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Du hast viel von unserer Verantwortung in der Erziehung gesprochen, Kusine. Da wollte ich gern, du versuchtest es mit einem Kind, das ein Beispiel ist für Tausende!«

»Euer System hat diese Kinder auf dem Gewissen«, sagte Miß Ophelia.

»Ich weiß; aber nun sind sie da, sie existieren — was soll man mit ihnen anfangen?«

»Ach, ich kann nicht sagen, daß ich dir dankbar bin für den Versuch. Aber da es eine Pflicht zu sein scheint, werde ich durchhalten und mein Bestes geben.« Und daraufhin arbeitete Miß Ophelia wirklich mit liebenswertem Eifer und großer Energie an ihrem neuen Zögling. Sie richtete regelmäßigen Unterricht ein, wies ihr gewisse Dienste zu und lehrte sie lesen und nähen.

In der ersten Kunst war das Kind sehr aufgeweckt. Sie lernte die Buchstaben wie durch Zauberei und war gar bald imstande, einen einfachen Text zu lesen. Aber das Nähen war schwierig. Die kleine Person war so flink wie eine Katze und so zappelig wie ein Äffchen, das Stillsitzen beim Nähen war ihr furchtbar; also zerbrach sie die Nadeln, warf sie heimlich aus dem Fenster oder steckte sie in die Mauerritze. Sie verhedderte, zerriß und beschmutzte ihren Faden oder warf eine ganze Garnrolle fort. Ihre Bewegungen waren so flink wie die eines geübten Taschenspielers, und ihre Beherrschung der Gesichtszüge war genauso vollkommen. Miß Ophelia hatte zwar das Gefühl, daß so viele Unfälle hintereinander unmöglich zufällig geschehen konnten, aber sie vermochte die Übeltäterin nicht zu überführen, es sei denn, sie paßte ihr auf die Finger auf, dann hatte sie aber zu nichts anderem Zeit.

Topsy wurde im Haushalt bald wie ein bunter Hund bekannt. Ihr Talent für jede Art von Komik, für Grimassen, für Nachahmung–ihre Begabung für Tanzen und Springen, für Klettern, Singen und Pfeifen — jeden Ton, den sie auffing, konnte sie nachahmen — schien unerschöpflich zu sein. In ihrer Freizeit hingen sämtliche Kinder des großen Hauses wie die Kletten an ihr und rissen vor Staunen und Bewunderung Mund und Nase auf, Miß Eva nicht ausgenommen, die von Topsys Teufelskünsten ganz bezaubert zu sein schien, wie manchmal eine Taube von einer schillernden Schlange hingerissen ist.

Miß Ophelia wurde unruhig, daß Eva Topsys Gesellschaft zu viel aufsuchte, und beschwor St. Clare, es zu verbieten.

»Laß das Kind in Ruhe«, sagte St. Clare. »Topsy tut ihr gut.«

»Aber ein so haltloses Kind — bist du nicht bange, sie bringt ihr nur Unarten bei?«

»Sie kann ihr keine Unarten beibringen, das mag ihr bei anderen Kindern gelingen, aber von Eva rollt das Böse ab wie Tauperlen von den Kohlblättern, es sinkt nicht ein Tropfen ein.«

»Sei nicht so sicher«, sagte Miß Ophelia. »Ich weiß nur, meine Kinder ließe ich nicht mit Topsy spielen.«

»Deine Kinder würden es nicht nötig haben«, sagte St. Clare, »meinem tut es gut. Wenn man Eva verderben könnte, wäre es schon vor Jahren geschehen.«

Topsy wurde zunächst von der feineren Dienerschaft verachtet und über die Achsel angesehen. Sie sahen sich aber alsbald veranlaßt, ihre Einstellung zu ändern. Man stellte bald fest, daß jedem, der Topsy zu nahe trat, sogleich etwas Unangenehmes geschah. Entweder fehlten ein paar Ohrringe oder ein teures Andenken, oder ein Kleidungsstück war völlig verdorben, oder der Betreffende stürzte versehentlich über einen Eimer heißen Wassers, oder ein Stückchen Schmutz fiel gänzlich unvorhergesehen herab, wenn man höchsten Staat angelegt hatte — und jedesmal, wenn man nachforschte, war niemand für die Streiche verantwortlich zu machen. Topsy wurde gerufen und von allen häuslichen Richtern in ein scharfes Verhör genommen, aber sie überstand jede Prüfung mit der erhabenen Miene reinster Unschuld. Niemand hegte den geringsten Zweifel, wer der Spitzbube war, aber nicht die geringste Spur eines kleinsten Beweises konnte die Verdächtigungen unterstützen, und Miß Ophelia war viel zu gerecht, um aufs Geratewohl strafend einzugreifen.

Die Streiche waren auch zeitlich immer sehr sinnig ausgedacht, um den Missetäter auch weiterhin zu schützen. So wurde die Rache an den Stubenmädchen Rosa und Jane immer dann vorgenommen, wenn sie (was nicht selten geschah) bei ihrer Herrin in Ungnade waren, wenn ihre Beschwerden also auf kein Mitgefühl stießen. Kurz gesagt, Topsy hatte dem ganzen Haushalt bald beigebracht, daß man sie besser in Ruhe ließe. Also ließ sie jeder in Ruhe.

Topsy war in allen Handfertigkeiten geschickt und ausdauernd, alles, was man sie lehrte, lernte sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Schon nach wenigen Lektionen hatte sie begriffen, Miß Ophelias Zimmer so blitzblank zu halten, daß selbst diese sehr eigene Dame nichts auszusetzen fand. Keine Meisterhände konnten die Laken glatter streichen, die Kissen genauer aufbauen, besser kehren, Staub wischen und aufräumen als Topsy, wenn sie wollte — aber sie wollte nicht sehr oft. Als Miß Ophelia nach drei oder vier Tagen sorgfältiger und peinlicher Überwachung so leichtsinnig war, anzunehmen, daß Topsy sich jetzt daran gewöhnt und ohne Aufsicht arbeiten könnte, so daß sie selber ging, um etwas anderes zu erledigen, da feierte Topsy für zwei, drei Stunden einen wahren Karneval von Unordnung und Tollheiten. Anstatt das Bett zu machen, unterhielt sie sich damit, die Kissenbezüge abzustreifen und ihren wolligen Kopf in das Inlett zu stecken, bis er über und über voll Federn war, die nach allen Richtungen flogen; sie kletterte auf die Bettpfosten und machte Kopfstand; Tücher und Laken verstreute sie auf dem Fußboden; das Keilkissen schmückte sie mit Miß Ophelias Nachthemd und vollführte allerhand Theater damit — sie sang und pfiff und machte Grimassen gegen ihr Spiegelbild; kurzum, wie Miß Ophelia es nannte: sie feierte Kains Auferstehung.

Bei anderer Gelegenheit fand Miß Ophelia Topsy mit ihrem besten, scharlachroten Schal aus indischem Krepp, den sie sich als Turban um den Kopf gewürgt hatte, während sie großartige Bewegungen vor dem Spiegel probte — denn Miß Ophelia hatte in nie gekannter Sorglosigkeit den Schlüssel an ihrem Schrank steckenlassen.

»Topsy!« rief sie, da ihre Geduld erschöpft war, »warum mußt du schauspielern?«

»Weiß nicht, Madam — vielleicht, weil ich so böse bin.«

»Ich weiß nicht mehr, was ich mit dir tun soll, Topsy.«

»Ach, Madam, Sie müssen mich versohlen; meine alte Herrin hat mich immer versohlt. Ich bin nicht an Arbeit gewöhnt ohne Hiebe.«

»Aber, Topsy, ich mag dich nicht hauen. Wenn du willst, kannst du alles sehr schön. Warum willst du nicht immer?«

»Ach, Madam, ich bin an Hiebe gewöhnt, ich weiß, die tun mir gut.«

Miß Ophelia versuchte das Rezept, und Topsy erhob dabei jedesmal einen entsetzlichen Lärm, sie schrie, sie ächzte, sie flehte, um eine halbe Stunde später, auf dem Balkongitter hockend, umgeben von dem jungen Gemüse, ihre abgrundtiefe Verachtung für die ganze Angelegenheit auszudrücken. »Hach, Miß Feely und prügeln! — Ihre Prügel töten keine Fliege. Sie sollte sehen, wie mein früherer Herr schlug, da flog das Fleisch in Fetzen; der hat es verstanden.«

Topsy schlug immer Kapital aus ihren Sünden und Untaten, sie betrachtete sie augenscheinlich als eine Art großer Auszeichnung.

»O Gott, ihr Nigger«, predigte sie ihrem Publikum. »Wißt ihr, daß ihr alle Sünder seid? Ihr seid es — jeder von euch. Die weißen Leute sind auch Sünder — Miß Feely sagte es, aber ich glaube, Nigger sind die schlimmeren. Ich bin so schrecklich böse, mit mir wird keiner fertig. Die ganze Zeit hat früher meine Herrin auf mich geflucht. Ich glaube, ich bin das verdorbenste Geschöpf in der Welt.« Und Topsy schlug einen Purzelbaum, erklomm strahlend und selbstzufrieden einen höheren Balkonpfeiler und brüstete sich mit ihrer Verdorbenheit.