seele.
Aber die Gedanken eines Kindes sind verworrene, unbestimmbare Instinkte, und in Evas adeligem Wesen war mancherlei Suchen und Sehnen, das sie nicht in Worte kleiden konnte. Als Miß Ophelia sich über Topsys unartiges, böses Wesen beklagte, machte das Kind ein betrübtes Gesicht, sagte aber mit sanfter Stimme:
»Arme Topsy, warum mußt du stehlen? Du sollst doch jetzt in gute Obhut kommen. Ich gebe dir lieber etwas von meinen Sachen, als daß du sie stiehlst.«
Dies war das erste freundliche Wort, das das schwarze Kind in seinem Leben zu hören bekam: die sanfte Art berührte eigentümlich sein wildes, rohes Herz, und etwas wie eine Träne blitzte in den scharfen, runden und glitzernden Augen auf; aber schon folgte das kurze Auflachen und gewohnte Grinsen. Nein! Ein Ohr, das niemals etwas anderes hörte als Beschimpfung, hegt einen besonderen Unglauben gegenüber so himmlischer Freundlichkeit; Topsy fand Evas Worte komisch und unverständlich — sie glaubte ihnen nicht.
Aber was sollte man mit Topsy anfangen? Miß Ophelia war ratlos; ihre Erziehungskünste ließen sie im Stich. Sie wollte sich Zeit lassen und nachdenken. Sie hoffte noch auf ungewisse moralische Tugenden, die manchmal in dunklen Winkeln verborgen sind. Vorläufig schloß sie das Kind ein, bis sie mit ihren Gedanken ins reine kam.
»Ich weiß nicht«, sagte Miß Ophelia zu St. Clare, »wie ich ohne Prügel mit dem Kind fertig werden soll.«
»Na, dann prügle sie doch nach Herzenslust; ich gebe dir zu allem unumschränkte Vollmacht.«
»Kinder brauchen Prügel«, sagte Miß Ophelia, »ich habe nie gehört, daß man ohne Prügel auskommt.«
»Aber natürlich«, erwiderte St. Clare. »Tu ganz, was du für richtig hältst. Ich gebe nur eins zu bedenken: Ich habe gesehen, wie man dieses Kind mit der Feuerzange schlug, mit der Kohlenschaufel, mit allem, was zur Hand war. Bedenkt man nun, daß sie an diesen Stil gewöhnt ist, meine ich, deine Prügel müßten energisch sein, um ihr Eindruck zu machen.«
»Was soll man denn mit ihr machen?«
»Damit schneidest du eine sehr ernste Frage an«, sagte St. Clare; »ich wollte, du beantwortest sie selber. Was macht man mit einem menschlichen Wesen, das nur mit der Peitsche gelenkt wird, die nun auf einmal wegfällt? Das ist hier bei uns ein häufiger Zustand!«
»Ich sehe keinen Ausweg; ich habe nie solch ein Kind erlebt.«
»Solche Kinder haben wir häufig und auch solche Erwachsene. Wie soll man sie regieren?«
»Ich kann nur sagen, ich kann es nicht entscheiden.«
»Ich genausowenig«, sagte St. Clare. »Die entsetzlichen Grausamkeiten und Ausschreitungen, die zuweilen ihren Weg in die Presse nehmen, wo rühren sie her? In vielen Fällen ist es ein allmählicher Verhärtungsprozeß auf beiden Seiten, der Besitzer wird immer grausamer und der Sklave immer verstockter. Auspeitschen und Beschimpfen wirkt wie Opium; man muß die Dosis vergrößern, und die Empfindlichkeit wird geringer. Ich erkannte das sehr früh, als ich die Sklaven übernahm; und ich entschloß mich, niemals damit anzufangen, weil ich nicht wußte, wo ich aufhören würde — und ich beschloß, wenigstens meine eigene Moral zu beschützen. Die Folge ist, daß meine Leute sich wie verwöhnte Kinder gebärden; aber ich halte das für besser, als daß beide Teile sich in der Roheit steigern.