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Miß Ophelia war jeden Sonntag sehr bemüht, Topsy den Katechismus einzutrichtern, Topsy hatte ein ungewöhnliches Gedächtnis und lernte mit einer Geläufigkeit, die ihre Lehrerin sehr in ihrem Tun bestärkte.

»Was denkst du, was sie davon gewinnt?« fragte St. Clare.

»Kinder haben immer davon gewonnen. Kinder haben das immer lernen müssen, weißt du«, antwortete Miß Ophelia.

»Ob sie es wohl verstehen?« fragte St. Clare.

»Ach, gleich verstehen Kinder das nicht, aber wenn sie erwachsen sind, fällt es ihnen wieder ein.«

»Mir ist es noch nicht wieder eingefallen«, sagte St. Clare, »obgleich ich bezeugen muß, du hast es mir gründlich eingepaukt, als ich ein Junge war.«

»Du hast immer leicht gelernt, Augustin. Auf dich habe ich große Hoffnungen gesetzt«, sagte Miß Ophelia.

»Nun, und jetzt hast du keine mehr?« fragte St. Clare.

»Ich wollte, du wärst noch so brav, wie du als Junge warst, Augustin.«

»Das wollte ich auch tatsächlich, Kusine. Na, fahr fort, und frag Topsy ab, vielleicht kommt doch etwas dabei heraus.«

Topsy hatte während der Unterhaltung unbeweglich wie ein schwarzes Denkmal mit artig gefalteten Händen dabei gestanden; auf ein Zeichen von Miß Ophelia fuhr sie fort.

»Unsere ersten Vorahnen, ihrer Willensfreiheit überlassen, fielen aus dem Stande der Unschuld, in welchem sie erschaffen waren.« Topsys Augen funkelten, und sie blickte fragend auf.

»Was ist, Topsy?« fragte Miß Ophelia.

»Bitte, Madam, war dieser Stand Kentucky?«

»Welcher Stand, Topsy?«

»Der Stand, aus dem sie fielen? Ich hörte immer, wie der Herr sagte, wir kämen vom Stand Kentucky.«

St. Clare lachte.

»Du mußt ihr schon eine Erklärung geben, sonst gibt sie sich selbst eine«, sagte St. Clare. »Sie verwechselt Stand mit Staat und schlägt da anscheinend einen Zusammenhang mit der Auswanderung vor.«

»O Augustin, sei still!« sagte Miß Ophelia. »Wie kann ich weiterkommen, wenn du dabeistehst und lachst?«

»Na, auf mein Ehrenwort, ich werde eure Übung nicht länger stören«, und St. Clare nahm seine Zeitung und ging ins Nebenzimmer und setzte sich dort hin, bis Topsy fertig war mit Aufsagen. Sie machte es sehr schön, nur daß sie hin und wieder ein wichtiges Wort komisch verdrehte und trotz aller Bemühung auf dem Irrtum beharrte. Und St. Clare hatte trotz aller Versprechungen, sich zu bessern, seinen diebischen Spaß an diesen Irrtümern. Jedesmal, wenn er zu Scherz aufgelegt war, rief er Topsy zu sich und ließ sie die entstellten Sätze hersagen, soviel Miß Ophelia auch protestierte.

»Wie soll ich bei dem Kind zum Guten wirken, wenn du so weitermachst, Augustin?« sagte sie dann.

»Ja, es ist ungezogen — ich will es auch nicht wieder tun. Aber ich finde es unbezahlbar, wie dieser komische Kobold über die langen Worte stolpert!«

»Aber du bestärkst sie in ihren Fehlern.«

»Was schadet das? Für sie ist ein Wort so gut wie das andere.«

»Du erwartest von mir, daß ich sie erziehe; und du solltest dich erinnern, daß sie ganz vernünftig ist, da mußt du vorsichtig sein, daß du sie nicht falsch beeinflußt.«

»Oh, verflixt! Das sollte ich wirklich.«

Auf diese Weise vollzog sich Topsys Erziehung in den nächsten zwei Jahren. — Miß Ophelia ärgerte sich mit ihr tagtäglich wie mit einer dauernden Plage, an deren Heimsuchung sie sich mit der Zeit gewöhnte, wie manche Leute an Nervenschmerz oder Migräne sich gewöhnen.

St. Clare hatte an dem Kind dasselbe Vergnügen wie an einem Papagei. Sobald Topsy bei den anderen Bewohnern des Hauses in Ungnade fiel, suchte sie Schutz hinter seinem Stuhl; und irgendwie schloß St. Clare dann Frieden für sie. Sie bekam manches Trinkgeld von ihm, das sie in Nüssen und Bonbons anlegte und in sorgloser Freigebigkeit an alle Kinder des Hauses verteilte; denn, um ihr gerecht zu werden: Topsy war gutherzig und freimütig und boshaft nur in der Verteidigung.

20. Kapitel

Kentucky

Es wird unsern Lesern gewiß recht sein, wenn wir jetzt für eine kurze Weile zu Onkel Toms Hütte, auf der Farm in Kentucky, zurückkehren und nach allen denen Ausschau halten, die er zurücklassen mußte.

Es war ein später Sommernachmittag, Fenster und Türen des großen Wohnzimmers standen weit offen, um jedem Lüftchen Einlaß zu gewähren, das nur die geringste Lust zum eintreten verspürte. Mr. Shelby saß in der großen Diele, auf die das Zimmer mündete und die sich der Länge nach, auf beiden Seiten von einem Balkon begrenzt, durch das ganze Haus erstreckte. Behaglich in einem Stuhl zurückgelehnt, die Füße auf einem zweiten ausgestreckt, genoß er seine Mittagszigarre. Mrs. Shelby saß mit einer feinen Handarbeit in der Tür; sie hatte anscheinend etwas auf dem Herzen und schien nur auf eine passende Gelegenheit zu warten, um davon anzufangen.

»Weißt du schon«, fragte sie, »daß Chloe einen Brief von Tom bekam?«

»Nein, wirklich? Dann muß Tom dort ja gute Freunde haben. Wie geht es denn dem alten Knaben?«

»Anscheinend hat ihn eine vornehme Familie gekauft«, sagte Mrs. Shelby; »er wird gut behandelt und hat nicht viel zu tun.«

»Sehr schön! Das freut mich ganz besonders«, erwiderte Mr. Shel–by, und es kam ihm von Herzen. »Ich denke, Tom wird sich mit seinem Aufenthalt im Süden noch ganz aussöhnen und dann kaum noch Lust haben zurückzukehren.«

»Im Gegenteil, er erkundigt sich ängstlich, wann wohl das Geld zu seinem Rückkauf flüssig gemacht wird.«

»Das möchte ich auch wissen«, sagte Mr. Shelby. »Wenn die Geschäfte einmal bergab gehen, scheint es kein Halten zu geben; als ob man in einem Sumpf von einem Stein zum anderen springt; man borgt bei einem, um den andern zu bezahlen, und borgt bei dem anderen, um den ersten zu bezahlen — dabei werden diese Wechsel fällig, bevor man noch Zeit hat, eine Zigarre zu rauchen und den Rücken zu kehren — Schuldbriefe und Schuldverschreibungen -, graue Haare kann man dabei kriegen!«

»Mein Lieber, man müßte doch versuchen, die Dinge zu glätten. Wie wär's, wenn wir alle Pferde verkauften und eines der Güter und dann die Schulden ins reine brächten?«

»Ach, lächerlich, Emily! Du bist die beste Frau in ganz Kentucky, aber du willst nicht einsehen, daß du nichts von Geschäften verstehst. Frauen können das nicht und lernen das auch nie.«

»Aber könntest du mir nicht wenigstens«, sagte Mrs. Shelby, »eine Liste von allen Schulden und Außenständen aufstellen, dann könnte ich doch versuchen, ob wir nicht etwas einsparen könnten.«

»Ach, Unsinn! Plag mich nicht, Emily — ich weiß es auch gar nicht so genau. Ich habe nur ungefähr eine Vorstellung, wie es um die Dinge steht. Man kann sie nicht glätten und verzieren, wie Chloe das bei ihren Pasteten macht. Ich sage dir ja, du verstehst nichts von Geschäften.«

Und Mr. Shelby wußte seinen Worten nicht anders Nachdruck zu verschaffen als mit erhobener Stimme, eine sehr praktische und überzeugende Methode für einen Mann, um mit seiner Frau geschäftliche Dinge zu besprechen.

Mrs. Shelby seufzte verstohlen und gab das Gespräch auf. Tatsächlich hatte sie trotz aller Weiblichkeit einen klaren, energischen und praktischen Verstand und war ihrem Mann an Charakterstärke in jeder Weise überlegen; ihr Vorschlag, ihr Einblick in die Geschäfte zu gewähren, um danach handeln zu können, war demnach gar nicht so abwegig, wie Mr. Shelby meinte. Ihr Herz hing an der Erfüllung des Versprechens, das sie Tom und Tante Chloe gegeben hatte, und sie seufzte, daß immer mehr Hindernisse sich auftürmten.

»Meinst du nicht, daß wir auf irgendeine Weise das Geld doch aufbringen könnten? Die arme Tante Chloe! Ihr ganzes Herz hängt daran.«

»Das tut mir leid. Ich war sehr voreilig mit meinem Versprechen. Ich weiß wirklich nicht, ob es nicht das beste wäre, Chloe vor die vollendeten Tatsachen zu stellen, dann weiß sie Bescheid. Tom wird sich in ein, zwei Jahren ein anderes Weib nehmen, und sie sucht sich dann am besten auch jemand anders.«